Arbeitsmarkt und Berufschancen

Der Arbeitsmarkt von Journalistinnen und Journalisten und ihre künftigen  Berufschancen hängen unmittelbar von der wirtschaftlichen und medienpolitischen Entwicklung ab. In den letzten Jahrzehnten verzeichneten die Medienwirtschaft und der Journalismus einen Boom – nicht zuletzt durch die  Einführung des kommerziellen Rundfunks, durch Digitalisierung und Ausweitung des Werbemarktes.

 

Ernüchterung nach dem Boom

Das änderte sich 2001: Die weltweite Konjunkturkrise, der Zusammenbruch des Neuen Marktes, die drastischen Kursrückgänge und die rückläufigen Werbeinvestitionen schwächten die Medien deutlich. Rote Zahlen, drastische Einsparungen und erhebliche Personalreduzierung waren die Folgen. Diese Situation erreichte 2003 ihren Höhepunkt; seitdem mehren sich wieder positive Anzeichen.

 

Aktuelle Situation

Die Statistik über Journalistinnen und Journalisten ist – auf Grund unterschiedlicher Berechnungsgrundlagen und Berufsbezeichnungen je nach Datenquelle – generell ungenau. Seit Wegfall der amtlichen Pressestatistik basieren die Zahlen auf Erhebungen von Verbänden und Wissenschaftlern. Es handelt sich also um qualifizierte Schätzzahlen, wobei der jüngste wissenschaftliche Journalisten-Report (Siegfried Weischenberg u. a.: Die Souffleure der Mediengesellschaft) von einer niedrigeren Grundgesamtheit (48.000 Hauptberufliche) ausgeht als der DJV (rund 73.500). Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass die Wissenschaft mit Blick auf internationale Vergleichbarkeit der Daten bestimmte Berufsbereiche ausklammert (zum Beispiel Bildjournalisten, Journalistinnen und Journalisten in Pressestellen sowie Freiberufler, die einen erheblichen Teil ihres Lebensunterhaltes aus nichtjournalistischer Tätigkeit beispielsweise in der PR verdienen).

 

Presse als größter Arbeitgeber

Die größte Gruppe der hauptberuflich tätigen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland arbeitet bei der Presse, davon wiederum die meisten bei Tageszeitungen (in Lokalredaktionen). Fest angestelIte Journalistinnen und Journalisten

  • Tageszeitungen ca. 14.000
  • Rundfunk ca. 9.200
  • Zeitschriften (incl. Anzeigenblätter) ca. 9.100
  • Pressestellen ca. 7.000
  • Online/Multimedia ca. 2.000
  • Agenturen und Pressebüros (ohne PR) ca. 1.000

Hinzu kommen etwa 2.600 Volontäre und schätzungsweise 25.000 freie Journalistinnen und Journalisten. Gerade deren Zahl lässt sich schwer schätzen. Berufsforscher gehen davon aus, dass es künftig zwar weitaus mehr  freiberufliche Journalisten geben wird, prognostizieren aber zugleich, dass die Zahl jener zurückgeht, die das Kriterium der Hauptberuflichkeit erfüllen, also den größten Teil ihres Lebensunterhalts aus journalistischer Arbeit im engen Sinne bestreiten.

Der Arbeitsmarkt im Journalismus wurde von der Bundesanstalt für Arbeit lange Zeit positiv eingeschätzt. Die Zahl der arbeitslosen Journalistinnen und Journalisten war vergleichsweise gering. Das veränderte sich während der Medienkrise dramatisch: Von Ende September 2000 bis 2003  (Jahresdurchschnitt) stieg die Zahl der arbeitslos gemeldeten Journalisten, Redakteure und Fotografen von rund 700 auf mehr als 9.000 an. In Wirklichkeit waren vermutlich wesentlich mehr Journalisten betroffen; viele zogen aber den Start in eine freiberufliche Tätigkeit der gemeldeten Arbeitslosigkeit vor ("verdeckte Arbeitslosigkeit") oder wechselten in andere Branchen. Erst 2004 entspannte sich die Lage wieder: Im November 2004 verzeichneten die  Arbeitsagenturen 7.362 Arbeitslose im Medienbereich. Bei diesem Rückgang spielte die zunehmende Zahl von Existenzgründungen durch die "Ich AG" eine große Rolle, deren Förderung allein Mitte 2004 von knapp 1.500 Medienschaffenden in Anspruch genommen wurde. Auch damit verstärkte sich der Trend zur Freiberuflichkeit in der Medienbranche.

