Fachtagung 24 Stunden Zukunft

Podiumsdiskussion "Boulevardisierung der Medien"

Skandale und Superlative, die längst schon keine mehr sind

Muss ich mir jeden Tag drei Boulevardmagazine anschauen und spiegeln deren Inhalte das wahre Leben wieder? Sind nicht nur die Medien, sondern unser Leben bereits "durchgehend boulevardisiert", so dass wir uns über derlei Präsentationen eigentlich gar nicht aufzuregen bräuchten, wie Joachim Huber, Leiter der Medienredaktion des Tagesspiegels, meint? Über die "Boulevardisierung der Medien" diskutierten Redaktionsleiter und Chefredakteure unter der Leitung von Alexander Fritsch zum Abschluss der DJV-Fachtagung "24 Stunden Zukunft" in Magdeburg. Kritik an der wachsenden Hysterisierung, die Wirkung von Boulevard auf die Politik sowie das Herausstellen des eigenen Formats als Qualitätsform standen dabei auf dem rein männlich besetzten Podium im Mittelpunkt.

Während sich die Teilnehmer in der These einer zunehmenden Boulevardisierung einig waren, bewerteten sie Format und inhaltliche Ausgestaltung unterschiedlich. Die einen wandten "Boulevard" nur auf Prominente an, für die anderen war es "massentaugliche Unterhaltung". Für Ulrich Klugius, Redaktionsleiter von RTL-Explosiv, bedeutet Boulevard vor allem "Storytelling": "Es geht darum, eine kurze Geschichte zu erzählen. Mit einem Protagonisten, einem Antagonisten und dieses Einzelschicksal pars pro toto zu stellen. Fast schon ein bisschen wie Fiktion." Dabei gelte es allerdings, eine Auswahl zu treffen, wie auch Sandro Viroli, Redaktionsleiter des ARD-Magazins "Brisant", hervorhob: "Mit Leuten, die kommen und sagen ‚ich bringe euch eine Story’, mit denen können wir nichts mehr anfangen. 50% unserer Autoren sind ausgebildete Tageszeitungsjournalisten." Zudem müsse man aufpassen, dass rechtliche Richtlinien eingehalten würden. Dass Kontrollmechanismen dennoch versagten, hob Christoph Schultheis, Mitbegründer des kritischen Portals Bild-blog.de, hervor. Dazu zählte er etwa das Beispiel der Bild-Zeitung, die behauptet hatte, aus toten Katzen könne man Benzin machen. Deren erwiesenermaßen falsche Geschichte war jedoch von anderen Magazinen übernommen worden, wie Viroli für "Brisant" einräumte. Sie sorgte auch auf dem Podium für reichlich Gesprächsstoff.

Merkmale des Boulevard griffen inzwischen auf alle Medien durch - auch auf seriöse, kritisierte Ralph Kotsch, Leiter der Medienredaktion der Berliner Zeitung. "Beim Papsttod 1994 brachte der Spiegel zwei Seiten. 2005 gab es zu diesem Thema ein Sonderheft", sagte er. Selbst das Feuilleton verschließe sich inzwischen nicht einer "gewissen Popularisierung", bestätigte auch Harry Nutt, Leiter des Feuilleton-Ressorts der Frankfurter Rundschau. Huber warnte vor einer weiteren Hysterisierung in den Medien. "Wir superlativisieren, was nur geht." Dies gelte auch für negative Schlagzeilen. "Wir wissen schon gar nicht mehr, was wirklich ein Skandal ist. Wir sind die Vorreiter der Hysterisierung und alle anderen rennen hinterher." Die Entwicklung könne allerdings nicht endlos so weitergehen, waren sich die Experten einig. Irgendwann werde es eine Rückkopplung geben. "Auf die Dauer werden Boulevardmagazine Existenzprobleme haben", sagte Klugius. In den USA zeichne sich dieser Trend bereits ab. Eine "Qualifizierung des Boulevard" sei unerlässlich.

Dabei betonten die Redaktionsleiter jedoch ihr vorhandenes Verantwortungsbewusstsein für ihre Sendung. So beteuerte Huber: "Eine gewisse Ethik wollen wir uns aber nicht absprechen lassen." Man müsse aufpassen, was man sende, und beachten, was danach passiere, welche Auswirkungen es auf die Betroffenen habe. Virola ergänzte: "Wir beachten den Menschen und versuchen, die persönliche Würde etwas zu wahren."

Einig waren sich die Experten in der Ausweitung des Boulevard auch auf die Politik. Die durchgehende Boulevardisierung der Gesellschaft habe man bereits an der vorgezogenen Wahl und dem Verhalten der SPD gesehen, meinte Huber. Dort seien Themen auf zwei, drei Szenen "runtergebrochen" worden. "Wahlkampf ist die pure Form vom Boulevard, die Bild-Zeitung ist die gedruckte Barrikade", sagte Huber und forderte mehr Ehrlichkeit darin, wie weit Boulevard bereits im Alltag stattfinde. "Da sehen wir, welchen Einfluss Boulevard schon auf die Gesellschaft hat und umgekehrt." Kotsch ergänzte, dass die Medien natürlich benutzt würden. "Wer eine Botschaft loswerden will, der sucht sich das passende Medium aus." Schultheis betonte, es gebe auch den umgekehrten Weg, "dass eine Partei die kritische Haltung eines Mediums nutzt, um auf etwas Anderes aufmerksam zu machen".

Um mit dieser verschärften Boulevardisierung der Gesellschaft künftig umzugehen, können "Erdung und selbstbewusster Bürgersinn" nicht schaden, wie Nutt vorschlug. Außerdem gilt noch immer der Vorschlag von Schultheis, wie Bild-Blog zeigt: "Wenn man sich darüber aufregt, dann kann man auch was tun."

 

Text: Michaela Schmehl