Dokumentation
DJV-Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität"
3./4. September 2007, IFA Berlin
Arbeitsbedingungen und Qualität im Rundfunk
Workshop 2: Fernsehen
Eingangsstatement Uwe Kammann
Eine ganz aktuelle Wasserstandsmeldung zum Thema Fernsehqualität: Show-Trash im TV, so überschrieb "Spiegel online" gestern die Darbietungen von drei der vier großen Programme am Samstagabend. Der Vorspann fasste zusammen: "Was für eine Quälerei: Bei RTL zertrümmerten Männer Klodeckel mit dem Kopf, in der ARD lief stundenlang ein Tanzwettbewerb und bei Sat.1 wurde das Publikum gezwungen, zuzusehen, wie Promis beim Minigolf dilettieren. Der Show-Trash am Samstagabend war rekordverdächtig - rekordverdächtig peinlich."
Ein exemplarisches Bild? Laut gängiger Urteile: ja. Die NRZ hatte in den letzten Wochen ihre Leser zum Urteil aufgefordert, wie sie denn das laufende Programm erlebten. Die Quersumme, Sie ahnen es, war von jeder positiven Wertung weit entfernt. So dass dem Trendprodukt der IFA, dem Flachbildfernseher, ein Inhaltstrend direkt zu entsprechen scheint: das Flachfernsehen. Können sich die Macher, die Verantwortlichen in den Sendern, die Politiker, welche den Rahmen setzen, jetzt einfach mit dem Satz trösten: Volkes Stimme – Vorurteilsstimme?
Sicher nicht. Das schleichende allgemeine Unbehagen – ganz unabhängig von seiner Berechtigung im einzelnen – wird auf professioneller Seite gestützt durch systematische Beobachtungen, aus denen sich wiederum handfeste Forderungen ableiten. Eine davon: eine Stiftung Medientest einzurichten. Norbert Schneider hat dies im Sommer, als er für eine Zeitlang wirklich ein Sommer war, getan. Mit begründenden Hinweisen auf sich verdichtende Erscheinungen in der realen Fernsehwelt. Die, wie jeder leicht bestätigen wird, im Gesamtspektrum immer unübersichtlicher wird. Und in den qualitativen Spitzen nicht immer reicher.
Auch bei der Politik ist die Forderung nach einer wirksamen Qualitätskontrolle, nach Qualitätsanforderungen, nach Qualitätskriterien immer dringlicher zu vernehmen. Nicht zuletzt, weil die übernationale Politik der EU hier die Schraube angezogen hat, allerdings eingegrenzt auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dessen Beitrag zum gesellschaftlichen Wohl. Ein präzise, besser vielleicht: ein präziser formulierter Funktionsauftrag ist der Dreh- und Angelpunkt dieser Diskussion, die nur vorläufig einen formalen Abschluss gefunden hat: indem das seit Jahren laufende so genannte Beihilfeverfahren gegen die Bundesrepublik eingestellt wurde – unter der Bedingung, dass der nationale Gesetzgeber engere Vorgaben und Bindungen formuliert und in Gesetzesform gießt, damit der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiterhin das Gebührenprivileg genießen darf.
Die privaten Sender – an welche nach verfassungsrechtlicher Auslegung geringere programmliche Anforderungen zu stellen sind - sind auf der ersten und zweiten Ebene dieser Qualitätsdiskussion eher ausgeklammert. Die Angebotsmaßstäbe sind aufgrund der ökonomischen Grundregeln – Stichwort: Rendite - einfach anders. Sinnigerweise hat ein Buch unter dem Titel "Die TV-Falle" die Sache ganz aktuell scheinbar exemplarisch verkürzt. Autor Roger Schawinski, für drei Jahre an der Spitze des Senders Sat.1, hat kurzerhand eine Generalklausel formuliert, wonach – sinngemäß zusammengefasst – Qualität bei den Privaten keine Chance hat. Oder: eigentlich nirgendwo. "Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft", so der Untertitel des Buches. Der, so werden das langjährige Beobachter des nun über zwei Jahrzehnte existierenden dualen Rundfunksystems sehen, die Grundlinien des kommerziellen Fernsehens in merkwürdiger Weise verkennt und deren Muster auf eine Endzeit eindampft, während tatsächlich eine Entwicklungsachse zu beschreiben wäre, mit sicherlich einigen Wellenbewegungen und Phasen.
