Thema des Tages
Kein Dumping-Tarifvertrag!
18. Aug. 2011 – Die monatelangen Streiks der Journalistinnen und Journalisten haben zum Ziel geführt. Heute morgen um 6.00 Uhr stand das Ergebnis der zehnten Tarifrunde Tageszeitungen in Hamburg fest. Der wichtigste Bestandteil ist die erfolgreiche Abwehr eines Dumping-Tarifvertrags für Berufseinsteiger und Jobwechsler. Es wird also auch künftig nur ein Tarifwerk geben. Der Journalistenberuf bleibt demnach für junge Leute interessant. Von den geforderten Tarifeinbußen, die die Verleger monatelang gebetsmühlenartig wiederholt hatten, ist bis auf ein Zugeständnis der Gewerkschaften nichts übrig geblieben. Dieser Kompromiss bezieht sich auf Verlage in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Hier können die Sonderzahlungen der Redakteure höchstens zweimal um maximal ein halbes Monatsgehalt abgesenkt werden. Die Gegenleistung: Die Arbeitsplätze der Kollegen sind im Jahr der Absenkung und im Folgejahr vor betriebsbedingten Kündigungen geschützt.Kommentare
Wolfgang Grebenhof
19. Aug. 2011 01:46
@Markus Schroeder: Herr Schroeder, es ist mir ein völliges Rätsel, wie Sie zur Auffassung kommen, wir hätten die Fahne vergraben. Wir haben Sie vor ein paar Monaten ausgegraben und sie seither stolz und selbstbewußt vor uns und unserem schönen Beruf hergetragen - und wir haben damit Erfolg gehabt. Zwar nicht auf dem Gehaltszettel, aber sehr wohl in der grundsätzlichen - und sehr viel wichtigeren - Frage, was unser Beruf wert ist, heute und morgen. Seit Jahrzehnten haben Redakteure erstmals wieder das gute, alte "gemeinsam sind wir stark" ausprobiert - und es hat sich gelohnt. Wäre die 10. Verhandlungsrunde gescheitert, hätten wir in Kürze wahrscheinlich einen Süd-Tarif deluxe (Baden-Württemberg und evtl. Bayern) und einen Tarif 2. Klasse im Norden. Stattdessen haben wir es geschafft, mit gewerkschaftlicher Solidarität den Flächentarif zu retten. Denn die jetzige Mehrklassengesellschaft (Tarifler, OTler, Leiharbeiter, Freie) braucht wahrhaftig nicht noch eine Billig-Klasse mehr.
Markus Schroeder
19. Aug. 2011 00:56
Das Ergebnis ist wahrlich unbefriedigend - wieder einmal. Und das nach 2004 und 2008. Das dritte Mal in Folge!! Es geht ja schon seit den drei Tarifverhandlungen in den letzten zehn Jahren gar nicht mehr um "angemessene" Gehaltserhöhungen, sondern nur noch um Bestandssicherung. Um Abwehrstrategien - wobei ich mich manchmal frage: Lohnt sich das für die Jüngeren eigentlich noch?
Wir haben ja nicht nur auf Inflationsausgleich verzichtet, sondern Urlaubstage abgegeben, Berufsstaffel etc.
Dafür so hart zu kämpfen, dass der Journalistenberuf an Tageszeitungen attraktiv bleibt - ich glaube, den Kampf haben wir vorerst gewonnen, aber bekommen habe wir wieder einen Verlust.
Wir haben in den vorausgegangenen Auseinandersetzungen zu wenig Streikbereitschaft gehabt.
Deshalb ist dies jetzt in meinen Augen kein längerfristiger Erfolg. Ob er 2013 zu wiederholen ist, wage ich angesichts der Vorzeichen zu bezweifeln.
Schlachten werden auf dem Feld ausgetragen, und da haben wir unsere Fahne schon lange vergraben. Leider.
Wolfgang Grebenhof
18. Aug. 2011 22:55
@Volker Huber: Wir haben 4 Prozent gefordert und 1,5 % + ein Mini-x bekommen. Die Verleger haben knapp 30 % gefordert - und außer einer Art Öffnungsklausel 0, sprich Null, bekommen. Nun frage ich Dich: Wer hat verloren, und an wen ging der Punktsieg?
Wolfgang Grebenhof
18. Aug. 2011 22:50
In der Tat, die Gehaltsentwicklung in unserem Beruf ist höchst unbefriedigend. In den vergangenen Jahren lag das meist auch daran, daß viele unserer Kollegen nicht bereit waren, um ein paar Prozent mehr zu kämpfen. Daß Redakteure auf die Straße gehen, haben wir den maßlosen und unverschämten Verleger-Forderungen in dieser Runde zu verdanken - ein klassisches Eigentor des BDZV. Daß vor dem Hintergrund des Horrorkataloges nicht auch noch ein sattes GTV-Plus rauskommen würde, war klar, und das muß jeder begreifen, der einen Hauch Ahnung von Tarifpolitik hat. Ich glaube nicht, daß die Verleger 2013 die Taktik auffahren werden: Brutal tiefe Einschnitte fordern, dann kommt am Ende eine Nullrunde raus. Denn sie wissen jetzt: Redakteure können kämpfen, und sie sind bereit zu kämpfen. Außerdem sorgen maßlose Forderungen, die sich dann nicht durchsetzen lassen, stets auch für Gesichtsverlust - in den eigenen Reihen (siehe die jüngsten OT-Flüchtlinge) wie auch in der Öffentlichkeit. So wie diesmal blamiert man sich nicht gerne mehrfach hintereinander... Es wird Zeit, daß die Verleger begreifen: Unternehmer heißen so, weil sie etwas unternehmen sollen. Sie können den Medienwandel nicht aussitzen, sondern müssen Wege finden, auch online Geld zu verdienen. Das ist ihr verdammter Job, nicht der der Gewerkschaften. Allein durch Sparwahn und Personalkosten-Reduzierungen die Rendite zweistellig zu halten ist ein armseliger, erbärmlicher Ansatz. Und einer, der sich gegen uns nicht durchsetzen läßt, wie wir eindrucksvoll bewiesen haben.
Volker Huber
18. Aug. 2011 22:13
Der Abschluss ist eine weitere Niederlage für die Journalisten in den Tarifauseinandersetzungen zwischen Verlegern und Gewerkschaften. Seien wir doch mal realistisch: Seit Jahren sind wir in der Defensive und betrachten es als Erfolg, wenn wir den Status quo einigermaßen wahren können. Darüber hilft auch die ganze Streik- und Arbeitskampfrhetorik nicht hinweg. Die Drohkulisse mit Infragestellung der Altersversorgung, des Manteltarifvertrags oder die Einführung abgesenkter Tarife für Berufsanfänger seitens des BDZV funktioniert immer. Wir versuchen dann, das Erreichte zu verteidigen, und der Gehaltstarifvertrag rückt an den Rand. Wir wissen jetzt schon, dass die nächste Runde 2013 den gleichen Verlauf nehmen wird, wenn uns nichts einfällt, um diesen immer gleichen Mechanismus konstruktiv zu durchbrechen. Denn auch künftig werden die Tageszeitungen mit dem Bedeutungsverlust in der Medienbranche zu kämpfen haben. Außerdem kleben wir an einem Flächentarif mit hehren Zielen, den wir aber auch haben, um unsere eigene Verbandslegitimation zu bestätigen. Leider macht uns das unflexibel. Wir haben derzeit keine überzeugende Alternative und sollten uns keinen Illusionen hingeben. Deshalb plädiere ich auch für die Annahme des Abschlusses.





