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http://www.djv.de/index.php?id=1906&type=98 | Druck: 22.05.12 23:28:55 |
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Dokumentation
DJV-Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität"
3./4. September 2007, IFA Berlin
Wie viel Geld braucht Qualität?
Die Zukunft der Rundfunkfinanzierung
Podiumsdiskussion mit:
Jürgen Doetz (VPRT)
Dagmar Reim (RBB)
Dr. Tobias Schmid (RTL)
Prof. Dr. Norbert Schneider (Landesanstalt für Medien NRW)
Hans Joachim Suchan (ZDF)
Moderation: Jörg Wagner
Jörg Wagner:
Ich bedanke mich erst einmal beim Veranstalter für die nette Einführung zu meiner Person, aber ich bin heute der Unwichtigste. Ich habe nur die Aufgabe, die in den letzten Tagen ja wieder deutlich gewordene Verhärtung zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Rundfunk ein bisschen zu versachlichen und nach gemeinsamen Wegen zu suchen. Oder auch vielleicht nach unterschiedlichen Wegen, wie sich Qualitätsjournalismus in beiden Strukturen durchsetzen kann oder auch nicht. Vielleicht ist ja die These von dem Fisch und dem Angler doch nicht so überholt, wie uns Norbert Schneider eben deutlich gemacht hat. Vielleicht ist Angeln eine Disziplin, die zeitlos ist, und vielleicht kommen und gehen ja die Finanzinvestoren. Aber darüber werden wir gleich reden. Ich möchte Ihnen zuerst die Runde vorstellen. Und zwar würde ich jetzt jeden meiner Panelteilnehmer bitten - weil ich glaube, das ist entscheidend, damit wir in diese Diskussion nicht mit unterschiedlichen Voraussetzungen hineingeraten - auch wenn es schwer fällt, diesen Qualitätsbegriff ein bisschen zu versinnbildlichen. Dagmar Reim, Intendantin der ARD-Landesrundfunkanstalt Berlin-Brandenburg: Sie haben ein Haus übernommen, das finanziell nicht besonders gut ausgestattet war bzw. zwei einzelne arme Brüder zusammen führen müssen. Geld spielt bei Ihnen eine wichtige Rolle, aber ist nicht alles. Ist die Streichung oder die Verkürzung der Politmagazine ein Akt der Qualitätserhöhung gewesen?
Dagmar Reim:
Auf jeden Fall war es kein Akt der Qualitätsminderung. Warum nicht? Ich habe bis heute von den Macherrinnen und Machern der politischen Magazine, die dies selbstverständlich bedauern, noch kein einziges inhaltliches Argument gehört. Ich habe nur gehört: "Wir haben weniger Zeit." Das ist richtig. Kein Mensch hindert aber die Kolleginnen und Kollegen daran, zum Beispiel ein Siebzehn-Minuten-Stück in ihrem Magazin zu platzieren oder zwei mal neun plus so und so viel. Mit anderen Worten: Ich bin eine entschiedene Anhängerin der Magazine. Dass sie aber ein Recht hätten, weil sie seit vierzig, sechsunddreißig oder zweiunddreißig Jahren 45 Minuten lang waren, nun für den Rest ihrer Tage 45 Minuten lang zu bleiben, das vermag ich nicht zu erkennen. Es sei denn, es gäbe inhaltliche Gründe, die da sagten, in 30 Minuten ist intelligenter, investigativer Journalismus nicht möglich. Das sehe ich nicht, weil man ja in zwei, drei Wochen wieder kommt und dann macht man das nächste Thema und in der Reihung der Magazine ergibt sich auch die ganze Vielfalt.
Wagner:
Herr Schmid ist Bereichsleiter Medienpolitik bei RTL. Er ist der Jüngste in der Runde, aber nicht jung genug, um nur mit öffentlich-rechtlichem Rundfunk aufzuwachsen. Sehen Sie zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und privatem Rundfunk unterschiedliche Qualitätskriterien oder haben sie denselben Maßstab für Sie, sprich was ist für Sie Qualität bei Fernsehen und Funk?
Tobias Schmid:
Ja, die Frage ist schwer, das wird ja in den Diskussionen immer deutlich. Und Professor Schneider hat ja eben im Prinzip auch dargelegt, dass sich dem Begriff der Qualität zu nähern aus so unterschiedlichen Richtungen möglich ist. Man könnte die Qualität - das ist die Antwort, die unsere Ecke gerne gibt - über die Quote definieren. Also über die Wahrnehmbarkeit oder die Wahrnehmung durch das Publikum. Man kann auch versuchen, andere Ansätze zu finden. Ich glaube schon, dass die Qualität des Fernsehens und des Hörfunks für uns jedenfalls bedeutet, die Inhalte, die wir darstellen wollen, nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich so darzustellen, dass das Publikum sie gerne sieht und gerne hört. Im Falle von Information, einem der Bereiche bei dem Qualität besonders wichtig ist, muss sie auch so dargestellt werden, dass sie am Ende verstanden wird. Das ist unser Maßstab für Qualität. Ich glaube, dass die Qualitätsdiskussion am Ende zu keinem sinnhaften Ergebnis führt, weil sie immer extrem subjektiv geführt wird. Wovor wir traditionell ein bisschen zurückschrecken - und ich weiß, dass das der denkbar unglücklichste Rahmen dafür ist, das zu sagen, aber ich halte es trotzdem für wesentlich, es zu tun – ist: Qualität darf nicht alleine aus Sicht der bildungsbürgerlichen Brille gesehen werden. Qualität ist etwas, was in unterschiedlichen Bereichen unterschiedlich gesehen wird. Alle Sparten der Bevölkerung mit Unterhaltung, mit Information, mit Bildung und Ähnlichem zu versorgen, ist in unterschiedlichen Ecken wahrscheinlich nur auf eine unterschiedliche Art möglich. Und das jeweils genau zu treffen, das ist für uns oder für mich das, was ich mir unter Qualität vorstelle.
Wagner:
Da wird Ihnen Herr Suchan sicherlich zustimmen. Auch er ist sicherlich der Meinung, dass die Telenovelas am Nachmittag beim ZDF zur Qualitätssicherung gehören. Und auch mittags sehen wir gelegentlich Serien aus dem us-amerikanischen Fernsehen, die man zunächst erst mal so nicht vermutet beim ZDF. Ist das für Sie Qualitätsfernsehen?
Hans-Joachim Suchan:
Also ich will mal dort anfangen, wo Herr Schneider vorhin auch angefangen hat. Qualität ist sicherlich auch eine Frage der finanziellen Möglichkeiten. Man kann ohne Geld hin und wieder etwas auf die Beine stellen, aber in der Regel kommt Ramsch dabei heraus. Das, was wir in einem Pogramm-Mix haben, orientiert sich auch an diesem Gesichtspunkt. Wenn sie schauen, dort wo anspruchsvoll gearbeitet wird, kostet das Geld. Wir arbeiten anspruchsvoll, wir haben sicherlich Strecken dabei, die nicht jedem, der hier im Raum ist, gefallen. Das sind die Dinge, die ein Sender braucht, um eine Mischung von hohem Anspruch und etwas niedrigerem Anspruch zu haben, am Ende aber mit dem auszukommen, was ihm zur Verfügung steht. Qualität wird immer wieder unterschiedlich beurteilt werden. Wir sind hin und wieder sehr überrascht, ich bin hin und wieder sehr überrascht, festzustellen, dass in den Vorankündigungen tolle Sendungen gelobt werden, die keine Zuschauer finden. Häufig genug ist es aber auch umgekehrt.
Wagner:
Jörgen Doetz, Sie sind schon ziemlich lange Verbandspräsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telemedien, früher Telekommunikation. Sie waren aber auch mal Sat.1-Geschäftsführer. Deswegen die Frage an Sie, so ein bisschen zugespitzt auf Sat.1: Ist für Sie die Streichung der Boulevardmagazine und der Nachrichtensendung Die Nacht bei Sat.1 ein Akt des Qualitätsvandalismus?
Jürgen Doetz:
Also hätten Sie mich vor vier Wochen gefragt und ich hätte die Magazine, um die es jetzt geht, als Nachweis der journalistischen Qualität im privaten Fernsehen dargestellt, wären Sie über mich hergefallen. Es ist die aktuelle Entwicklung, die dazu führt, dass dies so bewertet wird. Hier spielt auch sicher eine Rolle, das gestatte ich auch den Kollegen von der ARD und ZDF gerne zu, dass man da eine gewisse Funktionalität herstellt zwischen dem Ereignis und möglichen digitalen Pogrammvorhaben auf der anderen Seite. Mir tut es Leid um jeden Arbeitsplatz, das ist selbstverständlich. Nur jetzt so zu tun, als ob damit die Qualität im privaten Fernsehen ausgerottet würde, ist meines Erachtens grob falsch. Es gibt eine Qualitätsdiskussion oder einen Qualitätsbegriff, der meines Erachtens übergreifend gilt, privat und öffentlich-rechtlich. Journalistische Qualität hat für mich auch viel mit journalistischer Professionalität zu tun. Wie geht man an Themen ran, wie behandelt man sie, wie geht man damit um? Aber dann kommt natürlich die Frage: "Okay, welche Funktion hat dann Qualität?" Und da haben meines Erachtens ARD und ZDF mit riesigen Korrespondentennetzen willkommene und wunderbare andere Möglichkeiten als ein privater Fernsehsender. Und da sind wir bei dem Punkt, den vorhin Professor Schneider angesprochen hat, dass natürlich hier die Balance zwischen der Finanzierungsmöglichkeit und dem, was durchsetzbar ist, immer beachtet werden muss. Auch Herr Suchan hat es sogar aus der Sicht des ZDF hier so angesprochen. Lassen wir diese aktuelle Diskussion, die man gerne benutzen kann, um irgendwelche aktiven Diskussion zu befruchten, mal beiseite und diskutieren es grundsächlich. Dann sehe ich bei den privaten Anbietern die Qualitätsmaßstäbe durchaus reflektiert. Außerdem sehe ich für beide Systeme in Zukunft das Diskussionsthema Qualität vielleicht noch verschärfter, weil beiden Systemen eine Art Richtungsweiser, ich will jetzt nicht das beliebte Wort Leuchtturm benutzen, fehlt. Bei dieser Vielfalt, die zu erwarten ist, bekommt Qualität meines Erachtens eine ganz neue Dimension für beide Säulen des dualen Systems. Aber bitte nicht so schwarz-weiß. Damit entspreche ich ja dem, was Sie einleitend gewünscht haben. Das war kein Anschlag auf Qualität, das war ein Punkt, wo es um Refinanzierbarkeiten ging, um rein wirtschaftliche Diskussionen. Ich bin sicher, dass auch ProSiebenSat.1 in Zukunft, zum Beispiel bei N24 weiter zulegen wird, was dann diese Diskussion beendet, aber nicht die Diskussion über Qualität im System.