Die Chefin von Sat.1-Konkurrent RTL, Anke Schäferkordt, war aufgrund der Schawinski-Thesen offensichtlich not amused: Weil sie darin eben die Gefahr der generellen Diskreditierung der Privatsender nicht nur wittert, sondern fixiert sieht: ein System sozusagen im Qualitäts-Nirwana. In aparter Zeitgleichheit entdecken erklärte Hardcore- Kinofans wie Michael Althen und normalerweise eher TV-ferne Autoren wie Michael Kehlmann die kulturellen Segnungen des Fernsehens gerade in privaten Programmen: allerdings in dortiger Importware, von den "Simpsons" bis "Dr. House".
Qualität, keine Frage, ist nicht zuletzt wegen dieser aktuellen Vorgänge und Diskussionen als Schlüsselbegriff wieder viel stärker ins Bewusstsein gerückt. Das Grimme-Institut hat im Frühjahr im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie vorgelegt, welche speziell die öffentlich-rechtlichen Programme in den Blick genommen hat. Unter der Prämisse, auch mit dem Befund, dass die Qualitätsdiskussion dort immer in einem Spannungsfeld zu verorten ist, dass es immer auch um eine Spannungsverhältnis geht: eben von Qualität und Quote. Ein Hauptbefund der Studie: Qualität – verstanden natürlich als hohe Qualität, als herausragende oder zumindest akzeptable programmliche Güte – ist nie absolut zu fassen. Qualität – und das ist tatsächlich eine nicht zu unterschätzende Grundaussage – ist immer eine gebundene, eine relative Zuschreibung. Wie Programme beurteilt werden, hängt von vielen Faktoren ab, die notwendigerweise subjektiv bleiben müssen. Auch wenn sie sich natürlich intersubjektiv vergleichen und verdichten lassen. Gleichwohl können wir uns hier hilfsweise vorerst einfach mit einer Tautologie begnügen: Qualität ist Qualität.
Unser Workshop hat nun einen zweiten Begriff, mit dem er arbeiten soll: "Arbeitsbedingungen". Der Begriff ist schlicht additiv eingesetzt: "Arbeitsbedingungen und Qualität im Rundfunk" – hier die Abteilung Fernsehen. Nun ließen sich natürlich beide Felder nebeneinander beschreiben, vielleicht auch bearbeiten. Doch der Titel über unserer Veranstaltung lässt sich natürlich auch als Zusammenhang verstehen, nicht zuletzt als Wirkungszusammenhang. Beispielsweise, vielleicht vorzugsweise, in dem Sinne, dass bestimmte Arbeitsbedingungen bestimmte Qualitäten hervorbringen; oder, etwas bescheidener gedacht, dass bestimmte Qualitäten durch bestimmte Arbeitsbedingungen gefördert und begünstigt werden. Wenn also, so könnte die Vermutung formuliert werden, die Arbeitsbedingungen nicht in der Summe und möglichst auch im Einzelnen positiv aussehen oder gestaltet sind, dann ist eine Qualität, wie wir sie jetzt einmal pauschal als wünschenswert bezeichnen, nicht zu haben. Oder nur zu selten; oder nur mit Abstrichen; oder nur im Rahmen einer mehr oder minder großen Anspannung der Beteiligten, bis hin zur permanenten Selbstausbeutung. Zur inneren Vermutung könnte auch gehören: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Sender anständiges Fernsehen bis zur Spitzenqualität liefern, wird umso größer, je besser die Arbeitsbedingungen sind. Eine solche übergeordnete Geld/Qualitäts-Regel hat gestern ja Norbert Schneider formuliert. Der Umkehrschluss liegt dann auf der Hand. So dass, als jetzt die ProSiebenSat.1-Gruppe nach dem Verkauf an eine Investorengruppe beträchtliche Stellenkürzungen und auch die Streichung bisheriger Regelsendungen ankündigte, natürlich viele Befürchtungen mehr als laut wurden; bis hin zum Sofort-Urteil, dass jetzt Sat.1 den Status des Vollprogramms eigentlich nicht mehr beanspruchen könne und dürfe; von Qualität ganz zu schweigen.
