Dokumentation
DJV-Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität"
3./4. September 2007, IFA Berlin
Arbeitsbedingungen und Qualität im Rundfunk
Podiumsdiskussion mit:
Nikolaus Brender (ZDF-Chefredakteur)
Uwe Kammann (Leiter des Adolf-Grimme-Instituts)
Peter Kloeppel (RTL-Chefredakteur)
Dr. Volker Lilienthal (verantwortlicher Redakteur epd-Medien)
Martin Schindel (Online-Redaktion des SR)
Wolfgang Schmitz (WDR-Hörfunkdirektor)
Uta Thofern (Chefredakteurin DW-World.de)
Moderation: Maybrit Illner (ZDF)
Maybrit Illner:
Herzlich Willkommen den Kollegen zu einer Diskussion unter Kollegen. Es war auf jeden Fall sehr interessant zu belauschen, was allein in diesen Arbeitsgruppen und Workshops schon diskutiert wurde - und wie wir uns haben sagen lassen, eben auch ausgesprochen heftig diskutiert wurde. Schauen wir mal, ob wir möglichst viel davon auch beantworten können. Telepolis, ein Branchenblatt, das sicherlich viele von Ihnen kennen, schreibt Anfang des Jahres 2007: "Die Branche frisst sich selbst. Kein Medienanbieter ist mehr bereit, auf seinem Geschäftsfeld zu bleiben, konsequent nur Fernsehen, Radio, Internet oder Gedrucktes zu machen und das dafür richtig. Alle wollen alles machen und zwar sofort." Das muss, darüber müssen wir nicht lange diskutieren, Auswirkungen logischerweise auf die Arbeitsbedingungen und auch auf die Qualität des Journalismus haben und deshalb haben sich hier auf dieser Bühne gefunden: Nikolaus Brender, der Chefredakteur des ZDF, Peter Kloeppel, der Chefredakteur von RTL, Uwe Kammann, der Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, Wolfgang Schmitz, der WDR-Hörfunk-Direktor, Dr. Volker Lilienthal von epd, Uta Thofern, die Chefredakteurin von dw-world.de und Martin Schindel, Online-Redakteur des Saarländischen Rundfunks. Unterwegs verloren gegangen ist Hans-Dieter Hillmoth von FFH und Stellvertreter von Herrn Doetz. Er ist an der Bahn gescheitert, wir werden uns hinterher noch mal sagen lassen, was genau der Grund war und geben vielleicht eine kleine Hausmitteilung raus. Die erste Frage in dieser Runde geht an Peter Kloeppel: Nun könnten Journalisten ja frohlocken, Herr Kloeppel, man hat noch nichts davon gehört, dass Redaktionen komplett ausgelagert werden nach London oder nach Bangalore. Gibt es irgendwie noch Hoffnung, dass die Globalisierung tatsächlich nicht nur mit Teufelszeug daher kommt?
Peter Kloeppel:
Also, so großartig würde ich es gar nicht mal fragen. Globalisierung klingt ja gleich danach, als ob wir die Welt versuchen zu erobern. So weit sind wir nicht. Wir versuchen mal unser Feld zu beackern, auf dem wir seit einiger Zeit ganz erfolgreich unterwegs sind. Dass wir uns auf neue Zeiten einstellen müssen, da haben Sie völlig Recht - nicht nur was die mediale Verknüpfung angeht von Radio, Fernsehen, Internet, Zeitungen, Online, allem was dazu gehört. Und dass die Mitarbeiter, die man dafür braucht, nach Möglichkeit auch in vielen Bereichen geschult sein sollten, darüber sind wir uns auch einig. Trotzdem ist es eine, wie Engländer so schön sagen "Key-Kompetenz", also eine Schlüsselkompetenz eines jeden Unternehmens, das sich in irgendeiner Weise als Medienhaus versteht, dass man diese Dinge im eigenen Hause produziert. Dass man natürlich immer wieder mal auf den einen oder anderen zurückgreift, der zuliefert, das ist völlig klar. Kooperation gibt es ja schon lange, aber diese Schlüsselkompetenz aufzugeben, denke ich, wäre fatal.
Illner:
Volker Lilienthal, arbeiten wir einfach nur anders als vor zehn Jahren oder arbeiten wir definitiv härter?
Volker Lilienthal:
Ja, wir arbeiten zweifelsohne härter, weil auf die journalistische Arbeit als neue Anforderung zugekommen ist, dass ständig Interessen des Publikums berücksichtigt werden müssen. Und Interessen des Publikums heißt eben nicht nur positive Interessen - also was wollen die Leute hören, sehen, lesen -, sondern heißt auch: Wir Journalisten müssen lernen, mit einer gewissen Harthörigkeit das Publikums umzugehen. Wenn wir Journalisten von einem Thema von Relevanz aus dem politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen Bereich überzeugt sind, heißt das noch lange nicht, dass wir dafür leicht ein Publikum finden. Das wiederum heißt für die journalistische Arbeit, dass wir uns heute viel mehr Gedanken machen müssen über die Vermittlungsform. Das gilt natürlich ganz stark für den privaten Rundfunk, welcher sich über Werbeeinnahmen refinanzieren muss und deswegen immer das große Publikum braucht. Aber auch der hat aus meiner persönlichen Sicht eine Bringschuld für die gesamtgesellschaftliche Kommunikation. Er muss sich Gedanken machen, wie er an sein unterhaltungsverwöhntes Publikum die schwereren Stoffe heranbringt. Und deutlich mehr gilt das natürlich für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der von uns allen mit Gebühren dafür bezahlt wird, eine schwarz-rote Information zu liefern.
llner:
Bleiben wir vielleicht noch mal eine Sekunde bei den Arbeitsbedingungen der Kollegen. Nächste Frage geht an Uwe Kammann: Der DJV hat kürzlich in einer Studie ermittelt, wie viele Journalistenkollegen eigentlich von ihrer Arbeit leben können. Dabei ist herausgekommen, dass das immer weniger können und dass immer weniger hauptberuflich journalistisch arbeiten. Gibt es Ihrer Meinung nach, Herr Kammann, mittlerweile so was wie ein journalistisches Prekariat in Deutschland?
Kammann:
Also, das ist schwer zu sagen. Klar, der Run auf dem Hof ist größer geworden. Es gibt heute sehr viel mehr Journalisten als früher. Es gibt sehr viel mehr publizistische Einheiten, so fragwürdig sie in ihrem Anspruch und in ihrer Verbreitung auch oft sind. Insofern besteht natürlich die Neigung bei denjenigen, die wirtschaftliche Verantwortung tragen, ihren eigenen Wettbewerbsdruck weiter zu geben an die Journalisten, indem zum Teil ja auch ausgelagert werden. Weniger Festeinstellungen als früher, weil die natürlich immer mit einer größeren sozialen Absicherung verbunden sind. Und dann geht sozusagen die Kette weiter nach unten. Ich kann aus der eigenen privaten Erfahrung berichten, weil meine Frau eine Festanstellung verloren hat und wir jetzt versuchen müssen, wieder Fuß zu fassen. Zum Teil hat sie zu Bedingungen arbeiten müssen, zu denen wirklich keine Putzfrau arbeiten würde. Einfach, weil für die Verleger klar war, sie möchte, sie will, sie kann auch. Aber die Bedingungen kann sie nicht stellen. Das Verhältnis hat sich sicherlich sehr geändert, auch wenn ich mit Verallgemeinerungen vorsichtig bin. Vor dreißig Jahren, als ich eingestiegen bin in den Beruf, gab es relativ feste Verhältnisse. Man konnte eine ziemlich planbare Zukunft haben, auch mit Wechseln drin. Das ist, glaube ich, heute nicht mehr so. Da ist vieles in Bewegung gekommen. Das bedeutet natürlich Verunsicherung, und darin sehe ich potenziell eine Gefahrenquelle für Qualität. Weil das natürlich auch bedeutet, dass man sich als Kleinproduzent anpasst, dass man zu schnell das liefert, was ein Auftraggeber verlangt - und das muss ja nicht immer das sein, was man mit dem eigenen professionellen Ethos verantworten könnte. Darin liegt sicher eine Gefahrenquelle.
Illner:
Und dann wandern wir auch geografisch gleich weiter, Herr Schindel. Besonders eklatant ist es hier und da eben auch wirklich in den Online-Redaktionen, mal abgesehen von dem Ruf. Es ist wirklich erstaunlich, dass Online-Redakteure immer noch den Ruf haben, die Freaks zu sein, die Irren zu sein, die mit dem Laptop rum rennen. Und wenn man sagt: "Ich arbeite in der Online-Redaktion" oder "bin jetzt dahin versetzt worden", wird sofort gefragt: "Wieso, was hast du denn gemacht?" Es gibt also immer noch ein kleines Problem mit dem Leumund bei den Onlinern. Und natürlich weiß die Branche auch, dass die Bezahlung ausgesprochen schlecht ist. Was können Sie uns erzählen als Mitarbeiter des Saarländischen Rundfunks?
Martin Schindel:
Also, es ist mit Sicherheit so, dass es zwei grundverschiedene Bereiche gibt. Ich denke, dass wir sehr unterscheiden müssen zwischen dem, was öffentlich-rechtlicher Rundfunk leistet und auch an Arbeitsbedingungen bietet, und dem, was die privaten Rundfunkanbieter veranstalten. Ich glaube, dass da vor allem im Hörfunk sehr schlechte Bedingungen vorherrschen, weil das nämlich eine überwiegend technische Arbeit ist. Das sind im wesentlichen Marketinginstrumente. Was die Öffentlich-Rechtlichen logischerweise von den Privaten unterscheidet ist, das Unternehmen wie RTL auch für ihre Online-Einheiten Businesspläne haben. Sie wollen ihre Aktivitäten über lang oder kurz refinanzieren. So gesehen sitzen wir Öffentlich-Rechtliche in einem sehr komfortablen Raum. Gleichwohl muss man aber ganz klar sagen - und das ist auch Kennzeichen der Online-Arbeit - wir Online-Redakteure sind in der Regel nicht draußen, wo die Geschichten stattfinden. Das machen die Kollegen der anderen Medien, das machen die Kollegen des Hörfunks und des Fernsehens. So gesehen sind da ein sehr deutlicher Qualitätsunterschied und auch ein Unterschied im Selbstverständnis, keine Frage.
