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Dokumentation

DJV-Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität"

3./4. September 2007, IFA Berlin

 

Die Qualität des Rundfunks:

Medienpolitische und -rechtliche Rahmenbedingungen

 

Podiumsdiskussion mit:

Prof. Dr. Dieter Dörr (Mitglied der KEK)

Michael Konken (DJV-Bundesvorsitzender) 

Fritz Raff (ARD-Vorsitzender)

Prof. Markus Schächter (ZDF-Intendant)

Prof. Dr. Siegfried Weischenberg (Institut für Journalistik Uni Hamburg)

Moderation: Dr. Peter Frey (ZDF)

 

Peter Frey:

Ja, schönen guten Morgen meine Damen und Herren. ich freue mich, dass der Saal sich doch noch gefüllt hat. Es ist vorgesehen, dass die Veranstaltung so etwa bis 13 Uhr dauert, vielleicht enden wir auch ein bisschen früher. Wir dachten hier auf dem Podium, dass wir etwa eine Stunde diskutieren werden und Sie anschließend auch noch die Möglichkeit haben, Ihre Fragen zu stellen. Sie haben vielleicht gesehen, dass das Podium ein bisschen knapper ausfällt, als es eigentlich vorgesehen war. Ich muss Ihnen nämlich eine Absage vermelden und wir bedauern das, weil es vielleicht doch noch ein bisschen mehr Salz in die Suppe gebracht hätte. Rüdiger Oppers, der Beauftragte der WAZ-Mediengruppe für neue Medien, ist leider heute nicht da. Er hat krankheitsbedingt nicht kommen können, und dafür bitten wir um Verständnis. Ich würde gerne mal aufgreifen, Herr Prof. Dörr, Herr Prof. Weischenberg, was Sie sozusagen in das Zentrum Ihrer Ausführungen heute Morgen gestellt haben: die Frage der Qualität, geradezu das Lebenselixier des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, wie Herr Dörr gesagt hat. Herr Raff, als Vorsitzender der ARD, wie wollen Sie denn sicher stellen, dass in den Zeiten der harten Konkurrenz und trotz der Gefährdungen des Boulevards dieser Qualitätsmaßstab auch weiterhin gilt für die vielen Rundfunk-, Fernseh- und Rundfunkangebote, die Sie machen?

 

Fritz Raff:

Gut, Qualität ist ja nicht so pauschal festzulegen. Das ist ja von Sendung zu Sendung, von Format zu Format letztendlich unterschiedlich zu definieren. Deshalb ist es, übrigens seit der Gründung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, eine Dauerdiskussion: Was ist die Qualität, was macht die Qualität der Programme aus? Insofern müssen wir es uns ganz einfach machen. Es ist eine Daueraufgabe, es ist eine Aufgabe, die wir uns jeden Tag stellen müssen. Es gibt jeden Tag eine Diskussion, ob die Sendung gut war. War sie schlecht? Wo hat sie Mängel gehabt? Es gibt eine gefühlte Qualität, es gibt auch eine Qualität, die wahrscheinlich als solche erkannt wird, wenn sie von außen gefordert wird - weil von außen bestimmte Maßstäbe an eine Sendung gestellt werden. Von daher ist es, ich sage es mal wirklich so platt, ein Dauerthema bei uns und es ist natürlich ein Dauerthema in der aktuellen Diskussion, in der derzeitigen medienpolitischen Auseinandersetzung, wo Verleger und kommerzielle Programmveranstalter behaupten, sie würden all das auch leisten, was wir zu leisten vermögen. Was wir aber täglich sehen, wenn wir in Online-Auftritte gehen, wenn wir das Programm anschauen, das ist eben doch ein relativ großer Unterscheid zwischen dem was sie tun und behaupten zu tun, und was wir letztendlich leisten.

 

Frey:

Prof. Dörr hat ja ganz bestimmte Kriterien genannt, nämlich Meinungsvielfalt, den kulturellen Auftrag und die Einhaltung bestimmter journalistischer Regeln. Sind das für Sie Herr Raff die zentralen Kriterien oder kommen noch Dinge dazu?

 

Raff:

Es kommen noch weitere Dinge dazu, aber der Dieter Dörr hat natürlich schon den Kern dieser Qualitätsdebatte angesprochen. Wenn man diese Merkmale schon nicht beachtet, dann können wir alle anderen nicht mehr diskutieren. Von daher hat er hier heute morgen ein Gerüst dokumentiert und dargestellt, das, wie ich meine, auch die Leitschnur für das ist, was wir in unseren Häusern letztendlich leisten müssen.

 

Frey:

Herr Schächter, wie wird dieser Diskussionsprozess, der den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie Herr Raff sagt, von Beginn an begleitet, organisiert in diesen Häusern? War es nicht in den letzten Jahren so, dass auch im ZDF, wie überall, die Quote im Vordergrund stand und das Kriterium der Qualität etwas nach hinten rückt?

 

Markus Schächter:

Ich denke, dass es Zeiten mit unterschiedlicher Akzentuierung gibt. Da haben wir alle gesündigt. Das Bewusstsein darüber, dass Qualität der Schlüsselbegriff für die ganze Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, ist aber ausgeprägter denn je. Wir haben immer wieder unterschiedliche Annäherungen an den, wie hat Herr Weischenberg gesagt, voraussetzungsreichen Schlüsselbegriff gebraucht. Es gibt eine Komplexität des Qualitätsbegriffes, der in der Literatur so reich beschrieben ist, die manchmal auch erfolglos umgesetzt wird. Die Herangehensweise ist unterschiedlich. Im Moment gibt es eine sehr präzise, wie ich finde. Die Basisnormen des Gesetzes, Sie haben sie dargestellt, sind relativ allgemein. Die Staatsferne legt das auch nah. Es liegt an den Häusern und an den Gremien, hier zuzuspitzen. Seit zwei Jahren gibt es - in einer bisher noch nie gekannten Präzision und Finanzierungsfähigkeit von Qualität - Selbstverpflichtungserklärungen. Die letzten von uns stammen vom 16. Oktober. Wir haben das mit dem Fernsehrat, der uns hier heute teilweise zuhört und der genau auf jedes meiner Wort achtet, sehr genau, auch in Klausuren, diskutiert. Wir haben miteinander die Leitprinzipien dargestellt, die Umsetzung und die Kriterien, für die hier alle zwei Jahre stattfindende Bilanzierung. Wir haben dieses Jahr zum Jahr des Qualitätsmanagements ausgerufen. Wir diskutieren zum Beispiel morgen in unserer Direktionssitzung ein Arbeitspapier von Kollegen aus dem Haus, die versuchen, auf einer neuzeitlichen, also in die Zukunft gerichteten Version, die fünf, sechs Grundkriterien, die in diesen Vorträgen auch heute beschrieben wurden, neu zu definieren: Professionalität, Akzeptanz, all die Umsetzungssachen. Es ist ein vielseitiges Papier, von dem ich glaube, dass wir es weiter umsetzen müssen. Der wichtigste Kern aber ist, für uns selbst Tag für Tag die richtigen Entscheidungen zu treffen: Am Mittwoch gibt es ein Spiel, Bayern München auswärts - ist das ein Argument, das Programm zu ändern oder nicht? Und an diesen Alltagsentscheidungen werden dann die Vorstellungen von Qualität jeweils operativ konkret. Das ist eine tägliche Auseinandersetzung. Das Bewusstsein, Qualität als Schlüsselbegriff für die Identität des Senders zu nutzen, ist vorhanden. Was gleichzeitig - ich sage den Satz dazu, damit ich nicht scheinhaltig klinge – den Kampf um die Akzeptanz nicht gering erscheinen lässt.

 

Frey:

Würden Sie denn zustimmen, dass eine der großen Gefährdungen für Qualität im Moment der Zustand des Journalismus ist? Wie gelingt es uns, weiter professionell im journalistischen Bereich zu arbeiten, was ja auch Sicherheit für die Kollegen bedeutet? Wie  führen wir junge Leute an uns heran, und welche Perspektive geben wir denen?

 

Schächter:

Also, da bin ich mir jetzt nicht sicher, was unseren Bereich angeht. Noch nie gab es eine solche Bereitschaft, sich einer Aus- und Fortbildung zu unterziehen, um die Multifunktionalität, die Multimedialität und die neuen Gesetze einer journalistischen Zukunft umzusetzen. Ich sehe beim ZDF kein Defizit an Professionalisierung. Ich war vorletzte Woche dabei, als unsere Volontäre ausgewählt wurden. Ich habe nie zuvor so viele perfekte, kompakte, zwölf Sprachen sprechende 26-jährige Leute gesehen wie bei den 480 Bewerbern in der engeren Auswahl. Das muss man differenzierter sehen. Ich weiß, dass es natürlich Medien gibt, die unter anderen Voraussetzungen an ihr Personal herangehen.

 

Frey:

Herr Konken, wollen Sie dazu etwas sagen, als Vertreter des Berufsstands, das interessiert sicherlich auch die Kollegen hier im Raum. Diese Sorge, die Prof. Weischenberg ausgedrückt hat, beschäftigt die sie auch, auch was die Arbeitsbedingungen angeht von Journalisten? Und wo sind die Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichem Bereich, wo es vielleicht noch relativ gut geht, und den anderen Gebieten des Journalismus?

 

Michael Konken:

Also, bei Qualität müssen wir, glaube ich, zwei Aspekte betrachten. Einmal die der Rahmenbedingungen. Dafür sind, wenn ich jetzt mal an die Öffentlich-Rechtlichen denke, die Intendanten zuständig. Dazu gehört die Programmgestaltung. Ich kann mich natürlich immer noch nicht damit anfreunden, Fritz Raff kennt das, dass eine Telenovela Qualität sein soll im Unterhaltungsbereich...

 

Frey:

....wir haben sie ja auch nie zu journalistischen Sendungen erklärt.

