Grußwort von Michael Konken
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Matthias S., ich nenne ihn so, ist Volontär einer großen Regionalzeitung. Matthias S. ist motiviert, arbeitet mehr als 40 Stunden, liebt seine Ausbildung – und, er möchte Journalist werden. Er wird in seiner Zeitung bereits wie ein Redakteur eingesetzt, schließt Lücken dort, wo sie durch die personellen Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre entstanden sind. Als Dank dafür wird er unter Tarif bezahlt, ist in einer Leiharbeitsfirma angestellt, arbeitet auch am Sonntag. Dafür erhält er einen freien Tag, den er aber nicht abfeiern kann, da sein Arbeitgeber ihm dies aus betrieblichen Gründen verweigert. Kürzlich musste er feststellen, dass die an ihn für regelmäßige betriebliche Einsätze in Außenredaktionen gezahlte Kilometerpauschale rückwirkend von seinem Augustgehalt abgezogen wurde.
Das ist ein Beispiel für die bedrückende Situation in Redaktionen im November 2005 in Deutschland, nicht in einem Drittland. Das ist, liebe Kolleginnen und Kollegen, die moderne Sklaverei des 21. Jahrhunderts.
Ein weiteres Szenario: Ein neu eingestellter Verlagsleiter durfte seine Dissertation auf Kosten des Verlages schreiben, wurde dafür über ein Jahr freigestellt – unter Fortzahlung der Bezüge, versteht sich. Ein weiterer Fall: Ein Assistent der Verlagsgeschäftsleitung durfte nach seiner Einstellung ein Wirtschaftsstudium absolvieren – auf Kosten des Verlages, versteht sich.
Redakteuren, die nur ein oder zwei Tage eine Weiterbildung absolvieren wollen, wird dies versagt. Sie haben mittlerweile schon ein schlechtes Gewissen bei derartigen Ideen, da die wenigen Kollegen, die die Arbeit auffangen müssen, aus der Geschäftsleitung noch zu hören kriegen: "Na also, geht doch auch mit weniger Personal."
Während der Wasserkopf in den Vorstandsetagen der Verlage kontinuierlich wächst, zu Toppgehältern übrigens, wird redaktionelle Kompetenz outgesourct oder in Leiharbeitsfirmen abgeschoben. Dabei interessiert es die Arbeitgeberseite überhaupt nicht, ob Gesetze tariflich unterlaufen werden. Hauptsache: Der Profit stimmt.
Das aktuelle Beispiel David Montgomery zeigt, wohin der Weg gehen soll. Deutsche Verlage als Basis für profitgierige Investoren. Und: Ein deutscher Verleger, wie es das Beispiel Holtzbrinck zeigt, öffnet dafür die Tür. Profitmaximierung durch Global Player, Spekulationen auf Kosten deutscher Arbeitsplätze. Vor einer Woche konnte ich in einem persönlichen Gespräch mit David Montgomery unsere Forderungen für die Kolleginnen und Kollegen der Berliner Zeitung noch einmal formulieren:
- Erhalt der Arbeitsplätze
- Keine tariflichen Verschlechterungen
- Keine Einwirkungen auf die Freiheit der Berichterstattung.
Dabei wurde deutlich: Für Montgomery und Co. ist die Berliner Zeitung in erster Linie ein Wirtschaftsprodukt, das er in eine höhere Profitzone innerhalb eines mittelfristigen Zeitraums bringen muss. Muss – weil die Anleger der Fonds es so erwarten.
Holtzbrinck wird schon wissen, warum finanziell bessere Angebote deutscher Verleger nicht berücksichtigt wurden. Also: Deutsche Verleger können es sich leisten, nicht an Höchstbietende zu verkaufen! Oder – will da jemand zweimal verdienen?
Dies ist der Weg, ohne Rücksicht auf Qualität, ohne Rücksicht auf das, was die Qualität einer Zeitung ausmacht: Der Leistung entsprechend bezahlte gut ausgebildete Journalisten spielen eine nachrangige Rolle. Ich wäre froh und glücklich, wenn dies anders wäre, wenn Kolleginnen und Kollegen nicht täglich um ihren Arbeitsplatz fürchten müssten. Das ist Mobbing; Mobbing an denjenigen, die das Kernelement, die Kernkompetenz eines Verlages oder eines Senders sind.