Illner:
Frau Thofern, Chefin von Deutsche Welle Online, also einem gut gefragten, gut abgefragten und logischerweise eben auch sehr sinnvollen Online-Angebot. Ist Ihr Sender davor gefeit, solche Erscheinungen auch zu haben? Und worin besteht dann der Unterschied? Besteht der Unterschied wirklich zwischen öffentlich-rechtlich und kommerziell? Oder besteht der Unterschied zwischen denen, die die alten Verträge haben und denen, die "leider zu spät gekommen sind"?
Uta Thofern:
Wenn wir jetzt über die Honorierung sprechen, glaube ich schon, dass es einen Unterschied zwischen dem öffentlich-rechtlichen und dem privaten System gibt. Im privaten Rundfunk wird sicherlich mehr über Angebot und Nachfrage geregelt. Im öffentlich-rechtlichen haben wir zum Glück eine höhere soziale Sicherheit, dafür aber vielleicht im Einzelfall weniger Leistungsgerechtigkeit. Das ist der Preis den wir dafür zahlen. Es gibt dann sicherlich, was den Online-Bereich angeht, im Öffentlich-Rechtlichen, das große Problem, dass durch die Selbstverpflichtung von ARD und ZDF, sich auf Programmbegleitung und die Ausgaben auf 0,75 Prozent des Gesamtetats zu beschränken, dieser Online-Bereich nicht rechtzeitig oder frühzeitig genug die Bedeutung erfahren hat, die er eigentlich hätte. Das ist bei uns anders. Die Deutsche Welle ist zwar ein ARD-Mitglied, ist aber steuerfinanziert und hat deswegen sehr viele eigene Regelungen. Für die Deutsche Welle ist schon seit drei Jahren gesetzlich verankert, dass der Bereich Telemedien eine eigenständige Säule ist. Entsprechend werden die Kollegen bei uns nach denselben Mindesthonorarsätzen bezahlt wie die Radiokollegen auch. Allerdings muss man sagen, dass man im Prinzip über das Berufsbild Online-Journalist noch mal neu nachdenken muss. Das gilt, seitdem dieses Medium wirklich ein Multimedia-Medium geworden ist, seitdem es dort nicht mehr um Texte allein geht, sondern auch um Bild, auch um Grafik, um Bewegtbild, um Flashbilder, um Audios, um Videos und die Online-Journalisten im Prinzip mehr können müssen als ein Radio- oder Fernseh-Pur-Journalist.
Illner:
Was man dann allerspätestens auch hier auf dieser Messe merken würde. Ich würde bei der Thematik gerne noch mal bleiben und weiter die Arbeitgeber des öffentlichen Rundfunks fragen. Herr Schmitz, Sie sind der Nachfolger von Frau Piel im Amte, frisch gewählter Hörfunkdirektor des WDR. Gibt es nicht auch in den öffentlich-rechtlichen Sendern ähnliche Prozesse. Nämlich die der Auslagerung, die des Schauens, dass man mit jüngeren Mitarbeitern auch "bessere" preiswertere Verträge abschließt, dass man die Zahl der Volontäre erhöht, all dieses.
Wolfgang Schmitz:
Nein! Also ich will es mal so sagen: Für den Westdeutschen Rundfunk, speziell für den Hörfunk kann ich das nicht bestätigen. Ich sehe ein ganz anderes Problem. Volker Lilienthal hat eben gesagt, die Arbeit ist härter geworden, und sie ist auch verdichtet. Wenn wir journalistische Qualität erhalten und entwickeln wollen - und ich glaube, das ist das Pfund, mit dem wir in der digitalen Welt wuchern können - dann müssen wir gucken, wie wir den Redakteuren und Redakteurinnen - die aufgrund der Veränderungen der letzten Jahren immer stärker in den Funktionsdiensten aufgegangen sind, die organisieren, die abwickeln - wieder mehr die Möglichkeit geben können, selber Programm zu machen: als Reporter, als Moderatoren, als Autoren. Da sind wir ein Stück Not leidend. Insofern ist es nicht so, dass nur die Onliner nicht nach draußen kommen, sondern der ganz große Teil unserer Kollegen aus dem Hörfunk auch. Wenn sie mit Autoren, die von draußen kommen und einen sehr großen Teil unseres Programms zuliefern, auf Augenhöhe über Qualität diskutieren wollen, wenn sie Qualität entwickeln sollen, brauchen sie natürlich auch Redakteure, die das aus eigener Anschauung kennen. Die wissen, was eine Reportage ist und die nicht erst im Volontariat zuletzt eine gemacht haben. Da ist ein großes Problem.
Illner:
Herr Schmitz, wir reden auf jeden Fall auch noch über Qualität und über die Qualität des Programms, das wir anbieten und die Qualität des Journalismus, den wir notgedrungen oder nach wie vor mit viel Freude machen können. Doch erst noch mal die Frage: Der WDR muss nicht sparen?
Schmitz:
Natürlich müssen wir sparen, das ist ja überhaupt nicht die Frage. Es ist so, dass wir derzeit, wie andere Anstalten ja auch, Stellen zurückgeben müssen, Wir haben versucht, das in den letzten Jahren an Rationalisierungsreserven innerhalb des Programms zu realisieren. Ich würde immer eher etwas aufgeben, als an der Qualität sparen zu müssen. Das ist ein ganz klarer Punkt.
Illner:
Frage an den ZDF-Chefredakteur in eine identische Richtung: Wie viele Stellen, wie viele feste Stellen des ZDFs sind innerhalb der letzten Jahre gestrichen worden? Und wie groß ist das Bemühen dieses Hauses, sich mit den Gebühren verantwortlich zu bewegen, also auch Personal einzusparen?
Nikolaus Brender:
In der Chefredaktion des ZDF haben wir, seitdem ich angetreten bin und den ersten eigenen Haushalt hatte, insgesamt über einhundert Millionen Euro eingespart. Nun hat das ZDF eine besondere Situation zu bewältigen gehabt. Es hatte Schulden und heute sind wir schuldenfrei. Natürlich geht dies auch zu Lasten der Programme, aber vor allem eben auch der Organisation und der Formen der Zusammenarbeit. Nur ein Beispiel: Wir hatten mal eine Hauptredaktion mit Gesellschaftspolitik - ein Vertreter sitzt hier. Die haben wir damals dicht gemacht und die Arbeit in andere Hauptredaktionen verlagert. Die Zusammenarbeit zwischen den Hauptredaktionen, zwischen Aktualität, Ausland, Wirtschaft ist wesentlich stärker geworden, da können sie schon Effekte erzielen. Das heißt nicht, dass dadurch die Qualität schlechter geworden ist. Im Übrigen wollte ich nur sagen: Theoretisch ist ein Outsourcing nach Bangalore natürlich möglich. Wissenschaftsinstitute und Unternehmen haben dort ihre Assistenten sitzen, sie haben dort ihre Rechercheabteilungen sitzen. Sie beauftragen dort relativ niedrig bezahlte junge Wissenschaftler, auch Journalisten, die für sie arbeiten. Das ist theoretisch alles möglich.
Illner:
Es ist theoretisch möglich, deshalb habe ich die Frage gestellt.
Brender:
Es ist auch von der Qualität her möglich, weil überhaupt kein Rückschritt da ist. Tolle junge Leute. Bitte, ich habe gesagt theoretisch, ich habe nicht gesagt praktisch. Ich glaube nicht, dass es eine völlig neue Idee ist. Sie ist Praxis in vielen wissenschaftlichen Instituten, und es wäre doch absurd anzunehmen, das würde im Journalismus und in der Presse nicht der Fall sein. Natürlich überlegt man sich das. Ich sage Ihnen, wir werden das nicht tun in Fragen der Innenpolitik. Das kann aber durchaus bedeuten, dass wir in einer vernetzten Welt feststellen, dass die jetzige Organisation des deutschen Journalismus, der deutschen Journalisten, der Zeitungshäuser, der öffentlich-rechtlichen Anstalten sehr zentriert ist. Möglicherweise brauchen wir dann Mitarbeiter in allen Teilen der Welt. Wie wir das organisieren, das ist eine ganz andere Frage. Die müssen nicht schlecht bezahlt werden, so wie wir die Mitarbeiter in den Auslandstudios ja auch gut bezahlen, so dass es in unser System passt. Solche Dinge wären durchaus möglich.
Illner:
Das heißt, nur das ich es auch richtig verstehe: Sie können sich vorstellen, dass beispielsweise das Finanzgebaren des ZDFs nach Bangalore ausgelagert wird, aber nicht irgendwie wichtige Bestandteile der politischen Berichterstattung.
Brender:
Nein, das kann ich nun überhaupt nicht. Nicht mal Finanzgebaren. Unser Platz ist hier in Deutschland, weswegen wir auch unsere Arbeitsplätze hier haben. Die Entscheidungen und auch die journalistische Arbeit werden natürlich hier betrieben. Ich halte das, ich möchte das noch mal sagen, für eine theoretische Möglichkeit und für Überlegungen, die durchaus im Gange sind, auch in anderen Unternehmen. Es wird für uns keine Rolle spielen, auch im journalistischen Bereich outzusourcen. Aber diese Möglichkeit gibt es, und sie zu verschweigen wäre, glaube ich, ein Wegdrängen der Realität. Wir werden das natürlich nicht tun, ist klar, aber es ist prinzipiell möglich.
Illner:
Dieses Outsourcing, eben auch Inhalte betreffend, findet logischerweise überall statt und findet eben auch in den öffentlich-rechtlichen Anstalten statt. Kommen wir noch mal zurück und gucken noch mal ein bisschen nach Deutschland. Da hat es in den letzten Wochen ein Ereignis gegeben, was an vielen von uns, eigentlich an allen von uns nicht vorbei gehen konnte. Die Eigner von ProSiebenSat.1 haben auf einen Schlag über einhundert Journalisten auf die Straße gesetzt. Unabhängig jetzt mal davon, wie sehr man den einzelnen Sendungen nachtrauert, zeigt dieses Beispiel offensichtlich, dass die billigste Redaktion keine Redaktion ist. Oder besser gesagt, die billigste Redaktion ist die, die nicht existiert. Frage an Peter Kloeppel - nun der Einzige in der Runde, der für den privaten Hörfunk und das private Fernsehen steht: Wann zieht RTL nach?