 

Konken:

Gut, aber auch Unterhaltung gehört dazu. Da ist dann für mich Barbara Salesch schon manchmal qualitätsvoller. Aber ich will mal auf die andere Qualitätsschiene gehen, nämlich die der Kolleginnen und Kollegen. Wir wissen mittlerweile, dass gerade im öffentlich-rechtlichen Bereich eine große Säule der Qualität an den Kolleginnen und Kollegen liegt – auch bei den freien Kolleginnen und Kollegen. Allein beim NDR, die Zahl habe ich gerade im Kopf, sind glaube ich über neunhundert Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im freien Bereich tätig. Viele sind Rahmenverträgler. Da eine Sicherheit für die Kollegen zu gewährleisten, ist das Problem, das wir gerade in dem Bereich haben. Dort gibt es die so genannten Rahmenverträge. Die Laufzeit der Rahmenverträge endet bei maximal fünfzehn Jahren, das will man jetzt sogar noch runter fahren. Ich weiß, dass das beim WDR anders ist, da hat man eine Prognoseregelung. Beim Saarländischen Rundfunk gibt es, glaube ich, überhaupt keine Regelung, der Bayerische Rundfunk hat eine andere Regelung. Da fragt man sich natürlich: Warum kann man nicht eine einheitliche Regelung finden? Das muss man sich mal vorstellen, wenn ein Kollege mit dreißig Jahren über Jahre Qualitätsfernsehen macht, steht er möglicherweise mit Anfang vierzig auf der Straße. Vor einigen Jahren war es dann vielleicht noch möglich, in andere Medienbereiche zu wechseln. Heute findet er in diesem Bereich definitiv kaum noch einen Job. Jeden Tag von ihm zu fordern, er soll Qualität abliefern, mit der Perspektive, dass er vielleicht in kürzester Zeit auf der Straße steht, das ist für mich ein Denkansatz, über den wir heute auch mal reden müssen. Wie können wir da Qualität fordern?

 

Frey:

Herr Konken, weil ich das Stichwort zum ersten Mal gehört habe heute Morgen in den Vorträgen: Dieser Bangalore-Effekt, ist das eine reale Bedrohung auch für Deutschland oder betrifft uns das bisher noch nicht?

 

Konken:

Also, ich hoffe nicht. Als gestern gesagt wurde "das gibt es schon lange", da bin ich natürlich nachdenklich geworden. Es wird kommen, da bin ich durchaus sicher. Es wurde ja auch schon im osteuropäischen Raum produziert. Das haben wir ja alles schon gehabt, mit wenig Erfolg. Man hat das Ganze wieder zurückgefahren. Also ich hoffe immer noch, dass Qualität hier im Inland gemacht wird, weil es hier auch zu controllen ist. Ich weiß nicht, wie man Qualität in Indien controllen soll.

 

Weischenberg:

Na ja, die Kontrolle bei dem Beispiel erfolgt in Pasadena, und es scheint zu funktionieren. Der Chefredakteur hat letztens in einem Interview gesagt: "Das ist alles überhaupt kein Problem. Die Inder sind fleißig, die sind kompetent und was die nicht wissen, schicken wir ihnen per E-Mail. Die können also auch Lokalberichterstattung von dort machen." Das ist natürlich ein Extrembeispiel. Es zeigt aber, dass Globalisierung im Bereich der Medien, auch der journalistischen Medien, inzwischen eine Entwicklung genommen hat, die man sich vor ein paar Jahren noch gar nicht vorstellen konnte. Das ist natürlich die Parallelisierung zu dem, was wir sonst aus der Ökonomie kennen. Dass man die Arbeitsplätze oder die Produktion dorthin verlagert, wo besonders billig produziert werden kann. Im Fall dieser indischen Kollegen ist das so, dass die für ein Viertel des Gehaltes arbeiten, das etwa in den USA bezahlt werden muss.

 

Frey:

Um vielleicht doch mal ein bisschen Pfeffer in die Debatte zu bringen:  Ihr Vortrag war ja, also ich würde sagen, relativ vornehm. Kritik kam, wenn dann doch, indirekt. Sie sagten, zentral ist der Kulturbegriff, zentral ist der kulturelle Anspruch, das der Qualität verpflichtet sein. Wenn Sie die Programme von ZDF und ARD beobachten - das Stichwort Telenovela fiel hier eben schon: Wo unterschreiten sie denn den Qualitätsstandard, den Sie setzen würden?

 

Weischenberg :

Ich sage nicht, dass sie ihn unterschreiten. Aber ich sage, in den beiden Hauptprogrammen gibt es Tendenzen, dass die Schwergewichte falsch gesetzt werden. Man muss sehen, was ist Schwerpunkt des öffentlich-rechtlichen Auftrages? Unterhaltung soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht machen, um Unterhaltung zu machen. Auch das ist in den Auftrag eingebunden, das muss man sich immer klar machen. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk Unterhaltung macht, ist das was anderes, als bei den Privaten. Der Private kann das machen, aus welchen Gründen auch immer, abgesehen von den wenigen Bindungen die er hat. Der Öffentlich-Rechtliche ist immer an seinen Auftrag gebunden. Er hat einen umfassenden Informations- und Kulturauftrag und die Verfassungsrichter gestehen ihm Unterhaltung zu, damit er auch ein breites Publikum erreichen kann. Aber er soll nicht Telenovela um der Telenovela Willen machen. Er soll auch mit seinen Unterhaltungsprogrammen Werte, Vorstellungen und Informationen transportieren. Das geschieht ja in manchen Bereichen sehr gut. Ich habe zum Beispiel mit Freude festgestellt, dass manche Unterhaltungswellen im Radio sehr viel besser geworden sind.  Ich nehme jetzt das Beispiel des Saarländischen Rundfunks mit SR1. Es ist deutlich verändert und enthält neuerdings viel mehr Informationen. Oder das Beispiel SWF1: Ein sehr worthaltiges Programm, was damit durchaus sehr erfolgreich ist. Jetzt nenne ich aber ein Negativbeispiel, ich greife mal das ZDF heraus. Das ZDF war hervorragend in der Gerichtsberichterstattung. Mit sehr informativen Sendungen. Ich weiß nicht, ob man die Sachen heute noch so präsentieren kann, aber das war wirklich hervorragend. Da hat man die Bevölkerung darüber aufgeklärt, wie ein Gerichtsverfahren funktioniert: "Ehen vor Gericht", "Wie würden Sie entscheiden?", "Verkehrsgericht". Es ging darum, wie solche Dinge wirklich stattfinden, nicht nur die Vorstellungen. Das ist nachmittags, jedenfalls zeitweise, ersetzt worden durch Gerichtshows, die sich von den Privaten kaum mehr unterschieden haben. Das muss ich so deutlich sagen. Ich halte das für eine ganz bedenkliche Entwicklung. Um aber auch die ARD zu nennen: Da gab es Programmformen, die auch noch Namen von Unterhaltungszeitschriften hatten. Eine stammte vom Saarländischen Rundfunk, glücklicherweise ist sie dann eingestellt worden, das kann man als negatives Beispiel nennen. Ich habe mich da wirklich ein wenig selbst betroffen gefühlt, dass so etwas im öffentlich-rechtlichen Rundfunk stattfindet. Das muss man auch sagen dürfen und muss es auch deutlich kritisieren dürfen. Wir müssen wieder mehr wichtige Informationsprogramme in die Hauptsendezeit verlagern. Ich sage, der öffentlich-rechtliche Rundfunk hatte noch nie so gute Chancen wie jetzt. Gerade, weil sich die Privaten in einer gewissen Weise entwickelt haben. Das gilt nun für manche Privatsender in ganz besonderer Weise, vor allem für eine Gruppe. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat Ausgangschancen, die waren noch nie so gut. Und glücklicherweise diskutiert er wieder über Programmauftrag, das hat er nämlich eine Zeit lang nicht getan. Das ist auch geschehen, weil kleine Presseunternehmen, ich nenne hier mal epd, auf Missstände sehr deutlich aufmerksam gemacht haben. Leider ist das nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk von innen gekommen.  Das stimmt mich ein wenig nachdenklich, ob die Binnenkontrolle so ganz funktioniert - sage ich jetzt mal an die Adresse der Vertreter der Binnenkontrolle. Eigentlich hätte das, was epd aufgedeckt hat, vom Fernsehrat und von den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sender aufgedeckt werden müssen. Die hätten sich mit solchen Programmfragen beschäftigen müssen.

 

Frey:

Über das Problem der Kontrolle sprechen wir gleich. Aber vielleicht zunächst der Blick vom ZDF: Warum fallen bestimmte Genres weg und warum werden sie durch Telenovelas und Ähnliches ersetzt?

 

Schächter:

Sie werden nicht durch Telenovelas ersetzt. Aber es war in den 90er Jahren eine Einsicht, dass "Ehen vor Gericht" und solche Produktionen aus einer Zeit stammen, die in der Hauptabendzeit so nicht mehr passen. Darüber gab es heftige Diskussionen, kontroverse Diskussionen, aber das gibt es ständig. Das ZDF hat in dieser Zeit, wo "Ehen vor Gericht" dann nicht mehr in der Hauptsendezeit war - auf seinem langen Weg der Häutungen vom Unterhaltungsdampfer zum Informationssender - seinen Anteil an Informationssendungen um zwanzig Prozent erweitert. Allein ein heutiger Dienstag zum Beispiel, der früher ein Unterhaltungsdienstag war, hat um 20:15 Uhr eine historische Betrachtung über Mogadischu, um 21 Uhr "Frontal21", um 21:45 Uhr das "heute-journal" um 22:15 Uhr "37 Grad" – das alles an einem Tag. Informationstag, quasi ein Themenabend des ZDF. Da haben wir mehr Informationen, als jeder private Sender in der ganzen Woche. Und wir haben deutlich mehr Informationen für ein breites Publikum, beispielsweise das erfolgreiche "Frontal". Nicht nur spezifisch, wie "Ehen vor Gericht", sondern in einer modernen Weise, die schon Zukunft antizipiert und auch Möglichkeiten für eine multimediale Nutzung beachtet. Also, wir sind auf einem richtigen Weg deutlich weiter gegangen, als es an Einzelbeispielen möglicherweise diskutiert werden kann. Wir haben zugelegt und haben gleichzeitig unsere Wertigkeit unterstrichen. Das ZDF, zu dem Herr Thoma 1996 gesagt hat, zur Weltmeisterschaft 2006 wird es kein ZDF mehr geben, war im Jahr 2006 Marktführer - vor RTL - wegen seines Weges, wegen seines konzeptionellen Weges. Dazu gehören auch Fußballspiele am Abend. Und am Nachmittag in einer Zeit, wo Menschen Fernsehen nebenbei und nicht als Primärquelle nutzen, gibt es auch Telenovelas und Unterhaltungsformen - die allerdings einem Qualitätsanspruch entsprechen müssen. Wir haben 52 Prozent Information. 1986, das war so die Hochzeit des ZDF, hatten wir 32 Prozent Information. Wir haben acht Prozent Show, das war vor zwanzig Jahren das Doppelte. Im großen Jahr des Sports 2006, mit Fußballweltmeisterschaft und allem was stattfand, hatten wir acht Prozent Sport. Hier ergibt sich so eine interessante Mischung, die im Übrigen auch das Thema für den Fernsehrat ist.