Wagner:
Die Runde ist natürlich offen, Frau Reim.
Reim:
Herr Doetz, ich denke, dass keiner, der sich intensiv mit Fernsehen beschäftigt, die drei abgeschafften Magazine, so leid es allen um die Arbeitplätze tut, hochstilisieren will zur harten journalistischen Qualität. Dennoch müssen wir die Qualitätsfrage genau in diesem Punkt diskutieren. Ich habe bei einer Veranstaltung vor dieser IFA mit Herrn Mäuser diskutiert, dem Aufsichtsratsvorsitzenden von ProSiebenSat.1. Wir haben das ja vorhin gehört, der Kurs der Aktie war vervierfacht. Nun soll der Profit von 20 auf 30 Prozent steigen. Dies ist nicht zu machen, wenn es weiter darum gehen sollte, irgendwelche Qualität herzustellen. Der Sat.1-Konzern hat unglaublich gute Zahlen vorgelegt, er war schuldenfrei. Es werden ihm jetzt durch diese Fusion Schulden in Höhe von, ich glaube Herrn Lilienthal, 300 Millionen Euro um den Hals gebunden. Dies ist ein Mühlstein. Das ist mit einem irgendwie gearteten Qualitätsprogramm nicht zu erarbeiten. Ich denke, es war kein Zufall, dass in dem Statement von Herrn Mäuser das Wort Programm oder gar Qualität nicht vorkam. Man findet sich selbst schon rückwärts gewandt. Aber Fernsehen ist kein Gut wie Jeans und Seife. Deswegen denke ich auch, dass sich die Qualitätsfrage für Kommerzielle wie auch für Öffentliche an diesem Beispiel neu stellt. Nicht wegen der drei Magazine.
Doetz:
Da würde ich bitte gleich drauf antworten wollen. Ja und dann reden wir auch mal bitte Klartext. Ich glaube, es ist für jeden nachvollziehbar, dass in diesen kritischen Tagen ARD und ZDF - wir haben Gebührendiskussion vor uns - eine derartige Entwicklung wie die bei Pro7 und Sat.1 nutzen, weidlich nutzen, um für das öffentlich-rechtliche System zusätzlich Kapital daraus zu erzielen. Es liegt auf der Hand, würde ich sportlich genauso machen. Nur so ganz uneigennützig führt ja auch Frau Reim diese Diskussion nicht, sondern zieht daraus neue Gründe, um weitere Entwicklung bei ARD und ZDF zu legitimieren. Gebongt, erstens. Zweitens, ich war dabei, als Herr Mäuser redete. Wenn Sie sich an sein Schlusswort erinnern, war seine Aussage , er hätte durchaus verstanden, dass Medien etwas anderes sind als Schraubenzieher oder was weiß ich, was da immer die beliebten Bilder sind. Drittens, weil ja dann immer von dem Ausverkauf geredet wird: Ein Private Equity-Unternehmen kauft eine Sendergruppe nicht, um sie auszuplündern, damit sie nach vier oder fünf Jahren nicht mehr verkaufbar ist. Das Ziel ist ja der Verkauf der "Exit", wie es dann immer so schön heißt. Und ein Unternehmen, was sie vorher am Markt kaputt machen, können sie nicht mehr verkaufen. Also kann dies gar nicht die Strategie sein. Und was ich richtig fand ist, dass Herr Mäuser in seinem Statement von vorneherein nicht den Eindruck erweckt, den zum Beispiel der Herr Montgomery erweckt hat. Als ob er der geborene Verleger sei, der nichts anderes im Sinn hat, als guten Qualitätsjournalismus in Deutschland und vielleicht darüber hinaus zu machen. Dass er klipp und klar sagte, er sei Finanzinvestor, durchschnittlich sei man vier, fünf, fünfeinhalb Jahre im Markt und dann verkauft man. Um so wichtiger und dann bin ich bei Ihnen, ist, dass das Management, dass die Macher der Programme nachweisen, dass sie eben keine Schraubenfabrik sind, sondern dass sie Content-Anbieter sind. Dass sie Programmveranstalter sind. Da kommen eine ganze Menge neue Sachen auf uns zu. Nehmen Sie eben auch nicht nur Pro7 und Sat.1, wo jetzt sogar N 24 ausgebaut werden soll, sondern eben auch die Kollegen von RTL, die gerade ihre Nachrichtenstrecke verbreitern. Suchen sie sich nicht den Punkt raus bei den Privaten, der jetzt gerade mal taktisch zur Gebührendiskussion passt, sondern eben die Gesamtentwicklung. Und da bin ich nah bei Herrn Schneider. Wir haben Gott sei Dank diese Vielfalt, und Gott sei Dank ist für jeden was dabei. Und die Privaten bieten vielleicht andere Qualität als die Öffentlich-Rechtlichen, aber das ist doch der Reiz unseres Systems, dass in der Bandbreite für jeden was dabei ist. Und da brauchen die Privaten jetzt nicht ein Korrespondentennetz mit vielen, vielen zig Millionen aufzubauen, um dann sagen zu können: "Wir haben auch Nachrichtenqualitäten." Es geht auch anders. Wir gewinnen neue Zielgruppen. Ohne die privaten Nachrichten würden viele Jugendliche überhaupt keine Nachrichten gucken, weil ihnen Heute und Tagesschau zu weit weg sind.
Wagner:
Wir werden das gleich noch weiter vertiefen. Ich will bloß Herrn Schneider mit in die Runde nehmen. Er als Medienwächter muss ja doch schon ein bisschen disziplinierter und auch detailreicher auf Qualitätsmerkmale gucken, wenn er kommerzielles Fernsehen sieht und - zur Freude wahrscheinlich - auch öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Aus der Distanz, Herr Schneider, wie gehen Sie denn persönlich ran? Sie sagten einmal, Big Brother - Sie warnten die ganze Nation davor, ich erinnere nur an die NRW-Medientagen - war sozusagen der Untergang des Abendlandes. Mittlerweile leben wir noch ganz gut und Big Brother ist eine ganz zahme Veranstaltung geworden. Ist Qualität, und da bin ich vielleicht bei einer These von Uwe Kammann vom Grimme-Institut, nicht ein historischer Begriff, der immer wieder neu hinterfragt werden muss?
Norbert Schneider:
Ja, sicher ist er das. Also ich will es Ihnen an zwei oder drei kleinen Beispielen erläutern, wie relativ man über Qualität reden muss: medienspezifisch, formatspezifisch, takespezifisch. Also ich will mal ein Beispiel nehmen, was Herr Suchan bezahlen muss. Eine Unterhaltungssendung mit einem Geiger, wie dem bekannten Herrn Rieu. Die Qualität seines Geige-Spiels ist nicht so gut wie sagen wir mal bei Perlman oder wie einem der Großen, die noch leben. Trotzdem ist Rieu für das, was das ZDF an diesem Abend auf diesem Platz veranstaltet, der Bessere. Eine Merkwürdigkeit - es hat mit der Qualität zu tun, die eine Unterhaltungssendung für ein bestimmtes Publikum am Samstagabend hat und die sich am nächsten Samstag schon wieder ein bisschen verändert haben mag. Das heißt, sehr platzspezifisch, sehr medienspezifisch und vor allem ohne Publikum gar nicht zu definieren. Und nicht nur in dem Sinne, dass man sagt, man gibt dem Publikum was es will. Die Einbeziehung des Publikums in die Rede ist die klassische Prämisse des antiken Redners. Und wenn er das nicht hinkriegt, dann hat er auch den Richter nicht überzeugt, das ist ein Qualitätsthema. Jetzt, um auf die ARD zu kommen, die Qualität eines ARD-Kommentars in den Tagesthemen: Ich weiß ja nicht, ob Sie das sehen, also ich sehe das gelegentlich. Ich glaube, die ist deshalb ein Problem, weil die Kollegen dort eher so formulieren und sich präsentieren, wie man sich in einem Zeitungskommentar präsentieren würde. Da ist das Medienspezifische, was die Qualität eines Kommentars nicht richtig einfängt nach meiner Vorstellung. Es müsste dort etwas passieren, was dem Medium Fernsehen ein bisschen mehr gäbe. Vielleicht ist das mit Geld mal zu entwickeln. Also Qualität ist sehr, sehr relativ und seit Gott tot ist, gibt es niemanden mehr, der das Recht für sich in Anspruch nehmen könnte zu sagen, was Qualität ist. Auch nicht Landesmedienanstalten, die vor allem nicht, Denn - Sie werden sich wundern - für Qualität sind wir gar nicht zuständig. Trotzdem machen wir uns einen Kopf drüber, reden in öffentlichen Veranstaltungen darüber, weil wir nicht nur Rechtsauslegung, sondern auch Gesellschaft für etwas Interessantes halten. Zu Big Brother: Es haben die Kritiker der Kritiker gesagt, das Abendland sei von den Kritikern für untergangsreif erklärt worden. Dadurch, dass man ein Argument überzieht, kann man ihm natürlich auch seine Räson nehmen. Aber gut, ich finde bis heute Big Brother aus vielerlei Gründen ein Missverständnis - und qualitativ ist es immer schlechter geworden, wenn ich den Begriff hier auch mal benutzen darf. Big Brother von heute ist nicht mehr, was Big Brother einmal war.
Wagner:
Aber sollte uns das nicht zu denken geben? Dass wir vielleicht ein bisschen unaufgeregter an solche Entwicklungen herangehen, wenn Finanzinvestoren Medien kaufen?
Schneider:
Wenn ich noch einen Punkt dazu sagen darf: Das ist natürlich auch das Problem zwischen öffentlich-rechtlich und privat. Wenn Sie am 1. Januar 7,3 Milliarden relativ sicher haben, haben Sie eine andere Ruhe in der Entwicklung von Qualität, als wenn Sie es sich erst noch erwerben müssen und auch ein bisschen weniger haben. Das heißt nicht, dass ich sage, der eine ist gut und der andere schlecht, sondern der eine macht mit dem, was er hat das Beste und der andere mit dem, was er hat hoffentlich auch das Beste. Aber es ist wirklich öde und müßig und ich kann es kaum ertragen, dass das ein Systemproblem sein sollte. Woher denn? Qualität kann man doch nicht unter Absehung aller Rahmenbedingungen, die Qualität möglich machen, diskutieren.
Wagner:
Aber noch mal das Thema Unaufgeregtheit, Herr Suchan, müsste es Sie nicht geradezu freuen, dass ProSiebenSat.1 Media so strauchelt und von Finanzinvestoren gekauft wird? Ohne journalistische Kompetenz, ohne Kompetenz im Bereich Fernsehen; dass man da jetzt Fachleute extra einkauft, die das dann beurteilen?