Die Oberflächen-Recherche des unterstellten Zusammenhangs Arbeitsbedingungen / erreichbare Qualität ergibt, dass die Qualitätsdiskussion mit diesem Begriffspaar kaum geführt wird. Selbst die recherchierende Einengung auf den Begriff Arbeitsbedingungen – fokussiert auf den Großbereich Rundfunk – ist nicht viel ergiebiger. Jedenfalls nicht, was die öffentliche Auseinandersetzung betrifft. Natürlich, es gibt die Initiative Qualität des DJV, unter dem hoffentlich schlagkräftigen Kürzel IQ, es gibt die Plattform unter dem Namen Netzwerk Recherche, welche für journalistische Basistugenden und für die Entwicklung professioneller Kernfähigkeiten eintritt. Doch ist die begriffliche Einkreisung unterm abstrakteren Dach der Arbeitsbedingungen dort nicht einfach zu leisten. Um Instrumente geht es dort vor allem, um eine Vielzahl von Einzelelementen – aber explizit nicht um solche, wie sie Automechaniker, Lokomotivführer oder Krankenhausärzte anführen, wenn sie auf bessere Arbeitsbedingungen pochen. Auch in einschlägigen medienpolitischen Papieren, wie aktuell beispielsweise im Medien-Antrag zum bevorstehenden SPD-Parteitag, taucht der Begriff Arbeitsbedingungen im expliziten Zusammenhang nicht auf. Produkt-Anforderungen – wenn man es denn salopp so ausdrücken will - gibt es natürlich. Aber der Katalog betrifft eher die Inhalte, die Angebots- und Verteilstrukturen, nicht hingegen die Herstellungsprozesse.
Die Lage selbst ist natürlich auch gegenüber früheren Zeiten, als beispielsweise in den 70er Jahren freie Mitarbeiter sich in feste Stellen einklagten, viel unübersichtlicher geworden. Nicht nur die Techniken und die Medienformen nähern sich immer mehr dem Generalcharakter des Hybriden, sondern auch die internen Herstellungsstrukturen. Was das ZDF schon bei seiner Geburt zum Prinzip machte, speziell bei der Fiktion – nämlich die Produktion vorzugsweise auszulagern, zum Auftragsvorgang zu machen - das findet sich nun bei allen Sendern, wenn auch in verschiedenen Aggregatzuständen und in individuellen Modellen. Prominente Beispiele sind die großen repräsentativen Talkrunden: Was Christiansen recht und teuer war mit einem Komplettprodukt, natürlich inklusive Redaktion, ist Anne Will auch nur recht – und angeblich nur geringfügig billiger.
Prinzipiell gilt auf jeden Fall: Anforderungen, Leistungen und Herstellungsbedingungen sind immer schwerer über einen gleichen oder eng vergleichbaren Leisten zu schlagen, was die Zahlen betrifft – das hat ja auch die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten leidvoll erfahren und mehrfach festgestellt. Durch die neuen Verwertungswege und -felder (welche auch die herkömmlichen redaktionellen Muster aufbrechen bzw. gleichzeitig ausweiten und differenzieren) wird der Befund nicht einfacher.