 

Frey:

Herr Raff, wir werden jetzt vielleicht nicht über die einzelnen Sendungen reden, es soll ja keine Rechtfertigungsveranstaltung werden. Aber haben wir es nicht wirklich damit zu tun, dass das Pendel jetzt wieder ein bisschen mehr rüber schwingt auf die Qualitätsseite? Kann man sich jetzt auch wieder den Qualitätsprodukten zuwenden nachdem die Öffentlich-Rechtlichen den Angriff, den es aus dem Privatfunk gab, mit erfolgreicherem Vermarkten, mit Boulevardprogramm, mit neuen Show-Inhalten abgewehrt haben, nachdem man den Markt gehalten hat?

 

Raff:

Natürlich hat das duale System zunächst mal zu einer Verunsicherung im öffentlich-rechtlichen Bereich geführt. Da war ja auch die ganze Berichterstattung zu Beginn. Und mir wurden dann die Grafiken aufgelegt. Wir waren überall die Verlierer und unten stand dann ganz klein, dass es sich um die Zuschauergruppe bis neunundvierzig Jahre handelt. Es wurde uns dargelegt, dass unsere Werbeinnahmen zurückgegangen sind. Wir wurden überall als die Verlierer dargestellt. Da ist das öffentlich-rechtliche System schon ein bisschen ins Schleudern gekommen. Da hat man sich natürlich auch die Fragen gestellt: Wie kann ich mich dagegen wehren? Was muss ich tun? Bis unsere Medienforscher darauf gekommen sind, dass man Marktanteil 24 Stunden lang berechnen kann, nicht nur während wir senden. Daraufhin hatten wir ja das Aquarium erfunden und nachts mit einem Aquarium auf dem Bildschirm fünf bis zehn Prozent Marktanteil gehabt.

 

Frey:

Das war die saarländische Version.

 

Raff:

Das ist irre, das waren leider nicht wir, es waren andere, die darauf gekommen sind. Es gab natürlich auch eine Unsicherheit. Diese Unsicherheit haben wir ganz sicher hinter uns. Im Moment haben wir eine Qualitätsdiskussion, die sicher auch notwendig ist. Was ich manchmal in den letzten Jahren für bedauerlich gehalten habe ist, dass unsere Leute, die Verantwortung tragen, nicht in allen Bereichen gleichermaßen offen sind für die selbstständige Diskussion. Was ich oft von den Repräsentanten nach außen verlange, dass sie alles für gut erklären, dass die alles zu Qualität erklären, das habe ich selbst, als ich ARD-Vorsitzender wurde, erlebt, als ich so reflektierend über bestimmte Teile des Programms nachgedacht habe: "Oh je, oh je, oh je". Die entsprechenden Kolleginnen und Kollegen sind auf die Barrikaden gegangen, ich wüsste wohl nicht, wie toll das sei und wie gut das sei. Das ist etwas, glaube ich, was wir einfach mehr ertragen müssen und wir dürfen nicht Kritik von vornherein immer als lästig oder ungerecht ansehen. Wir müssen mit Kritik im Grunde genommen offener umgehen und darauf reagieren, nicht opportunistisch. Nicht jeder Kritiker hat deshalb, weil er Kritik übt, Recht. Aber sich damit im Inneren auseinanderzusetzen, das macht einen letztendlich stark.

 

Frey:

Wir haben aber nicht über das Problem gesprochen, dass gerade die Öffentlich-Rechtlichen einen großen Teil der Bevölkerung nicht mehr erreichen oder nur sehr unzulässig erreichen. Also die jungen Zuschauer. Könnte es nicht sein, dass die Forderung nach Qualität am Ende dazu führt, dass das Publikum so verkrustet bleibt, wie es ist? Also ich sag es mal zugespitzt: Qualität für die Alten und die Jungen finden die Sender gar nicht mehr. Muss man nicht darauf auch eine Antwort finden?

 

Dörr:

Ich denke, dass man genau dieses Thema im Kontext mit dem Thema Internet sehr intensiv bedenken muss. Das ist allerdings ja kein exklusives Problem der Öffentlich-Rechtlichen oder überhaupt der Rundfunkmedien, sondern das ist ein Problem, was sich seit vielen Jahren noch viel eklatanter für die Zeitungen stellt. Ich denke, ein Teil der Nervosität bei der ganzen Diskussion um Online und Internet hat genau damit zu tun. Wer schafft es, jüngere Konsumenten im Internet an sich zu binden? Hier tun sich zwangsläufig alle schwer. Wir müssen uns womöglich auch mit der Idee anfreunden, dass es bei einem womöglich größeren Teil der Bevölkerung eine Abstinenz nicht nur von den alten Medien gibt, sondern auch eine Weigerung, sich allzu intensiv mit den neuen Medien zu beschäftigten. Ich finde in dem Zusammenhang die Onlinestudie sehr instruktiv, die von den Öffentlich-Rechtlichen vorgelegt worden ist, weil wir ja in der öffentlichen Diskussion den Eindruck haben, dass die jungen Leute alle pausenlos in den Blogs unterwegs sind. Jeder ist eigentlich schon ein Blogger, da geht die ganze Reise hin. Nein, wenn man sich das ansieht, dann stellt man fest: Hier hat es eigentlich schon bei den jüngeren Leuten einen gewissen Sättigungsgrad gegeben. Bestimmte Gruppen sind gar nicht zu erreichen und wenn, ist gerade im Internet die Gruppe der Älteren womöglich sogar die attraktivere, weil man hier noch Zuwachsraten erzielen kann. Das Ganze ist natürlich eine sehr, sehr komplizierte Geschichte. Ich habe dazu im Grunde nur einen einzigen Einfall, und der ist überhaupt nicht originell. Der betrifft eben die stärkere Heranbildung von Medienkompetenz. Das heißt im Grunde genommen, dass zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt in der Schule eine Auseinandersetzung mit Medien erfolgen muss - mit den Möglichkeiten, sich zu informieren, und zunehmend auch mit der Funktion von Suchmaschinen. Es wird im Grunde genommen zu wenig öffentlich darüber nachgedacht, was da eigentlich passiert, wie unsere Aufmerksamkeit gelenkt wird und welche Macht dahinter steht. Wir sind immer noch viel zu stark fokussiert auf die, die wir alle kennen: ARD und ZDF und ein paar Zeitungen. Aber im Hintergrund gibt es eben zum Beispiel eine Firma wie Google. Ich glaube, dass das Phänomen "Google at all" bisher in der ganzen Diskussion unterschätzt wird. Allmählich lernen wir, was da entsteht und darüber müssen wir uns ganz, ganz intensiv Gedanken machen. Da kommt, Herr Weischenberg hat ja in seinem Vortrag einen weitreichenden Gedanken entwickelt, "public service" als Leitidee für Qualitätsjournalismus. Das klingt gut. Aber von den Problemen, dass die jungen Leute nicht mehr zuhören, nicht mehr zusehen und auch nicht mehr lesen, sind ja nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen betroffen, sondern auch die Qualitätszeitungen, die an diese Zielgruppe auch nicht rankommen. Also wie schafft man es, für junge Leute Qualität zu erzeugen und attraktive Produkte zu erzeugen.

 

Die Zeitungen haben es ja in der Vergangenheit immer wieder versucht, wobei ich sagen muss, halbherzig versucht. Man hat mit Projekten in der Schule angefangen. Die wurden über einen bestimmten Zeitraum geführt, dann wieder aufgegeben. Das war keine kontinuierliche Arbeit. Die Zeitung selbst, auch die Lokalzeitung, hat sich ja eigentlich in der Darstellung kaum verändert. Das heißt, wenn man schon an die Jugendlichen heran will, an die Kinder heran will, dass die wieder mehr Zeitung lesen, dann muss ich auch die Zeitung verändern. Das habe ich bisher eigentlich im Zeitungsbereich noch nicht festgestellt. Die Lokalzeitung sieht im Grunde heute noch so aus wie vor 30 Jahren, da meine ich, hat es keine Entwicklung gegeben. Ich glaube, diese Internetgeschichte wird irgendwann auch ihre Grenzen finden. Ich kann mir nicht vorstellen, weil das ja auch eine sehr zeitintensive Tätigkeit ist, dass da nicht irgendwo auch Grenzen in der zeitlichen Perspektive vorgegeben werden, wo ich irgendwann sage: Jetzt reicht es! Es ist neu, ich kann "googlen", ich kann alles finden, aber ich selbst - und ich glaube, so geht es vielen - habe das bereits zurückgefahren. Dass man, wenn man sich online informiert, vielleicht doch Spiegel Online oder ARD.de schaut, wo man auch weiß, dass man die Information mit einem gewissen Wahrheitsgehalt bekommt. Und da sind wir wieder bei der Qualitätsdebatte. Also ich glaube, es wird sich auf bestimmte Seiten fokussieren. Neulich hat mir jemand gesagt, Akquise per Mails wäre schon völlig rückläufig, weil die Empfänger die wegdrücken. Die nehmen es gar nicht mehr auf. Man kommt wieder zu etwas zurück, was man eigentlich schon abgeschrieben hat, nämlich wieder über Fax zu akquirieren und über normale Post, um überhaupt die Empfänger zu erreichen. Ich schätze, wir werden da irgendwann Grenzen bekommen, in denen wir uns bewegen müssen. Innerhalb dieser Grenzen werden die überleben, die dann auch die Qualität erzeugen, und das ist auch unser heutiges Thema.

 

Frey:

Herr Raff, könnte es sein, dass das, was Professor Dörr am meisten gefallen würde – also kulturelle Vielfalt, kulturelle Tiefe - beim Jugendpublikum am wenigsten ankommt.