Suchan:
Also mich wundert das nicht, wenn Sie sich die Zahlen angucken. Als Saban ProSieben übernommen hat, hat sich der Umsatz bis zum Jahr 2006 um knapp 20 Prozent erhöht, aber der Gewinn um 500. An der Stelle sehen Sie das kommerzielle Engagement, was dahinter steckt. Und wenn eine solche Company börsennotiert ist, ist das auch aus meiner Sicht jedenfalls im Wesentlichen nicht zu kritisieren. Die Anleger wollen Geld sehen. Die Anleger, die diese Aktien gekauft haben, haben das nicht gemacht, damit zwei neue Serien entstehen, sondern damit sie eine Rendite haben. Ich glaube auch, dass wir in Deutschland ein Rundfunksystem, man könnte ja fast sagen ein Fernsehsystem haben, das sich jetzt langsam konvergent in die neue Welt hineinbewegt, das schon sehr ausgewogen ist. Und - da kommt Ihr Argument mit dem Freuen - natürlich könnendie Öffentlich-Rechtlichen , wenn sie das einigermaßen geschickt anfangen, von dieser Situation profitieren. Herr Doetz, was Sie vorhin gesagt haben, im Angriff auf Frau Reim, ist zumindest missverständlich, wenn nicht falsch. Wenn Sie die Diskussion nach dieser Übernahme oder Übergabe richtig verfolgt haben, gab es die härteste Kritik in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort waren die Enttäuschten, die gemerkt haben, dass das von ihnen propagierte System nicht funktioniert. Wir haben das begleitet, aber dort ist die Schlacht geschlagen worden. und Sie wissen genau aus welchen Grund.
Wagner:
Ganz kurz Frau Reim noch, danach Herr Schmidt und dann Herr Doetz. Wir müssen jetzt doch mal ein bisschen Struktur reinbringen.
Reim:
Also Unaufgeregtheit ist was sehr Schönes, es ist aber kein Wert an sich. Die Unaufgeregtheit hat meiner Meinung nach bei Journalistinnen und Journalisten, die um Qualität kämpfen, dann aufzuhören, wenn ein Teil dieses Systems absolut in Gefahr ist. Und ich bin in keinem Fall dieser Ansicht – Herr Doetz, wir kennen uns ja auch schon länger -, um dadurch irgendwelche Imagepunkte für ARD und ZDF zu machen. Ich bin der Meinung, dass wir momentan eine extrem kritische Situation haben. Es gibt den Vorschlag des DJV, den hat auch die SPD, die Investitionsgrenze für außereuropäische Investoren auf 25 Prozent zu legen. Ich finde den sehr gut, ich weiß nur, dass es am Ende nichts helfen wird. Dann gründen die nämlich eine Tochterfirma in Großbritannien und dann ist es eben ein innereuropäischer Investor. Nur, wer die Entwicklung sieht, der weiß, dass man nicht so leicht darüber hinweg geht. Es tut mir leid, wenn Sie, Herr Schneider, den Tagesthemen-Kommentar nicht mögen, den muss niemand mögen. Aber bewahrt ihn bitte vor fernsehhafter Aufmotzung. Es sitzt da ein Mann oder eine Frau und sagt ihre oder seine Meinung, und wenn er sie gut begründet, habe ich was davon. Oder ich kann mich ärgern, weil er sie nicht begründet. Ich möchte sie auf keinen Fall fernsehtechnisch aufgemotzt sehen. Wir hatten mal so eine Phase im "Wort zum Sonntag", da sprangen Pastoren auf Zügen rum, sagten, das ganze Leben sei eine Reise. Ich war angeödet. Ich hasse es, wenn pure Formen nicht mehr pur sind. Ich möchte auch nicht, dass eine Pastorin in einem Sandkasten sitzt, schippt und sagt das Leben rinne einem durch die Hand, wie "bei einer großen Sanduhr". Und deswegen möchte ich auch den Kommentar ganz pur. Ich möchte, dass da jemand sitzt, der mir seine Meinung zu einem Thema vorträgt. Das darf gerne zeitungshaft sein, dagegen habe ich überhaupt nichts. Kommentar ist eben Kommentar und den Rest der Sendung haben wir bunte, hüpfende, schreiende und manchmal sehr traurige Bilder.
Schneider:
Aber Fernsehen in einem Kommentar zu haben, heißt doch nicht, Firlefanz machen.
Reim:
Aber Herr Schneider, sagen Sie doch mal bitte, wie ein Kommentar ...
Schneider:
Das ist doch nicht mein Problem, Sie machen doch Fernsehen.
Reim:
Ich sehe aber keinerlei Veränderungsbedarf, an der Stelle nicht.
Schneider:
Gut, dann sind wir uns einig. Dann habe ich eben anderes gerne als Sie, das kann ja sein.
Reim:
Und das ist eins dreißig lang.
Schneider:
Aber denunzieren Sie mich doch nicht mit dem "Wort zum Sonntag" und diesen Tralala-Nummern.
Reim:
Das muss doch gar nicht sein. Sie waren doch gerade für die Unaufgeregtheit. Seien Sie doch nicht so aufgeregt.
Wagner:
Vielleicht lässt sich ja das Problem so lösen, dass man darüber nachdenkt, inwieweit ein Kommentar überhaupt noch in die Zeit passt.
Reim:
Er passt, denke ich.
Wagner:
Inwieweit er überhaupt hinein passt in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wo man sowieso weiß, wenn in Bayern Landtagswahlen sind, spricht ein Vertreter der Schwarzen den Kommentar. Vielleicht ist die Glaubwürdigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gestärkt, wenn man darauf verzichtet, solch eine Veranstaltung zu machen. Aber darüber soll es heute hier nicht gehen. Herr Schmid, Sie haben Big Brother ausgestrahlt, in Ihrer Programmfamilie, aber auch im Hauptprogramm. Sie sind durch die Höhen und Tiefen dieser Veranstaltung gegangen. Gibt es nicht gerade für kommerzielle Sender ein Recht, Trash zu senden, ein Recht zu scheitern, ein Recht unterzugehen, und dann, wie zum Beispiel bei Nokia, statt Gummistiefeln Handys herzustellen?
Schmid:
Über das letzte Bild muss ich eine Sekunde nachdenken, aber die Sekunde hole ich mir, indem ich mir noch mal ganz kurz erlaube, auf zwei oder drei Dinge bei der Unaufgeregtheitsdiskussion einzugehen. Ich tue mich in diesen Qualitätsdiskussionen immer ein bisschen schwer, weil ich nicht genau weiß, was wir denn nun eigentlich wollen. Aber es sei in einem Detail jedenfalls auf Frau Reim repliziert: Den Untergang der Qualität in dem, was wahrscheinlich hier gemeint ist, nämlich im journalistischen Informationsbereich für den gesamten privaten Sektor, darf ich dann ja doch mal zurückweisen. Ich sitze ja hier für das Haus RTL ...
Reim:
Ich habe davon nichts gesagt. Nichts über den Untergang im gesamten Sektor.
Schmid:
Lassen Sie mich doch einfach aussprechen, da wir hier ja so unaufgeregt sind. Dann werden Sie das ja ganz geduldig ertragen.
Reim:
Sie hätten ja zuhören können. Das ist erlaubt.
Schmid:
Ach ist das so?
Reim:
Ja.
Schmid:
Ach, das ahnte ich nicht.
Reim:
Ich habe nichts über den Untergang der Qualität im gesamten kommerziellen Sektor gesagt.
Schmid:
Na, Sie sagten, glaube ich, soweit ich mich erinnere - wir können ja versuchen, das nächste mal ein Wortlautprotokoll zu machen - aber soweit ich mich erinnere ...
Reim:
Vielleicht erinnern sich ja die anderen.
Schmid:
Glauben Sie, dass ich jetzt einen Satz zu Ende bringen darf?
Reim:
Sehr gerne.
Schmid:
Danke schön, Frau Reim. Soweit ich mich erinnere, sagten Sie, dass ein Teil des Systems in Gefahr sei. Haben Sie das gesagt?
Reim:
Ich habe über die Sendergruppe ProSiebenSat.1 und deren Übernahme gesprochen und dass ich dort große Gefahren sehe.
Schmid:
Na gut. Wie dem auch sei. Ich hatte es dann eben falsch verstanden, jedenfalls können wir den Punkt ja dann überspringen. Das führt ja auch zu nichts. Haben Sie gesagt, dass Sie dem Vorschlag von DJV und SPD zustimmen, dass man eine Beteiligung von ausländischen Investoren auf 25 Prozent beschränken sollte, außereuropäischen Investoren?
Reim:
Ich habe gesagt, dass ich die Idee im Prinzip gut finde, dass ich aber nicht glaube, dass es hilft, weil dann die außereuropäischen Investoren eine Tochter in, sagen wir, Großbritannien gründen.