"Das Kleben der Marmelade verbindet den Leser wohl auch mit seiner Tageszeitung", schmunzelte neulich WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach während der Veranstaltung "Zukunft der Tageszeitungen" in Schwelm. Und weiter sagte er: "Wir leben von Qualitätsjournalismus. Das ist die einzige Chance, sich als Medium zu behaupten." Richtig, Herr Hombach: Dann sollten Sie und Ihre Kollegen es auch personell umsetzen.
Seit dem Jahr 2000 wurden über 2000 Redakteursstellen abgebaut. Die verbleibenden Journalisten müssen das weiter leisten, was vorher von viel mehr Journalisten geleistet wurde. Und – weitere Aufgaben wie Serviceseiten sind dazu gekommen. Hier ergeben sich bereits die ersten Zweifel an der Fortführung der journalistischen Qualität, so wie wir sie als größte Journalistenvereinigung in Europa verstehen. Der Abbau, oder besser sozialunverträgliche Umbau durch die Verleger geht weiter: Redakteure werden weiter unter Androhung einer Nichtbeschäftigung in Leiharbeitsfirmen oder Outsourcing-Gesellschaften abgeschoben, müssen sogar, wie es das Beispiel Schleswig-Holstein zeigt, nebenbei Veranstaltungen organisieren. Darüber hinaus werden Freie durch Verleger angehalten, mit nicht tarifgerechten Honoraren Lücken zu schließen – auf vollwertigen Arbeitsplätzen, versteht sich. Die Leiharbeitstarifverträge sehen einen Stundenlohn zwischen sieben und 15 Euro bei einer 40 Stunden-Woche vor. Tarifvereinbarungen, da werdet Ihr mir zustimmen, sind sinnvoll und notwendig, um der jeweiligen Berufsgruppe, in diesem Fall den Journalistinnen und Journalisten Deutschlands, soziale Absicherung, akzeptable Arbeitsbedingungen und ein angemessenes Gehalt zu garantieren. Journalisten erfüllen zudem einen für die Demokratie unerlässlichen Auftrag und sind dabei besonderen Belastungen ausgesetzt. Dafür müssen sie in Deutschland ein gleiches Gehalt und sichere Arbeitsplätze haben.
Trotzdem halten wir in Deutschland die Qualität. Allerdings: mit welchem Preis? Der Preis ist Mehrarbeit, sind unbezahlte Überstunden, körperlicher Einsatz, der an die Grenze des Zumutbaren geht oder besser das Unzumutbare bereits überschreitet.
Übrigens: Matthias S. wurde vom Verlagsgeschäftsführer mitgeteilt, dass er, sollte er Streikmaßnahmen unterstützen oder daran teilnehmen, in einer Liste erfasst wird. Wer dort steht, soll der Geschäftsführer gesagt haben, der wird sicherlich nicht übernommen. Das ist der bedrückende Alltag in deutschen Verlagen im November 2005.
Wir werden unermüdlich weiter kämpfen, werden versuchen, auch mit kleinsten Schritten für unsere Sache erfolgreich zu sein. Als vor zwei Jahren dieser neu gewählte Bundesvorstand seine Arbeit aufnahm, habe ich euch gesagt: "Ich stehe für alles, was nicht die Zukunft des Journalismus und die Pressefreiheit gefährdet, sondern sichert und ausbaut." Diese Headline wurde zum kontinuierlichen Arbeitsprinzip, zum Leitsatz des Bundesvorstandes. Dass dieses globale Ziel dann so detailliert von außen angegriffen wurde, haben wir alle nicht geahnt. Ich meine aber, dass wir dagegen gehalten haben, dass wir so manchen Angriff stoppen, ja sogar massiv abwehren konnten.
- Ich habe damals gefordert, ein Netzwerk aufzubauen, in das sich jeder einbringt. Ziel: Schlagkraft zeigen. Dieses DJV-Netzwerk steht, ein Wir-Gefühl, das den DJV auf Kurs gehalten hat, sich gegen Einschnitte von außen, aber auch innen erfolgreich zur Wehr gesetzt hat.