 

Raff:

Zumindest besteht die Gefahr, dass es nicht so ankommt, wie wir es uns erhoffen. Wir erreichen ja das junge Publikum mit bestimmten Angeboten durchaus. Wenn ich an die Jugendwellen im Hörfunk denke, dann haben wir durchaus Erfolg und zwar auch, weil wir die junge Generation dort ans Mikrofon lassen, die darf auch Programm machen. Wir haben dort ziemlich professionelle Strecken, wo Schüler und Studenten selbst letztendlich Programm gestalten dürfen. Das heißt, wir haben durchaus Ansätze, auf diese Gruppen der Bevölkerung zuzugehen. Wir haben bei den Kleinkindern auch noch Chancen, über unseren gemeinsamen Kinderkanal, der ja viele erreicht. Wo es schwierig wird in den öffentlich-rechtlichen Anstalten, ist bei den Jugendlichen, der nachwachsenden Generation. Bei der Gruppe der unter 25-Jährigen stellen wir jetzt erstmals leichte Veränderungen des Rückgangs fest - während der Fernsehkonsum zum Beispiel fast über alle Altersgruppen, so über 25 hinweg, kontinuierlich, zum Teil sogar leicht angestiegen ist. Wobei das auch noch nicht so abschließend gesehen ist. Wohin gehen die Leute? Welchen Medien oder welchen anderen Beschäftigungen mit Informationen widmen sie sich? Da wissen wir im Moment noch relativ wenig. Ich denke, da wird sich in der digitalen Welt zeigen, ob wir in der Lage sind, unsere doch zum Teil sehr fest gefügten öffentlich-rechtlichen Strukturen den Erwartungen der Nachwachsenden so zu öffnen, dass wir in sie hineinhören. Nicht, indem wir nur anpasserisch das machen, was vielleicht der eine oder andere erwartet. Man muss auch mit Qualitätsanspruch auf sie zugehen - aber mit ihrer Sprache, mit dem, was ihre Umwelt letztendlich betrifft und da bin ich schon optimistischer. Da bin ich voll bei Markus Schächter, dass wir mit den Volontären, mit den nachwachsenden Generationen, die wir im Moment einstellen, Leute in unseren Häusern haben, die sehr wohl in der Lage sind, dieser Qualität, aber gleichzeitig auch diesen Erwartungen gerecht zu werden. Und von daher denke ich, ist die digitale Welt für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Chance. Und das Leitprogramm wird bleiben. Es wird die Richtschnur unserer Programmangebote bleiben. Aber die Begleitboote, die Schnellboote, die Qualität, die wir begleitend anbieten können, das ist die Chance, zielgerichtet Nutzergruppen, Altersgruppen, Interessengruppen mit Qualitätsangeboten, die wir in unseren Häusern haben, besser zu erreichen als in der Vergangenheit.

 

Frey:

Lassen Sie mich mal ganz schnell dazwischen fragen, Herr Raff: Sie haben in einem Interview gerade gesagt, die ARD muss mehr Frisches und Neues bieten. Diese Herbst-Offensive jetzt, Miosga, Will, Plasberg, ist das für die unter 30-Jährigen oder ist das für die zwischen 30 und 49 oder dann doch für die eher Älteren?

 

Raff:

Da haben wir nicht auf das Alter geguckt. Da haben wir einfach drauf geguckt, was wir glauben, was dem Programm gut tut. Da haben wir einfach eine Offensive gestartet. Wenn Sie mal sehen, es war ja gar nicht so einfach, für Plasberg einen Sendeplatz im Ersten zu finden. Sie wissen ja, was das für Begleitdiskussionen hatte. Ich war immer der Meinung, er müsste dort rein, weil es eben keine Talkshow ist. Es ist mehr als eine Talkshow. Es ist im Grunde genommen etwas, was politische Informationen mit Talkanteilen und mit Publikumsanteilen in einem Maße verkörpert, wie wir es in dieser Form so nicht hatten und haben. Da haben wir nicht altersgruppengemäß geschaut. Das ist ja das Problem im Fernsehen, da haben wir es im Hörfunk leichter mit den Jüngeren. Dass wir mit dem Jugendprogramm im Fernsehen meistens die Opas und Omas erreicht haben und die Jugendlichen am wenigsten. Das ist im Grunde unser Problem gewesen. Ich glaube wir müssen da auch noch mal über die dritten Programme angreifen. Es wird nicht anders gehen, als dass wir der Altersgruppe der Nachwachsenden mehr Aufmerksamkeit widmen, als es uns jetzt gelungen ist, dies im Programm auch tatsächlich darzustellen.

 

Frey:

Markus Schächter, dass die Öffentlich-Rechtlichen die Möglichkeiten haben sollen, sich in der digitalen Welt zu engagieren, wurde hier nicht bestritten. Im Gegenteil wurde von Weischenberg gesagt, sie von diesen Technologien auszuschließen, würde ihnen den Gar ausmachen. Ist die Strategie so, wie Professor Raff das für die ARD…

 

Raff:

Ich bin nicht so weit – ohne Professor.

 

Moderator:

Intendanten Raff… dass für die ARD die Hörfunksender die Möglichkeit sind, gerade das junge Publikum einzufangen. Ist das die Hoffnung, die das ZDF mit der Ausdehnung dieser Aktivitäten auch verbindet?

 

Schächter:

Es ist eine definitive Möglichkeit und wir wissen, dass das funktioniert. Die Hälfte der Zuschauer, die im Netz "Heute Journal" gucken, ist jünger als 40. In Firmen ist es umgekehrt. Man muss es ja insgesamt betrachten. Fernsehen ist zwar Leitmedium, aber längst das ältere Medium geworden. Ein durchschnittlicher Fernsehzuschauer ist statistisch gesehen 51. Ein durchschnittlicher Deutscher ist statistisch gesehen 42. Alleine in dieser beträchtlichen Differenz zeigt sich erstens eine Entwicklung einer demokratisch genau zu beschreibenden Gesellschaft. Zweitens zeigt sich, dass Fernsehen für ältere Menschen – als das Tor zur Welt, die Möglichkeit über den Tellerrand zu schauen - interessanter ist als für Jüngere. Das festzustellen ist eine Sache. Ich bin mit Herrn Raff der Meinung, dass es noch ganz lange Zeit das Leitmedium bleiben wird, aber es braucht als Leuchtturm noch Begleitmöglichkeiten. Die vorgestern eröffnete Mediathek ist bisher außerordentlich erfolgreich. Die Nachfrage hat sich verdoppelt, und es sind hauptsächlich junge Leute. Da sind wir auf einem richtigen Weg. Wir müssen auf diesem Weg mit qualitativ fundamentierten Marken eine Ansprechmöglichkeit sein. Wir wollen doch nicht Klicks generieren, sondern mit einer Programmmarke, mit einem Programmanspruch, mit einer Programmperspektive sagen: Hier erlebt ihr etwas, hier bekommt ihr etwas, was echtes Brot ist, was seriös ist. Die Süddeutsche hat am Samstag dem Spiegel vorgeworfen, sein Online-Angebot zu boulevarisieren. Diese Diskussion wird auch hier jetzt zu Beginn einer solchen Auseinandersetzung zu führen sein. Wir wissen, das wird nicht unser Weg sein dürfen. Aber auch wir müssen genau hinhören, wer die sind, die sich im Netz informieren. Das sind zunehmend Jüngere, aber auch Ältere. Wo müssen wir den Nerv, wo können wir den Nerv treffen? Da ist viel, viel Arbeit sinnvoll und notwendig. Da sind viele Investitionen an Kreativität notwendig. Seit Sonntag sind wir einen Schritt weiter.

 

Raff:

Also werden wir eines auch noch in den nächsten Jahren feststellen: Die Älteren erwarten ein Programmangebot, das letztendlich dramaturgisch dem entspricht, was sie vom Fernsehen alter Art erwarten. Und dann gibt es eine Generation, die sucht sich ihr Programm, die stellt sich ihr Programm anders zusammen. Selbstsouverän, ortsunabhängig will sie Zugang haben. Wir bemerken, zum Beispiel bei Podcastangeboten, gerade auch im Kulturradiobereich mit Features, da sind es Jüngere, die sich das abrufen. Die sich das dann, wenn sie Lust und Zeit haben, in dem Umfeld, in dem sie sich wohlfühlen, anhören und nicht, wenn wir es gerade senden. Wenn sie heute das Zimmer eines Jugendlichen betreten, kann es sein, dass der PC an ist, er nebenher eine SMS schreibt, Radio hört - und vielleicht telefoniert er sogar noch, wenn es sein muss. Von daher wird natürlich das alte Konsumverhalten, wie wir es kennen, nicht das sein, das typisch sein wird für die nachwachsenden Generationen. Auf das müssen wir uns einstellen. Und deshalb ist es so wichtig, was ordnungspolitisch an Weichenstellungen vor uns steht, was im Moment diskutiert wird und was medienpolitische Rahmenbedingungen für die Zukunft angeht. Es ist wichtig, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich ein bisschen Freiraum erhält, um gerade mit Blick auf die nachwachsenden Generationen diese tollen Inhalte, die in den Häusern vorhanden sind, so anzubieten, dass sie auch wirklich abgerufen werden können - und auch zunächst mal umsonst abgerufen werden können. Wenn der Herr Hahnfeld in der FAZ schreibt "die Enteignung der freien Presse", dann müssen wir dagegensetzen "es darf nicht zur Enteignung des Gebührenzahlers kommen". Er hat diese Inhalte bezahlt, und ihm müssen wir sie auf allen Empfangswegen auch wieder zur Verfügung stellen.

 

Schächter:

Unabhängig von der Polemik, die ja heute Morgen entsprechend etikettiert worden ist: Wir stellen fest, das Online, was früher ein textbezogenes Medium war, zunehmend und zwar massiv ein audiovisuelles Medium wird. Das ist unser Terrain, da sind wir zu Hause und auch die Frage von Professionalität, Herr Weischenberg, stellt sich dort. Man sollte dieses Feld der Audiovision nicht den Amateuren überlassen. Wir sind im Kern unseres Bereiches dort, wo es um Bewegbilder geht, und dort wollen wir unsere Zukunft auch gestalten helfen. Gleichzeitig bleibt klar, unser Hauptgeschäft, unsere Hauptsache bleibt das Hauptprogramm.

 

Frey:

Worüber wir noch nicht gesprochen haben, ist die medienrechtliche Seite. Sie haben gesagt, Herr Raff, da stehen viele Entscheidungen bevor. Darauf will ich gleich kommen. Aber, Herr Weischenberg, dieser Einwurf, also Qualität im Netz, Qualität in den neuen Medien: Woraus ist der Erfolg von Spiegel Online eigentlich gemacht? Ist er wirklich aus Qualitätsjournalismus gemacht? Oder ist er nicht damit gemacht, dass dem Nutzer viele Gimmicks, viel Unerhaltung geboten werden, die am Ende eben die vielen Klicks erzeugen?

