Freie Journalisten: Wie ihr Alltag aussieht und wie sie die Branche verändern
Wer als freier Journalist arbeitet, der hat durchaus Vorteile: Man kann sich die Zeit selbst einteilen, sucht sich aus, mit welchen Auftraggebern man gern zusammenarbeiten möchte, und realisiert nur die Themen, die einem wirklich Spaß machen. Lästige Streitereien und Befindlichkeiten innerhalb der Redaktion bleiben außen vor. Und wer in einem Journalistenbüro sitzt, hat sich seine Kollegen, mit denen er zusammenarbeitet, selbst ausgesucht. Besser gehts nicht.
Doch das ist nur die eine Seite. Die andere ist die finanzielle Unsicherheit: Kann ich im nächsten Monat meine Miete bezahlen? Habe ich genug Folgeaufträge? Entwickelt sich die Auftragslage in die richtige Richtung? Werde ich angemessen für meine Arbeit bezahlt? Woher kommt das Geld, wenn ich mal krank bin? Auch so etwas wie bezahlter Urlaub oder Weihnachtsgeld sind für freie Journalisten Erzählungen aus einer fremden Welt.
25.000 freie Journalisten gibt es nach Schätzung des DJV derzeit in Deutschland. Sie arbeiten als Printjournalisten, Radioreporter, Fernsehmacher oder im Onlinebereich. Die Gründe für ihre Tätigkeit als Freie sind ebenso vielfältig wie die Branche selbst: Für die einen ist es eine bewusste Entscheidung, sei es, weil es ihren Arbeitsvorstellungen entspricht – oder sie nach etlichen Jahren in Festanstellung etwas Neues ausprobieren wollen. Für andere ist es eine Verlegenheitslösung, zum Beispiel, weil sie derzeit keinen Job in einer Redaktion bekommen und ihnen sonst die Arbeitslosigkeit droht.
In den vergangenen Jahren ist der Medienmarkt gewachsen, besonders durch den Onlinebereich sind weitere Berufsfelder hinzugekommen. Die Folge: Noch nie gab es so viele Medien wie heute. Auch die Zahl der Freien ist gestiegen. 38.061 Versicherte waren am 1. Januar 2006 bei der Künstlersozialkasse in der Gruppe Wort gemeldet – neben freien Journalisten indes auch Schriftsteller und technische Redakteure. Vor zehn Jahren waren es noch nicht mal halb so viele. Dass der Anstieg nur bei Schriftstellern und technischen Redakteuren zu verzeichnen ist, gilt als unwahrscheinlich.
Verändert sich durch die zunehmende Zahl freier Journalisten auch der Markt? "Die Branche verändert sich nicht dramatisch, aber es verstärken sich die Trends, die es schon seit zehn bis 15 Jahren gibt", sagt Michael Haller, Professor für Allgemeine und Spezielle Journalistik an der Universität Leipzig und Autor zahlreicher Handbücher für Journalisten. "Klar ist jedoch, dass ein großer Produktionsanteil den Festangestellten weggenommen und ausgelagert wird."
Einsparungen, Entlassungen und Outsourcing sind Schlagwörter, die mit der momentanen Situation der gesamten Medienbranche verbunden sind. Besonders das Outsourcing ist eine Entwicklung der vergangenen Jahre, die es beim Rundfunk, Fernsehen und im Onlinebereich ebenso gibt wie auf dem Zeitungsmarkt. "Es werden nicht nur einzelne Seiten ausgelagert, sondern ganze Lokalredaktionen", sagt Michael Haller. Als Beispiel dafür nennt er die Sächsische Zeitung, bei der mehrere Lokalteile von eigenständigen Unternehmen produziert werden. "Das schwächt die ökonomische Basis der dort arbeitenden Journalisten, denn die manteltariflichen Regelungen existieren dort nicht." Genau darin liegt die Gefahr. In einigen Fällen wird das Honorar sogar um 50 Prozent gedrückt, ist die Erfahrung des DJV.
Einen Preiskampf gibt es in den meisten Bereichen der Medienbranche, folglich sind die Verdienste freier Journalisten sehr unterschiedlich. Ein freier Rundfunkjournalist etwa kann, wenn er gute Aufträge hat und hart arbeitet, durchaus mit 3.000 Euro und mehr im Monat rechnen. Im Fernsehbereich sind Tagessätze von über 200 Euro realistisch. Anders sieht es da im Printbereich aus: Große Magazine zahlen zwar dem Rundfunk und Fernsehen vergleichbare Honorare – im Bereich Tageszeitungen jedoch sind die Sätze sehr niedrig. Vom Zeilenhonorar alleine können nur die wenigsten leben.