- Der Kampf gegen die Pressekonzentration war vor zwei Jahren ein weiteres Ziel, das nicht zuletzt der DJV durch seinen engagierten Einsatz, durch viele Gespräche und Aktionen erfolgreich gestalten konnte. Die Änderung des Bundeskartellrechts wurde gestoppt, ein resignierender Wirtschaftsminister Clement warf diesbezüglich das Handtuch. Doch wir sollten uns nicht zu früh freuen. Stoiber wird den Weg wieder aufnehmen, das hat er bereits angekündigt. Doch: Herr Stoiber, ziehen Sie sich warm an, wir werden weiter verhindern, was zu verhindern ist, weil eine Erleichterung der Pressefusionen zu einer Einheitspresse führt und damit die Vielfalt der Medien sterben wird. Eine funktionierende Demokratie benötigt eine vielfältige Medienlandschaft. Dafür werden wir auch weiterhin engagiert kämpfen, um die von Aristoteles formulierten Negativformen zu verhindern.
Jüngstes Beispiel, der beabsichtigte Kauf von ProSiebenSAT.1 durch Springer.
- Bei einer Aufstockung der Anteile droht die crossmediale Medienmacht. Natürlich, auch wenn dies immer wieder dementiert wird, wird es Verbindungen zwischen den Printmedien des Springer-Konsortiums und den neuen visuellen Medien geben. Werbeballungen und gegenseitige Hinweise auf Sendungen – also aufbauende Meinungsmacht sind die Folge.
- Darüber hinaus wird es zu einer noch größeren Meinungsmacht kommen, denn Bild mit 3,7 Mio. Auflage, die BamS (1,93 Mio), Hamburger Abendblatt, Die Welt, Berliner Morgenpost, BZ, Lübecker und Kieler Nachrichten, Hörzu (1,66 Mio) und dazu Pro7, Kabel1, SAT1, N24, 9live sind in ihrer Gesamtheit eine nicht mehr nur latente Gefahr durch Meinungsvorgabe.
- Meine Hoffnung sind das Kartellamt und die KEK, die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, die ich hier und heute noch einmal bitte und auffordere: Verhindern Sie diese mediale Machtballung. Interpretieren Sie die Auswirkungen und bewerten Sie nicht nur die aktuellen Einschaltquoten. Der Blick über den Tellerrand definiert die Gefahr.
Da diese Rede auch ein wenig ein Rechenschaftsbericht für die zurückliegenden zwei Jahre ist, lasst mich die wichtigsten Punkte ansprechen:
- Mit dauernden Angriffen auf die Pressefreiheit wurde auf Bundes-, Länder- und kommunaler Ebene immer wieder versucht, die Arbeit der Journalisten einzuschränken. Die Pressefreiheit, ein heiliges Gut der Demokratie und gerade in Deutschland auf Grund seines historischen Hintergrunds von elementarer Bedeutung, stirbt jedes Jahr ein wenig mehr. Gesetzliche Maßnahmen sowie Einschränkungen, Drohgebärden und Einschüchterungsversuche sollen Journalisten gefügig machen. Einmal war es die Beschlagnahme von Verbindungsdaten eines Kollegen der Dresdner Morgenpost, ein anderes Mal war es die Durchsuchung von Redaktionsräumen im Fall Cicero. Nur zwei von vielen Beispielen, wie durch staatliche Maßnahmen Journalisten eingeschüchtert werden sollen, wie die vertrauliche Information zur Farce wird. Und immer war die Politik darin verwickelt. Wir haben Redaktionsdurchsuchungen und das Sichern von Telefondaten von Journalisten durch Staatsanwaltschaften in die Öffentlichkeit gebracht und eine Trendwende in der politischen Diskussion ausgelöst, denn: Redaktionen sind Tabuzonen staatlicher Einriffe. Dafür werden wir auch weiterhin kämpfen und den öffentlichen Diskurs für unsere Ziele nutzen. Die fadenscheinigen Begründungen von Behörden für Durchsuchungen von Redaktionen und Privaträumen von Journalisten wie zuletzt im Fall Cicero und für die Sicherung von Verbindungsdaten wie im Fall der Dresdner Morgenpost müssen künftig rechtlich unmöglich sein. Hierzu gehört auch, dass der § 100g STGB im Sinne des Informantenschutzes so schnell wie möglich geändert werden muss. Der Informantenschutz ist die existenzielle Basis journalistischer Arbeit, und alle diejenigen sollten sich als Demokraten schämen, die diesen Schutz leichtfertig zur Wahrung politischer Interessen und Machtkämpfe negieren. Wer auf dem Auge der Pressefreiheit blind ist, der hat in demokratischen Ämtern und Parlamenten nichts, aber auch gar nichts zu suchen.