Kloeppel:
Ob das, was ProSiebenSat.1 getan hat, als Beispiel für irgendjemanden gelten kann, wage ich doch heftig zu bezweifeln. So gesehen denken wir auch überhaupt nicht über ein Nachziehen nach. Es ist eine unternehmerische Entscheidung gewesen. Die Anteilseigner von Sat.1 und ProSieben müssen das mit sich selber ausmachen. Ich bin sicher, dass das nicht erfolgreich sein wird in der Hinsicht, als dass der Sender natürlich eher an Profil verloren hat und weiter verlieren wird - selbst wenn man darüber diskutieren kann, bei einer Sendung, wie "Die Nacht" bei Sat.1. Das ist eine Diskussion, bei der wir uns natürlich gesagt haben: "Sollen wir jetzt frohlocken oder sollen wir das alles ganz furchtbar finden?" Ich finde es natürlich eher furchtbar, weil A belebt Konkurrenz das Geschäft und B wird dadurch ja der Eindruck hinterlassen, dass es jetzt umso wichtiger ist, dass es öffentlich-rechtlichen Rundfunk gibt in allen seinen Facetten und seiner Ausdehnung, in allem was da jetzt noch dazu kommen soll. Es hat das Spielfeld jetzt noch mal von der Aufstellung her neu gemischt. Aber für uns ist das überhaupt kein Vorbild. Warum sollen wir Sendungen einstellen? Wir machen erfolgreiche Sendungen und wir müssen erfolgreiche Sendungen machen, um einen Sender wie RTL erfolgreich und kommerziell erfolgreich zu halten. Genau das tun wir. Also werden wir auch keine Sendungen und keine Redaktionen zumachen.
Illner:
Die Reaktionen von Ihnen sind mittlerweile auch bekannt. Es gibt nicht nur das Bedürfnis und den dringenden Wunsch nach, sondern bereits den in die Tat umgesetzten Betriebsübergang. Also Kollegen, die bei RTL in den Nachrichtenredaktionen gearbeitet haben und deren Verträge sind quasi eins zu eins in eine Agentur oder in eine anderen Firma ausgelagert worden.
Kloeppel:
Nein, das dürfen wir jetzt nicht durcheinander schmeißen. Also A ist es keine Reaktion da drauf und B ist es ein Verfahren, das wir auch deswegen gewählt haben, weil wir hier zwei Sender im Endeffekt zusammenbringen: n-tv und die Informationsschiene von RTL, die bisher an zwei verschiedenen Orten zwei verschiedene Programme erstellt haben. Die arbeiten jetzt schon zusammen, im Vorfeld und im Vorgriff auf das Jahr 2008, wenn RTL umzieht. Es tut mir leid, wenn ich sie jetzt mit diesen Facetten vielleicht langweile
Illner:
Um Himmels Willen, Sie beantworten meine Frage.
Kloeppel:
Wir haben gesagt, wir wollen diese Informationskompetenz, die in beiden Sendern vorhanden ist, zusammenfügen, machen aber keine Redaktion dadurch zu, sondern stärken unsere Redaktionen sogar noch.
Illner:
Sie würden nicht sagen, dass sie die Redaktionen ausgliedern?
Kloeppel:
Nein.
Illner:
Ausgliedern?
Kloeppel:
Nein, es ist keine Auslagerung. Es ist eine rein organisatorische Veränderung. Wir sitzen auch weiterhin im Hause RTL, sind eine hundertprozentige Tochter von RTL. Ich bin weiter der Chefredakteur, verantwortlich für alle Inhalte, die Redaktionsleiter sind verantwortlich für die Inhalte. Wir erhalten alle Redaktionen. So gesehen ist das überhaupt nicht vergleichbar mit dem Fall ProSiebenSat.1.
Illner:
OK, dann muss man fragen: Warum machen Sie diesen Betriebsübergang überhaupt? Und was heißt das ganz konkret für die Kollegen? Die Kollegen machen jetzt den Beitrag, die Kollegen beliefern das Internet, sie beliefern vielleicht auch noch den Podcast. Un sie steuern diese neue Agentur, die Sie parallel dazu auch noch gründen.
Kloeppel:
Es ist auch kein Betriebsübergang, es ist überhaupt nicht betrieblich, ganz im Gegenteil. Also, es ist eine großartige Chance, zwei Senderkompetenzen zusammenzufügen. Das, was jetzt schon passiert ist, dass einige Mitarbeiter auch für das Internet arbeiten. Das wird genauso weiter passieren wie bisher. Wir werden aber natürlich auch eine Online-Redaktion haben, in der das alles zusammengeführt wird. Im Endeffekt stellen wir uns damit nur auf die veränderten Bedingungen unseres Medienzeitalters ein. Der Nutzer ist nicht einfach mehr nur der Fernsehgucker oder der Radiohörer oder der Online-User, sondern das ist ein, manche sagen, ein "Fuser", einer der guckt und used und gleichzeitig versucht auch noch zu hören - also quasi so eine Art multitastingfähiges Individuum.
Illner:
Im Betriebsübergang?
Kloeppel:
Auf das müssen wir uns grundsätzlich auch einstellen und nicht nur wir, sondern das machen natürlich ARD und ZDF auch und alle anderen Unternehmen, die in den Medien tätig sind. So gesehen findet es auch keiner betrüblich, an den Arbeitsbedingungen wird sich nichts ändern. Wir werden sogar im Gegenteil nach und nach, das ist ja auch die Zielsetzung des Ganzen, Verträge, die jetzt im Moment noch auf einem niedrigeren Niveau sind, an das vielleicht höhere Niveau eines anderen Senders heranführen.
Illner:
Im Grunde schließen Sie ziemlich ausgeschlafen eine Verwertungskette. Sie sorgen dafür, dass Inhalte, die Sie im Fernsehen sowieso anbieten online auch da sind, als Podcast da sind und dann noch durch eine eigens gegründete Agentur entsprechend verkauft werden.
Kloeppel:
Das Einzige, was wir jetzt noch intensiver tun, da haben Sie Recht: Wir gründen eine Nachrichtenagentur, eine Fernsehnachrichtenagentur, und vermarkten die Inhalte, die wir sowieso erstellen. Wir kommen damit einem Wunsch vieler Kunden entgegen, die im Internet in irgendeiner Weise Bewegtbild anbieten wollen, aber es selber nicht erstellen können. Die suchen nach Content und die kommen auf den Markt und sagen: "Wer ist da? Wer kann uns was liefern?" - und wir können liefern.
Illner:
Da bietet - Herr Kammann - eine ursprüngliche Fernsehanstalt das an, den journalistischen Inhalt sozusagen in der multiplizierten Form . Sehen Sie darin eine Gefahr? Oder sehen Sie keine Gefahr darin?
Kammann:
Also ich sehe darin auch Chancen, weil man auf verschiedenen journalistischen Ebenen oder auch Verbreitungsebenen die Inhalte anders aufbereiten kann. Wenn ich heute beispielsweise auf Tagesschau.de klicke, sehe ich dort viele Sachverhalte und Hintergründe erklärt, die mir in der Sendung selber fehlen. Die ist ja notgedrungen immer oberflächlich, weil sie in ihrer Sendezeit höchstens neun oder zehn Themen aufbereiten kann. Alles, was mehr erklären kann, fehlt in der Regel. Insofern denke ich, dass die Multimedialität, die jetzt angelegt ist, bei allen Veranstaltern und auch bei den Verlagshäusern, ein Gewinn an Differenzierung ist. Man muss natürlich diese Sachen bedienen können, aber für ein aufgeschlossenes Publikum ist das potenziell ein Gewinn. Ich glaube auch für die Journalisten selber, weil sie natürlich andere Handschriften mitbedienen können. Und das gilt auch für die verschiedenen Genres, die für mich nebenher auch noch als journalistische Form Gültigkeit haben. Aber es ist zu befürchten, dass das nur von einem relativ kleinen Teil der Nutzer, wahrgenommen werden kann, weil der direkte Gebrauchswert nicht so auf der Hand liegt. Viele haben es natürlich auch sehr viel lieber, wenn Komplexität reduziert wird, wenn man also komplizierte Dinge auf einen relativ simplen Kern bringt. Ich denke, es kann ein Gewinn sein, aber es muss sich natürlich auch einspielen. Für Journalisten ist es in gewisser Weise eine Befreiung, weil sie aus einem Korsett, einer relativ engen medialen Beweisführung, hinkommen zu einem großen Spektrum.
Illner:
Das ist interessant, dass Sie das sagen. Heribert Prantl hat für das, was der Journalist plötzlich alles können soll, das schöne Bild des Trommelaffen gefunden - dass wir irgendwie vorne mit den Klöpfchen die Trommel bedienen, hinten irgendwie mit den Füßen noch die größere und dass wir irgendwie auch noch die Flöte blasen und insofern natürlich wirklich als pluripotente Zelle oder als pluripotentes Ganzes unterwegs und eben auch als solches gefragt sind. Die Frage an Herrn Brender wäre die: Das ZDF hat am Samstag die Mediathek eröffnet, also auch einen großen Online-Start hingelegt. Bei der ARD gibt es nicht nur ähnliche Pläne, sondern logischerweise auch einen Online-Auftritt. Ist das eine Konkurrenz für das eigene Programm? Für das eigene konventionelle Fernsehprogramm? Oder ist es ein Add-On, wie man neudeutsch sagt.
Brender:
Also, ich würde da Herrn Kammann sehr unterstützen. Ich glaube auch eher, dass wir mit den medialen Wirklichkeiten der Mediathek oder des Onlines unterstützen, erweitern, vernetzen und Gesichtspunkte, die wir im Fernsehen nicht so ausbreiten können, dort ergänzen können. Wir können verweisen, wir können aus dem Archiv dazustellen, wir können Schwerpunkte setzen, die es jedem Nutzer, Seher, Hörer ermöglichen, ein Thema umfassend und sehr schnell zu begreifen. Und das ist das, was wir nutzen. Und, Herr Lilienthal, dazu ist in der Tat kein Inder in der Lage, sondern das muss im Hause designed werden. Die Idee dazu, die Entscheidung über Schwerpunkte, die Entscheidung, auch das gesamte Umfeld zu beschreiben und zu konzipieren und zu planen, das muss im Hause geschehen. Das ist der Vorteil dieses neuen Mediums. Ich glaube, dass die Schwierigkeiten, die der Kollege des Online-Arbeitskreises vorhin benannt hat, sich relativ schnell beheben werden. Die Online-Arbeit hat eine bestimmte Geschichte. In den ersten Jahren waren Online-Kollegen von unseren Fernsehkollegen überhaupt nicht wahrgenommen worden. Inzwischen werden sie als Konkurrenz empfunden und arbeiten durchaus auf gleicher Augenhöhe zusammen. Der eine liefert das Bild, vielleicht den gesamten Kontext, und die Online-Kollegen dazu den Text und beschreiben das Thema, wie es im Online-Bereich dann auch dargestellt werden soll.
