Dokumentation
DJV-Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität"
3./4. September 2007, IFA Berlin
Arbeitsbedingungen und Qualität im Rundfunk
Workshop 2: Fernsehen
Zusammenfassung Workshopergebnisse:
Michael Sommer:
Wenn man den Fehler macht, Qualität als Überschrift des Workshops zu nehmen, darf man sich nicht wundern, da beißt man sich schnell fest. Uwe Kammann hat in seinem Eingangsstatement gesagt, auf der IFA sieht man jede Menge neue Flachbildfernseher. Machen wir das passende flache Fernsehprogramm dazu? Da hatte man sich an Norbert Schneider erinnert, der hat ja mal gefordert, eine Stiftung Medientest zu installieren. Also der Dreh- und Angelpunkt der Qualitätsdiskussion, da waren wir uns einig, das ist ein präzise gefasster Funktionsauftrag, jedenfalls für all die von uns, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk arbeiten. Qualität als Zwischenbegriff - schön und gut, aber wie könnten wir den fassen? Qualität ist immer eine relative Zuschreibung. Abhängig von Zeit und Ort, wo darüber diskutiert wird. Und Qualität ist immer an bestimmte Arbeitsbedingungen geknüpft. Doch die Qualitätssicherung wird meistens nicht an diesem Begriffspaar orientiert. Stattdessen gibt es noch die Möglichkeit, nach Produktionsanforderungen orientiert zu debattieren. Die Arbeitsbedingungen selbst haben sich verändert seit den 70er Jahren. Inzwischen gibt es hybride Medienprodukte, die entsprechend hybride Arbeitsbedingungen und Produktionsanforderungen mit sich gebracht haben. Doch noch immer spielen Arbeitszeit, Vergütung, Aufgabenprofile, Zeitmanagement, Zeitkontrolle über die Redaktion, Ausbildung der Redakteure, Spiel- und Zeiträume für die Macher, Motivation im Team und Anregungsräume in den Redaktionen wesentlich mit, wenn es um das Ergebnis geht. Das alles ist nicht fein säuberlich getrennt von diesem neuen Medienproduktionsprozess.
Die Produktionskosten selbst sind gefallen. 30 Prozent seit 1990, jedenfalls im Schnitt. Gefallen sind auch die Personalaufwendungen, die Personalstunden der Sendungen pro Minute zum Beispiel. Kurz und gut, der Aufwand der Produktion wird generell immer geringer, und wahrscheinlich bleibt das auch so. Die Ursachen dafür: Technik, Effizienzsteigerung und Effektivitätssteigerungsmaßnahmen in den Sendeanstalten. Die Frage ist nur: Gibt es eine direkte Verbindung zwischen Qualität und den gesunkenen Kosten pro Sendeeinheit? Ja, aber nicht so simpel und ohne weiteres. Stattdessen spielen die weicheren Faktoren eine bedeutende Rolle und nicht einfach nur Geld gegen Qualität. So schlicht geht es nicht. Die Qualitätsdiskussion selbst ist so alt wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk, und sie wird noch immer mit der gleichen Heftigkeit geführt. Uwe Kammann hat versucht, es so zu formulieren: Qualität ist eine Münze unseres Alltags, die jeder jeweils auf seine Weise prägt und die jeweils zu ihrer Zeit ihren eigenen Kurswert hat. Wir erleben jedenfalls in der Hypnotisierung der Formen unserer Arbeit eine Verflüssigung der Medieninhalte, die zwischen den Plattformen zu diffundieren begonnen haben. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk soll aber Halt und Ankerpunkt sein. Nicht nur für die Macher, sondern vor allen Dingen natürlich für die Rezipienten. Das ist die eigentliche Funktion, die unsere Existenz haben kann. Die Frage, "wer macht eigentlich Qualität?", die war schnell beantwortet. Eine Kollegin sagte: "Qualität, das machen die, die es schon immer gemacht haben." Nämlich die, die Redaktion betreiben. Die haben auch immer noch klare Vorstellungen über knallharte Qualitätskriterien wie die Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung. Das war nicht strittig. Strittig ist es vielmehr an anderen Punkten geworden. Etwa wenn Themen nicht mehr stattfinden, wenn sie nicht regional genug sind – zum Beispiel eine Auslandsberichterstattung.