Selbst überregionale Tageszeitungen zahlen ihren freien Autoren ein Zeilengeld, das zwischen 80 Cent und einem Euro liegt. Wird ein Journalist beauftragt, 60 Zeilen über einen Pressetermin zu schreiben, ergibt dies nur eine magere Ausbeute. Vor allem, wenn man bedenkt, dass er dafür zum Termin fahren, vielleicht noch nachrecherchieren und dann natürlich den Artikel schreiben muss. Etliche Tageszeitungen – besonders regionale - zahlen sogar noch niedrigere Zeilengelder. Auch als Pauschalist einer Tageszeitung wird man nicht reich.
Nach Angaben der Künstlersozialkasse liegt das Durchschnittseinkommen der Gruppe Wort pro Jahr bei 13.570 Euro. Diese Zahlen bestätigt auch eine Studie des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen. Darin wurden 300 so genannte "Ein-Personen-Betriebe" erforscht, Journalisten waren dabei die größte Untersuchungsgruppe. Im "Journalist" (10/2005) wurden die Ergebnisse der nicht repräsentativen Studie veröffentlicht. 80 Prozent der Befragten ordneten sich der Verdienstklasse mit einem Jahresnettoeinkommen zwischen 10.000 und 30.000 Euro zu.
Mit den Arbeitsbedingungen der Freien beschäftigt sich auch das Institut für freie Berufe (IfB) an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg in seiner Studie "Die wirtschaftliche Lage freier Journalisten 2002/2003". "Wenn die Zahl der Aufträge gleich bleibt oder zurückgeht, gleichzeitig aber die Zahl der Freien steigt, liegt das Problem auf der Hand", sagt Sozialwissenschaftlerin Irene Hohlheimer vom IfB. Durch den Konkurrenzdruck könnten nicht nur die Auftraggeber den Preis nach unten drücken, sondern es werde zudem schwerer, überhaupt noch an Aufträge zu kommen.
Wie kann sich ein freier Journalist also auf dem Markt behaupten? Der DJV bietet zahlreiche Beratungsleistungen, Bildungsangebote, Ratgeber und Informationen, die dazu beizutragen, dass es für Freie nicht nur um das Thema Sozialhilfesatz gehen muss. Dazu gehören unter anderem Seminare, spezielle Beratungsangebote einiger Landesverbände in Sachen Steuern oder Absicherung sowie Tipps zur professionellen Selbstorganisation. Zudem gibt es die DJV-Online-Datenbank Freie Journalisten www.djv-freie.de und freie Bildjournalisten www.djv-bild.de und das Buch "Von Beruf: Frei", in dem alles zusammengetragen ist – auch Tipps zur Akquise von Aufträgen und der Selbstvermarktung.
Denn gerade diese Anforderungen werden mit zunehmender Konkurrenz immer wichtiger. "Freie Journalisten können sich gut durchsetzen, wenn sie zu einer personal brand – also zu einer eigenen Marke - werden", sagt Medienwissenschaftler Norbert Bolz. Außerdem müssen sie in der Lage sein, für verschiedene Medien arbeiten zu können. Statt der berüchtigten Schere im Kopf kann es durchaus hilfreich sein, neben einem Radiobeitrag auch noch einen Artikel verfassen zu können. Dadurch ist der Freie flexibler und kann ohne großen zusätzlichen Aufwand ein Thema mehrfach verwerten.
"Wie in der gesamten Wirtschaft ist eine stärkere Flexibilität hinsichtlich der Einsatzgebiete und ein breiter angelegtes Themenspektrum als Qualifikationsvorteil auszumachen", sagt auch Günther Maschke, Leiter des Gruner+Jahr-Personalwesens, "von praktischen Sprachkenntnissen ganz zu schweigen." Im Mittelpunkt stehen aber unverändert die journalistischen Merkmale und Ausprägungen. "Nur wer in der Branche als zuverlässig gilt und in handwerklicher Hinsicht einen Namen hat, kann sich auf dem Markt der Freien gut behaupten", bestätigt Michael Haller, der im Laufe seiner Journalistenkarriere unter anderem beim Spiegel und bei der Zeit arbeitete.
Der Beruf des Journalisten – unabhängig davon, ob man selbständig oder fest angestellt arbeitet, ist für die meisten noch immer ein Traumberuf. Mögen die Zeiten auch noch so hart sein, die Identifikation mit dem Beruf ist groß. Studien haben gezeigt, dass die meisten Journalisten ihren Beruf wirklich als eine Berufung ansehen. Walther von La Roche, der das Standardwerk "Einführung in den praktischen Journalismus" geschrieben hat, würde auch unter den heutigen Bedingungen noch mal Journalist werden wollen. "Es ist einer der schönsten Berufe der Welt."