Illner:
Und das machen die Sender definitiv nicht mit der identischen Zahl an Mitarbeitern, sondern da muss es logischerweise einen personellen Ausbau geben?
Brender:
Wie in den privaten Unternehmen auch sind wir ja erst mal sehr vorsichtig an die Sache rangegangen. Insofern hat der Kollege Recht. Es sind erst mal Studenten eingestellt worden, in der falschen Ansicht, dass das eine technische Arbeit ist. Dass das aber keine technische Arbeit, sondern eine konzeptionelle, journalistische Arbeit ist, zu der eine Ausbildung nötig ist, haben wir dann nach einer gewissen Zeit gemerkt. Wir haben dann die studentischen Mitarbeiter trainiert oder wir beschäftigen Online-Redakteure mit Ausbildung oder aus anderen Redaktionen. Dazu ist auf der einen Seite Personal eingestellt worden. Auf der anderen Seite wurden in anderen Bereichen in den letzten Jahren auch bestimmte Plätze abgebaut.
Illner:
Herr Lilienthal, wir beide eröffnen den indisch-germanischen Sprachraum und Sie können jetzt gleich noch mal Bezug darauf nehmen.
Volker Lilienthal:
Ja, also der Herr Brender sagte so schön, bei einem so schönen Multimediangebot, das muss hier im Lande designed werden. Sie werden lachen Herr Brender, ich fände es gar nicht schlimm, wenn der Designer dieses Angebots in Indien säße. Wichtiger ist, dass die Journalisten, wenn sie über Deutschland zu sprechen haben, hier in Deutschland sitzen und soziale Wirklichkeit erfahren. Wir haben ja gerade erlebt, wie eine politische Talkshow danieder gehen kann, weil die Moderatorin zu lange und zu oft auf Mallorca weilt und nicht mehr so viel mitbekommt, was in diesem Lande los ist. Ich glaube, das Wesentliche ist, dass Journalisten hier leben und hier Wirklichkeit recherchieren und dann in ihrem Programm an die Leute heran bringen. Was sie über den Online-Journalismus sagen, da bin ich ein bisschen skeptisch. Ich erinnere mich, dass vor fünf Jahren bei einer Fachtagung über den damals neuen Online-Journalismus das Vorurteil "die sind alle oberflächlich diese jungen Kollegen, die haben keine vernünftige Ausbildung" durch die Tagung waberte. Da meldete sich einer von den Jungen sehr selbstbewusst zu Wort und sagte: "Nein, nein, so ist das nicht. Wir dürfen durchaus auch mal investigativ recherchieren - am Nachmittag, eine Viertelstunde." Und das meinte er ernst, das war keine Ironie, das erlebte er als investigatives Recherchieren. Wenn ich vorhin den Bericht aus der Online-Sektion gehört habe, scheint sich in diesem Bereich so viel noch nicht geändert zu haben: Da ist das Anforderungsprofil, dass der Kollege alle möglichen multimedialen Formate bedienen soll. Er wird also offenbar mehr zu einem technischen Redakteur als zu einem Journalisten, der erst mal die Grundtugenden des Recherchierens lernt, bevor er dann an sein spezifisches Publikum die Recherche-Resultate heranbringt.
Illner:
Bringen wir jungen Kollegen, jungen Journalisten mittlerweile fast völlig grundlos noch bei, was Recherchieren bedeutet, weil sich die Zeit für das Recherchieren wirklich eklatant minimiert?
Lilienthal:
Ich hoffe nicht. Ansonsten müsste man diese Zeit wieder gewinnen. Zeit ist ja ohnehin eine ganz wesentliche Grundlage für Qualität. Zeit für das Nachdenken, auch für die Besinnung, für die Reflektion, für die Recherche. Zeit ist da natürlich auch Geld. Insofern ist eine Schlüsselfrage für mich: Was kann ich an Zeit investieren? Was gebe ich diesen Kollegen? Und dazu kommt natürlich noch die Ausbildung: Wie recherchiere ich? Wenn man das aufgeben würde, dann würde man die Grundlage unseres Berufes aufgeben und dann könnte man gleich sagen, lagern wir wirklich alles aus. Übrigens, es gibt schon eine amerikanische Lokalfernsehstation, die lässt ihre Sachen in Indien schneiden und bearbeiten. Die schicken nur noch ein paar Bildchen da hin, das habe ich jedenfalls gelesen. Ich weiß jetzt nicht mehr genau die Quelle, also so fremd ist diese Vorstellung gar nicht mehr.
Illner:
Ist die Vorstellung nicht die über den technischen Vorgang, das Schneiden?
Lilienthal:
Nein, ich glaube, es geht auch ums Bearbeiten, die machen das dann irgendwie auch. Also, wie gesagt, Zeit, wer die aufgibt, der verschenkt sozusagen die Möglichkeiten, die wir überhaupt haben mit den Medien. Die Konkurrenz um Aufmerksamkeit ist ja die Krux, unter der wir eigentlich alle stehen. Wir hatten das in unserem Arbeitskreis eben: Wie kann ich Akzeptanz mit eigenem Anspruch verbinden? Ist der äußere Indikator der Quote letztlich immer die eigentliche Erfolgsmeldung für die Qualität? Ich glaube das natürlich nicht, weil man Relevanz dagegen stellen muss. Aber es ist immer schwieriger geworden, weil sich die äußeren Bedingungen nicht ändern. Ich sage selbstbewusst: "Ich möchte ein Thema in die Öffentlichkeit bringen." In der Diskussion darüber kann ich anschließend reflektieren: War das jetzt richtig? War mir der möglicherweise geringere Zuspruch die Sache trotzdem Wert? Da sind wir bei allen unseren Messmethoden weit davon entfernt, weil in der Regel die Qualität unseres eigenen Zuspruchs und der Wahrnehmung nicht gemessen wird und auch nicht besprochen werden kann. Da sehe ich also noch große Defizite. Wir sind in der Qualität unserer Beziehungskiste zwischen den Machern und den Zuschauern weit von einem Zustand entfernt, wo wir Aufschluss haben über das, was wir tun.
Illner:
Wir wissen nicht was wir tun? OK, das war jetzt irgendwie eine mehr oder weniger spaßige Abnahme dessen, was Sie gesagt haben. Frau Thofern, noch mal zu diesem Online-Aspekt und dem, was Kollegen in der Branche leisten können, leisten müssen und auch gegebenenfalls über das Normalmaß an Belastung hinaus leisten müssen.
Thofern:
Ich glaube vor allen Dingen, dass sie es leisten wollen. Ich denke, dass dieser Trommelaffe ein ganz schräges und völlig falsches Bild darstellt. Jeder Journalist, der seinen Beruf ernst nimmt und der eine Geschichte erzählen will und der an dieser Geschichte hängt, der wird sich wünschen, dass er all diese Möglichkeiten hat. Welcher Radiokollege hat sich noch nie gewünscht, dass er seine Geschichte bebildern kann? Welcher Fernsehkollege, gerade im aktuellen Bereich, hat sich noch nie gewünscht, dass er etwas mehr Zeit für sein Interview hätte? Oder dass er vielleicht das Vorgespräch, das er geführt hat, auch noch dokumentieren kann. Welcher Zeitungsjournalist, der eine Musikkritik geschrieben hat, hat noch nie darüber nachgedacht, wie schön es wäre, wenn er die Musik auch spielen könnte? Und all das geht online. Natürlich muss man das lernen. Ich teile die Ansicht, dass immer noch viel zu wenig ausgebildet und das Online-Journalismus zu wenig ernst genommen wird. Wir haben seit sechs oder sieben Jahren ein trimediales Volontariat. Ich gehe davon aus, alle anderen öffentlich-rechtlichen Anstalten inzwischen auch. Ich denke, dass man innerhalb dieses trimedialen Volontariats noch mehr Zeit für den Online-Journalismus investieren können müsste und sollte, aber die Zustände, die Herr Lilienthal beschrieben hat, die gab es mit Sicherheit. Aber sie werden von Tag zu Tag mehr Vergangenheit, weil das Medium Online richtigerweise immer ernster genommen wird. Ich glaube, dass diese Zustände daher rühren, dass Leute nur Programmbegleitung gemacht haben, dass man gesagt hat: "Dafür brauche ich auch nur einen Techniker". Denn die Inhalte die es gibt, die sind ja schon da, sie sind ja fertig, die sind ja wunderbar und müssen nur noch eingestellt werden. Inzwischen wissen wir, dass wir Inhalte für dieses Medium anders aufbereiten müssen.
Illner:
Ich will ganz kurz noch mal, auch im Sinne der Kollegen nachfragen: Ist es dann nicht automatisch auch eine Frage der Bezahlung? Wenn man früher für ein anderes Medium aus einem identischen Inhalt quasi Zweitverwertung gemacht hat, dann hat man dafür Geld bekommen. Heute ist es so, dass Sie als Journalist, als Redakteur, als Kollege so eine Geschichte eben in der multimedialen Ausprägung anbieten - entweder mit Bild, ohne Bild, im Internet oder im Podcast oder mit Vorgespräch und anderen Geschichten. Hängt das nicht mit dran? Müssten die Kollegen dafür dann nicht auch zusätzlich bezahlt werden?
Thofern:
Zumindest glaube ich, dass es nötig ist, über Berufsbilder zu reden. Denn Online-Journalismus ist ein Journalismus wie jeder andere auch und gehört deswegen genauso anständig bezahlt. Außerdem müssen möglicherweise alle Journalisten künftig mehr können, weil auch Radio, Presse und Fernsehen demnächst natürlich online verbreitet werden. Die Inhalte müssen dann entsprechend auch anders aufbereitet werden. Das heißt, wir müssen alle lernen.
Illner:
Ist das das Berufsbild der Zukunft? Die Frage geht noch mal an den großen Mann des WDR. Sehen die Journalisten der Zukunft so aus, dass wir eigentlich alles können? Dass wir den Sportreporter, den wir gestern noch überhaupt nicht zur Opernübertragung geschickt hätten, dass wir den jetzt parallel auch noch zu Musikveranstaltungen schicken?
