Thema des Tages
Das hat Westergaard nicht verdient
10. Sep. 2010 – Am Mittwoch Abend ist der dänische Karikaturist Kurt Westergaard in Potsdam für seinen Kampf um die Meinungsfreiheit geehrt worden. Die Laudatio hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel, die es sich nicht nehmen ließ, die Bedeutung der Pressefreiheit für die Demokratie zu betonen. So weit, so gut. Doch schon am nächsten Tag meldeten sich die Kritiker zu Wort. Der Zentralrat der Muslime in einer Erklärung warf die Frage auf, ob "das ein für alle verständlicher Zeitpunkt ist, sein Eintreten für die Pressefrteiheit zu bekunden". Islam-Vertreter warfen Merkel gar vor, sie gieße Öl ins Feuer der Islamfeindlichkeit in Deutschland und hätte mit dem Thema sensibler umgehen müssen. Wie kommt es, dass die Kritiker der Preisverleihung geschwiegen haben, als Kurt Westergaard am 12. Februar 2008 nur um Haaresbreite einem Mordanschlag entging? Dass Westergaard in der besagten Erklärung des Islamrates gar in einem Atemzug mit Thilo Sarrazin und dem niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders genannt wird, ist infam und zeigt, dass bei manchen die Pressefreiheit weniger zählt als die eigenen religiösen Gefühle. Das hat Kurt Westergaard nicht verdient.Hendrik Zörner
Kommentare
Mathias Kneißl
17. Sep. 2010 08:11
Ich finde, hier wurden einige interessante Aspekte zur Sprache gebracht, die in dieser Causa bisher kaum beleuchtet wurden. Ich weise zusätzlich auf die Ziffer 10 des Pressekodex hin: "Die Presse verzichtet darauf, religiöse, weltanschauliche oder sittliche Überzeugungen zu schmähen." Daraus leite ich ab, dass die Meinungsfreiheit durchaus ihre – sittlichen – Grenzen hat.
Übrigens: Ist es wirklich entscheidend, ob eine Karikatur einer "freien Zeitung" mit Zeichnungen aus einer unfreien Zeit verglichen werden? Entscheidend ist doch vielmehr, ob der Vergleich INHALTLICH gerechtfertigt ist.
Andreas
13. Sep. 2010 01:28
Da reibe ich mir doch die Augen und frage mich, welches seltsame Verständnis von Meinungsfreiheit der Kollege hat. Die Meinungsfreiheit gilt nicht nur für die vom Kollegen subjektiv für gut befundenen Karikaturisten, sondern entfaltet ihre Wirkung universell in den Schranken des GG. Wer von der erzwungenen Anpassung und Unterwerfung der dänischen Muslimen faselt, einen erfahrenen Redakteur gleich zum kalten Krieger stilisiert, wer sich nicht scheut, Karikaturen einer freien Zeitung mit rassistischen Karikaturen aus der Nazi Diktatur zu vergleichen, sollte ernsthaft darüber nachdenken, ob er noch auf dem Boden der demokratischen Grundordnung steht.
Andreas Plecko
10. Sep. 2010 12:24
Die dänischen Karikaturen haben nichts mit Meinungsfreiheit oder Aufklärung zu tun. Schon allein deshalb, weil diese Karikaturen gegen alle Sitten und Gesetze einer "guten Karikatur" verstoßen.
Ein guter Karikaturist macht keine Zeichnungen über fremde Kulturen. Wie viele Karikaturen gibt es in Europa derzeit über das Judentum, den Hinduismus, den Shintoismus, den Buddhismus etc.? Keine - und das aus gutem Grund. Weder die Zeichner noch die Betrachter verfügen über die nötigen kulturellen Kenntnisse, um eine sinnvolle Karikatur zu schaffen, zu würdigen und zu verstehen. Die einzigen prominenten Beispiele für Karikaturen über eine fremde Kultur sind die Juden-Karikaturen während der national-sozialistischen Zeit. Diese Karikaturen aber dienten - wie die dänischen - nicht der Meinungsfreiheit, sondern sollten die Juden als Feindbild darstellen, ausgrenzen und verächtlich machen.
Ein guter Karikaturist greift die vorherrschende Meinung der starken Mehrheit an, nicht die verdrängte Sicht der schwachen Minderheit. Die dänischen Karikaturen waren ursprünglich als Kampfmittel in der kulturellen Auseinandersetzung zwischen der dänischen Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen Minderheit konzipiert. Die dänischen Muslime sollten zur Anpassung und Unterwerfung gezwungen werden. Durch die globale Vernetzung erreichte die Affäre dann weltweite Bedeutung.
Es ist denn auch sehr bezeichnend, dass der Anstoß zu den Karikaturen nicht von einem professionellen Kulturjournalisten kam. Flemming Rose, damals Leiter des Kulturressorts der "Jyllands-Posten", ist gelernter Politikredakteur und Spezialist für den Kalten Krieg. Offenbar ist diesem Mann inzwischen sein Feindbild abhanden gekommen, sodass er ein neues erschaffen muss. Seine Absicht war, die dänischen Muslime verächtlich zu machen und zu provozieren. Das ist dem Mann gelungen - und noch mehr: Sehr geschickt hat er seine Attacke unter dem Mantel einer angeblichen Meinungsfreiheit versteckt. Auf diese Finte sind viele Gutgläubige in ganz Europa hereingefallen und dem Mann und seinem Karikaturisten publizistisch beigesprungen.