Zudem haben wir uns noch sehr intensiv über die Unterscheidung unterhalten, ob es eine Differenz zwischen Qualität im Programm und Qualität in den einzelnen Sendungen gibt. Viele waren der Meinung, einzelne Beiträge sind heute vielleicht sogar besser als früher, immer häufiger sogar. Aber ob die Programme insgesamt besser geworden sind, ist eine ganz andere Frage. Rein handwerklich gibt es nur individuelle Defizite. Insgesamt ist das Niveau höher geworden. Und dann müssen wir uns immer wieder die Frage stellen: Sind einzelne Sendeleistungen passend für die Formate, für die Slots, die Programmabfolgen? Oder müssen sie dem etwa angepasst werden, in der Menge zum Beispiel? Müssen sie länger sein, als sie es eigentlich verdienen oder gar kürzer? Der Schlüsselbegriff, an dem wir uns am meisten abgearbeitet haben, ist der der Relevanz vom Team. Ist die etwa in Quote abzulesen? Ist Relevanz eigentlich Akzeptanz und ist Relevanz individuell, ist sie politisch, ist sie gesellschaftlich? Wir haben uns auch lange darüber unterhalten, wie Themen gemacht werden. Haben sie ihre Proportionalität bewahrt? Oder eskalieren sie über ihren Wert hinaus? Skandalieren sie vielleicht sogar? Einer meinte, wenn wir etwas anbieten und es kommt an, dann war es gut, so einfach ist das. Ist also Masse gleich Klasse? Masse an Zuschauern?
Redaktionen müssen Mut zeigen, müssen sagen: Das ist wichtig. Nicht das, was alle sehen wollen, ist relevant, sondern relevant ist, was der Redakteur sagt. Und der ist nicht etwa Oberlehrer, sondern hat ein Kriterium. Das Kriterium heißt: Unterscheide zwischen Interest of Public und Public Interest. In dieser Polarität spiegelt sich die ganze Zerrissenheit unserer Diskussion. Man könnte auch sagen, es ist der alte Gegensatz zwischen Quote und Qualität. Zwischen Massenmedien und Massenakzeptanz. Die IFA jedenfalls bietet Beispiele für die Individualisierung von Kommunikation. Broadcast ist inzwischen für viele schon Singlecast in ihrer Mediennutzung. Und das Streben nach Quote, das ist immer noch Teil unseres Berufbildes, sagte einer. Das steckt uns im Blut, denn wer schreibt oder filmt oder vor einem Mikrofon steht, der will natürlich möglichst viele für sich gewinnen. Da mag mancher dann fragen: "Und wo bleibt die öffentliche Funktion?" Ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht eigentlich gegründet worden mit einem demokratischen Auftrag? Kommerzferne und Staatsferne, war das nicht der Ursprung? Zum Schluss ging es dann doch auch noch um die Arbeitsbedingungen für die Qualität. Immer mehr technische Aufgaben im digitalisierten Newsroom, immer weniger Zeit und weniger Gelegenheit, auch wirkliche Aktualität, Akzeptanz und echte Relevanz zu beachten. Für viele ist das inzwischen ein Problem geworden - und der Verlust von Vielfalt in den Hauptprogrammen, wo so manches, was wir für Qualität halten, längst auf Arte oder im Kinderkanal läuft. Wir arbeiten mit weniger Geld und weniger Zeit für mehr Programme. Wie tun wir es? Zum Beispiel als Ein-Mann-Teams. Die Belastung der einzelnen Redakteure steigt, deshalb unser Appell: "Redakteure, seid selbstbewusst, mischt euch ein".