Individuelle, notgedrungen punktuell bleibende Befragungen von Akteuren führen auch nicht viel weiter. Einmal müssen sie angesichts der Fülle der redaktionellen, der journalistischen, der kreativen Arbeitsfelder wie Fundkanäle im Heuhaufen wirken. Zum anderen sind die Charakteristika der Arbeitsbedingungen und die individuellen Wohlfühl- oder Distanzierungsfaktoren anscheinend sehr unterschiedlich.
Es gibt, natürlich, Klagen, dass die Anforderungen immer größer werden, dass man mit weniger Personal mehr Volumen zu stemmen habe; dies betrifft vor allem die Informationssektoren, die journalistischen Bereiche. Aber es gibt auch Gegenstimmen, welche den Belastungsrahmen noch für erträglich halten und Engagement und Einfallsreichtum als die wichtigsten Produktivkräfte nennen. Und, nicht zuletzt, einen ungebrochenen und stets bewussten Willen zur Qualität. Auf der mittleren und höheren Ebene wiederum, nicht zuletzt bei denen, die viel Erfahrung gesammelt haben, ist auch, gar nicht so selten, folgende Einschätzung zu hören: Bis zu 20 Prozent sei noch Luft im Apparat. Sprich: auch bei verminderten Spielräumen, was Personal und Ressourcen betrifft, seien im Schnitt Programme herzustellen, welche den heutigen Qualitätslinien entsprächen. Namentlich zitieren darf man diese Stimmen natürlich nicht: Den senderinternen Sturm würden sie nicht leicht überstehen. Und, wohlgemerkt, dies alles ist konzentriert auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit seinen rund 7,3 Milliarden Gebühreneinnahmen, einer Summe, die fast so groß ist wie alle Kulturausgaben der öffentlichen Hände zusammen -Bund, Länder, Kommunen - für eben die klassischen Institutionen, vom Theater bis zum Museum. Eine Gebührensumme, die jedenfalls eines garantieren sollte: eine Finanzierung jenseits aller Verwässerungen und Verfälschungen der eigenen Programme, wie sie in vielfältigen Verführungen und Instrumenten steckt, von der Schleichwerbung bis zur PR-Infiltration.
Lassen Sie mich an dieser Stelle noch einmal kurz umreißen, was nach herkömmlichen Überlegungen zum Rahmen der Arbeitsbedingungen gehören kann:
Arbeitszeit – tarifliche oder tatsächliche - und interne Zeitstrukuren
- Vergütung
- Status: angestellt, frei
- Personalausstattung / Leistungsdichte (gesamt, auch aufgeteilt in Sektoren)
- Aufgabenprofile
- Organisationsmuster und innere Struktur der Entscheidungswege
- Kompetenzabgrenzungen und Abläufe
- Zeitmanagement und Kontrolle
- Erwartungen an Mehrarbeit und Flexibilität
- äußere und materielle Voraussetzungen wie Räumlichkeiten und technische Ausstattung
- Möglichkeit zur professionellen Weiterentwicklung und Fortbildung
Weichere Faktoren sind auch zu nennen. So geht es, gerade bei journalistischer und allgemein bei kreativer Arbeit, um Spielräume: so für Recherche, Experimente, Papierkorb-Arbeiten; Spielräume auch für Besinnung und Reflexion
Und es gibt eine Reihe von indirekten Faktoren, wie
Motivation, Freiheit, Anregung, Teamatmosphäre.
Es geht auch um: Überzeugungskraft und Verbindlichkeit der allgemeinen unternehmerischen Ziele, um die Leitgedanken für das eigene Tun, um die Sinn-Zusammenhänge des eigenen und des gemeinsamen Tuns.
Dies alles ist übrigens im Medienprozess nicht ganz säuberlich in unterschiedliche Rahmen für die Dienstleister (Technik, Verwaltung) und die Sinnstifter und Kreativen (wie beispielsweise Redakteure, Autoren, Regisseure, Programmverantwortliche) zu trennen. Denn natürlich gibt es Überschneidungen.