 

Weischenberg:

Das ist eine Mischung aus verschiedenen Aspekten. Einer ist neuzeitlich mit dem Begriff "Branding" zu beschreiben. Spiegel ist eine Marke, die ein hohes Renommee hat, die mit Glaubwürdigkeit verbunden ist. Das hat sicherlich ganz wesentlich dazu beigetragen, dass sich Spiegel Online von Anfang an etablieren konnte. Das zweite ist aber, der Spiegel hat anders als andere nicht halbherzig, sondern wirklich sehr intensiv auch in journalistische Qualität investiert - zunächst mal in Men- und Womenpower. Und die haben dort das Medium auch von Anfang an ernst genommen und einzelne neue Formen entwickelt. Das Dritte ist, das sehe ich allerdings auch mit gewissen gemischten Gefühlen, man hat natürlich auch eine Anpassung vorgenommen an Dinge, bei denen man denkt, die laufen gut. Im Spiegel gab es etwa schon sehr früh bestimmte Kopieformen von Blogging. Das ist seit einigen Jahren ganz auffällig, dass Spiegel Online mit sich in journalistischen Grenzbereichen bewegenden Hybridformen arbeitet. Das alles zusammen macht den Erfolg aus. Und man kann aus dem Beispiel Spiegel Online einiges ableiten für Erfolgsprogramme - aber eben auch für die Gefährdung, die es da gibt: Dass man zum einen dieses Neue tatsächlich als Herausforderung ansieht, auf der anderen Seite natürlich auch, dass man sich auf einem Markt bewegt, der relativ schwierig ist. Ich würde ganz gerne noch eine Anmerkung machen: Sie hatten mich vorhin nach den Jungen gefragt. Ich glaube, dass es einen Bereich gibt, wo es auch wirklich zu selbstverschuldeten Problemen gekommen ist, speziell der journalistischen Medien. Dies betrifft Nachwuchsrekrutierung. Wir haben bei unserer Studie "Journalismus in Deutschland" festgestellt, dass im Grunde genommen ja fast eine halbe Generation fehlt. Journalismus ist insgesamt älter geworden in den letzten zwölf Jahren, weil man in bestimmten Bereichen der Medien offensichtlich gedacht hat: Wir sparen, wir stellen zumindest kein festes Personal ein und bedienen uns in irgendeiner Weise auf dem Markt. Und der zweite Aspekt, den wir ganz zu Beginn mal kurz angesprochen hatten: Aus- und Fortbildung. Natürlich können ARD und ZDF und einige andere mit Recht sagen, hier tun wir was, hier sind die jungen Leute vielleicht sogar besser ausgebildet als in früheren Zeiten. Aber wir haben bestimmte Bereiche in den Medien, die sind, was Aus- und Fortbildung angeht, geradezu desaströs. Wir haben ganze Fortbildungseinrichtungen, die nicht mehr existieren. Der DJV hat da auch schmerzhafte Erfahrungen machen müssen, dass das nicht mehr finanzierbar war. Wir haben bei unserer Studie auch festgestellt, dass im privat-kommerziellen Rundfunk zum Teil gar nicht ausgebildet wird. Dass da im Grunde genommen eine Deprofessionalisierung stattfindet. Und wenn ich das alles zusammennehme, dann darf ich mich eigentlich nicht wundern, dass ich bestimmte Gruppen in der Bevölkerung, also gerade auch die Jüngeren, womöglich von vornherein gar nicht erreiche.

 

Frey:

Wenn sie drauf gucken, Herr Konken: Ist diese neue Welt im Netz für Journalisten eher eine Chance, also von den Arbeitsplätzen her, weil vielleicht doch der eine oder andere aufgefangen wird, der nach dem Platzen der Blase 2000/2001 keinen festen Job mehr hatte? Aber auch in qualitativer Hinsicht eine Chance für das, was junger, guter, anderer Journalismus sein kann, aber doch eben auch Qualitätsjournalismus?

 

Konken:

Also, wenn ich Onlinejournalismus mache, dann darf das kein Abfallprodukt sein. Die, die dort arbeiten sind Journalisten genau wie alle anderen. Da habe ich manchmal das Gefühl, dass die, die in Onlineredaktion arbeiten, anders gesehen werden, als die, die in den normalen Redaktionen arbeiten. Dazu gehört aber auch die gleiche Bezahlung. Und solange wir das nicht erreicht haben, werden wir noch lange über Qualität im Onlinejournalismus diskutieren. Wir müssen eine Gleichbehandlung hinbekommen. Und ich hoffe nur, dass das bei den Öffentlich-Rechtlichen auch in dieser Richtung gesehen und auch umgesetzt wird.

 

Frey:

Da ist es der Fall.

 

Raff:

Also, das ist bei uns ganz sicher der Fall. Und das ist auch ein Punkt, der ganz wichtig ist. Am Anfang haben natürlich die Onlineredakteure zunächst mal zu kämpfen gehabt, damit sie von den klassischen Medien, Hörfunk und Fernsehen, auch so richtig anerkannt wurden. Man hatte in ihnen mehr den erweiterten Webmaster gesehen und hatte ihnen im Grunde genommen die inhaltliche Seite nicht so zugetraut. Das hat sich aber in den letzten Jahren sehr gebessert. Wir haben zum Beispiel als kleines Haus einen multimedialen Newsroom, wo also alle miteinander verwoben sind: Online, Hörfunk, Fernsehen. Dort wird auf Augenhöhe gearbeitet, und die nachwachsenden Journalistinnen und Journalisten, das ist ganz deutlich zu sehen, die denken auch ganzheitlich. Die denken nicht nur in diesem medialen aufgeteilten Punkt, sondern die denken darüber nach, wie sie ein Thema letztendlich in allen Bereichen aufbereiten können. Natürlich muss es dann wieder die Spezialisten geben, die auch wissen, wie sie damit umgehen. Ich war ja auch mal DJV-Funktionär. Das Fortbildungsbedürfnis des Journalisten ist schon sehr unterschiedlich ausgeprägt, das wissen wir auch schon seit Jahrzehnten. Es ist nicht ganz so einfach, in der Breite ein Fortbildungsbedürfnis bei Journalisten zu entwickeln. Viele sind sehr selbstbewusst im Glauben, was sie schon alles wissen und sich nicht mehr anzueignen brauchen. Das ist natürlich etwas, was unseren Berufstand auch ein bisschen die Fähigkeit genommen hat, vielleicht auf manche neue Entwicklungen einzugehen. Allerdings muss ich jetzt wieder umgekehrt sagen, wir haben im Moment bei denen, die zu uns stoßen, einen Qualitätsstandard, dass wir als Öffentlich-Rechtliche zurecht den Anspruch erheben können, dass wir die Qualitätsleuchttürme gerade in der digitalen Welt sein werden. Zu den Freien: Ich kann nicht jede Hauspolitik vertreten. Ich kann nur sagen, bei uns ist ein Freier jemand, den wir in seiner Vielfalt der Einsatzmöglichkeiten, in seiner enormen Produktivität unterstützen und ihm gleichzeitig auch die Sicherheit geben, dass er nicht minder sicher ist als andere. Wenn wir glauben, dass er unseren Ansprüchen nicht mehr genügt, dann wird ihm das auch mitgeteilt. Aber es kann nicht nur ein formales Regelwerk geben: Dann fliegst du raus, dann fällst du einfach weg. Das ist etwas, was wir so nicht kennen. Aber da ist natürlich die Politik der einzelnen Häuser unterschiedlich. Man muss auch sehen, in manchem Haus sieht man es als eine Chance, Freien eine Beschäftigungsmöglichkeit und eine Qualifikationsmöglichkeit zu geben für eine Festanstellung. Und wenn dies nicht erreicht wird, dass man sich dann nach einer bestimmten Frist trennt. Bei anderen ist eine freie Tätigkeit eine dauerhafte Begleitung dessen, was das Haus angeht. Da gibt es unterschiedliche Unternehmensphilosophien. Da muss man von Seiten der Gewerkschaften rechtzeitig versuchen, mit dem Haus zu einem Regelwerk zu kommen, damit die Verunsicherung auf Seiten der Freien reduziert wird.

 

Frey:

Kommen wir in der letzten Runde noch mal zum Stichwort Medienrecht, die Voraussetzung für Qualität. Professor Dörr, ich würde das gerne einleiten mit einem Zitat von Tobias Schmid, Leiter der Abteilung Medienpolitik bei RTL - die privaten Kollegen sind ja hier leider nicht vertreten. Tobias Schmid schreibt im August in der FAZ: Der Zusammenprall der Systeme Rundfunk und Telekommunikation, Telekommunikation und Presse, Presse und Rundfunk, und das noch mal potenziert durch die Untergruppen öffentlicher und privater Rundfunk, Infrastrukturbetreiber und Plattformbetreiber, Print und Online ist nicht mehr beherrschbar, wenn nicht einige Grundsatzentscheidungen gefällt werden. Diese Entscheidungen können nicht mehr nach dem bisher so populären "sowohl als auch-Prinzip" erfolgen. Man muss sich jetzt für oder gegen etwas entscheiden.

Stimmt diese Analyse? Und wofür und wogegen muss man sich entscheiden?

 

Raff:

Das hat er glücklicherweise offen gelassen.