Schmitz:
Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, wir müssen da, wo wir Fachredaktionen haben und haben wollen, dafür sorgen, dass die Fachlichkeit erhalten bleibt. Allerdings wird im Zweifel der Sportredakteur für sein eigenes programmbegleitendes Internetangebot mitverantwortlich gemacht. Das wird heute bei uns ja schon so gemacht. Insofern ist es natürlich konsequent, die Kollegen trimedial auszubilden und auch immer stärker in der Kooperation zwischen Hörfunk oder Fernsehen und Internet zu schulen. Wenn wir mit dem Hörfunk noch in der Lage sind, junges Publikum in größerer Zahl zu erreichen, dann ist das überlebensnotwendig, dass wir das können. Junge Leute unter dreißig sind inzwischen im Internet zu Hause und die hören Radio im Internet. Also bieten wir unser junges Programm Eins Live als mp3-Stream im Internet in guter Qualität an. Die Nutzungszahlen gehen rasant nach oben. Jede Woche kommen welche dazu, die nicht mehr das UKW-Radio einschalten, sondern über Internet Radio hören. Die wollen die Lebenswelt, die sie in dem Radioprogramm vermittelt bekommen, auch im Internet wiederfinden.
Illner:
Es ist wieder die Sicht des Zuschauers und des Hörers. Ich würde so wahnsinnig gerne noch mal bei den Kollegen, also bei den Redakteuren...
Schmitz:
Die Kolleginnen und Kollegen sind gerade in unserem Jugendprogramm mitgewachsen, ganz automatisch. Nur wenn die bei Programmideen, bei Ideen für neue Serien, für Specials immer mitüberlegen "wie kann man das auch im Internet umsetzen?", kann ein solcher Sender erfolgreich sein.
Illner:
In welchem zeitlichen Druck stehen wir, Herr Lilienthal? Wenn wir noch mal an die Geschichte denken, die wir vor drei Tagen gelesen haben: Das Bundesfamilienministerium sendet an insgesamt einhundertachtundneunzig Hörfunkstationen ein Erklärstück in Sachen Elterngeld und Vatergeld, und dieses Erklärstück des Bundesfamilienministeriums wird in achtundsechzig Hörfunkanstalten ausgestrahlt, ohne Nennung der Quelle.
Lilienthal:
Es hieß sogar, dreihundert Radiostationen hätten solche Programme übernommen. Wenn man aber Programmverantwortliche bei Privatsendern fragt, dann sagen die alle: "Nein, wir haben so ein Presskit noch nie in die Sendung übernommen." Also entweder übertreiben die PR-Agenturen in ihren Erfolgsbilanzen oder die Radiomacher untertreiben ihre wahre Durchlässigkeit gegenüber PR-Botschaften. Aber Frau Illner, wenn Sie erlauben, möchte ich doch bei den Arbeitsbedingungen bleiben und Herrn Schmitz mal eine ganz einfache Verständnisfrage stellen: Trimediales, bimediales Produzieren, das hört sich alles unheimlich modern und schick an. Wir sind alle gewohnt, dass wir flexibel zu sein haben, aber als Sie diese bimediale Produktionsweise im WDR aufsetzten – mit diesem schicken Projekttitel, der mir im Moment nicht einfällt - da erreichten mich in der Redaktion viele Bedenken, Befürchtungen und auch reale Arbeitserfahrungen von Kollegen in den Landesstudios. Die sagten: "Meine Güte, jetzt schicken sie uns noch los mit der Kamera, jetzt sollen wir auch noch Bilder einfangen. Ich habe das, was hier in unserem Kreis politisch los ist, noch gar nicht verstanden. Jetzt soll ich schon wieder eine neue Technik beherrschen. Wie soll ich, wenn ich die Wirklichkeit noch nicht verstanden habe, eine vernünftige Radiosendung darüber machen? Jetzt soll ich aber sogar noch einen Fernsehbeitrag machen." Also Frage an Sie: Bei Ihnen als Direktor sind solche Schwierigkeiten auch angekommen. Nehmen Sie die ernst? Und wie gehen Sie damit um?
Schmitz:
Indem wir die Euphorie, mit der wir in dieses bimediale Arbeiten in den Studios gegangen sind, inzwischen aufgrund der Erfahrungen etwas nüchterner betrachten. Das bedeutet, es gibt Themen, die können natürlich für Funk und Fernsehen von allen Kollegen aufbereitet werden. Es gibt andere, da geht es nicht, weil es um so viele Inhalte geht. Man möchte ja am Ende in dem Beitrag auch Substanz haben, und es kommen natürlich auch technische Fragen hinzu. Die Kollegen, die vom Fernsehen kommen und die jetzt Radio lernen, die brauchen auch ihre Zeit, bis sie begriffen haben, dass für Radio Ton wichtig ist. Das heißt, wenn sie da einfach den Ton vom Film abklammern, da schimpft der Radioredakteur, weil er keinen vernünftigen Ton hat. Das ist alles in der Arbeit begriffen. Ich bin gerade in den letzten vierzehn Tagen mit der neuen Fernsehdirektorin in allen Studios gewesen. Dort hat man jetzt lebbare Modelle gefunden. Das bedeutet nicht bimedial um jeden Preis, sondern nur da, wo es geht. Bei größeren Geschichten müssen auch Reporter und Reporterinnen da sein, die für beide Medien separat Bericht erstatten.
Lilienthal:
Viel besser wäre doch folgendes Arbeitsmodell: Ein Kollege aus Radio und ein Kollege aus Fernsehen, die bearbeiten zusammen ein Thema, was übrigens auch für die Verstehensleistung besser sein könnte.
Schmitz:
Das glaube ich nicht. Das muss man nach Anlässen differenzieren. Es gibt Dinge, wo sie einen Einminüter brauchen. Für die jeweiligen lokalen oder regionalen Nachrichten geht das. Überall da, wo recherchiert werden muss, wo auch Tiefe und Substanz rein muss, brauchen Sie zwei Berichterstatter.
Illner:
Ich gehe mit Ihrem Einverständnis doch noch mal zu diesem Beispiel Ursula von der Leyen. Ach so, Entschuldigung, noch ein Gedanke...
Brender:
Im öffentlich-rechtlichen Bereich sind die Online-Redaktionen noch immer mehr oder weniger weitgehend programmbegleitend. Ihr Beispiel, das Sie vorher nannten, dass ein Kollege sagt: "Ich habe mal eine Viertelstunde Zeit zu recherchieren." Gut, es mag zu dem damaligen Zeitpunkt der Fall gewesen sein. Aber wenn Frontal 21 ein, zwei Stücke recherchiert hat und wir es dann online umsetzen, ist die Hauptredaktionsarbeit nicht bei Frontal 21. Dort haben wir zwei Mitarbeiter, die das in Online-Formate umsetzen. Insofern ist die Nähe akzeptiert und wir wollen das auch so. Nach dem jetzigen Stand macht die Online-Redaktion von sich aus, wenn ihnen nicht irgendwie was vor die Füße fällt, keine eigenen Recherchestücke. Sie werden dort keine investigative Website haben, die sich ausschließlich auf Online konzentriert. Das können wir nicht, das wollten wir auch nicht. Das Ziel ist, die beiden Medien zusammen zu bringen und auf diesem Weg sind wir jetzt. Alles andere wäre, glaube ich, ein Kuckucksei.
Illner:
Wir werden auch auf jeden Fall noch mal zum Aspekt des so genannten User generated contents kommen. Ich würde aber so wahnsinnig gerne das Stichwort Zeit in die Debatte werfen, weil Zeit natürlich automatisch auch für Qualität steht. Stichwort noch mal: Da wird von einem Ministerium ein Presskit verschickt und dieses Ministerium landet in entsprechenden Hörfunkanstalten im Programm ohne eine entsprechend ausgewiesene Quelle. Warum und wann werden kommerzielle Hörfunksender dazu übergehen, Inhalte eben auch abzukaufen, anzukauen, Nachrichten anzukaufen?
Kloeppel:
Da ich nicht wirklich für den Hörfunk sprechen kann, sondern nur für das Fernsehen, bin ich quasi der Büttel auf den man draufhaut.
Illner:
Er hat es gerade selber gesagt. Sie sind so tapfer, Herr Kloeppel.
Kloeppel:
Ich bin ganz tapfer und mache den Rücken ganz breit. Ich finde es natürlich nicht gut, dass im Ministerium überhaupt jemand auf die Idee kommt, auf die Art und Weise PR für die eigene Sache zu machen. Das ist nicht das Verständnis von freier Presse, von Rundfunk und auch von Meinungsbildungen in unserer Gesellschaft, von dem ich erwarte, dass es in einer Bundesregierung oder in einer Bundesbehörde existieren sollte. Aber da es nun mal existiert, finde ich es genauso schlimm von den Radiosendern, dass sie es übernehmen. Nichtsdestotrotz ist das ganze keine so ganz neue Angelegenheit. Ich erinnere an electronic Presskits, also sogenannte IPKs. Die werden beispielsweise vor Filmpremieren breit gestreut und nicht nur bei den kommerziellen, sondern genauso auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt.
Die Film-Firma stellt eine rare Ware wie den Schauspieler in Form eines Interviews zur Verfügung. Und natürlich ist es für die einfacher, wenn der Pressesprecher der Fernsehfirma oder der Filmproduktionsfirma den interviewt, als wenn da fünfundzwanzig Journalisten auftauchen und fünfundzwanzig Mal die gleiche Frage stellen. Also kriegt man diese Kits an die Hand und kann sich dann überlegen: "Nehme ich das oder nehme ich das nicht?"
Illner:
Das ist jetzt tatsächlich noch ein sehr zartes Beispiel. Also die nächste Frage wäre ja, ob diese vielen Motorsportsendungen, Gesundheitssendungen, Fitnesssendungen tatsächlich noch von den Sendern bezahlt werden. Was denken Sie?
Kloeppel:
Sprechen Sie jetzt über Rundfunk oder sprechen wir über Radio, über Fernsehen? Ich bin bei RTL für keine Sendung zuständig, die in irgendeiner Weise von Irgendeinem gesponsert wurde. Es ist auch nicht unser Selbstverständnis von dem, was wir tun. Ich glaube auch nicht, dass die Zuschauer es auf Dauer akzeptieren würden, wenn sie ständig in irgendeiner Weise eine Gesundheitssendung präsentiert bekommen, in der Heilerde für das Non plus Ultra erklärt wird. Wenn man eine halbe Stunde über Heilerde sehen will, kann man das genauso gut vielleicht auch bei der Hobbythek. Manchmal geht es ja auch darum, ob da die Inhalte so viel besser sind, als das, was die Firma zur Verfügung gestellt hat, weiß ich nicht. Aber nichtsdestotrotz ist es nicht meine Zielsetzung, diese Firmen in irgendeiner Weise in das Programm reinzuheben. Ganz im Gegenteil.