Dass die materiellen, die zählbaren Voraussetzungen nicht unbedingt mit höherer oder schlechterer Qualität zu tun haben, ergibt sich für mich aus den Großvergleichen der KEF, der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, wie sie im letzten, dem 15. Bericht zu finden sind. Ein paar Zahlen will ich Ihnen deshalb zumuten, weil sie das Ganze illustrieren, auch wenn sie sich nicht eindeutig auf das Journalistische konzentrieren:
Danach sind die durchschnittlichen Produktionskosten im Fernsehen seit 1993 um 30 Prozent gesunken, auf heute gut 500 Euro. Die Spannweite ist teilweise groß: beim SR betrugen die Produktionskosten 2003 noch 255 Euro, bei Radio Bremen 579 Euro. Eine erstaunliche Zahl: Weitere zehn Jahre früher, 1983, lagen die durchschnittlichen Produktionskosten beim ZDF noch bei 950 Euro, also fast doppelt hoch wie der jetzige Durchschnitt.
Gefallen sind bei den meisten Anstalten die Personalstunden, welche für eine Sendeminute aufgewendet werden müssen, so beim ZDF von 13 auf knapp 10, beim NDR von 9,6 auf 8,2. Beim MDR betrug die Minderung von 1999 bis 2003 0,5 Stunden, auf eine ohnehin niedrige Basis von 5,4. Darin steckt natürlich schon der Faktor der Auftragsvergabe, der verschlankten eigenen Strukturen.
All diese letzten KEF-Zahlen zeigen im Trend: Der Aufwand wird geringer, trotz teilweise erheblich größerer Leistungen, wie die KEF dies einordnet. Hier spielt natürlich auch die Technik herein, aber zum nicht geringen Teil natürlich auch die Bemühungen der Sender um Effizienz- und Wirtschaftlichkeitssteigerung.
Bei den durchschnittlichen Vergütungen gibt es auf der Vergleichsbasis erhebliche Unterschiede zwischen den Häusern, in einer Spanne zwischen 53.000 und knapp 65.000 Euro (auf der Basis der KEF-Zahlen). Solche Spannbreiten lassen sich auch bei vergleichbaren Sendeformen finden. Für eine Sendeminute Aspekte wurden 2004 1741 Euro aufgewendet, für eine Minute Kulturweltspiegel des WDR waren es hingegen 2519 Euro. Ähnliche Proportionen bei den politischen Magazinen: Monitor bekam 2004 pro Sendeminute knapp 4200 Euro, bei Report Mainz waren es rund 3000 Euro, so wie auch bei Frontal 21 vom ZDF.
Sowohl bei den politischen Magazinen als auch bei den Kulturmagazinen gab es im Vergleichszeitraum Beispiele für Steigerungen (rar) als auch für Minderungen (eher die Regel) beim durchschnittlichen Finanz- und beim Personalaufwand. Die KEF betont deshalb den, wie es heißt, "sehr unterschiedlich hohen Finanz- und Kapazitätseinsatz bei grundsätzlich vergleichbaren Produktionen". Was die globalen Personalzahlen betrifft, so verzeichnet die ARD – hier ist die Vorschau mit einbezogen – von 2000 bis 2008 eine Minderung von 5,1 Prozent bei den besetzten Stellen auf rund 20.500. Beim ZDF beträgt die Minderung 3,9 Prozent auf knapp 3500 besetzte Stellen.
Lässt sich jetzt - bei diesen zwei markanten Beispielen Kulturmagazine und politische Magazine - eine direkte Verbindung zur Qualität bei eben den entsprechenden journalistischen Produkten ziehen? Ich würde ein solches Urteil nicht wagen, das Eis wäre mir zu dünn. Mir scheint, dass die weicheren Faktoren bei den Arbeitsbedingungen oft viel enger in den Blick genommen werden müssten, um Rückschlüsse auf die Qualitäten zu ziehen. Wie steht es mit der Motivation, wie mit den Spielräumen, wie mit den Vorgaben, wie mit der kritisch-produktiven Diskussion? Wie mit dem Engagement, dem persönlichen Temperament?