 

Dörr:

Die Analyse stimmt zumindest weitgehend. Wir haben neue Herausforderungen durch Konvergenz und Digitalisierung. Wir haben auf der einen Seite die Presse, die sich in den audiovisuellen Bereich hineinentwickelt, die audiovisuelle Presse, die eben das Internet als technische Form nutzt, um Telemedien anzubieten. Und wir haben den Rundfunk, der genau in dem gleichen Bereich tätig ist. Und es ist richtig, dass hier seitens der Gesetzgeber der Länder und des Bundes bestimmte Regelungen getroffen werden müssen, teilweise ja auch schon getroffen worden sind. Wir haben ja inzwischen seit langer Zeit Diskussionen darüber, wie man diese Zukunft auch vom Regelungswerk gestalten muss. Aber man muss bestimmte Dinge gestalten, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Die haben wir noch gar nicht angesprochen, denn auch von dort gibt es ja Gestaltungen und gibt es den Versuch, Einfluss zu nehmen auf die nationale Medienordnung. Einmal haben die Länder im neuen Rundfunkstaatsvertrag schon Regelungen über die Telemedien getroffen. Sie haben übrigens diesen Bereich der elektronischen Medien interessanterweise weitgehend im Rundfunkstaatsvertrag geregelt. Unter dem Abschnitt Telemedien haben sie dort Regelungen getroffen, haben sie also eigentlich tendenziell eher dem Rundfunk zugeschlagen. Die Europäer machen das im Moment mit der neuen veränderten Fernseh-Richtlinie anders. Die soll jetzt nicht mehr Fernseh-Richtlinie, sondern "Richtlinie über audiovisuelle Medienangebote" heißen. Dort wird die elektronische Presse weitgehend herausgenommen. Das ist auch ganz  interessant und es bleibt auch weiterhin unklar, welchen Regelungen die eigentlich unterliegen soll. Da muss man auch genau differenzieren: Wenn das ZDF sein Programm übers Internet noch mal verbreitert, bleibt es Rundfunk. Aber wenn es Zusatzangebote anbietet, dann sind das Telemedien. Ob und was der öffentlich-rechtliche Rundfunk dort machen darf, ob und was die Presse dort machen darf, ob man eine Genehmigung braucht oder nicht, wie die Aufsicht ist, das ist teilweise geregelt und muss aber teilweise auch noch geregelt werden. Das zweite ist, und da hat Herr Weischenberg die entscheidende Frage angesprochen: Was soll die Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein? Soll es so was wie öffentlich-rechtliches Medienangebot geben oder soll der öffentlich-rechtliche Rundfunk hauptsächlich Rundfunk und lediglich programmbegleitende Zusatzangebote machen dürfen. Das ist eine politisch entscheidende Weichenstellung. Hier hat die Politik auch gewisse Gestaltungsspielräume. Sie muss sich überlegen, was richtig ist. Herr Weischenberg hat sehr deutlich gesagt, da muss es Public Service Angebote geben. Ich meine auch, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk darf dieser Bereich nicht verschlossen sein, weil er sonst auch seine Kernaufgabe auf Dauer verlieren wird. Ohne Zusatzangebote im Bereich der Telemedien wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf Dauer nicht zu halten sein. Und deshalb bedarf er dieser Ebene, und wir bedürfen auch dort eines Public Service Angebots. Das ist eine wichtige Weichenstellung.

 

Frey:

Da stehen ja viele Entscheidungen an. Herr Schächter, der Staatsvertrag muss neu ausgehandelt werden, die Ministerpräsidenten werden sich damit befassen, die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts steht an, Europa ...

 

Schächter:

Es ist soviel los wie noch nie. Die nächsten 40 Wochen, das ist meine Prognose, werden die wichtigsten medienpolitischen Wochen der letzten Zeit sein. Allein die drei großen Ks, die wir unmittelbar vor uns haben - also KEF, Karlsruhe und der Kompromiss mit Brüssel - sind so fundamentale Formulierungsnotwendigkeiten, dass sie die Weichen stellen. Darüber hinaus die grundsätzliche Frage, wie es es mit Rundfunk und Medien weitergeht , die eben angesprochen wurde. Die Rolle des öffentlich-rechtlichen Fernsehens als Garant für Informationen wächst. Wer diese jetzt wachsende Rolle zukunftsmäßig relevant beschneiden will, wird hier gesellschaftspolitisch etwas tun, was von entscheidender Bedeutung für das Gespräch dieser Gesellschaft über sich selbst und seine politische Konstitution ist. Insoweit glaube ich, dass wir hier in ganz spannenden medienpolitischen Zeiten sind, bin aber sehr optimistisch, dass die Weichen hier richtig gestellt werden. Noch nie, das ist meine These, waren die Öffentlich-Rechtlichen und ein funktionierendes duales System so wichtig wie jetzt an dieser Weichenstellung für eine Zukunft.

 

Frey:

Herr Raff, Herr Weischenberg hat ja in seinem Vortrag von regulierter Selbstregulierung gesprochen, sozusagen als Zukunftsmodell der Kontrolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und um Staatsfreiheit zu gewährleisten. Reicht das wirklich, wenn man sich die kritischen Dinge noch mal ins Gedächtnis ruft, mit denen sich die ARD in den letzten Monaten auseinandersetzen musste? Oder muss diese Kontrolle nicht doch ein bisschen effektiver gestaltet werden?

 

Raff:

Nun, das ist natürlich eine Diskussion, die auch zum Teil interessengeleitet ist und die zum Ziel hat, diese staatsferne Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Bundesrepublik in Frage zu stellen. Wir sind im Moment schon in einer Diskussion, in einem Verfahren, wo wir schon bemerkt haben, dass wir die Exekutive, die Kontrolle noch stärker als in der Vergangenheit in den Stand versetzen müssen, ihre Kontrolltätigkeit auch ausüben zu können. Das heißt, wir müssen sie einerseits motivieren, und wir müssen mit ihr die Zukunftsstrategien besprechen, diskutieren und ihr so darstellen, dass sie sich stärker einbezogen fühlt. So stark, dass sie dann auch diese Diskussion stärker von sich aus mitbestimmt und die Programmleitlinien direkt erstellt, die zunächst mal von einigen als Lyrik beschrieben worden sind. Die sind aber ein guter Einstieg und werden auch eine immer größere Bedeutung haben. Die Selbstverpflichtungen, die werden eine immer größere Bedeutung in den nächsten Jahren haben. Sie sind unsere Glaubwürdigkeit zur Konkretisierung des gesetzlichen Programmauftrages. Und nachdem wir feststellen werden, dass die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht mehr so selbstverständlich ist, werden wir im Grunde genommen das, was wir tun, transparenter darstellen müssen. Die Gremien müssen aktiver in Prozesse mit einbezogen werden, die bei uns stattfinden, um die gesamtgesellschaftliche Akzeptanz auch in den nächsten Jahren zu erhalten. Und da bin ich, aufgrund dessen, was wir inhaltlich anbieten, nach wie vor optimistisch. Ich glaube, in der Gesellschaft ist durchaus auch ein Bewusstsein für Qualität in den Medienanstalten. Ich mache es an einem kleinen Beispiel fest. Herr Dörr hat es vorhin angesprochen, wir haben eine Wende gemacht bei unserer Rock-Pop-Welle, Europawelle. Nun hat er sie ein bisschen als Konkurrent gesehen zu dem privaten Angebot. Wir haben jetzt auch noch mal den Hebel umgelegt, haben gesagt, mehr ernsthafte Information, Fun-Charackter reduzieren, ernsthafter auch in der Ansprache  Das ist ja auch schon eine Frage, wie spreche ich die Leute an. Da gehen ja schon Qualität und Niveau los. Und wir haben festgestellt, es ist vom Publikum akzeptiert worden, es wird nachgefragt und das, was einige durchaus befürchtet haben, dass es ein Abwenden gibt, ist nicht eingetreten.

 

Frey:

Auch bei den Jüngeren, ja?

 

Raff:

Auch bei den Jüngeren. Wir haben uns im Altersdurchschnitt nicht verschlechtert. Jetzt haben wir noch parallel ein Jugendradio, aber wir haben den Altersdurchschnitt halten können, wir sind von daher nicht abgerutscht. Das war zunächst mal wichtig. Denn Sie müssen ja sehen, im Radio ist es wichtig, dass Sie den Abschaltimpuls nicht auslösen. Dass Sie die Leute, wenn Sie etwas verändern, bei sich halten und sie nicht woanders hinschicken, sondern sagen "bleib neugierig, es ist interessant, bei uns zu bleiben". Und das ist uns durchaus gelungen.

 

Frey:

Herr Konken, vielleicht noch mal zum Thema Medienrecht und angesichts der vielen Veränderungen, die dem Beruf bevorstehen und den vielen noch nicht wirklich erschlossenen Herausforderungen, die auf Journalisten zukommen: Ist die rechtliche Absicherung des Berufsstands ausreichend oder wünschen Sie sich da mehr Unterstützung?

 

Konken:

Also ich sehe den Journalisten, vor allen Dingen den freien, oft auch als Freiwild in dieser Medienlandschaft. Ich sehe, das gilt jetzt nicht für die Öffentlichen, aber für die Privatrechtlichen, da gibt es zum Teil katastrophale Zustände. Und dann frage ich mich, wie Journalisten dort noch qualitätsvoll arbeiten wollen. Wenn wir staatsferner praktizieren wollen, dürfen wir aber auch nicht immer nach dem Staat rufen. Das widerspricht sich da irgendwie. Aber es muss doch auch möglich sein, sich mal mit allen, die da ihre Ansprüche anmelden, zusammenzusetzen und eine einheitliche Regelung zu finden, ohne gleich nach dem Gesetzgeber zu rufen. Und die Verantwortung für die Kolleginnen und Kollegen, die liegt bei den Intendanten, bei den Verlegern. Dort liegt die Verantwortung. Und da muss die Qualität erkannt werden. Ich habe hier heute keinen Zweifel dran, aber weiß, dass das nicht für alle steht. Und wenn ich Qualität umsetzen will, dann funktioniert das nur mit Journalisten, die diese Qualität auch erfüllen. Denn da unten wird die Qualität gemacht. Und insofern wäre mein Wunsch, wieder mehr auf die zuzugehen, die Tag für Tag dafür verantwortlich sind. Und die ganzen Auswüchse, die es heute gibt, dass man die vielleicht auch mal zur Seite setzt und sagt: Wenn wir wirklich diese Medienlandschaft in Zukunft so gestalten wollen, wie wir sie uns vorstellen, nämlich vom Sektor der Qualität aus, dann müssen wir vor allem für die Menschen, die für diese Qualität verantwortlich sind, mehr machen.

 

Frey:

Vielen Dank. Vielleicht so viel hier von uns vorne zunächst mal auf dem Podium. Es sind Mikrofone aufgebaut, und wenn Sie sich beteiligen wollen mit Fragen oder Diskussionsbeiträgen, bitte sehr. Und sich vielleicht kurz vorstellen…

 

Wilhelm Bartnick:

Mein Name ist Wilhelm Bartnick, ich komme von Radio Bremen. Ich habe eine Frage, die ein bisschen weiter geht, über die freie Mitarbeit hinaus, nämlich zu Produktionsfirmen, die ja nicht erst seit dem "Marienhofskandal" eine gewisse Eigenrolle spielen. Inwieweit kann man Qualität herbeikontrollieren, inwieweit muss man, um Qualitätsstandards zu halten, selbst produzieren? Es gibt, Sie wissen das alle, Tendenzen, immer mehr auszugliedern, immer mehr Verantwortung Leuten zu übergeben, die dann für ein gewisses Geld eine Leistung erfüllen. In den öffentlich-rechtlichen Häusern sitzt dann möglicherweise nur noch ein einziger an einem Schalter und der sagt: Das ist gut oder das ist schlecht. Er hat immer weniger Einfluss auf die Recherche, die dafür notwendig ist, immer weniger Einfluss auf die Produktion selbst. Inwieweit ist das ein Trend? Muss man das machen, oder gibt es da Grenzen? Wo müssen die sein?