- Mit den norddeutschen DJV-Landesverbänden konnten wir eine grundlegende Änderung des NDR-Staatsvertrages verhindern und der Politik erneut die Grenzen ihrer Einflussnahme aufzeigen. Diesen kontinuierlichen Versuchen werden wir auch künftig eine klare Grenze setzen.
- Das Informationsfreiheitsgesetz wurde durch unsere Mitinitiative, durch den von uns mitgestalteten Gesetzentwurf im Bundestag verabschiedet. Ein Beweis, dass Lobbyarbeit überaus erfolgreich sein kann, wenn öffentlicher Druck erzeugt wird. Ich fordere heute alle diejenigen Bundesländer auf, die noch kein Informationsfreiheitsgesetz haben, dies unverzüglich in Angriff zu nehmen. Es ist die Aufgabe der Legislative und der Exekutive, eine für die Bürger gläserne Politik und Verwaltung zu praktizieren. Verheimlichen und vertuschen gehört in Staatsformen, die nichts mit der einer Demokratie gemeinsam haben.
- Die Qualitätsdebatte wurde auf vielen Ebenen weiter geführt. Wir müssen weiter überlegen, wie wir künftig über die Schwelle der Diskussion, der gemeinsamen Absichtserklärungen hinwegkommen. Doch solange Stellen abgebaut, Kolleginnen und Kollegen outgesourct und in Leiharbeitsfirmen verschoben werden, solange ist die Qualitätsdebatte ein Schattenboxen. Aber: Die Qualitätsdebatte ist zumindest eine Chance, mit der Verlegerseite im Gespräch zu bleiben.
- Unser Magazin "journalist" deckte zusammen mit epd-medien Verstöße im Bereich Product Placement auf. Dadurch wurde eine öffentliche Diskussion begonnen, die mittlerweile vertieft weiter geführt wird. Sie hat sich zu einer konstruktiven Debatte entwickelt, die zu Konsequenzen auf Seiten der öffentlich-rechtlichen, aber auch der privatrechtlichen Sender geführt hat. Dieses Thema hat auch gezeigt, dass der Journalismus sich selbst kontrollieren kann. Werbung und Programm müssen auch künftig klar getrennt werden. Diese Forderung ist auch eine Absage an Pläne auf EU-Ebene, diese Grenze aufzuweichen.
- Intern haben wir mit dem DJV-Bildportal für unsere Bildjournalisten ein Angebot geschaffen, das hier in Weimar eingeweiht wird. Ich bitte alle Kolleginnen und Kollegen aus dem Bildbereich mitzumachen, um so einem neuen Qualitätsprodukt zum effektiven Start zu verhelfen. Sollten Probleme auftreten, so werden wir das Bildportal kontinuierlich verbessern. Nicht zuletzt aus diesem Grund haben wir dem Projekt eine einjährige Startphase gegeben.
- Intern haben wir mit den DJV-news die Möglichkeit geschaffen, ergänzend zu unserem "journalist" schnell und aktuell zu informieren. Insofern wurde eine Lücke der Information und damit der internen Motivation geschlossen.
- Im kommenden Jahr gibt es neue Presseausweise, die das visuelle Gepräge von Nachkriegsessensmarken verloren haben. Sie signalisieren Professionalität, werden aber besonders zu einer Verbesserung der Sicherheit beitragen. All diejenigen, die damit Geschäfte machen wollen, werden wir rechtlich durch die Republik jagen.
- Albert Einstein hat einmal gesagt, dass inmitten der Schwierigkeit auch die Möglichkeit liege. Intern haben wir in den vergangenen Monaten positive Signale des DJV Berlin bekommen, Signale, die uns veranlassten, neben dem gerichtlichen Verfahren den politischen Weg zu suchen. Das war nicht einfach, aber nach vielen kleinen und größeren Gesprächsrunden haben die Vertreter des DJV Berlin deutlich signalisiert, auf der Grundlage des Frankfurter Beschlusses zu handeln. Es geht um die Mitglieder, nicht um eine Vergangenheitsbewältigung. Wir sind auf einem sehr guten Weg. Lasst mich dazu aber noch eines sagen: Wir stehen zu unseren neu gegründeten Landesverbänden, die Mitglieder geworben haben, die vorher noch keine Heimat im DJV hatten. Sie leisten mittlerweile eine hervorragende Sacharbeit. Jeder weitere Schritt wird ein Schritt der gegenseitigen Abstimmung sein. Insofern schaue ich hoffnungsvoll in die Berliner Zukunft – eine Zukunft, aus der der DJV in Berlin gestärkt hervorgehen kann und wird.