Schmid:
Genau. Daran würde ich gerne anknüpfen und würde dem letzten Punkt gerne zustimmen. Ich glaube auch, dass diese Diskussion in der Tat nicht hilft, dass sie wahrscheinlich auch gar nicht sachdienlich ist, sondern dass die eigentliche Schwierigkeit im Moment doch eher die ist, dass wir versuchen müssen, ein System zu finden, das bei unterschiedlichen Inhaberstrukturen, bei unterschiedlichen Gesellschaftern, bei unterschiedlichen Finanzierungsformen der unterschiedlichen Säulen des Rundfunksystems eine große Stabilität gewährleistet. Ich stimme Ihnen zu, Stabilität bedeutet nicht, dass sich nicht Dinge ändern. Es ist natürlich so, gerade im privaten Sektor, dass Unternehmungen scheitern können. Das ist ja die Idee der Privatwirtschaft, dass so was passieren kann, dass ein höheres Risiko dabei ist. Aber ich glaube, und das müssen wir uns vergegenwärtigen, wir haben ein System, das aus einer Zeit kommt, in der man mit Finanzinvestoren wie bei ProSiebenSat.1 wahrscheinlich so nicht gerechnet hat und in dem man auch mit dem System der Digitalisierung und all den Herausforderungen, die Herr Schneider skizziert hat, nicht gerechnet hat. Worauf ich hinaus will, ist doch das Folgende: Wenn wir hier sitzen und über die Qualität sprechen und das dann ein bisschen vermischen mit der Frage, wem was gehört und wer worauf Einflusshat , dann müssen wir doch feststellen, dass wir uns wahrscheinlich über das System Gedanken machen müssen und dass wir uns überlegen müssen, wie das so oft gelobte gute duale Rundfunksystem in der Bundesrepublik in diese neue Zeit passt. Und dabei müssen wir uns auch vergegenwärtigen, dass sich Dinge eben ändern. Und wir müssen uns das auch vergegenwärtigen, wenn wir heute über ProSiebenSat.1 sprechen, und ich sage das ganz wertfrei. Auch bei der Diskussion, die Sie angesprochen haben, hatte ich das schon gesagt: Die Situation, die wir jetzt bei ProSiebenSat.1 haben, war durch die Gesellschaft im Ergebnis natürlich nicht so gedacht, aber im Prinzip mit verursacht, weil man sagte, das Medienkonstellationsrecht sieht vor, dass der Erwerb von ProSiebenSat.1 durch ein inhaltsgetriebenes Haus wie Springer zum Beispiel nicht möglich ist. Zumindest liegt darin die Gefahr für die Situation, die wir jetzt haben. Die Frage bei all dem, was wir diskutieren ist: Was wollen wir denn nun eigentlich? Das gilt für das Medienkonstellationsrecht genauso wie für die Finanzierungsstruktur bei ProSiebenSat1 und genauso wie für die Expansionsbestrebung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Das sind alles Beispiele dafür, die im Prinzip immer am selben Punkt scheitern. Nämlich, dass wir keine klare Definition dessen haben, was das System denn nun eigentlich leisten soll. Die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist nicht so klar, dass man daraus ein Ja oder Nein für die eine oder andere Aktivität ableiten kann. Das Medienkonstellationsrecht sagt zwar alle möglichen Dinge, was es nicht will, aber mit dem Ergebnis kann am Ende auch keiner leben. Und dafür haben wir eine Vielzahl von unterschiedlichen Beispielen. Deswegen glaube ich, dass wir weg müssen von der Qualitätsdiskussion über die Sendung Big Brother. Die können wir gerne auch führen, das ist ganz unstreitig, aber das ist nicht das Problem. Das ist bestenfalls ein Symptom. Wir müssen uns überlegen: Wofür ist dieses System da, kann es das leisten, was wir darauf projizieren und welcher Teil des Systems soll eigentlich was leisten? Und wenn wir das erledigt haben, dann können wir uns wieder hinsetzen und uns über die Ausgestaltung von Kommentaren und Big Brother unterhalten. Das können wir auch jetzt machen, aber das führt zu nichts. Aber ich wollte genau darauf hin, nämlich, wenn Sie die Frage bejaht hätten, ob sie das Recht zum Scheitern haben, gibt es nicht auch eine Verantwortung des kommerziellen Systems, eben nicht alles auszuprobieren? Eben nicht die Sitten verrohen zu lassen, die Nebengewohnheiten nach unten zu tragen? Gibt es nicht eine Verantwortung des kommerziellen Systems, vielleicht auch Qualitätsoffensiven zu starten und nicht einfach, sagen wir mal, nur das Programm dem Profit zu opfern. Also öffentliches Nachdenken, und mir tut es leid, dass jetzt so ein bisschen Bitternis in die Diskussion hineingetragen wurde. Herr Doetz, Sie können vielleicht versuchen, den Konsens zu finden zwischen dem, was man duales System nennt und den verschiedenen Parteien. Sie sind lang genug im Geschäft und wissen, dass wir nur zusammen überleben können. Auch wenn es nicht meine Aufgabe ist zu versöhnen, aber zu spalten in dem Fall auch nicht. Sehen Sie denn Möglichkeiten, die Qualitätsdebatte nicht nur immer als Schuldzuweisung zu sehen?
Doetz:
Ich bin ja der geborene Friedensstifter, wie jeder weiß. Ich sage mal, Herr Diskussionsleiter, zu der sachlichen Debatte gehört vielleicht auch, dass Sie in der Fragestellung nicht gleich von dem Taumel um ProSiebenSat.1 reden, oder von den Privaten, die ja die Sitten verrohen lassen. Das kann ein Kommentar sein, aber ob das dem Sinn der Diskussion weiterhilft, frage ich mich. Zuerst mal wollte ich mich bedanken bei Frau Reim und anderen für die Fürsorge, was das Private betrifft. Nur es bedarf dieser Fürsorge nicht, das System geht nicht daran zugrunde, oder ist nicht dadurch bedroht, dass die Finanzinvestoren jetzt das Unternehmen gekauft hätten. Was wäre denn sonst passiert? Erst mal, die Bauers: Das war eine Frage des Geldes. Dann kamen die Springers, das war eine Frage des Kartellamtes, wo die ARD sich flugs natürlich beim Kartellamt vertreten ließ und gegen eine Übernahme durch Springer argumentiert wurde. Va bene, wäre aus heutiger Sicht für viele natürlich im Blick auf diese Finanzinvestoren die viel bessere Lösung, war aber damals im Blick auf Springer in Aufarbeitung von irgendwelchen Vergangenheitsthemen eine ganz schwierige Sache. Man kann nicht auf der einen Seite hoffen, dass ein publizistisches Unternehmen dieses Unternehmen kauft und hinterher, wenn kein publizistisches Unternehmen da ist, lamentieren, dass es Finanzinvestoren kaufen. Entweder oder. Ich sage es mal ganz direkt: Wenn Finanzinvestoren nicht da gewesen wäre, gäbe es ProSiebenSat.1 heute nicht mehr als Einheit. Die nächste Konsequenz - und es war ja damals bei Kartellamt und bei der KEK so aufgezeigt - wäre nämlich die Zerschlagung des Ladens gewesen. Und dann frage ich noch konsequenter weiter: Ob dann jemand als Einzelstück einen Nachrichtenkanal gekauft hätte, ich glaube, da kann man zwei Fragezeichen dahinter machen. Also hätte dies natürlich wiederum bedeutet: Verlust von Arbeitsplätzen. Sie müssen da schon ein bisschen weiter denken, wenn es darum geht, was wäre denn passiert, wenn. Jetzt geht es darum, dass publizistische Unternehmen publizistische Unternehmen bleiben. Und da habe ich schon gesagt, dass natürlich Inhalte angeboten werden müssen. Dass natürlich Quote und Qualität in einen Einklang kommen müssen, der auf der einen Seite das Unternehmen wirtschaftlich gesund dastehen lässt, es aber auf der anderen Seite erfolgreich werden lassen muss. Und da glaube ich, dass in Zukunft diese Inhaltsdiskussion bei der Vervielfältigung der Angebote, vor der wir stehen, immer wichtiger sein wird. Darum seien Sie bitte ganz unbesorgt. Und ich glaube, die ARD mit ihrer Rolle vorm Kartellamt, ist die letzte Institution in Deutschland, die sich heute darüber beklagen darf, dass die Situation so ist, wie sie eingetreten ist. Sorry. Und wenn es jetzt darum geht, gemeinsame Standards zu diskutieren, ist die Frage ja auch nicht neu. Wir haben die Qualitätsdiskussion seit Beginn des dualen Rundfunks. Und die Frage, die hier oben steht, wird sie neu stellen. Weil eben künftig, und das ist ja die eigentliche Umkehrung in der Diskussion, bei der Finanzierung von Angeboten im Sinne der guten, alten Substidarität gefragt werden muss: Braucht die Gesellschaft das? Und die Frage, ob die Gesellschaft das braucht, ist natürlich in erster Linie eine Frage über die Qualität der Inhalte. Darum wird es auch in der viel gescholtenen Brüsseler Diskussion gehen, wo es darum geht, Investitionen in neue Inhalte inhaltlich zu begründen - ungeachtet dessen, was Karlsruhe in der nächsten Woche dazu sagen wird. Natürlich ein, wenn Sie so wollen, Qualitätsschub, weil sie es, wenn sie neues Geld brauchen, qualitativ nachweisen müssen. Da bekommt dies eine ganz neue Akzeptanz. Und darum ist mir da auch überhaupt nicht bange, dass die Qualität, also ein inhaltlicher Maßstab, um es mal möglichst neutral zu sagen, weiterhin in der ganzen Diskussion über Inhalte ganz, ganz wichtig sein wird. Und das wird auch nicht durch die Übernahme von ProSiebenSat.1 durch Finanzinvestoren gefährdet. Ich sage es noch mal: Die müssen diesen Konzern gesund dastehen lassen, wenn sie ihn wieder verkaufen wollen. Und zu gesund gehört Inhalt, Inhalt und noch mal Inhalt, der akzeptiert wird. Also, was soll die Aufregung?
Wagner:
Norbert Schneider, was soll die Aufregung und dann Dagmar Reim, Sie hatten sich zuerst gemeldet.
Schneider:
Also ich will noch zwei Punkte kurz ansprechen, die vielleicht in dieser Diskussion an den Rand rücken. Erstens, die Finanzinvestorenfrage stellt sich ja nicht erst seit der ProSiebenSat.1-Geschichte. Die gesamte deutsche Kabelindustrie befindet sich schon seit absehbarer Zeit in der Hand von Investoren. Diese Kabelindustrie ist ja nicht sozusagen eine Speditionsindustrie geblieben, sondern sie ist dabei, selber Angebote zu machen. Also man muss das Thema dann auch auf diesen Bereich ausweiten. Aber ich muss ehrlich gestehen, dass ich die viel größere Herausforderung im Augenblick gar nicht darin sehen kann, in welcher Weise das eine oder andere Vollprogramm auf diesem Wege unter Druck gerät. Das ist sicher sehr wichtig und zu beachten. Die eigentlichen Herausforderungen für beide, für Öffentlich-Rechtliche wie Private sind für mich Google und Co. Da wird in Zukunft die Musik sehr viel mehr spielen und wie diese Konkurrenzverhältnisse sich auf ein duales System, das grosso modo sehr gut funktioniert - trotz der Polemik, die man sich dazu immer wieder leisten muss - wie sich das auswirkt, das finde ich eigentlich die sehr viel interessantere Frage. Nicht nur im Blick auf die Werbung, die dort aufgerufen wird, das ist auch ein sehr interessantes Thema, sondern im Blick auf ganze Kohorten von Jahrgängen, die sich eben dort erst mal sozialisieren und nicht mehr bei anderen klassischen Medien. Und darauf muss ein System, das aus vielen guten Gründen eine große Zukunft haben müsste, in irgendeiner Weise reagieren.
Wagner:
Hier geht es noch mal darum, die Qualitätsmaßstäbe zu erläutern, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur aus Überlebensgründen erfüllen sollte. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat ja doch eine bestimmte Sonderfunktion in diesem dualen System. Er ist der Gesellschaft verpflichtet und eben nicht nur den Aktionären oder den Geschäftsführern oder dem kulturellen Verständnis von Tradition, Fernsehtradition, in diesem Land. Die Privaten haben ohne Zweifel auch hier die Formatentwicklung bei den Öffentlich-Rechtlichen mit angeschoben und auch neue Sehgewohnheiten geschaffen. Dagmar Reim, sie müssen ein Haus leiten, das wenig Geld hat. Ich sagte eingangs, Sie müssen mit immer weniger Gebührenzahlern auskommen und wollen natürlich, in Ihrem Selbstverständnis habe ich das so rausgehört, Qualität nach wie vor hochhalten. Vielleicht können Sie ganz kurz schildern, wie Sie überhaupt in der Rolle der ARD mit diesem Problem umgehen, denn die goldenen Büroklammern, die man abschaffen könnte, die gab es nie. Und dass Sie jetzt natürlich im Haifischbecken Berlin/Brandenburg eine besondere Funktion haben, die dann immer, wenn man aus dem Bundesgebiet auf Berlin schaut - teilweise auch von den großen Brüdern der ARD so mit Schulterklopfen, die machen das schon, aber wir sind eigentlich die Besseren, die Stärken - quittiert wird. Das schiebt Sie nicht unbedingt in die bessere Position.