 

Frey:

Wenn Sie vielleicht noch sagen, an wen Sie die Frage richten.

 

Bartnick:

Ich habe so den Eindruck, dass Herr Schächter da sehr viel Erfahrung hat, wie man im ZDF mit Fremdfirmen umgeht. Aber das ist ein Problem, was auch in der ganzen ARD, glaube ich, eine große Rolle spielt.

 

Schächter:

Also, wenn ich das jetzt auch als spezifisches Bremer Problem zu betrachten habe, mit dem Umbruch in Ihrem Haus und der Neustrukturierung, so stellen Sie dennoch eine grundsätzliche Frage. Es gab eine Zeit, wo Outsourcing, Ausgliedern, eine wichtige, ökonomisch gebotene Form war. Die Fragen, was ist zu tun?, was ist zu kaufen?, waren im Jahrzehnt zwischen 1990 und 2000 eine zentrale Frage. Sie ist bei uns weitgehend abgeschlossen. Wir wissen, was wir auf dem Markt erwerben, und wir wissen, wie wir damit umgehen, weil wir damit in der Tat eine längere Erfahrung haben. Das ZDF hat nie fiktionale Programme selbst hergestellt, sondern in diesem finanziell teuersten Produkt des Fernsehens immer mit Firmen von draußen gearbeitet und seine eigenen Regelwerke daraus abgestellt oder entwickelt. Es gibt immer wieder Probleme. In der gleichen Zeit haben wir das Thema: Was ist Eigenproduktionsfähigkeit? Wie viel Eigenproduktionfähigkeit brauchen wir und wie viel vom Markt? Das ist ein bleibendes Thema, weil sich gerade jetzt auch im Hinblick auf die Mediathek etwa IT-Qualität auf dem Markt möglicherweise schneller zukaufen lässt. Aber auf Dauer bleibt vielleicht ein Erfahrungsdefizit, wenn man es nur von draußen hat. Also hier bewegen wir uns. Ich nehme mit großem Interesse die Diskussion in der BBC auf, wo unser Kollege Marc Thompson eine tiefgreifende Krise zu verantworten hat, weil eine Auftragsproduktionsfirma einen Trailer um die Queen falsch gedreht und damit eine Staatsfrage ausgelöst hat. Er hat als Konsequenz daraus gesagt, mit dieser Firma und ähnlichen Firmen machen wir so lange keine Aufträge, bis sie glaubwürdig und plausibel darstellen können, dass so was in Zukunft nicht möglich ist. Ich glaube, dass man so was grundsätzlich ausschließen kann, aber es zeigt die Problematik des Ausgliederns. Und noch mal aus meiner Sicht: Wir im ZDF sind grosso modo am Ende der Fahnenstange, ohne sagen zu können, in der rasanten Entwicklung des Hauses hin zu einem, ich sage jetzt mal, multimedialen Unternehmen gibt es nicht das eine und das andere, wo wir neu zu diskutieren hätten.

 

Herr Auersch:

Auersch, ich bin ehrenamtlich seit 45 Jahren für pädagogische Vereine und ihre Medien tätig. Ich finanziere das selber, weil diese Vereine ja kein Geld haben für Hauptamtliche. Und ich komme seit 1971 zur IFA, weil damals das ZDF die Berliner zu Diskussionen mit den Programmmachern einlud. Das ist alles weg. Der Fernsehzuschauer ist auf der IFA nur noch Konsument. In diesem Jahr gibt es beim ZDF nicht mal eine Möglichkeit, sich da als Journalist hinzusetzen. Ernest Bornemann, ein Linker, der hat ja praktisch das ZDF aufgebaut und das ZDF ist gestartet mit diesem Material, was Herr Bornemann mit seinem Team gemacht hat. Beim 25-jährigen Jubiläum haben sie den total vergessen und bei "Vor Ort" für diesen Monat, für August fehlt der Hinweis auf IFA.

 

Frey:

Vielen Dank. Herr Schächter dazu noch mal.

 

Schächter:

Also, ich möchte Sie gern einladen, anschließend mit mir runterzugehen, es ist ja gerade ein Stockwerk tiefer. Selbstverständlich gibt es für Journalisten eine ausgeprägte Servicemöglichkeit.  Vielleicht haben wir es reduziert, weil eine jährliche IFA auch ein finanzielles Engagement ist, das wir auf die Art und Weise nicht mehr fortsetzen können wie zu den goldenen IFA-Zeiten. Ganz neu haben wir ein Forum eingerichtet, internetmäßig, das benutzt wird wie noch nie. Im Hinblick auf die Mediathek ist eine Diskussion entstanden ist, wie ich sie noch nie erlebt habe. Ich lade Sie gerne ein, anschließend mit mir den Weg zu machen. Ich zeige Ihnen, wo bei uns journalistisch geredet wird und welche Kollegen zuständig sind.

 

Frey:

Vielen Dank. Gibt es weitere Fragen? Ja bitte sehr.

 

Klaus Bredel:

Vielen Dank. Klaus Bredel, Deutschland-Radio Kultur. Ich würde gern ein Argument von gestern auf den heutigen Tag rüberbringen, da hat eine Berichterstatterin eines Workshops das schöne Argument mitgebracht, dass es zur Qualitätssteigerung oder auch Qualitätssicherung auch Redakteuren bedarf, die "Arsch in der Hose zeigen", so hieß das. Das Argument ist gestern nie wieder aufgetaucht, obwohl ich das für unheimlich wichtig halte. Selbstbewusstsein von Journalisten nach außen, da haben ja wahrscheinlich alle kein Problem damit, aber nach innen, das wissen wir, entspricht es oft nicht der Lebenswirklichkeit in den Redaktionen. Also ich fände es einfach toll ...

 

Raff:

Jetzt klatschen alle, und die, die es nicht glauben, die sind anscheinend nicht da.

 

Bredel:

Ich fänd’ es einfach toll, wenn von dieser DJV-Fachtagung die Kunde ausging, dass der ARD-Vorsitzende und der ZDF-Intendant sich leidenschaftlich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit "Arsch in der Hose" aussprechen und ausdrücklich dazu ermuntern.

 

Frey:

Ich glaube, das können wir einfach als Meinungsäußerung stehen lassen. Hier bitte in der Mitte.

 

Lutz Tillmanns:

Mein Name ist Lutz Tillmanns, ich bin Geschäftsführer des Deutschen Presserates. Ich würde ganz gerne je eine Frage an Herrn Weischenberg und an Herrn Dörr richten. Herr Weischenberg, Sie hatten aus Artikel fünf ein Gewährleistungsgebot herausgelesen und das sehen Sie auch realisiert durch Koregulierungen, durch regulierte Selbstregulierung. Andererseits sagen Sie, Qualität, insbesondere journalistische Qualität kann man nicht regulieren, zumindest nicht fremdregulieren. Ist denn Koregulierung für Sie die Zielvorgabe oder ist Koregulierung für Sie das ideale Mittel in dem Kontext. Bevor Sie antworten, kurz eine Frage an Herrn Dörr. Herr Dörr, Sie haben sehr ausführlich das komplexe Normensystems des Rundfunks umrissen. Ich sehe da in der praktischen Arbeit immer wieder auch eine fast disproportionale Normensystematik: Der Rundfunk wird sehr intensiv reguliert, die Presse, auf der anderen Seite ist ja sehr unterreguliert. Alle treffen sich, haben wir festgestellt, im Internet. Ob das nun die BILD-Zeitung oder ob das der Spiegel ist, das ZDF, oder RTL. Wie stellen Sie sich da die Regulierung, die ideale Regulierung vor? Ist die nun stärker mit Blick auf die Vielfaltssicherung rundfunkspezifisch oder soll sie eher aus pressespezifischer Sichtweise erfolgen? Ich selbst habe auch ein Interesse daran, mehr zu erfahren. Wir betreiben Selbstregulierung, freiwillige Selbstregulierung und fühlen uns ja auch mitverantwortlich für Qualität journalistischer Arbeit.

 

Frey:

Herr Weischenberg, wenn Sie vielleicht anfangen.

 

Weischenberg:

Also ich verstehe den Artikel fünf des Grundgesetzes zunächst mal nur als eine allgemeine Beschreibung eines Ziels, das man auf unterschiedlichem Wege erreichen kann. Ich denke mal, lange Jahre war Medienpolitik und war die medienrechtliche Basis von Medienpolitik sehr stark auf möglichst weitgehende Regulierung gerichtet. Und zu den überraschenden Pointen der neueren Zeit gehört ja, dass zum Beispiel jemand wie Tobias Schmid sagt, wir brauchen Regulierung. Also viele Jahre lang gab es da im Grunde genommen zwei Fronten. Die einen haben gesagt, wir müssen regulieren, das waren aber gerade eben nicht die Vertreter der privaten Sender. Koregulierung, Selbstregulierung verstehe ich eigentlich schon eher als eine Feinsteuerung auf der Basis bestimmter Regulierung. Und wenn ich darüber nachdenke, wie die jetzt aussehen könnte, dann würde ich ganz gerne noch mal anknüpfen, an das was Dieter Dörr und Markus Schächter vorhin gesagt haben. Zweifellos befinden wir uns ja jetzt im Moment in einer Phase, wo etwas unterwegs ist und wo etwas festgeschrieben werden muss. Wobei das prinzipielle Problem natürlich darin besteht, dass wir nationale medienrechtliche und medienpolitische Zustände herstellen müssen, die international kompatibel sind. Also da gehen natürlich zwei Dinge zusammen, die nicht so ohne weiteres passen. Wenn ich alles das sehe, was wir diskutiert haben, müssen wir ja über politische Mehrheiten reden, dass man tatsächlich versucht, ein Gesamtpaket zu schnüren. Aus meiner Sicht wird dann auch dazu gehören, dass man an dieser Stelle über Konzentrationsrecht neu nachdenkt im Sinne dessen, was ich vorhin angesprochen habe: dieses Ineinandergehen und dieses komplementäre Verständnis von Außenpluralismus und Binnenpluralismus. Man wird an der Stelle wahrscheinlich insbesondere den Printunternehmen bestimmte Kompromissangebote machen müssen, wenn man auf der anderen Seite eine größere Flexibilität etwa auch im Hinblick auf den Public Service-Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen erreichen will. Also ich würde mir im Grunde genommen wünschen, dass man daraus ein Paket schnürt für bestimmte Rahmenbedingungen und versucht, über Koregulierung, über Selbstregulierung, Selbstverpflichtung, welches Etikett man da auch immer wählt, so viel präzise Feinsteuerung, wie es eben geht, möglich zu machen. Das ist also das abstrakt Beschriebene, was ich da für denkbar halte. In der Tat, ich stimme Herrn Schächter sehr zu, waren die Chancen, gerechnet auf die letzten 15 Jahre, womöglich nie so günstig wie jetzt im Moment. Nicht zuletzt aufgrund der Leiden, die etwa die KEK einem großen deutschen Unternehmen zugefügt hat, ist da vielleicht auch eine gewisse Bewegung ins Bewusstsein reingekommen. Ich denke, davon sollte man auch profitieren, was die Aktionsmöglichkeiten des Journalistenverbandes oder der Journalistenverbände angeht.