Illner:
Das soll hier und da tatsächlich geschehen. Ein Kollege des DJV hat vorgeschlagen, mal darüber nachzudenken, ob wir nicht finanzielle Strafen einführen sollen, wenn es eklatante Falschmeldungen gibt. Also, wir bleiben weiter bei dem Gedanken. Der Journalismus steht unter einem entsetzlichen, zeitlichen Druck. Auswirkungen dieses zeitlichen Drucks sind automatisch Qualitätseinbußen. Vorschlag des DJV: Sollten wir nicht finanzielle Strafen für eklatante Falschmeldungen einführen. Was sagen Sie?
Kammann:
Tja eine Art von Produkthaftung vielleicht.
Illner:
Produkthaftung?
Kammann:
Ja, so könnte man das hier nennen. Also, wenn man etwas Falsches gemacht hat, damit beeinflusst man ja in gewisser Weise die Öffentlichkeit. Ob das jetzt eine finanzielle Strafe sein muss oder ob es herkömmliche Sanktionen sind, weiß ich nicht. Es gibt ja schon jetzt die Möglichkeit, bei bestimmten Verstößen Öffentlichkeit herzustellen, wo man selber auch zugeben muss, dass man etwas Falsches gemacht hat. Geld ist natürlich oft der wirksamste Hebel, aber im Augenblick kann ich mir das noch nicht vorstellen. Ich denke schon, dass wir Instrumentarien bräuchten, um Verstöße einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Missstände gibt es ja eine ganze Menge. N-tv beispielsweise hat ja Filme von Umweltschutzorganisationen eingekauft oder geschenkt bekommen, die damit Themenplacement gemacht haben. Das gibt es auch in Verbrauchermagazinen. Da gibt es eine Grauzone, die ich nur eine Schwarzzone der gräulichen Art nennen kann. Da sollte es tatsächlich möglich sein, dieses sehr viel stärker öffentlichkeitswirksam zu beleuchten, kritisch zu beleuchten und damit diejenigen, die das verursachen, auch an den Pranger zu stellen. Die Geldstrafe ist vielleicht eine erste Möglichkeit, aber wer will darüber zu Gericht sitzen? Das ist sicherlich auch rechtlich äußerst schwierig. Aber unabhängig davon: Eigenreflektion tut, glaube ich, allen gut. Da sind auch die sogenannten seriösen Medien immer mit angesprochen. Auch hinter den guten, glaubwürdigen Journalisten verdecken sich manchmal Vorgänge, die nicht jeder von uns koscher finden würde. In der Regel braucht es Instrumentarien - auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Instrumente wie beispielsweise nach englischem Vorbild, wo sich auch Betroffene selbst äußern können, sind bei uns Mangelware bzw. gar nicht vorhanden. Da gibt es Defizite.
Illner:
Volker Lilienthal hat einen dieser Skandale bei den Öffentlich-Rechtlichen in der ARD aufgedeckt. Wie groß sehen Sie, mit Blick auf die Branche, auf das, was in der gesamten Medienbrache geschieht, die Gefahr, dass immer mehr Inhalte tatsächlich geschenkt, gekauft, gegeben werden und dass der eigentliche Journalismus, die journalistische Qualität hinten runter fällt.
Lilienthal:
Also, natürlich hat die Branche in den letzten zwei Jahren einen Lernprozess durchgemacht. Ich glaube, dass wir alle sehr alarmiert sind, dass wir im Moment PR strenger prüfen. Ich glaube, dass zum Beispiel gerade diese Affäre von Frau von der Leyen aufgeflogen ist, hat auch mit dieser verstärkten Sensibilität zu tun. Man versteht, dass das gewisse Gepflogenheiten des Journalismus einfach verletzt, weil es keine originär erstellten journalistischen Inhalte sind. Insofern bin ich da gar nicht pessimistisch im Moment. Wir sind alle sensibilisiert für dieses Problem der PR. Ich glaube, dass diese Affären geeignet sind, dass über sie auch wieder Gras wächst. Das heißt, die Sensibilität kann auch wieder abnehmen. Die Medien werden umso durchlässiger für PR, je mehr ein einzelner Sender zum Beispiel nicht genügend gut ausgebildete Journalisten hat, die angeliefertes Material prüfen können oder die selbst in die Wirklichkeit rausgehen und eigene Storys machen und damit zurückkommen und auf den Sender gehen. Wenn die Personalausstattungen nicht gut sind, wird es wieder zunehmen. Natürlich müssen auch wir uns als Kollegen immer an die eigene Nase fassen. Wir müssen unsere Berufsrolle schärfen, wir müssen uns klar darüber sein, dass wir Journalisten sind, die einem Publikum eine geprüfte, möglichst neutrale Darstellung von Wirklichkeit anzubieten haben. Dazu gehört, dass wir alles angelieferte Material sehr, sehr kritisch prüfen. Diese Schärfung unserer Berufsrolle, die brauchen wir alle. Da nehme ich übrigens uns Medienjournalisten nicht von aus.
Illner:
Wollen wir es bei diesem guten Wort belassen in Bezug auf die PR und die Frage nach Qualität. Gerne will ich noch mal für zwei Minuten die Runde machen, wie sehr Sender, Sendeanstalten in der Zukunft darauf hoffen, vom Zuschauer, vom User, Inhalte für das Programm geliefert zu bekommen. Und dann geben wir die Fragen noch mal zehn Minuten frei an die Kollegen, die hier auf dem Panel sitzen. Fangen wir vielleicht bei Herrn Kammann an. Herr Kammann, wie gut oder wie schlecht beraten sind Sender, in der Zukunft darauf zu hoffen, dass Teile ihres Programms vom Publikum gemacht werden?
Kammann:
Es ist ja anscheinend ein Reiz da, sich zu äußern. Es gibt da einen Exhibitionismus, auch in individueller Hinsicht. Es gibt Voyeurismus. Wenn Sie sich anschauen, was die Bild-Zeitung mit ihrer Aktion macht, können Sie diesen Mechanismus sehr gut beobachten. Ich glaube, man ist in der Regel schlecht beraten. Diese Art von individueller Äußerung kann im Netz vielleicht ihren Platz haben. Da gibt es ja auch vielfältige Möglichkeiten. Bald ist ja jeder sein eigner Sender, es gibt dann nur keine Empfänger mehr, das ist eine andere Frage. Aber ein professioneller Sender sollte sich genau auf diese professionellen Tugenden besinnen und sie pflegen. Er hat doch eben genau das, was die anderen nicht haben, nämlich eine bestimmte Kompetenz - im Idealfall jedenfalls. Wir haben ja eben gehört, es gibt Defizite. Aber das, was wir als Professionalität angesammelt haben, sollten wir auch nach außen stellen, das ist doch das Pfund, mit dem man wuchern kann. Ich glaube auch, dass ein immer größerer Teil des Publikums - von diesem Oberflächenreiz abgesehen - merkt, dass man eine Adresse braucht, wo man vertrauensvoll gute Arbeit erwarten kann. Das hilft mir, mein eigenes Leben besser zu bewältigen. Das ist doch das, was ich ohnehin von Medien erwarte. Einen Handlungsrahmen zu begründen, Argumente zu liefern, so oder so. Das ist in einem großen Spektrum natürlich immer vielfältig. Ich glaube, es wäre völlig falsch, diese eigene Kernkompetenz, mehr zu wissen, besser einordnen zu können, kritischer zu sein, zu Gunsten dieses kleinen Oberflächenreizes aufzugeben, dass sich Onkel Franz dann eben auch mal wieder findet in den Medien. Das hat ganz andere Foren, die können sich ja auch organisieren und tun es ja auch. Dazu brauchen wir nicht die großen "offiziösen Medien", wenn ich das mal so sagen darf.
Illner:
Wie sieht es ein Onliner? Herr Schindel raus damit.
Schindel:
Ich sehe das relativ zwiespältig. Zum einen glaube ich, dass der User Generated Content für viele Medienanbieter einfach einen Reiz darstellt, weil er umsonst ist. Ich spare ja Redaktionsleistung ein. Und das freut, glaube ich, wahnsinnig viele Menschen, die dafür sonst hätten bezahlen müssen. Nur ein Beispiel: Sat.1 hat dieser Tage die Akquise von wer-weiß-was.de bekannt gegeben, einem sogenannten Expertenportal, wo dreihunderttausend Menschen als Experten geführt werden, die Dinge erklären. Sat.1 hat das in der Homepage bei Nachrichten abgebildet. Irgendwann werden diese Experten aber mit ihrer Meinung abgebildet. Ist doch ganz klar, dass an der Stelle die Sorgfaltspflicht von Redaktionen verletzt wird und dieser Content, der für lau zu haben ist, abgebildet wird. Das kann nicht der Weg sein, da muss man ganz klar nein sagen. Ich finde es vollkommen legitim und auch angenehm zu sehen, wenn der WDR auf seiner Homepage zum Beispiel die WM-Partykeller des letzten Jahres abbildet. Das finde ich klasse. Bei der Zeitung, wo eine Leserblattbindung zustandekommt, ist das ein ganz toller Mechanismus und da wo es Rücklauf gibt auf zuvor produzierte journalistische Leistungen ist das auch OK. Aber bitte keinen Ersatz!
Thofern:
Dieser User Generated Content spart kein Geld, wenn Sie Qualität aufrechterhalten wollen. Ganz im Gegenteil, dann kostet das Geld und Sie müssen dann mit dieser Fülle von Material arbeiten, Sie müssen aussortieren, Sie müssen auswählen. Das tun, was uns eben ausmacht, da teile ich die Meinung von Herrn Kammann. Als professioneller Anbieter, als Journalist können Sie nicht jeden User Generated Content einfach verwenden. Dann verlieren Sie genau das, was Sie ausmacht, nämlich die Glaubwürdigkeit und die Nachprüfbarkeit Ihrer Information. User Generated Content hat den Vorteil, das er radikal individuell ist und völlig unzensiert, und es widerspricht jeder Form von Journalismus, dass man wahllos alles präsentiert. Hinzu kommt, dass die Internet-Community uns dafür auch gar nicht braucht. Die brauchen keinen journalistischen Anbieter, um ihren Content präsentieren zu können. Im Gegenteil: Wenn Sie versuchen, das zu tun und dann zu viel auswählen, machen sie sich sogar noch unbeliebt. Warum soll denn jemand, der sein Video bei YouTube hochladen kann, es bei einem öffentlich-rechtlichen Sender einreichen und dann am Ende auch noch abgelehnt werden? Das muss der doch gar nicht haben. Von daher glaube ich, dass man klug beraten ist, eine Schnittstelle zum User Generated Content zu schaffen, um den Kontakt zu dieser Community nicht zu verlieren, aber diesen Content nicht unbedingt ungeprüft auf die eigenen Seiten zu lassen. Denn damit verliert man einfach wirklich das, was ein journalistisches Medium ausmacht.