Nach diesem Rückblick der Blick nach vorn: In den kommenden zwei Jahren müssen wir neben dem kontinuierlichen Kampf gegen tarifpolitische Verschlechterungen in allen Bereichen uns noch stärker vernetzen. Es gibt bereits Ideen, Streiks effektiver und den Arbeitskampf mit weniger Streikenden als Instrument der Durchsetzung von Tarifforderungen zu gestalten.
Überlegen sollten wir auch, wie wir gemeinsam Kosten reduzieren können, gemeinsame Aufgaben kostengünstiger realisieren können, um so konsolidierend die Weichen für eine effektive Mitgliederbetreuung zu stellen. Unser Hauptziel ist der Einsatz für unsere Mitglieder. Dafür müssen ausreichend Service und kompetente Beratungsangebote zur Verfügung stehen, müssen finanzielle Mittel für die Erreichung unserer gewerkschaftlichen und verbandspolitischen Ziele zur Verfügung stehen. Noch haben wir eine stabile Mitgliedersituation. Dies lässt uns aber nicht vergessen, dass der bundesweite Trend in ähnlichen Organisationen anders aussieht und wir für Verschlechterungen gewappnet sein müssen. Die allgemeine wirtschaftliche Lage erfordert ein Umdenken, damit wir auch künftig unsere Primärziele erreichen können.
Ein positives Beispiel sind die bereits begonnenen Gespräche des Vereins Berliner Journalisten und des Vereins Brandenburger Journalisten mit dem Ziel einer verwaltungsmäßigen Zusammenarbeit, um Kosten zu reduzieren und insgesamt schlagkräftiger zu agieren.
Lasst mich noch weitere Punkte nennen, die aber keine Ausschließlichkeit für sich beinhalten:
- Die vor uns liegenden Tarifverhandlungen müssen den Abwärtstrend der vergangenen Jahre stoppen. Die wirtschaftliche Situation der Verlage sieht vielfach schon anders aus. Verlage sollten ehrlich sein. Das Angebot der Öffnungsklauseln steht. Wer sie nicht praktiziert, kommt in den Verdacht, dass seine wirtschaftliche Situation besser ist als das stetige Jammern auf hohem Level suggeriert. Die Tageszeitungen sind immer noch mit 23 Prozent die bedeutendsten Werbeträger. "Die Möglichkeiten der Werbung in der Tageszeitung sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft", sagte neulich Bodo Hombach. Ja, warum machen die Verleger es dann nicht? Müssen erst Global Player wie Montgomery kommen, um in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, deutsche Verleger hätten die Zukunft verschlafen?
- Das unsinnige Outsourcen und die Beschäftigung in Leiharbeitsfirmen muss gestoppt und rückgängig gemacht werden. Journalisten sind keine Leihware wie Mietwagen, sind nicht irgendein Subjekt, das verliehen werden kann. Die laufenden Tarifverhandlungen müssen dieses Thema berücksichtigen, damit Journalisten wieder ohne Angst und ohne den Anschein von Leibeigenschaft arbeiten können. Sicherere Arbeitsplätze und angemessene tarifliche Rahmenbedingungen garantieren Qualität und somit Auflagen und Einschaltquoten. Ich frage mich, wann dies endlich in die Köpfe von Verlagsgeschäftsführern und Intendanten geht.
- Der Service für freie Journalisten muss weiter verbessert werden. Dazu gehört auch die tarifgerechte Bezahlung. Freie Journalisten sind keine Journalisten zweiter Klasse. Mit dem Fachausschussvorsitzenden Freie, Dr. Götz Warnke, habe ich bereits darüber nachgedacht, wie wir mit einer kleinen schlagkräftigen Arbeitsgruppe – natürlich nicht unter Umgehung des FA Freie – neue Angebote für freie Journalistinnen und Journalisten kurzfristig entwickeln. Ideen liegen bereits vor. Vorbild ist hierfür die AG Bildportal, die effektiv und zielorientiert das DJV-Bildportal in kürzester Zeit realisierte.