Reim:
Ich sag dazu sofort was. Muss noch zwei Sätze zu Herrn Doetz in seiner Eigenschaft als Versöhner sagen, die ich auch sehr schätze. Die Tatsache, dass Finanzinvestoren ProSiebenSat.1 gekauft haben und dass viele Menschen das für hoch problematisch halten - ich gehöre dazu - macht noch nicht richtig, dass Springer, wie Herr Schmid sagt, ein inhaltsgetriebener Anbieter, Sat1-ProSieben hätte kaufen dürfen. Und das ist keine Willkür und keine gesellschaftliche Verabredung, sondern es ist geltendes Kartellrecht und es geht hier schlicht und ergreifend um Marktmacht. Dass es einfach Leute gegeben hat, die Gesetzte machen, die sagen: "Wenn jemand im Markt der Zeitungen eine so starke Macht ist wie Axel Springer, mit Bild und anderem, dann ist es in deutschen Gesetzen momentan nicht möglich, dass er wichtige Anteile am Fernsehmarkt übernimmt." Ich finde es etwas zu kurzschlüssig zu sagen: "Wir haben jetzt die Sache mit den Investoren, weil ihr Bösen, Bösen, Bösen verhindert habt, dass Springer ProSiebenSat.1 bekommt." Das ist meiner Meinung nach nicht die Alternative.
Doetz:
Sprechen Sie sich bitte nicht für den Abbau der Arbeitsplätze aus. Bitte.
Reim:
Ich spreche mich nicht für den Abbau aus.
Doetz:
Dann sagen sie doch, wie es hätte laufen sollen.
Reim:
Wenn ich ein Patentrezept hätte, würde ich es sicher verraten. Und ich glaube nicht, dass ich den Eindruck erweckt habe, Herr Doetz, dass ich die Situation für einfach halte.
Doetz:
Sie können jetzt nicht alles kritisieren, ohne eine Position zu beziehen.
Reim:
Jetzt zurück zum RBB. Es geht um Qualität. Und es geht darum, dass Qualität ihren Preis hat, wie Herr Schneider auch gesagt hat. Selbstverständlich kann man mit einem kleinen Sender keine großen Sprünge machen. Selbstverständlich gibt es viele Dinge, die nur mit viel Geld möglich sind. Aber ich sage immer zu meinen Kolleginnen und Kollegen: "Es geht auch um Ideen, es geht auch um Kreativität." Und wenn ein Sender sich darauf konzentriert, mit kleinen Formen Dinge zu machen im Fernsehen, kann er damit unter Umständen auch Erfolg haben. Zum Glück gehört ja Radio auch zu unseren Aufgaben, und zum Glück ist Radio deutlich billiger als Fernsehen. Und ich denke, dass der Rundfunk Berlin/Brandenburg hier mit Programmen wie Radio1 oder Inforadio zeigt, dass er gut mitmischen kann. Auch und gerade in der Qualitätsfrage, das ist mir wichtig. Redakteursfernsehen ist ja eine Zeit lang ein unglaublich geschmähter Begriff gewesen. Ich aber denke, wenn wir gutes Fernsehen wollen, geht es nicht ohne sehr gute und sehr gut ausgebildete Redakteurinnen und Redakteure. Es wird nicht gehen. Es gibt in Berlin kleine kommerzielle Radiosender, die arbeiten mit zwei ausgebildeten Journalisten und zehn Praktikanten, die zum Nulltarif ein Jahr Programm machen. Das wird nicht gehen, und deswegen bekommen wir auch Gebühren, damit wir sie in Qualität umsetzen.
Wagner:
Aber wie halten Sie es denn mit dem Fritz Pleitgen-Wort von vorhin? Qualität ist die Nummer eins, erst dann geht es um Quote. Manchmal hat man schon den Eindruck, als Insider und als Außenbetrachter, dass die morgendliche Quotengier nicht nur bei Roger Schawinski vorhanden ist.
Reim:
Es geht wie immer um alles und das auch bei Fritz Pleitgen. Die schönste Sendung ist nichts, wenn sie keiner sieht. Wir machen nicht Programm, um niemanden zu erreichen. Und wenn die Hauptprogramme von ARD und ZDF eine Akzeptanz hätten wie ARTE, säßen wir auf diesem Podium und würden darüber reden, dass dafür nicht die Allgemeinheit mit Gebühren aufkommen kann. Aber selbstverständlich ist die Quote kein Grund und kein Hauptmaßstab. Sie ist ein wichtiger Maßstab. Es gibt bei uns ja luxuriöserweise die Möglichkeit, dass wir mit den Gebühren Angebote für große Audienzen und Angebote fürs kleine Publikum machen, und beides ist mir gleichermaßen wichtig. Und dann gibt es noch den Idealfall, dass sich Quote und Qualität aufs Schönste vereinigen, das sehen Sie an Angeboten wie der Tagesschau.
Wagner:
Aber das ist natürlich, ich sage es mal, sehr abstrakt. Ab wann ist für Sie eine Sendung nicht mehr haltbar? Haben Sie da so eine Marschroute, wo Sie sagen: "Hier muss sich eine Sendung verändern, sonst geht sie ins Rundfunkmuseum."?
Reim:
Das ist, glaube ich, unter Macherinnen und Machern nicht so schwer zu entscheiden. Wenn man Unterhaltungssendungen losschickt, dann geht es gar nicht, dass sie niemanden erreichen, denn Unterhaltung muss auch Akzeptanz haben. Wenn man Kultursendungen losschickt, kann das, was von Kultur relevant und akzeptabel ist, in absoluten Zahlen ausgedrückt sehr, sehr wenig sein. Ich sage immer, wenn ein Hörspiel auf fünfzigtausend Zuhörerrinnen und Zuhörer kommt, dann ist das in einem Quotengedanken sehr wenig. Es ist aber mehr, als Hertha BSC an manchem Spieltag hat, und es ist eine fantastische Quote für Kultur. Man muss es differenziert betrachten. Eine Tagesschau, die plötzlich fünfzigtausend Zuschauer hätte, die wäre überhaupt nicht machbar und deswegen freuen wir uns auch, dass sie viele Millionen hat. Quote ist für die jeweilige Sendung zu entscheiden. Es gibt natürlich Dinge, die machen wir ohne Quotenvorgaben und es gibt viele davon und wir müssen das auch machen.
Wagner:
Erst mal bis hier hin. Es gab jetzt noch den Wunsch zu einem Disput.
Doetz:
Nein, nein, wir hatten ja schon einen Disput.
Wagner:
Dann würde ich gerne Herrn Suchan weiter fragen wollen. Das öffentlich-rechtliche System - ich sagte es - stellt sich einer besonderen Herausforderung, weil es von der Gesellschaft nicht nur gewünscht, sondern auch kontrolliert wird. Also da ist der Qualitätsbegriff vielleicht eine Idee strenger anzulegen, als bei anderen Sendern, die sich kommerziell in den Markt begeben. Und da ist es mit der Verantwortung insofern auch etwas schwieriger, weil Ihnen vom privaten System Vorwürfe gemacht werden. Zum Beispiel, dass Sie jetzt Ihr Programmangebot erweitern oder ausbauen. Stichwort: ZDF-Info, ARD-1 Extra und der Umbau oder die Erweiterung zum Nachrichtenkanal. Da muss man sagen, haben natürlich die Kommerziellen mit N24 und n-tv auch eine Achillesferse, die Sie möglicherweise ermutigt hat, diesen Schritt zu gehen. Die Nachrichtenkompetenz als ZDF auszubauen ohne Rücksicht darauf, dass vielleicht der kommerzielle Mitwettbewerber da aufschreien könnte. War dieser Gedanke so, dass Sie sagten: "Die Gesellschaft verdient bessere Nachrichten."?
Suchan:
Also, wir versuchen, uns auf die digitale Welt einzustellen. Auf eine digitale Welt, in der wir nicht nur die Verbindung zum Internet haben, sondern die Möglichkeiten, für ein überschaubares Geld mehr Programme an den Zuschauer zu bringen, nutzen. Diese Programme waren da, da gab es Platzhalter und es war immer klar, dass der von uns genannte Infokanal in Zukunft ausgebaut werden wird, um ein Angebot an Information zu bringen, das wir im Hauptprogramm so nicht bringen können. Ich sehe auch die Konkurrenz zu n-tv oder zu N24 nicht so. Ich habe am Sonntag mal ganz interessiert am Nachmittag N24 gesehen. Ich habe gedacht, es ist die Verfilmung der Lanzerhefte. Also, da ist es mit der Information so weit auch nicht mehr her. Da kommt was, und wenn nichts kommt, kommt Unterhaltung. Also, alles in großer Bescheidenheit. Wir werden in diesem Bereich mit einem beschränkten finanziellen Volumen auftauchen, aber ich glaube schon, dass wir dort ein Programm auf den Weg bringen können, das eine hinreichende Zahl von Zuschauern findet. Wir müssen aufpassen, dass diese Zuschauer nicht teurer werden, als die Zuschauer, die wir mit dem Hauptprogramm bedienen. Ich glaube, das ist der richtige Weg, so wie wir es mit dem Doku-Kanal machen, so wir es mit dem Theaterkanal machen. Auch die kommerzielle Konkurrenz wird sich daran gewöhnen, dass wir im Bukett arbeiten. Das heißt, dass wir unsere Zuschauer nicht nur mit dem Hauptprogramm, sondern mit dem Partnerprogramm der ARD und mit unseren ausländischen Kooperationspartnern, aber auch mit eigenen weiteren Programmen bedienen. Das wird am Ende, so wie die Zukunft von Herrn Schneider auch gesehen wurde, nicht dazu führen, dass wir unsere Marktanteile groß verändern, aber ich hoffe, dass es dazu beiträgt, im Gesamtkonzept die Marktanteile zu stabilisieren und damit auch die Erreichbarkeit der Zuschauer, um ihnen etwas zurückzugeben, was sie ja mit der Gebühr auch gezahlt haben.
Wagner:
Und damit Herr Schmid, auch wenn sie meinungsgeprägt ist, die Frage, die ich mir doch als Moderator mal leiste: Haben Sie es den Öffentlich-Rechtlichen nicht einfach gemacht, indem Sie n-tv vielleicht nicht so optimal geführt haben, dass man bessere Argumente hätte haben können, bei einer News-Offensive der Öffentlich-Rechtlichen?
Schmid:
Ich verstehe die Frage nicht so ganz, weil ich nicht genau verstehe, wo die Kritik bei n-tv ist.