Die Qualitätsfrage, dies muss vielleicht an dieser Stelle doch in Erinnerung gerufen werden, begleitet den öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit seinen Anfängen. Er hat sich nämlich, unzählige Streitgespräche und hitzige Debatten belegen das, schon immer in einem Spannungsfeld bewegt. Das heißt: Die Verhältnisse waren nie eindeutig und klar, wenn es um die Erwartungen des Publikums ging und geht – eines Publikums, das ja aus ganz unterschiedlichen Gruppen besteht und ebenso höchst unterschiedliche Interessen hat – und um jene Vorstellungen, welche die Verantwortlichen von dem haben, was man eine gesellschaftsdienliche Programmlinie nennen kann. Da gibt es höchst unterschiedliche Positionen, die allein aufgrund der Ausgangslage stark differieren können: Da sind die Politiker, welche dem Rundfunk mehr als nur die rechtliche Basis geben; da ist die Hierarchie-Pyramide in den Sendern, die – unter dem Siegel der Staatsferne – die Programmziele sowie Methodik und Machart vorgeben; und da sind die Gremien, welche als exemplarisches Scharnier eingesetzt sind, um für die Allgemeinheit über Wohl und Wehe der öffentlich-rechtlichen Sendetätigkeit beratend zu wachen – und dabei schon vorher wichtige Weichen zu stellen, indem sie die Personalspitze der Sender bestellen.
Schon hier wird verständlich, dass es nicht leicht ist, den Begriff Qualität gleichsam in platonischer Manier als Vorschein einer reinen Ur-Idee zu beleuchten. Qualität, das ist – nach dem schönen Muster von Erkenntnis und Interesse - eine Münze des Alltags, die jeder nach eigenen Vorstellungen prägt. Eine Münze, der er ganz eigene Werte – und damit natürlich auch Tausch-Werte – zuschreibt. Eine Null-Währung, wenn man so will, deren Kurs erst im Akt der materiellen Weitergabe jeweils aktuell bestimmt wird. Qualität verlangt die jederzeitige Anstrengung des Diskurses und des Begriffs. Wobei ja nicht zu verhehlen ist: Es gibt schon ein kollektives Qualitätsgefühl, ein Wissen um einen höheren, einen hochgeschätzten Wert von Eigenschaften, von Dingen, von Ereignissen. Es speist sich aus einer unbestimmten Zustimmung, aus einer von den Einzeleigenschaften gar nicht unmittelbar abzuleitenden Beurteilung: ja, das ist Qualität. Und dies trotz des – zumindest theoretischen – Dilemmas (oder Debakels?) der Qualitätsdiskussion. Mentalitäten, Prägungen sozialer und kultureller Art, subjektive Vorlieben, Stimmungen, Erziehungsziele, kollektive Mythen, historische Erfahrungen, Erwartungen: Das Spektrum ist groß, nach dessen Ausmessen der Daumen rauf oder runtergeht: gut, schlecht, akzeptiert, verworfen, gesehen, weggedrückt, behalten, vergessen, bereichernd, verarmend.
Die prinzipielle Offenheit des Begriffs und seine gleichzeitig Gebundenheit an sehr unterschiedliche Faktoren - alles zudem höchst veränderlich nach den irregulären Gesetzmäßigkeiten des Laufs der Zeit - dies alles und das damit verbundene prinzipielle Dilemma enthebt uns natürlich nicht der Frage,
was denn die wesentlichen, die prägenden Eigenschaften eines öffentlichen Rundfunks sein sollen; oder, schärfer formuliert, sein müssen, damit er von der Gesellschaft gewollt, getragen und – nicht zuletzt – auch finanziert wird: eben in der mehrheitlichen Überzeugung, dass er diese Mühe, diese Anstrengung, dieses Geld auch wert ist. Was heute die Frage nach den bestehenden, den notwendigen, den wünschenswerten Qualitätsstandards, nach deren Bestimmung und nach den äußeren Vorgaben noch wesentlich komplexer macht: Sie fällt in eine Phase des Umbruchs. Denn sie traf und trifft einen Rundfunk, der in seiner herkömmlichen Form nicht mehr unbedingt lange Bestand haben wird.