Illner:
Meinen Sie, dass wir in zehn Jahren noch den Unterschied sehen werden zwischen den Bildern, die ein User mit seiner Digicam aufgenommen hat, und denen, die von einem klassischen Kameramann stammen? Werden wir also versaut als Zuschauer?
Thofern:
Also qualitativ, glaube ich, wird man den Unterscheid nicht sehen. Aber es kommt ja auf die Auswahl an. Was uns ausmacht, ist ja die Nachrichtenauswahl, die Themenauswahl. Und ich denke, auch die Bild-Zeitung wird relativ viel Arbeit haben mit ihren Leserfotos.
Illner:
Stimmt, davon ist auszugehen. Frage an Herrn Kloeppel. Wie sehr soll in der Zukunft der User, der Nutzer, der Zuschauer von RTL und den Homepages und Clipfisch heißt doch bei euch diese...
Kloeppel:
Clipfisch heißt sie bei uns, ja.
Illner:
Diese nette YouTube-Ausgliederung, wie sehr soll das auch Bestandteil des Programms werden und ist es gegebenenfalls schon?
Kloeppel:
Da müssen wir trennen zwischen Unterhaltungsbereichen und Informationsbereichen. Bei Unterhaltung ist das ja nichts Neues, der User Generated Content. Seitdem es "Americas funniest Homevideos" gibt, ist das ja der Renner nicht nur in Amerika, sondern in allen möglichen anderen Ländern auch. Das gibt es in Deutschland inzwischen auch und wird mit genauso großer Begeisterung von den Zuschauern gesehen, weil die auch sagen: "Na klar, das ist ein Unterhaltungsprogramm." Ob die Katze in die Vase gefallen ist oder ob jemand sie reingestopft hat - im Endeffekt ist es egal. Sehen wir alle irgendwie dann doch leider gerne. Beim Journalismus ist es absolut richtig, was Frau Thofern sagt. Natürlich müssen wir als Geldgeber dazwischen sein. Wir müssen das, was reinkommt aussondern. Wir müssen recherchieren, nachprüfen, überprüfen, ob das, was wir bekommen haben, tatsächlich überhaupt journalistischen Ansprüchen entspricht. Und wir stellen dabei fest, dass wir eine riesige Masse überhaupt nicht verwenden und nur einen winzigen Bruchteil davon ins Programm nehmen können. Wir öffnen uns ohnehin, sagen wir mal, die Tore nicht so weit, dass wir sagen: "Schickt uns mal alles, was euch auffällt", sondern wir haben beispielsweise bei einem Sturm wie Kyrill gesagt: "Wenn es bei Ihnen Sturmschäden gibt und Sie das mit Ihrem Handy filmen können, tun Sie es. Schicken sie es uns zu, wir gucken dann, was wir damit machen." Wir sind danach sogar noch hingefahren und haben mit den Leuten gesprochen, wie das eigentlich entstanden ist. Wo ist der Baum jetzt, der gestern auf Ihr Haus drauf gefallen ist? Dann ist es durchaus möglich, dass man so etwas journalistisch einbaut, aber es braucht immer die Journalisten dazwischen, die auswählen, überprüfen und dann entscheiden, ob es überhaupt in das Programm passt oder nicht.
Illner:
Es gibt ja diesen Fachterminus: Also man nennt diese Bilder, die man von professionellen Produktionsfirmen angehäuft hat - Unfallbilder, Kriminalitätsbilder - gerne Geierbilder. Offensichtlich haben wir dann doch noch mal so eine kleine Verhaltung, wenn wir sie von einem User, also von einem ganz normalen Menschen von nebenan irgendwie zur Verfügung gestellt bekommen.
Kloeppel:
Bei den Geierbildern - ich kenne sie noch unter einem anderen, viel schlimmeren Ausdruck - ist es natürlich genauso wichtig, dass die Journalisten in der Redaktion entscheiden, nehmen wir das oder nehmen wir das nicht. Wir bekommen auch eine Unmenge von diesen Bildern von wie auch immer gearteten Kameraleuten angeboten, die uns Unfälle, Brände, ich weiß nicht was alles anbieten. Da können wir nichts mit anfangen, nein, passt nicht in unser Programm.
Kammann:
Entschuldigen Sie Herr Kloeppel, ich finde das jetzt nicht besonders glaubwürdig, was Sie erzählen. Ich habe von Ihnen persönlich, mit Ihrem charmanten Gesicht, einen RTL-Trailer gesehen, wo Sie dazu auffordern "Schickt uns eure Videos!" Jetzt frage ich Sie, wenn da Massen kommen...
Kloeppel:
Dann haben Sie möglicherweise diesem Trailer nicht richtig zugehört. Denn in diesem Programm haben wir ganz klar gesagt: "Wenn Sie etwas sehen, von dem Sie glauben, dass es in irgendeiner Weise in eine unsere Nachrichtensendungen Eingang finden könnte, dann schicken Sie es uns zu." Die Zuschauer wissen sehr wohl, was in unseren Nachrichtensendungen passiert, und wir sind immer noch als Journalisten davor und sagen: "Passt oder passt nicht". Es ist ja nicht so, dass jeder, der uns mit dem Handy irgendetwas zuschickt, damit sofort den Zugang zum Programm gefunden hat.
Kammann:
Wenn Sie sagen, es kommt so viel rein, aber das Wenigste ist zu gebrauchen, frage ich mich erstens: Warum machen Sie diese Aufforderungen weiter? Zweitens sehe ich die große Gefahr, dass Ihre Redakteure sozusagen durch die Sichtung dieses angeschwemmten Materials absorbiert werden in Ihrer Aufmerksamkeit. Da wird Arbeitszeit verzehrt, die Ihre Gesellschafter teuer bezahlen und die Leute sollten lieber eine andere Arbeit...
Kloeppel:
Machen Sie sich mal nicht zu viel Sorgen um die Arbeitsbelastung unserer Redakteure. Das ist immer noch insofern überschaubar, als dass wir sehr wohl wissen, wie viel rein kommt und wie viel wir davon durchgucken müssen. Es ist schon sehr schnell erkennbar, was davon überhaupt ansehbar ist und was nicht. Wenn wir diesen Aufruf machen, ist es natürlich - wie auch bei einer ganz normalen Tageszeitung - eine klassische Form der Bindung an die Zuschauer. Wir haben ja eben schon darüber gesprochen. Frau Thofern hat es ja auch gesagt und auch die Kollegen drüben. Natürlich will man in irgendeiner Weise auch den Dialog mit seinen Zuschauern aufrechterhalten. Genau wie eine Regionalzeitung oder eine Lokalzeitung zu ihren Lesern sagt: "Leute, wenn Ihr irgendetwas habt, das euch auffällt, ruft uns an, schickt uns ein Foto, seid dabei." Warum sollen wir das im Fernsehen nicht machen? Also Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen darüber machen, dass da jetzt irgendwelche Inhalte über unseren Wellen ausgestrahlt werden, die in irgendeiner Weise nicht überprüft sind.
Kammann:
Sie laden Ihre Zuschauer zu Geierfilmen ein.
Kloeppel:
Genau das tun wir nicht. Wenn Sie auf unsere Homepage gehen, dann steht ganz klar drauf, was wir alles nicht wollen. Wir wollen keine Unfallbilder haben, wir wollen nicht, dass die Leute behindert werden, da wird alles ganz klar geregelt. Machen Sie sich mal wirklich keine Sorgen darüber.
Kammann:
.....über soziale Erfahrungsprozesse zu erzählen in Ihrem Programm.
Kloeppel:
Was wir bei uns beispielsweise gemacht haben. Sehen Sie, wir haben im vergangenen Juni einen Reporter einen Monat lang unter den Bedingungen eines Hartz IV-Empfängers leben lassen. Das hat dieser Reporter getan, indem er eine eigene Videokamera mitgenommen hat. Er ist auch von einem Kameramann begleitet worden. Die Videoerfahrungen sind alle im Online-Bereich eingestellt worden. Wir haben Blogs darüber geführt. Wir haben dieses so intensiv bearbeitet, wie wir bisher noch kein anderes Thema in diesem Bereich bearbeitet haben. Wenn Sie also glauben, dass wir uns im Endeffekt nur, wie Sie möglicherweise ja annehmen, auf Geierbilder stürzen - sorry, da haben Sie sich vertan. Da müssten Sie unser Programm vielleicht öfter gucken, dann wäre Ihnen auch aufgefallen, dass genau diese sozialen Aspekte durchaus bei uns vorkommen.
Illner:
Nun wird es auch noch emotional auf die letzten Meter. Der WDR ist noch mal ganz kurz am Start und sagt uns, wie sehr Sie glauben, dass wir gut daran tun, einerseits den Kontakt zum Zuschauer nicht zu verlieren, ihn andererseits aber dazu aufzufordern unser Programm-DJ zu sein.
Schmitz:
Wir machen ja seit 1974 User Generated Content, seit der Erfindung der Sendung "Hallo Ü-Wagen". Seitdem können wir mit Menschen regelmäßig Ihre Sicht der Dinge erörtern, Ihre Lebenserfahrungen ungefiltert im Radio verbreiten. Also, so ganz neu ist das auch nicht. Dies hat jetzt neue Wege gefunden, es ist eine schöne Spielerei zur Hörerbindung. Es spart überhaupt keine Arbeit, weil man es bearbeiten muss, weil man es beantworten muss. Die Regeln der Programmverantwortung gelten ja auch dort. Ansonsten, glaube ich, gibt es viele Menschen, die froh sind, dass sie auf den Knopf drücken können und da kommt was raus. Interaktivität ist ja auch anstrengend auf die Dauer.