Wagner:
Na, dass n-tv zum Beispiel nicht mehr den Charakter eines 24-Stunden-Nachrichtensenders einnimmt, wie er es mal war. Sie können nicht für N24 sprechen, aber man kann beliebig reinzappen, und in der Tat sieht man dann eher Militärdokumentationen, die hoch interessant sind, aber die nichts mehr mit dem Bedürfnis zu tun haben, jederzeit rund um die Uhr Informationen zu ...
Schmid:
Ich darf ja hier für die RTL-Sendefamilie sprechen und n-tv ist nicht N24. Es ist auch wichtig, weil es in der Vermarktbarkeit tatsächlich schlechter ist. n-tv lässt sich vom Zuseher-Anteil und von der Vermarktbarkeit schlechter darstellen als N24, und wir halten trotzdem Kurs. Das Ärgerliche an diesen Diskussionen ist immer ein bisschen, dass wenn man es schon versucht, man am Ende trotzdem einen auf den Deckel bekommt. Das ist auf Dauer ein bisschen ermüdend.
Wagner:
Aber was ich jetzt nicht verstehe: Der Fortzug von Berlin nach Köln und der Umbau der Redaktion und die knappen Geldmittel waren nicht sehr förderlich für die...
Schmid:
Lassen Sie uns zwei Dinge auseinander halten. Die unterschiedlichen Nachrichten-Kanäle machen unterschiedliches Programm. Und ich sehe als Vertreter von RTL schon einen ziemlich klaren Unterschied zwischen einem Programm von n-tv und dem Programm von N24. Die andere Frage ist, ob das, was n-tv macht, dann am Ende das ist, was man sonst noch aus dem Nachrichtenkanal machen könnte. Es ist eben so, dass kommerzielles Fernsehen kommerzielles Fernsehen ist. Am Ende kann man immer nur das machen, was darstellbar ist. Da wir keine 7,2 Milliarden Euro haben und nicht über das Korrespondentennetz verfügen, kommt am Ende das dabei raus. So, jetzt zu Ihrer eigentlichen Frage, nämlich, ob das nicht ein gutes Argument für den Öffentlich Rechtlichen Rundfunk ist zu sagen: "Na ja, wir haben es ja sowieso sozusagen, an Infrastruktur, wir produzieren die Nachrichtensendung ohnedies, lasst uns das doch in zusätzliche Informationskanäle stecken." Ich komme wieder an denselben Punkt, den ich vorhin hatte, das ist eine Systemfrage. Wenn ich ARD oder ZDF wäre, würde ich das auch so sehen. Aber man kann es auch umgekehrt sehen. Das ist kein sehr populärer Ansatz und er ist auch etwas spröder, aber das ist eben so. Eigentlich muss es nämlich so rum erfolgen, dass man zunächst eine Auftragsdefinition des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat. Und aus diesem Auftrag leitet sich ab, was er tun darf und was er nicht tun darf. Diese Auftragsdefinition steht sehr grob im Rundfunkstaatsvertrag, aber sie ist eben für solche Fälle nicht klar genug ausgegliedert. Das ist ja auch das, was die europäische Kommission in ihrem Verfahren festgestellt hat.
Doetz:
...dabei steht nun doch für mich die Frage...
Schmid:
Wenn ich Ihrem Gedankenmodell folgen könnte, müsste ich sagen: ARD und ZDF haben eine gute Infrastruktur, was Korrespondenten angeht. Information steht im Staatsvertrag, da können Sie ja morgen eine Tageszeitung rausgeben. Wir müssen zwei Dinge auseinander halten: Digitalisierung bedeutet nicht, ein Mehr an Inhalten, sondern es ist zunächst eine technische Frage. Die Möglichkeit, es tun zu können, heißt für ARD und ZDF noch nicht, dass sie es tun dürfen. Das ist eben das Schicksal eines öffentlich-rechtlichen Gebildes im Gegensatz zu einem privaten. Unabhängig von der Frage, ob wir uns als Bürger das jetzt wünschen oder nicht. Der Appell, den ich habe, ist: Definieren Sie den Auftrag, und dann kann man daraus ableiten, was dafür notwendig ist. Denn es ist ja nicht so, dass ARD und ZDF mit ihren über zwanzig Fernsehkanälen keine Fläche dafür hätten, Informationen zu liefern. Man könnte die Information theoretisch auch in dem bestehenden Fernsehprogramm verbreiten, obwohl ich die James Bond-Filme dort auch gerne sehe, aber das ginge schon. Die Frage, die sich ableitet und zwar auch aus Sicht des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in seinem Bedürfnis sich perspektivisch zu rechtfertigen, ist: "Was genau ist der Auftrag und was soll davon perspektivisch umfasst sein?" Dabei muss man Grundsatzentscheidungen fällen. Und die bedeuten eben auch, Grundsatzentscheidungen für eine Gemengelage oder eine Gewichtslage im dualen System. Und, und das ist noch viel wichtiger und das hat Herr Schneider eben angesprochen, die müssen auch so gefällt werden, dass das System in sich stabil genug ist, um all den Googles, den Telekommunikationsunternehmen, all denen die uns in Brüssel die Frequenzen streitig machen, all diesen anderen Marktteilnehmern in Zukunft etwas entgegen setzen zu können. Das ist aber eine Frage, die wir hier auf dem Podium nicht beantworten können, weil wir dafür die Falschen sind. Es ist so, dass das eine Frage ist, die der Gesetzgeber klären muss. Er muss klären, wo er ARD und ZDF sieht, wo er sie im Verhältnis zum dualen System sieht und wo er dann die Gesamtmenge Rundfunk im Verhältnis zu Industrien, wie Telekommunikation, wie Online usw. sieht. Und wenn diese Fragen nicht beantwortet werden, dann können wir uns hier stundenlang in Panels darüber streiten, ob wir nun finden, dass ein ZDF-Info Not tut oder nicht, aber das löst keines der Probleme.
Wagner:
Herr Doetz, Sie gehen sogar so weit zu sagen, dass ARD- 1 Extra und der ZDF-Infokanal sich außerhalb des rechtsfreien Raumes bewegen.
Reim:
Das wäre gut, außerhalb des rechtsfreien Raums.
Doetz:
Außerhalb des rechtsfreien Raums?
Wagner:
Pardon, ja natürlich. Im rechtsfreien Raum.
Doetz:
Da ist keinerlei Entscheidung der Zuständigen, die ich kenne, die diese Kanäle genehmigt hätte. Es gibt eine Bestätigung, was Phoenix betrifft. Ich glaube, was Karlsruhe spannend macht, ist die Frage, was aus dem Artikel fünf des Grundgesetzes resultiert und der Frage, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in eigener Verantwortung machenkann. Wo ist die Grenzziehung zu dem, wo die Medienpolitik, also die Länder die Verantwortung für den Rahmen haben? Diese Grenzziehung, dazu muss Karlsruhe eine Aussage machen, weil das war ja letztendlich der Kern oder der Anlass des jetzigen Verfahrens. Da wird man dann auch sehen, ob das, was in Brüssel mit den Ländern hier vereinbart wurde, Gültigkeit haben wird. Das ist meines Erachtens, ich habe vorhin schon mal versucht darauf hinzuweisen, der entscheidende Dreh- und Angelpunkt. Brüssel sagt dann eben: Nicht die Frage, was die Sender brauchen, ist der Kern der Sache. Sondern der Kern der Sache ist: Was braucht die Gesellschaft? Das ist ein riesengroßer Unterschied. Bisher wird argumentiert: "Wir brauchen dies aus folgenden Gründen." Und dann kommt mal die Verjüngung der Zuseherschaft oder wie auch immer. "Neue Angebote" kann kein Grund sein - das ist jetzt die Vereinbarung Brüssels mit den deutschen Ländern. Und die sind ja schließlich zuständig. Und dann kommt dieser Public Value, die Frage, ob die Gesellschaft etwas Derartiges braucht. Aber an diesen neuen Ansatz muss sich eben auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sicher erst gewöhnen. Sonst hätte er darauf verzichtet, jetzt Fakten schaffen zu wollen, in einem Raum, den man zumindest juristisch, ich will das nicht wieder so vertiefen, anzweifeln kann. Und dann muss man feststellen, dass der Nachrichtenmarkt in Deutschland gesättigt ist. Sie haben ja nicht nur n-tv, N24, Blumberg, BBC, sondern Sie haben ja auch die Nachrichteninhalte bei ARD und ZDF. Und da sage ich oft: "Respekt", wenn ich sehe, wie schnell man da mit einem Brennpunkt auf dem Markt ist. Es gehört ja alles mit zu dem Nachrichtenmarkt in Deutschland. Dann ist die Frage: Braucht es noch einen Kanal mehr? Oder erleben wir vielleicht das, was wir beim Kinderkanal erlebt haben: Nachdem der Kinderkanal gut versorgt war, begann die Auswanderung der Kinderinhalte aus den Hauptprogrammen. Ist das vielleicht das Ziel? Man kann aus dem Nachrichtenmarkt in Deutschland nicht ableiten, dass er danach schreit, noch zwei weitere Nachrichtenkanäle zu bekommen. Das soll jetzt in einem nachvollziehbaren Prozess, in dem die Öffentlichkeit, in dem die Gesellschaft eine maßgebliche Rolle spielt, entschieden werden. Das ist meines Erachtens ein sehr, sehr gerechtes und gutes Verfahren, auch im Sinne der Qualität.
Wagner:
Dagmar Reim und Herr Suchan, wieso glauben Sie, dass die Gesellschaft den Umbau Ihrer Digitalprogramme Eins Extra und ZDF-Info braucht?
Reim:
Also, die Frage, was die Gesellschaft braucht, ist eine ganz besonders schwierige Frage. Wenn ich jetzt mal Herrn Konken frage, was er braucht und dann Herrn Schmid frage, erwarte ich zwei sehr unterschiedliche Antworten. Mit den Digitalkanälen ist es bei uns so: Die sind keineswegs neu, die existieren seit zehn Jahren und sind weder in Nacht, noch in Nebel erfunden, sondern rundfunkrechtlich - so wie das schöne Wort heißt - genehmigt worden. Warum wird die Diskussion jetzt heiß und emotional? Die Digitalisierung ist da, und solche Kanäle können, nachdem sie fast zehn Jahre lang ein Nischendasein gefristet haben, zu einer bestimmten Bedeutung gelangen. Wir machen da seit zehn Jahren Sachen mit Nachrichten, wir werden dies jetzt verstärken. Nichts anderes ist der Fall. Wir nutzen dazu Synergien, das haben Sie anerkannt, mit bereits bestehenden Strukturen. Selbstverständlich kann man sich immer auf das Brüsseler Verfahren berufen. Nur sind dies keine im Kern neuen Angebote, und wenn wir es nicht machten, wäre es frevelhaft. Ich erinnere einfach mal daran, als der BBC-Nachrichtenkanal 24 Stunden auf den Markt kam, gab es drei kommerzielle Nachrichtenkanäle in Großbritannien. BBC war Nummer vier. Die drei kommerziellen Nachrichtenkanäle leben nicht nur, sie schreiben schwarze Zahlen und hinzugekommen ist ein fünfter. Also, diejenigen die uns immer sagen, dass es ganz easy ist, mit den Finanzinvestoren und das wir uns doch nicht fürchten sollen und um Qualität keine Sorge haben sollen, die fordern dann ganz strenge Restriktionen, wenn sie Sorge um die Geschäfte von n-tv und N24 haben. Das leuchtet mir nicht wirklich ein.