 

Dörr:

Herr Tillmanns, Sie haben mir natürlich die schwierigste Frage überhaupt gestellt. Wie soll die Medienordnung der Zukunft im Hinblick auf Konvergenz und Digitalisierung aussehen? Ich versuche trotzdem mal eine Antwort. Bei der Rundfunkregulierung, glaube ich, braucht man gar nicht so sehr viel zu ändern. Da bin ich ganz bei Ihnen. Es wird zwar immer behauptet, man müsse da alles ändern, aber das glaube ich nicht. Und deshalb muss man auch unterscheiden, ob über neue Verbreitungsformen Rundfunk ausgestrahlt wird, also Programme eins zu eins übertragen werden. Dann bleibt das alles der bisherigen Rundfunkregulierung unterlegen. Interessant sind die neuen Angebote, elektronische Presse, Telemedien, die Rundfunk anbieten, die also Mischformen von Text und Bild enthalten. Und da sage ich, man muss eine Regulierungsform finden, die zwischen der Presse und dem Rundfunk liegt. Ich kann Ihnen da auch nicht die idealtypische sagen, aber ich meine, man braucht keine Zulassungspflicht - hat man ja auch heute nicht. Man braucht aber eine begrenzte Aufsicht, weil die Macht der Bilder eine andere ist, als die Macht des Wortes. Das kann ich Ihnen zwar nicht medienwirkungsforschungsmäßig belegen, da müsste ich auf Herrn Kollegen Weischenberg abstellen, aber dem liegt die ganze Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts zugrunde. Dass Bilder anders wirken. Und ich glaube nicht, dass die Macht der Bilder abnimmt. Ich meine sogar, sie nimmt zu. Das kann man an neuen Vorgängen belegen. Wann ist die Folter im Irak zum Thema geworden? Als sie bildlich dokumentiert war. Vorher haben die Zeitungen darüber geschrieben, es war überhaupt kein Thema. Als ein Bild da war, wurde es ein Thema. Das ist bei vielem so. Und deshalb: Die Macht der Bilder, vor allem der bewegten Bilder, bleibt etwas ganz anderes, als die der Worte. Und deshalb, solange und soweit man bewegte Bilder einsetzen kann, braucht man eine andere Kontrolle. Und dann bin ich auch bei Herrn Weischenberg: Wir brauchen auch eine andere, klarere Regelung für die Konzentration. Es geht einmal darum, Zugang zu sichern. Das ist ein Problem, das haben Sie zurecht angesprochen, das ist ein Sonderproblem. Das zweite ist aber auch, wie man Medienmacht, die ja immer am Rundfunk anknüpft, nach unserer bisherigen Regulierung bemisst, wie man dort Presse und Onlineangebote einbezieht. Die KEK hat das Problem gehabt, dass es dafür keine Regelung gab. Es gab nur eine Regelung, die sagte: Quantitativ ist es so und ansonsten müsst ihr auch die übrigen Faktoren irgendwie berücksichtigen. Wie, war der Fantasie oder der Entscheidungsfindung der KEK überlassen. Das macht es natürlich relativ schwierig, und da bräuchten wir schon einige klarere Maßstäbe. Nur meine Befürchtung ist, wenn die Maßstäbe klarer werden, werden sie nicht besser im Sinne der Medienvielfalt. Dann wird die Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht weitgehend liberalisiert oder abgeschafft, weil das sehr im Interesse einzelner Länder liegt, die gewisse Standortinteressen im Hintergrund ein Stück weit mit verfolgen.

 

Frey:

Ich sehe noch zwei Wortmeldungen und vielleicht können wir es damit auch abschließen. Die Dame hier links und in der Mitte. Bitte sehr.

 

Ina Knobloch:

Mein Name ist Ina Knobloch, ich komme aus Frankfurt, ich arbeite fürs ZDF, für die ARD, also nur öffentlich-rechtlich, aber als Autorin und Produzentin. Und ich sehe es ganz klar, dass die Kontrolle eigentlich bei den angelieferten, bei den Auftragsproduktionen viel stärker ist. Es passiert viel schneller. Sie sagen, wir kümmern uns um die Freien, also die wirklich nur Freie haben. Das finde ich alles total wichtig und richtig. Aber sehen Sie das Beispiel mit der Queen, dass diese Firma keinen Auftrag mehr kriegt: Jemand der fest frei ist, dem passieren solche Fauxpas, der arbeitet dann weiter. Die Produktionsfirma ist weg. Man hat viel höhere Kontrollen, man muss viel mehr aufpassen, man kriegt nie wieder einen Auftrag, wenn man nicht im journalistischen, dokumentarischen Bereich ganz klar arbeitet. Aber auch im Spielfilmbereich, Herr Schächter hat es gesagt. Niko Hoffmann, ich arbeite gerade für ihn, der würde doch nie wieder einen Auftrag kriegen, wenn er sich grobe Schnitzer erlauben würde. Das gilt auch bei guten Filmen. Die haben ihre Daseinsberechtigung, die sind für Öffentlich-Rechtliche, aber auch für Private einfach eine Bereichung. Und Firmen, die Mist machen, die sind weg. Und feste Freie nicht unbedingt. Und wenn ein festangestellter Redakteur einen Film macht, fehlt dieses Gremium viel eher. Wenn ich ein Buch schreibe, habe ich einen Lektor, wenn ich einen Film mache, habe ich einen Redakteur, der da sitzt und mir auf die Finger guckt. Das fehlt im Innenverhältnis.

 

Schächter:

Vorsicht. Es gibt natürlich auch im Innenverhältnis den Redakteur. Aber was Sie grundsätzlich gesagt haben, Auftragsethos, das gehört schon dazu. Wenn man mal versagt hat, ist man weg vom Fenster, also darf man nicht versagen.

 

Knobloch:

Ich wollte noch hinzufügen, als Produzent hat man viel mehr das Gefühl, dass es die Kürzung des Etats ist, die an der Qualität nagt. Und damit hat man doch auch zu kämpfen, da geht es um Qualität. Wir wollen den Standard auf HD hoch schaffen, wir schaffen aber immer niedrigere Budgets. Das Problem haben sowohl die Kollegen, die fest angestellt sind, als auch die draußen. Und dann geht es wieder zum Marienhof, wo die Werbung eingreift, und so was darf eigentlich nicht passieren.

 

Frau Gabriela Heise:

Ich heiße Gabriela Heise und arbeite als feste Freie für NDR Info, ich arbeite inzwischen seit vier Jahren als Freie, weil es ja diese Beendigung der Rahmenverträge gibt, von der Herr Konken vorhin erzählt hat. Ich möchte gerne noch mal anknüpfen an eine optische, aber auch inhaltliche Kleinigkeit, die mir von Anfang an aufgestoßen ist, dass die Frauen hier sehr schlecht vertreten sind. Ich finde das nicht mehr angemessen in diesen Zeiten. Wir haben im Rundfunk inzwischen rund 40 Prozent Frauen, die Redakteurstellen besetzen. Auch im Fernsehen, öffentlich-rechtlich wie privat, sind sie überall reichlich vertreten. Ich denke, wenn wir über die politischen und rechtlichen Bedingungen unserer Arbeit reden, müssen wir einfach auch die Arbeitsbedingungen für die Frauen in den Sendern mit in den Blick nehmen. Ich habe hier eine Statistik, die der Journalistinnenbund aufgestellt hat: Rund 65 Prozent aller Journalistinnen haben zum Beispiel keine Kinder. Und das hängt auch damit zusammen, dass ihre weibliche Lebenswelt in den Medien immer noch nicht genug unterstützt und beachtet wird. Ich finde, der DJV hätte seine Aufgabe auch darin, das mit zu berücksichtigen. Herr Weischenberg hat da ja auch viele Untersuchungen beigesteuert und diese Situation beschrieben. Also zum "Arsch in der Hose" gehört zum Beispiel auch, dass Kolleginnen und Kollegen in Redaktionen solidarisch zusammen arbeiten und einen Blick darauf behalten, dass die Frauen zwar inzwischen sehr gut qualifiziert sind, aber immer noch nicht da angekommen sind, wo viele Männer gelandet sind. Zum Beispiel auch nicht auf dem Podium des DJV.

 

Lothar Kaiser:

Das ist nicht das Schlusswort, das kommt noch nachher. Ich wollte zu dem was sagen, was die Kollegin gerade gesagt hat. Also diejenigen, die gestern hier waren, die werden auf dem Podium einige sehr qualifizierte Medienfrauen gesehen. Wir haben keine Frau ausgesucht, nur um eine Alibifrau zu haben, das werden wir auch künftig nicht machen. Wenn es demnächst mal eine ARD-Vorsitzende gibt, dann werden wir die einladen, wenn es eine qualifizierte Medienrechtlerin gibt, die gleichzeitig Mitglied der KEK ist, dann werden wir sie einladen. Und im Übrigen nehme ich mir Ihre Bedenken für die Tagung zu Herzen.

 

Frey:

Vielen Dank. Ich bedanke mich sehr für Ihre Aufmerksamkeit.

 

 

 

 

 

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