Brender:
Jeder Zuschauer oder jeder Bürger in diesem Lande, der uns sehen oder hören kann, ist ein potenzieller Augenzeuge für Geschehen in dieser Gesellschaft, so sehen wir das. Die Frage ist, ob ich in einer bestimmten Richtung kitzle, auffordere, animiere, um dann auch nur ein bestimmtes Genre von Bildern einzusammeln. Das gibt es auch, das tun wir nicht. Wenn wir Briefe bekommen, lesen wir die sehr gründlich und gucken, was drin steckt. Wenn wir Videopost bekommen, gucken wir uns das sehr gründlich an und gucken, was drinsteckt. Wir animieren nicht und fordern nicht dazu auf, weil die Arbeit, eine Überprüfung vorzunehmen, Zeit kostet. Allein das "schönste Familienfoto" macht dem Journalisten eine Riesenarbeit. Er muss zurückrufen, der Zuschauer muss bestätigen, dass das Bild nicht geklaut worden ist, dass er uns die Rechte dazu gibt - also ein Instrumentarium, das ungemein viel Arbeit kostet. Und da bin ich der Meinung von Herrn Lilienthal: Wir sollten die Zeit wirklich nutzen, um den Journalisten Erfahrungen sammeln lassen in dieser Gesellschaft oder außerhalb. Er sollte Zeit haben, um mal denken zu können, kombinieren zu können, unterschiedlichen Dinge zusammensetzen zu können. Wenn ich mich zu sehr auf die Augenzeugen verlasse, heißt das im Grunde nur, dass ich sage: "Na, da wird schon einer kommen, um zu erzählen, wie die Welt aussieht." Damit verhängen wir uns unser eigenes Weltbild und unsere Wirklichkeit, und das wollen wir nicht.
Illner:
Wir schaffen fünf Fragen von Ihnen. Frei heraus damit. In wem köchelt es? In wem loderts? Der Mann mit Schlips, blaue Krawatte - super er steht schon auf, wunderbar.
Frager 1:
Ich will mal die Chefetage fragen zur Relation Festangestellte und Freie. Das hat ja möglicherweise mit den Arbeitsbedingungen und der Qualität im Rundfunk zu tun. Die Erwartung der KEF ist eindeutig: In jeder Rundfunkanstalt pro Jahr immer ein paar weniger Festangestellte. Wie das gehen soll ist ein Geheimnis, aber es funktioniert. Das heißt, die Relation wird anders. Nun wurde in einem der Foren hier behauptet, dass der Mut für Festangestellte wohlfeil ist und sie, ohne das sie es richtig merken, peu à peu aus dem Programm gedrängt werden, wenn sie sich nicht so verhalten. Was ist eigentlich der Vorteil? Warum werden nicht mehr fest angestellt? Warum immer mehr Freie?
Schmitz.
Wer sagt denn, dass wir nicht mehr Redakteure und Redakteurinnen gebrauchen könnten? Weil die Arbeit ja auch in der Tat mehr wird. Wir hatten darüber gesprochen, da sind uns ganz enge Grenzen gesetzt, uns bleibt gar nichts anderes übrig, als die Arbeit auszulagern, als freie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu beschäftigen. Hier kommen aber zwei Probleme zusammen. In der Diskussion heute Nachmittag ging es ja auch um das Problem, dass es bei einigen Anstalten Kollegen und Kolleginnen gibt, die Zeitverträge haben, die für sechs Jahre, für zwölf Jahre als Redakteure und Redakteurinnen arbeiten dürfen und deren Arbeitsverträge dann auslaufen müssen. Das ist eine Regelung, die tut richtig weh. Der Festeinstellungsplan ist ein Versuch, mit dem Problem umzugehen. Wir im WDR gehen da einen anderen Weg, wir haben diese Begrenzung nicht. Dafür dürfen aber die Kolleginnen und Kollegen nur eine bestimmte Anzahl von Tagen im Jahr arbeiten. Beides ist nicht gut, ich kann mir aber vorstellen, dass gerade, wenn man wirklich reingewachsen ist in so eine Struktur - nach acht, neun, zehn Jahren - dass es dann in der Tat für beide Seiten, für die Redaktion, für die Programme aber auch für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eine ganz besonders bittere Situation ist, die dann auf sie zukommt.
Brender:
Also, der Vorwurf, dass das öffentlich-rechtliche System zu wenig Beschäftigte hat, ist in dieser Gesellschaft sehr selten.
Horst Kleuser:
Krawatte gelb bin ich, Horst Kleuser. Ich würde eigentlich gerne zu zwei Dingen keine Frage stellen, sondern Bemerkungen machen. Wir haben bei der Frage nach der Qualität im Rundfunk sehr viel über technische Darreichungsformen gesprochen, ob das nun Fernsehen ist oder Online oder Radio - das ist meiner Meinung nach fast schon ein Schritt zu weit. Ich fände, es täte uns Journalisten gut, manchmal den Schritt zurück zu gehen und da beziehe ich ganz großzügig sogar noch die Zeitungskollegen ein. Qualität ist zunächst einmal das journalistische Handwerkszeug. Und das scheint mir bei den vielen Möglichkeiten der Verbreitung manchmal ein bisschen zu kurz zu kommen. Und das ist für alle, die im Journalismus tätig sind, zunächst mal gleich. Hartnäckigkeit, Sauberkeit bei der Recherche, Skepsis allen Informationen gegenüber und all diese Dinge. Die brauche ich, egal ob ich Online mache, Radio, Fernsehen oder Zeitung. Und es täte uns allen, wenn wir über die neuen Techniken nachdenken, vielleicht von Zeit zu Zeit ganz gut, das nicht zu vergessen. Denn, wenn wir nicht diese Grundlagen haben, dann ist es egal, ob wir Fernsehen machen oder Online oder alles gleichzeitig, das spielt dann gar keine Rolle.
Illner:
Ich würde davon ausgehen, das tun wir nicht. Aber wir folgen Ihnen gerne weiter!
Kleuser:
Ich merke in der Beobachtung, auch im Kontakt mit Kollegen, dass das nicht mehr bei allen gleichermaßen geschätzt, ja vielleicht gar nicht mehr so bekannt ist. Manche Dinge müssen einfach schnell da sein. Ich stamme ja aus einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, obwohl es mir bei dem Wort Anstalt immer kalt über den Rücken läuft - also aus dem öffentlich-rechtlichen System. Und das ist eine Frage, die mir hoffentlich nicht negativ ausgelegt wird, aber: Wenn sich soviel zum Modernen verändert mit diesen technischen Darreichungsformen, haben die öffentlich-rechtlichen Anstalten die neuen Organisationsformen dazu, um diese Medien zu bedienen und zu beliefern. Wir haben noch Organisationenformen, die vielleicht gar nicht geeignet sind, auf die Herausforderungen, die vom privaten Bereich auf uns zukommen, auch zu antworten. Das ist zum Teil noch sehr, sehr stringent an Behörden orientiert. Ich sage ein kleines Stichwort: leistungsgerechte Gehälter. Die müsste es auch mal irgendwann geben. Haben wir noch die richtigen Gefäße, für das, was wir in der veränderten Medienlandschaft zu leisten haben?
Illner:
Danke für diese Anregung. Herr Kaiser.
Lothar Kaiser:
Wolfgang Schmitz hat ganz zu Anfang gesagt, dass den Redakteuren wieder die Zeit eingeräumt werden sollte, selbst etwas mehr journalistisch tätig zu werden, weil sie mehr planen und verwalten. Ich begrüße das sehr. Gleichzeitig haben wir aber anschließend von dem Trommelaffen gesprochen und ich nenne ihn nicht Trommelaffen, ich nenne ihn die Eier legende Woll-Milch-Sau. Wenn dieser Redakteur zeitgleich dann noch, egal ob er beim Fernsehen oder beim Hörfunk ist, die Online-Geschichten mitmachen soll, Bilder reinstellen oder Audiofiles, oder was auch immer, dann funktioniert das nicht. Ich bin sehr wohl für eine trimediale Ausbildung, ich bin sehr wohl dafür, dass der Kollege alle drei Medien kennen lernt und sich dann entscheidet, wo er seine Zukunft sieht. Aber lassen wir doch die Kirche beim Dorf: Das alles einem aufzubürden und dann auch noch zu sagen, und jetzt mach noch mehr eigene Beiträge, das funktioniert nicht.
Illner:
Ich glaube die Äußerung kam von Frau Thofern, und insofern würde ich ihr noch mal das Wort geben. Wir bleiben beim Bild vom Trommelaffen und fragen uns: Kann der das Blasorchester ersetzten?
Thofern:
Nein, kann er natürlich nicht. Aber noch mal, es ist ja weder lächerlich noch peinlich, wenn ein Journalist versucht, die Geschichte, die er erzählen möchte, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu erzählen. Und ich glaube, das ist eine Bereicherung und wird mehr Qualität bringen, wenn das jeder kann. Noch nie hat jemand davon gesprochen, dass er das alles zeitgleich tun können müsste. Und nach unserer bisherigen Erfahrung würde ich immer davon ausgehen, dass wir in der aktuellen Berichterstattung eine höhere Spezialisierung brauchen werden. Denn so lange ich Radio, Fernsehen und Online gleichzeitig ausstrahle bzw. Online stelle, wird Aktualität in allen drei Medien gleich wichtig sein. Und dann kann kein Journalist alles gleichzeitig bedienen, sondern er muss dann immer eine Reihenfolge machen und die wird immer falsch sein. Also brauche ich in dem Bereich mit Sicherheit mehrere Kollegen, die ein Thema beackern. Aber überall da, wo es semiaktuell wird, wo es gerade in die Fachkompetenz geht, gerade in die Ressorts wie Kultur, wo ich ein bisschen mehr Zeit für ein Thema habe, wo ich vielleicht lange recherchiere und mir von Anfang an überlege, wie will ich dieses Thema umsetzen? Da werde ich keinen Trommelaffen haben, sondern ich werde tatsächlich in der Lage sein, ein Thema so aufzubereiten, wie ich es mir schon immer gewünscht habe und das halte ich für einen großen qualitativen Fortschritt.
Illner:
Okay. Und wir fragen uns dann vielleicht auch insgeheim unter uns Kollegen, ob wir jetzt plötzlich tatsächlich viele technische Möglichkeiten und viele technische Übertragungsmöglichkeiten gewonnen haben - aber eigentlich immer nur den identischen Inhalt zur Verfügung. Wie auch immer, ich möchte mich sehr herzlich bedanken für eine ausgesprochen anregende und instruktive Diskussion und würde vorschlagen, dass Sie damit bilateral, multilateral fortfahren. Ich wünsche Ihnen für den nächsten Tag des Kongresses natürlich nur das Beste. Bleiben Sie heiter, irgendwie. Vielen Dank.