Im Jahr 2007 hat sich die Zahl der arbeitslosen Journalistinnen und Journalisten weiter auf rund 4.000 verringert. Nach Angaben der Arbeitsagentur sind darunter überdurchschnittlich viele Frauen (46,6 Prozent bei einem Gesamtanteil an Medienberufen von rund 37 Prozent) und Journalisten in mittlerem Alter zwischen 30 und 49 Jahren (62 Prozent, in anderen Branchen liegt diese Quote bei nur 52 Prozent).

 

Perspektiven

Prognosen für den Arbeitsmarkt von Journalisten abzugeben ist mit Blick auf Krisen und Digitalisierung der Medienlandschaft nicht leicht. In dem erwähnten aktuellen Journalisten-Report kommen Kommunikationswissenschaftler zu dem Schluss, dass die Branche tendenziell immer weniger Journalisten "ernähren" kann – oder, aus anderer Perspektive: Zunehmend weniger (freie) Journalistinnen und Journalisten können allein vom Journalismus leben. Und sie können immer weniger mit bruchlosen Karrieren in fester Anstellung bei einem Medium rechnen. Zumindest zeitweise wird es Phasen der Freiberuflichkeit bzw. der Neuorientierung auch in anderen Arbeitsgebieten oder Medien geben.

Kenntnisse in mehreren Medien

Berufsanfänger/-innen, die ihren Beruf noch in 30 bis 40 Jahren ausüben wollen bzw. müssen, sollten daher immer auch Fertigkeiten erwerben, die ihnen diese Flexibilität und ggf. eine freiberufliche Tätigkeit erleichtern.

  • Die Multimedia-Unternehmen der Gegenwart und Zukunft erwarten crossmediale Kenntnisse und Fähigkeiten. Dass gleichzeitig Spezialisierung gefordert wird, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Die ideale Mischung scheint aus speziellen, profunden Sachkenntnissen in bestimmten Wissensgebieten zu bestehen – bei gleichzeitiger flexibler Umsetzungskompetenz, also breit gefächerter Fachkenntnis in den journalistischen Arbeitsbereichen und neuen Medientechniken.
  • Die Grenzen zwischen den Berufsfeldern werden fließend. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Vermischung zwischen Journalismus und Technik (zum Beispiel elektronische Berichterstattung in den Rundfunkanstalten, neue Produktionswege in den Zeitungs- und Onlineredaktionen), der Vermischung von Journalismus und Unterhaltung (Infotainment, Boulevardisierung) sowie der Vermischung zwischen Journalismus und Werbung bzw. PR in allen Medien.

 

Berufsfelder vermischen sich

Diese Entwicklungen lassen nicht nur positive Auswirkungen auf den Journalismus und auf die Information in der Gesellschaft erwarten. Der DJV als Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten will möglichen negativen Folgen rechtzeitig durch Tarifpolitik und durch Forderungen an die Medienpolitik sowie durch seine Qualitätsinitiative IQ begegnen. Die Arbeitsbedingungen müssen nach DJVAnsicht auch künftig so gestaltet sein, dass die eigentlichen journalistischen Aufgaben – Beschaffung, Prüfung, Bewertung und Vermittlung von Informationen – nicht durch Tätigkeiten überfrachtet werden, die eigentlich anderen Berufsgruppen obliegen.

 

Neue Welle der Konzentration

Darüber hinaus liegt in der jetzigen medienpolitischen Entwicklung die Gefahr weiterer Machtballung: Die Entwicklung von Verlagen hin zu internationalen Multimedia-Unternehmen hat eine weitere Konzentrationswelle in Gang gesetzt. Für Journalisten bedeutet das konkret eine Verminderung von Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wem beispielsweise die publizistische Tendenz eines Medienunternehmens nicht passt, wer sich gar mit einem Verleger überworfen hat, der muss schon lange und in weitem Umkreis suchen, bis er einen neuen Arbeit- oder Auftraggeber findet, der nicht mit dem alten identisch oder  zumindest verflochten ist. Daraus ergeben sich Abhängigkeiten vom jeweiligen Unternehmen, die nicht im Sinne eines unabhängigen Journalismus liegen. Hinzu kommen Veränderungen des journalistischen Arbeitsplatzes und der Arbeitsweisen infolge der Digitalisierung.