- Wir müssen die Einstiegschancen für junge Kolleginnen und Kollegen in den journalistischen Beruf verbessern. Diese Forderungen müssen wir mit in die Tarifverhandlungen nehmen, da wir ansonsten in wenigen Jahren ein altersbedingtes personelles Vakuum haben, das sich quantitativ und qualitativ negativ auswirken wird.
- Die Aus- und Weiterbildung und hier besonders die Sicherung der DJV-nahen Journalistenschulen muss ein wichtiges Thema bleiben. Das Beispiel Haus Busch zeigt, wie schnell eine gemeinsame Schnittstelle von Verlegern und DJV gekippt werden kann, wie eine bisher erfolgreiche Ausbildung in Gefahr gerät. Der engagierte Einsatz des DJV NRW, der auch einen finanziellen Kraftakt beinhaltet, sollte Beispiel für dieses Thema sein. Ich fordere hier und heute den Verlegerverband in NRW, aber auch den BDZV auf: Steigen Sie wieder ein ins Boot der gemeinsamen Aus- und Weiterbildung im Haus Busch, lassen Sie uns in diesem Bereich weiterhin erfolgreich Qualität produzieren und über künftige Wege reden!
- Intensiv und aktuell müssen wir uns der Evolution im Journalismus stellen, müssen weiter die Zukunft des Journalismus gestalten. Dies ist unsere originäre Aufgabe, die wir nicht anderen überlassen dürfen. Zur Evolution gehören allerdings nicht Trends wie Webblogs, die journalistisch missbraucht werden. Hier ist ein presserechtsfreier Raum entstanden, der in Einzelfällen Persönlichkeitsrechte ignoriert und daher nichts mit Journalismus zu tun hat. DJV-Mitglieder haben in derartigen Foren nichts zu suchen. Wer als DJV-Mitglied dort unter Missachtung des Pressekodex und aller ethischen Grenzen schreibt, der hat im DJV nichts, aber auch gar nichts verloren.
- Im kommenden Jahr soll im DJV die "Zukunft des Berufes" zum Schwerpunktthema werden. Die DJV-Bildungskommission hat für die inhaltliche Gestaltung bereits ein Grobkonzept erarbeitet, das zurzeit verfeinert wird. Themenhöhepunkt wird der DJV-Verbandstag 2006 in Mannheim sein. Der Grund: Mit großer Sorge beobachten wir die Erosionen auf dem Markt der journalistischen Aus- und Weiterbildung. Lasst mich hierzu einige Fakten nennen:
- Hochschulen bilden mittlerweile weit über Bedarf aus. Nach jüngsten Untersuchungen absolvieren über 1.000 Studenten jährlich in den 21 berufsvorbereitenden Haupt-, Aufbau- und Nebenfachstudiengängen die Fächer Journalistik und Kommunikationswissenschaften. Nicht berücksichtigt sind die rund 60 eher künstlerisch oder von einem fachlichen Schwerpunkt geprägten Hochschulgänge.
- Zugleich wird durch die Arbeitgeberseite versucht, fast insgesamt 2.400 Volontariate, davon ca. 2.000 tarifgebunden in Printmedien und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, stärker von den Anforderungen der Tarifverträge (Ausbildungstarifvertrag) abzukoppeln. Genau gesagt: Nicht einmal die Volontärskurse – ein zentraler Bestandteil des Ausbildungstarifvertrages – sind obligatorisch. Mehrere hundert Volontäre kommen offensichtlich, gemessen an Angebot und Nachfrage, nicht in den Genuss einer längeren überbetrieblichen Ausbildung. Einmal ganz abgesehen davon, dass die vollen sechs Wochen theoretischer Ausbildung durch die meisten Arbeitgeber sowieso nicht mehr gewährleistet werden. Ein unhaltbarer Zustand, der aber auch die Einstellung der Arbeitgeber zur Ausbildung und zur Qualität faktisch deutlich macht.