Technikgetrieben – hier ist der Begriff wortwörtlich ganz richtig – verändern sich die Bedingungen und Perspektiven ziemlich radikal: Die allumfassende Digitalisierung alle Rundfunkbereiche – von der Produktion über die Verbreitung bis zum Vertrieb und allfälligen Abrechnungsmodalitäten – erlaubt eine ebenso allumfassende Verfügbarkeit, entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten vorausgesetzt. Die Folge dieser Entwicklung – dass beliebige Inhalte (gleichgültig ob als Bilder, Texte, Töne) jederzeit und überall verfügbar sind - ist eine prinzipiell hohe Individualisierung aller Bezüge. Was euphemistisch schon Mitte der 80er Jahre vorausgesagt wurde - jeder kann sein eigener Programmdirektor sein - jetzt wird es Wirklichkeit. Und damit erleben wir die Verflüssigung der bisher relativ klar getrennten Medienbereiche. Die Hybridisierung könnte zum Standard werden und die bisher nebeneinander bestehenden Linearwelten komplett auflösen. Aus Senderschienen werden Plattformen: Das ist von fundamentaler Bedeutung. Es handelt sich, Sie verzeihen das hochtrabende Wort, tatsächlich um einen veritablen Paradigmenwechsel – mit allen Ungewissenheiten der Übergangsszenarien – was natürlich auch die Finanzierungsmodelle betrifft.
Eines lässt sich dabei leicht vorhersagen: Die Frage nach dem Existenzgrund der öffentlich-rechtlichen Sender wird sich noch einmal mit aller Vehemenz stellen; es wird noch heftiger darum gestritten werden, ob und in welchem Umfang diese besondere Form der kommunikativen Daseinsvorsorge erhalten werden soll. Dabei kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk durchaus auch gestärkt aus dieser Debatte hervorgehen – weil im Hybriden das Feste halt gibt. Hier bin ich gespannt, was in wenigen Tagen das Bundesverfassungsgericht zu dessen künftiger Rolle sagen wird.
An dieser Stelle kommt sofort wieder die Schlüsselfrage ins Spiel: Wie interpretieren und füllen sie ihre Rolle, wie kommen sie dem Ziel, Orientierung zu geben, nahe? Wie leisten sie das, in welchen Formen, mit welchen Methoden? Wie sorgfältig, wie genau gehen sie dabei vor, welche Phantasie entwickeln sie? Die Schlüsselbegründung für die Berechtigung der besonderen Spielart öffentlich-rechtliche Sender kann pauschal nur lauten: Sie müssen existieren, weil sie die kommunikativen Aufgaben besser, umfassender, sorgfältiger, phantasievoller erledigen können, weil sie freie Zugänge eröffnen, weil sie – ohne direkten kommerziellen Erfolgsdruck – unabhängiger sein können, weil sie dem Nicht-Marktgängigen Raum geben können.
Lassen Sie mich einige Punkte noch einmal zusammenfassen:
- Der allgemeine Auftrag - sowohl gesetzlich festgeschrieben als auch über die verfassungsrechtliche Auslegung dieser Gesetzesgrundlagen immer wieder zeitgebunden in generellen und in Einzelfragen definiert - bietet hinsichtlich der Programmvorgaben einen relativ weiten Rahmen mit wenigen spezifischen Vorgaben.