Wagner:
Her Suchan, Ihr Intendant Markus Schächter sagte einmal, dass das ZDF als Ein-Kanalsender nicht überleben wird und deswegen brauche es ein Bouquet. Ist da nicht doch etwas Wahres dran, dass Sie versuchen wollen, mit einem etwas unauffälligen ZDF-Infokanal irgendwie zu demonstrieren: "Wir sind mehr als nur das ZDF-Hauptprogramm!"? Und haben die Privaten nicht vielleicht doch zu Recht ein bisschen Angst, dass Sie - auch dadurch, dass Sie Qualität abliefern, aufgrund Ihrer Strukturen - N24, n-tv und auch meinetwegen RTL um 18:45 Uhr Paroli bieten und damit wettbewerbsverzerrend wirken, weil Sie ja aus Gebühren finanziert werden, während hier das Geld auf dem freien Markt gewonnen werden wird.?
Suchan:
Es ist nicht unsere Aufgabe, einen Schutzwall für n-tv und N24 aufzubauen. Ich glaube auch, dass das, was bei uns im Infokanal bereits seit Jahren existiert und jetzt ausgebaut werden wird, eine andere Anmutung haben wird, als beispielsweise das von mir auch geschätzte n-tv. Es wird längst nicht so wirtschaftsorientiert sein, es wird nicht den ganzen Tag von der Frankfurter, der Stuttgarter, manchmal sogar von der Bremer Börse berichtet werden. Wir werden auf das zurückkommen, was wir haben: Das Korrespondentennetz in den Ländern der Republik, das Korrespondentennetz weltweit, was Sie Herr Schmid eben beklagt haben. Ich sage aber auch: Bei der Gewinnsituation, die gerade in den letzten Wochen gerade von RTL wieder dargestellt worden ist, hätten Sie durchaus die Möglichkeit, n-tv so auszustatten, dass es eine ernsthafte Konkurrenz für einen ausgebauten Infokanal sein könnte. Das was Herr Schächter sagt, ist völlig richtig. Die Welt wird sich sehr viel stärker über Bouquets, also über nicht nur auf ein Hauptprogramm fixierte Programmangebote, definieren. So ist ja beispielsweise die Senderfamilie ProSiebenSat.1 groß geworden. Man teilt sich so die Ressourcen ein bisschen auf, und man kann sich auch die Ressourcen besser einteilen. Man kann also vier Sender günstiger machen, wenn man sie in einer Familie hat, als vier Sender nebeneinander. Das ist ein ökonomisches Prinzip, wo wir schon fast wieder bei unserem Thema sind, das wir uns heute eigentlich aufgegeben hatten: Geld und Qualität.
Wagner:
Ja, wir wollen dieses Thema natürlich nicht aufgeben, aber gerade Qualität und Nachrichten sind - man kann fast sagen untrennbar - miteinander verbunden, wie man an n-tv und N24 sieht. Ich nenne die immer noch zusammen, weil sie ja doch irgendwie als Nachrichtenkanäle in der Außenwahrnehmung gezählt werden. Herr Schmid, Sie sind mit der RTL-Sendung um 18:45 Uhr schon nah an der Tagesschau dran, was die Beliebtheit betrifft, zumindest in Ihrer werberelevanten Zielgruppe. Also, man nimmt Sie ernst und ist umso enttäuschter, dass n-tv bei Ihnen so ein stiefmütterliches Dasein pflegt. Liegt es nicht vielleicht doch am Geld, oder müsste man nicht als Unternehmer sagen: "OK, wir konzentrieren uns auf das Kerngeschäft, Unterhaltung, damit sind wir groß geworden. Wir lassen den Nachrichtensender einfach von anderen machen."? So wie Sie den Öffentlich-Rechtlichen absprechen, Unterhaltung zu machen, also Telenovelas usw.
Schmid:
Ich habe heute den Öffentlich-Rechtlichen noch gar nichts abgesprochen. Wer wäre ich denn, das zu tun? Also, jetzt wollen wir die Sachen mal ein bisschen auseinander halten. Also erstens: Es ist schön, dass es erwähnt wurde. RTL-aktuell hat sich inzwischen offensichtlich unter den drei Hauptnachrichtensendungen recht satt etabliert. Offensichtlich ist das eine Form von Nachrichten, die - jedenfalls vom Zuschauer, für den wir das Ganze machen sollten - ernst genommen wird. Insofern glaube ich schon, dass wir das können. Die von Ihnen angeführte Kritik an n-tv kann ich nicht ganz nachvollziehen. n-tv ist ein sehr schwierig positionierter Sender, der Qualität nicht aufgeben würde und dann damit leben muss, dass er eine spitzere Zielgruppe hat. In der Tat auch im wirtschaftsjournalistischen Bereich, das ist allerdings auch relativ artnah. Da sehe ich eigentlich auch keinen besonderen Bedarf, das zu ändern. Zwei Dinge gilt es noch zu sagen. Das eine ist nur, auch wenn ich das heute schon zum dritten Mal sage, aber wir kommen nicht drum herum: Alles, was von ARD und ZDF für die Ausweitung der Angebote Eins Extra und ZDF-Info ins Feld geführt wird, sind ja keine schlechten Argumente. Sie haben allerdings alle einen theoretischen Haken, der korrigierbar ist, aber der korrigiert werden muss. Möglicherweise nach dem Verfahren, auf das Herr Doetz hingewiesen hat: Nämlich, sie müssen sich am Ende nicht danach orientieren, ob es praktisch ist und auch nicht daran orientieren, ob es zufälligerweise gerade passt.
Herr Wagner:
Das Geld wird garantiert auch nicht mehr werden, auch wenn ARD und ZDF mehr beantragt haben. Es wird sich wahrscheinlich dann doch nur im Cent-Bereich bewegen. Dagmar Reim, Sie müssen für die Herausforderung der Zukunft nicht nur technisch gerüstet sein mit Ihrer Digitalstrategie. Sie versuchen dem neuen Bedürfnis, an Informationen, an Unterhaltung zu kommen, Rechnung zu tragen. Sie haben auf der anderen Seite Kritik des VPRT auszuhalten. Sie haben aber eigentlich den größten Feind im eigenen Hause, nämlich die schmalen Budgets. Sie müssen eben, das will ich gerne noch mal aufgreifen, mit finanzkräftigen Anbietern konkurrieren, die in erster Linie gar nicht so sehr darauf aus sind, Content zu erzeugen. Die greifen kraft ihrer Wassersuppe frisch in den Markt hinein und klauen Ihnen Ressourcen, also Spielfilme, Musik, die Sie dann an den normalen Funkhäusern vorbei, per IP-TV oder wie auch immer über die Internetplattform an den Funkhäusern vorbei streamen. Was kommt da auf Sie zu? Worauf stellen Sie sich ein?
Reim:
Wenn heute einer wüsste, was im digitalen Zeitalter exakt passiert, dann wäre er der Guru von allen. Bis heute kann, glaube ich, niemand von uns sagen, welche Plattform, welche Vertriebswege, welche Darbietungsweisen sich am Ende durchsetzen. Deswegen sind wir momentan alle damit beschäftigt, unsere Startlöcher zu buddeln. Eines scheint fest zu stehen, das, worüber wir zehn Jahre medienpolitisch geredet haben: "Bald kommt die Digitalisierung." Die ist jetzt da, und deswegen ist es mir so wichtig, dass wir die Inhalte zukunftsfähig machen und das, erstaunlicherweise komme ich zu unserem Thema zurück, geht nur für öffentlich-rechtliche Programme mit Qualität.
Wagner:
Qualität auf den herkömmlichen Ausspielwegen. Das heißt also, Sie verstehen sich als ARD wieder als Programmerzeuger. Es gab ja auch mal den anderen Trend. Ich erinnere nur an den Mitteldeutschen Rundfunk, der sehr stark outgesourct hat. Da hatte man den Eindruck, dass es in eine andere Richtung geht, dass Inhalte von Dienstleistern produziert werden. Es gab eine riesengroße Qualitätsdebatte. Geht das überhaupt? Muss das nicht im eigenen Haus produziert werden? Hier kennt man doch den Zuschauer am besten.
Reim:
Ich habe vorhin schon gesagt, dass wir nichts bestellen können in einem Markt, ohne qualifizierte Leute im Haus. Aber selbstverständlich werden wir nie alles machen können. Wir arbeiten immer, wie die anderen Anbieter im Markt auch, mit Auftragsproduzenten zusammen. Auch die liefern Exzellentes, aber ohne starke Redaktionen wird es nicht gehen. Und, Herr Wagner, natürlich bin ich nicht der Ansicht, dass wir uns zurückziehen müssen, auf klassische Ausspielwege. Wir müssen uns fit machen für die Zukunft. Ich bin nicht so vermessen zu sagen, jetzt schon wissen zu können, wohin es dann läuft. Ob DVBH, ob DMB, ob IP-TV, das werden wir alles sehen. Es hat keinen Sinn jetzt in Panik zu verfallen. Wir müssen uns auf den Weg in die Zukunft machen, auch wenn wir jetzt noch nicht genau wissen, wo er sich gabelt.
Wagner:
Weiß es RTL vielleicht schon? Na ja, man hat immer so den Eindruck, dass die Bertelsmann-Familie doch eher ein bisschen konservativ herangeht. Die Internetsparte verkauft, also zurück eher doch zum klassischen Medienangebot. Spüren Sie was davon? Oder geht es genau in die andere Richtung: Die Chancen, die die neue vernetzte Welt, die auf der Internationalen Funkausstellung wieder sehr marktschreierisch präsentiert wird, zu suchen und zu finden?