- Die Berufsaussichten am Ende der Ausbildungszeit werden zunehmend schlechter; was bleibt ist der unsichere Ausweg in die Freiberuflichkeit. Der DJV hat diese und ähnliche Entwicklungen, die sich konkret auf die individuelle Arbeitssituation im Bereich der Aus- und Weiterbildung auswirken, in seinem "Memorandum Aus- und Weiterbildung in der Krise" zusammengefasst. In seiner Zukunftskonferenz ist er über die Bildungsfrage hinausgegangen und hat Perspektiven für den DJV und für den Journalismus skizziert, die Grundlage für weitere Schritte im kommenden Jahr sind. Es wäre schön und ideal, wenn Landesverbände, Fachausschüsse, aber auch regionale Gliederungen im DJV sich im kommenden Jahr intensiv mit diesem Thema beschäftigen würden. Lasst uns das Thema in der Öffentlichkeit platzieren, lasst es uns immer wieder ansprechen, um damit ins Gespräch zu kommen. Wenn wir uns nicht um die Zukunft des Journalismus und hier besonders um die Aus- und Weiterbildung kümmern, dann haben wir bereits heute verloren.
Mein Dank zum Schluss dieses Rückblicks und der Skizzierung der weiteren Arbeit an die Kolleginnen und Kollegen in der Bundesgeschäftsstelle, stellvertretend an den Hauptgeschäftsführer Hubert Engeroff und an Benno Pöppelmann und an alle Referentinnen und Referenten. Sie alle leisten täglich mehr als sie müssten, kämpfen und arbeiten motiviert und engagiert, damit das Schiff "DJV" in voller Fahrt auch Stürme und Wellengang meistert. Und von letzterem hatten wir in den vergangenen zwei Jahren reichlich.
Mein besonderer Dank geht aber auch an die befreundeten Landesvorsitzenden – und das sind fast alle. Sie haben bewiesen, dass eine föderale Struktur effektiv und erfolgreich Ziele umsetzen kann, dass so eine Einheit praktiziert werden kann, die an einem Strang zieht und das auch noch in die gleiche Richtung. Dafür euch vielen Dank. Einschließen in diese Bewertung möchte ich die befreundeten Landesgeschäftsführerinnen und Landesgeschäftsführer, die in der praktischen Arbeit immer wieder kompetente und hilfsbereite Ansprechpartner waren und sind.
In den kommenden Jahren müssen wir unseren DJV noch intensiver auf die Zukunft vorbereiten und einstellen. Der Journalismus in Deutschland ist in Gefahr. Fast täglich müssen wir Angriffe von innen und außen abwehren, müssen dagegenhalten. Wer gewerkschaftliche Ziele negieren will, der hat den Blick für das Wesentliche verloren, der zeigt, dass Solidarität und Einsatz für Kolleginnen und Kollegen für ihn Fremdworte sind. Als kompetente und bewegliche Gewerkschaft und als Berufsorganisation haben wir bewiesen, dass wir in der Lage sind, uns den Herausforderungen zu stellen.
Aus diesem Grund schaue ich trotzdem positiv in die Zukunft, aber es wird nicht einfacher werden. Angriffe auf tarifliche Standards, die Pressefreiheit, den Informantenschutz, die Freiheit der Berichterstattung und hier besonders auf den investigativen und kritischen Journalismus haben gezeigt, dass wir Standing benötigen, ein Standing für unsere Kolleginnen und Kollegen, die täglich versuchen, eine qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern. Wir werden uns weiter einmischen, wir werden weiter kämpfen, damit der Journalismus, so wie ihn die Väter des Grundgesetzes durch den Artikel 5 geplant hatten, in Deutschland Bestand hat. Einen anderen Weg darf es gerade in Deutschland nicht geben. Wir kennen die historische Verpflichtung und ich hoffe, dass andere sie trotz aller Profitgier auch weiter so garantieren.
Als serviceorientierter, sozial kompetenter Berufsverband werden wir neben unseren wichtigen gewerkschaftlichen Aufgaben unser zweites Standbein weiter ausbauen. Diese Mischung macht uns schlagkräftig, macht uns zur kompetenten Interessenvertretung der Journalisten in Deutschland. Wir werden weiterhin Strukturen und Arbeitsweisen überprüfen, um noch schlagkräftiger zu werden. Stellen wir uns der Zukunft, ansonsten wird sie uns überrollen.
Als größte Journalistenvereinigung in Europa müssen wir unsere Meinungsführerschaft täglich unter Beweis stellen und ausbauen. Mit euch, mit unserem DJV, ist mir nicht bange um die Zukunft.