- Die Anstalten selbst haben – unter Betonung des Prinzips der Staatsferne und der Programmautonomie – einen entsprechend großen Spielraum, ihre Rolle und ihre Aufgaben auszugestalten und in den Programmen zu realisieren. Dies gilt für die Organisation, die inhaltliche Gestaltung der Einzelsendungen und auch für die Komposition der Gesamtprogramme, sowohl linear als auch in anderen Zuordnungen, in anderen Verbreitungsformen und im Gesamtangebot (Bouquet).
- Von den entsprechenden Entscheidungen der Verantwortlichen wird – bei eher gleich bleibendem Gesamtbudget – abhängen, wie die einzelnen Arbeitsbereiche ausgestattet werden. Insofern sind die sektoralen Arbeitsbedingungen stark abhängig von den gesamtunternehmerischen Linien, von den strategischen Vorgaben.
- Schlüsselbegriff bei allen Diskussionen um die Erfüllung und damit auch die politische Absicherung des besonderen gesellschaftlichen Auftrags und damit auch der solidarischen Finanzierung ist eine spezifische Qualität.
- Dass solches Qualitätsfernsehen von den öffentlich-rechtlichen Sendern speziell im Vergleich zu den Privatsendern geliefert wird, bestreiten die kritischen Stimmen – Fachkritik oder Politiker – nicht.
- Vorgeworfen wird den Senderverantwortlichen jedoch, über eine Betonung bestimmter Elemente und Segmente unverhältnismäßíg auf großen Publikumserfolg zu setzen, mithin: eine hohe Quote bzw. einen großen Marktanteil.
- Auch wenn anerkannt wird, dass öffentlich-rechtliche Sender in der Konkurrenz mit privaten Anbietern auf quantitative Erfolge nicht verzichten können, werden zumindest die Proportionen des Angebotsspektrums in Frage gestellt.
- Gefordert bzw. beschworen wird die Rückbesinnung auf unbedingte Qualität und auf Tugenden wie Seriosität und Glaubwürdigkeit. Gerade Glaubwürdigkeit wird danach wieder als Grundkapital verstanden, welches die Existenz und Legitimation eines Rundfunks, der im Interesse der Öffentlichkeit veranstaltet wird, wesentlich mitbegründet.
Meine Haupt-These:
Für Fortbestand, Status und Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender wird entscheidend sein, ob sie es schaffen, in einer zunehmend individualisierten Welt der audiovisuellen Angebote sich weitgehend kompromisslos als gut organisiertes und effizientes Forum von klar profilierten, hochwertigen Qualitätsprogrammen zu präsentieren – in welchem Angebotszuschnitt und auf welchen Verbreitungsplattformen auch immer. Und dies mit Qualitäten, die immer im guten Sinne diskussionswürdig sind. Und die damit jenes Geld wert sind, welches die Gesellschaft - über eine klare politische Entscheidung - in sie investiert. Um diese Aufgabe zu erfüllen, müssen die Sender ihre jeweiligen Ziele in den zunehmend multimedialen Arbeitsbereichen klar definieren und ihren Mitarbeitern die besten Bedingungen schaffen. Dies kann auch zu Entweder/Oder-Entscheidungen führen – indem bestimmte Bereiche ausgespart bleiben. Die Mittelverwaltung muss auf das jeweilige Optimum an Qualität setzen – was das Prinzip einer gleichmäßigen Verteilung eher ausschließt. Danach kann es keine Existenzgarantie für alle Bereiche geben, sondern es wird zu einer strategisch bestimmten Auswahl kommen – die dann allerdings das jeweilige Optimum nach sich ziehen muss.
Mit anderen Worten: Die Hauptbedingung für eine ganz spezifische Qualität ist, sie auch wirklich zu wollen. Die Gesellschaft – und stellvertretend die Politik -- muss sie aushalten, im doppelten Sinne des Wortes. Dann gibt es auch eine stabile Plattform für jene, welche diese Qualität schaffen. In jeder Beziehung.
Anmerkung des Autors: Bei diesem Text handelt es sich um den für die DJV-Fachtagung vorbereiteten. Er weicht in Teilen von dem gehaltenen Vortrag ab.