Schmid:
Also, wir wissen es natürlich, aber verraten es Ihnen nicht. Nein, wir wissen es nicht. Es ist genau so, wie Frau Reim gesagt hat: Wir wissen alle nicht genau, wie die Geschichte ausgeht. Ich glaube, sicher ist, der Markt wird neue Marktspieler bekommen. Technologische Konvergenz führt dazu, dass auch die Akteure konvergent werden. Das ist das Beispiel, was hier aus den USA genannt wurde, wo Infrastrukturbetreiber Inhaltsanbieter werden. Wir haben die Diskussion im Bereich von DVBH bereits erlebt, wo Telekommunikationsunternehmen faktische Ressourcen haben wollen, um dort am Ende eigene Inhalte machen zu können. Wir werden schon eine Situation erleben, die um ein vielfaches aggressiver wird und bei der auch die Unwissenheit oder die Unsicherheit, welche Verbreitungswege und welche Technologien am Ende siegen werden, die ganze Diskussion sehr befördern. Darin liegen enorme Risiken für die klassischen Veranstalter, für die Privaten aufgrund der Finanzierstruktur noch mehr als für die Öffentlich-Rechtlichen. Die neuen Marktteilnehmer, gegen die wir antreten, verfügen über enorme finanzielle Möglichkeiten. Sie müssen sehen, gemessen an einem Unternehmen wie der deutschen Telekom ist RTL ein harmloser Mittelständler. Das sind Situationen, die sind neu. Und die Unternehmen, die über die großen Finanzmittel verfügen, sind nicht zwingend die inhaltsgetriebenen Häuser.
Wagner:
...was Sie am Markt bestehen lässt. Frau Reim sagte für ihr Haus, das wird nur Qualität sein.
Schmid:
Wir sind relativ sicher und die Historie unterschiedlicher Mediennutzungen hat ergeben, dass es keinen Grund zur Hysterie gibt, dass die meisten neuen Mediennutzungen additiv sind. Jede Form von Mediennutzung ergänzt sozusagen die anderen, aber nimmt den anderen auch immer ein bisschen was weg. Also die Zeitungen, das Radio, das Fernsehen, das Internet haben sich sozusagen zueinander addiert, aber sie nehmen sich auch ein bisschen was. Gleichzeitig führt Digitalisierung zu einer Fragmentierung des Marktes und Fragmentierung des Marktes führt zu dem, was Herr Prof. Schneider gesagt hat, nämlich mehr Teilnehmer teilen sich am Ende in etwa dieselben Beträge, die man über Werbung oder Ähnliches generieren kann. Das wird unserer Einschätzung nach dazu führen, dass das Positionieren von Senderfamilien, der sogenannten Bouquets eine große Relevanz hat, weil man den Zuschauer versucht, in der jeweiligen Welt zu halten. Ich glaube, dass die großen Fernsehmarken zeigen, dass sie sich dort sehr gut behaupten können, weil sich um sie herum eine Vielzahl von kleinen Angeboten sammelt. Was die Kernmarken wie RTL, wie ARD, wie ZDF, Sat.1 oder ähnliche angeht, unabhängig von den aktuellen Geschehnissen, da bin ich relativ zuversichtlich. Sportlich wird es sicherlich für die Vielzahl kleiner Anbieter, die sich in diesem enorm diversifizierten Markt behaupten werden müssen und das in einem regulierten Rahmen, der wie Herr Schneider vorhin auch schon sagte, eigentlich für alle mehr oder minder die gleichen Voraussetzungen schafft, die aber unterschiedlich gut exekutiert werden können.
Wagner:
Für das ZDF gilt es wahrscheinlich noch ein bisschen modifizierter. Sie müssen, sagten Sie vorhin auch, erkennbar bleiben in der digitalen Welt. Qualität ist sicherlich ein Kriterium, aber auch eine ZDF-Familie wird sie überleben lassen. Glauben Sie daran, dass das letzten Endes das Kriterium ist, um in der Vielzahl von Kanälen nicht zu verschwinden?
Suchan:
Natürlich werden wir überleben, da bin ich ganz sicher. Ich glaube auch, es gibt so ein ganz typisches Beispiel: Sie haben vorhin davon gesprochen, Herr Schneider, dass die Werbung nachlässt, die Erträge aus der Werbung. Das ZDF hat in den letzten zwei Jahren seine Werbeeinnahmen deutlich gesteigert. Viel stärker als die Konkurrenz. Warum? Weil wir begriffen haben, dass wir ein bestimmtes Publikum haben, auf das wir zugehen müssen. Das zu pflegen, allerdings auch auszubauen über die digitalen Kanäle, ist wichtig. Das zeigt, dass ein Markt da ist. Was die Dramatik angeht, die Geschwindigkeit von der eben gesprochen worden ist, bin ich nicht ganz so optimistisch, respektive pessimistisch. Wir haben immer wieder Rückschläge erlebt bei den neuen Anbietern. Vielleicht ist das Schicksal von Arena auch wieder ein Zeichen für eine kleine Verschnaufpause, dass auch diejenigen, die über mehr Geld verfügen, dann doch nicht die richtigen Rezepte haben, um in den Markt hinein zu kommen.
Wagner:
Herr Doetz, das duale System ist möglicherweise nicht zukunftssicher. Sollten wir mehr auf Freundschaft gehen und den kalten Krieg abschaffen?
Doetz:
Kalter Krieg haben weder die Einen noch die Anderen gesagt, das wäre mehr als kalter Kaffee. Aber es gibt einen Streitpunkt. Es gibt Konsenspunkte, und wie das alles einmal ausgeht, ist offen. Der Satz "Ich weiß, dass ich nichts weiß", Frau Reim, ist so alt, dass wir ihm gemeinsam Respekt zollen. Natürlich bleibt es beim dualen System, weil ich davon ausgehe, dass es immer einen Bedarf an öffentlich-rechtlichem Inhalt, also an gemeinschaftsfinanziertem Inhalt gibt - unter der Prämisse, dass erkennbar wird, warum wir ihn brauchen. Das ist meines Erachtens ein ganz schlichter Satz. Und dann eben wird es die private Medienwirtschaft sein, die hier neue Angebote in den Markt bringt. Wo wir die Risiken kennen, die Googles und wen auch immer, aber auch die Chancen. Der letzte Antrag, den wir als Privatfunkverband auf den Tisch bekommen haben, als neues Mitglied, war der eines künftigen Literaturkanals aus Hamburg. Trotz aller drohenden Gefahren glaube ich, gibt es auch Chancen, neue inhaltlich wertvolle Angebote.
Wagner:
Norbert Schneider, Sie sind der Podiums-Älteste. Sie blicken auf langjährige Medienerfahrung zurück. Haben den Abstand des Alters um zu sagen, weniger Empörung, mehr Draufsicht, mehr Klarheit. Sie haben vorhin gefordert "Neue Bilder, neue Sprachbilderbraucht das Land." Wenn Sie die Diskussion jetzt für sich zusammenfassen, sehen Sie da Möglichkeiten, dass neue Bilder entstehen, dass Menschen zueinander kommen, die sich erst feindlich gegenüber gestanden haben? Dass man Bilder abschafft, wie "der Wurm muss dem Fisch schmecken und nicht dem Angler"? Glauben Sie, dass die Zeit dafür reif ist, die Konfrontation beiseite zu legen und sich neue Gedanken zu machen, wie man Kommunikation in einer Gesellschaft organisiert, Unterhaltung organisiert, Vergnügen, Entspannung?
Schneider:
Das war jetzt eine lange Frage und da ich auf ein langes Leben zurückblicke, wie Sie mehrfach jetzt gesagt haben, bräuchte ich jetzt auch eine lange Zeit, um das alles zu beantworten. Ich denke, man muss alle Kräfte darauf verwenden, ein halbwegs funktionierendes System so lange zu erhalten, wie der Effekt dieses Systems einigermaßen stimmt. Das würde ich dem gegenwärtigen dualen System, das natürlich auf einer Lebenslüge beruht, wie fast alle guten Sachen, noch attestieren. Es lohnt sich, dafür noch wirklich viel zu tun. Wir haben überhaupt nicht über Ausbildungsfragen gesprochen: Dass für dieses gesamte System ausgebildet wird, nach denselben Kriterien, wie ich hoffe, da gibt es noch viel zu tun. Die Streitereien, die es gibt, sind, finde ich, nicht anders als früher. Hans Bausch hat mal eine öffentlich-rechtliche Rundfunkzeitschrift einführen wollen. Das war als Drohung gedacht, als Verleger dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr stark zugesetzt haben. Aber er hatte acht Intendanten-Kollegen, die haben es ihm wieder ausgeredet. Herr Doetz spricht von Gedanken, die irgendwo stattfinden, wo ich nicht hinhören kann. Das macht mich natürlich glücklich, dass die Systeme hinter geschlossenen Türen, diese sehr konstruktive, von ihrer öffentlichen Darstellung weithin abweichende, grundliberale Freundlichkeit miteinander pflegen. Aber ich glaube, dass wir einen Punkt wirklich nicht verkennen können. Frau Reim hat eben noch mal gesagt, wir haben zehn Jahre auf die Digitalisierung gewartet oder davon geredet. Jetzt ist sie da, sie ist wirklich da. Und es ist etwas anderes, ob wir über etwas reden, was noch ein bisschen in der Hoffnung und in der Entwicklung steckt. Ich glaube auch, dass jetzt zuviel von dem da ist, als dass man sich darüber nicht mehr konkret und praktisch Gedanken machen müsste. Deshalb denke ich, ist die Situation ein bisschen anders, als sie vielleicht auch in der Gegenüberstellung innerhalb des dualen Systems lange gewesen ist. Meine Hoffnung wäre schon, dass die beiden Systemteile - so inkompatibel sie in bestimmter Hinsicht immer gewesen sind - sich jedenfalls Dritten gegenüber möglichst verbünden. Das fände ich schon noch einen Versuch wert. Ob und wie lange das hält, wird man sehen müssen, aber die Prophetie ist eben durch ihre strukturelle Unsicherheit belastet und ich weiß auch nicht, wie das weiter geht. Ach, ich liebe Ihre Streiterei, es ist etwas, worauf ich auch gar nicht verzichten möchte. Herr Doetz, bleiben Sie dabei. Öffentliche Polemik - wunderbar. Letzte Woche einmal, diese Woche einmal, nächste Woche haben wir frei. Also ich hoffe, dass das gut beieinander bleibt und auch nicht durch Richtersprüche am 11. September noch mal neu in irgendeiner Auseinandersetzung mündet. Wäre schade drum.
Wagner:
Und deswegen wird jetzt in den Workshops weiter diskutiert werden müssen, wie Qualität zum Beispiel im Rundfunk gesichert wird. Ich bedanke mich für Ihr Interesse, das war natürlich eine etwas allgemeine Diskussion teilweise fern des Qualitätsbegriffs - auch aufgrund der aktuellen Diskussion um das, was ARD und ZDF dürfen, was mit den Rundfunkgebühren gemacht werden darf oder nicht. Jetzt in den Workshops kann wie gesagt konkret am Objekt weiter diskutiert werden. Ich bedanke mich bei meinen Panelteilnehmern und hoffe, dass das, was so, ich will nicht sagen altersmilde, aber versöhnerisch von Ihnen kommt, jetzt produktiv aufgegriffen wird und mal ganz genau geguckt wird, wo kann man von den Privaten was klauen und wo von den Öffentlich-Rechtlichen, wenn es um Qualität geht. Vielen Dank.