Dokumentation

DJV-Fachtagung "Zukunft des Rundfunks: Qualität"

3./4. September 2007, IFA Berlin

 

Arbeitsbedingungen und Qualität im Rundfunk

Workshop 3: Online

 

Zusammenfassung Workshopergebnisse:

 

Peter Springborn:

Der Arbeitskreis Online war in vielerlei Hinsicht ein sehr interessanter Arbeitskreis. Es fing schon mit der Anzahl der Personen an, die in diesem Arbeitskreis waren. Während in den anderen Workshops so um die fünfzig Leute gesessen haben, waren wir Onliner mit einer Anmeldeliste von etwa vierundzwanzig gerade mal halb so klein - und die waren noch nicht mal alle vertreten. Aber auch die Zusammensetzung dieser Gruppe war durchaus interessant, denn wenn Sie jetzt glauben, da hätten lauter Onliner gehockt, weit gefehlt. Da gab es Leute vom Fernsehen, da gab es Leute vom Radio. Aber es gab dann doch noch ein paar echte Online-Journalisten, die da waren und das Fähnchen hoch gehalten haben. Vielleicht ist es ja gerade das, was Online ausmacht. Online wird von vielen noch nicht richtig ernst genommen. Also haben wir versucht, uns intensiv über das Thema zu beugen, das uns gestellt war: Qualität und Arbeitsbedingungen. Zunächst musste man natürlich die Frage stellen, was ist denn eigentlich Qualität im Online-Journalismus?

 

Für Radiojournalisten, für Fernsehjournalisten ist das relativ leicht. Da gibt es Lehrbücher, die haben wir ja alle gelesen, da steht drin was Qualität ist. Also haben wir uns mal ein paar Gedanken gemacht, was Qualität im Online-Journalismus ist - und natürlich kommen die üblichen verdächtigen Bemerkungen dabei heraus. Dazu gehören Hintergrundrecherche, Explosivität, das, was man von einem anständigen Journalisten erwartet. Dazu gehört auch, dass man für den Nutzer eine Art Wegweiser ist. Wir haben das mal mit dem Begriff Leuchtturm benannt. Aber dann kommen auch Dinge dazu, die in vielen anderen Medien nicht so vorhanden sind oder die zumindest schwierig zu realisieren sind und die in einem Online-Medium eine ganz andere Chance haben. Die Interaktivität zum Beispiel. Im Radio kann man ein bisschen mit dem Hörer telefonieren oder eine Umfrage machen. Im Fernsehen mit Bildern wird das alles noch ein bisschen schwieriger, weil man nicht so direkt herein kann.

 

Im Online-Bereich aber gibt es zum Beispiel über Foren ganz viele Möglichkeiten, Menschen mit einzubinden. Man bringt damit aber gleichzeitig auch Dinge hinein, die man vielleicht gar nicht haben will. Also haben wir gesagt, Qualität bedeutet auch, dass ein solches Forum oder eine solche interaktive Basis moderiert sein sollte. Das heißt, dass sie journalistisch begleitet ist, dass wir auswählen, was wir davon haben wollen oder dass wir aus den Dingen, die andere Menschen dort mit herein tragen, auch Honig saugen. Sozusagen auf Volkes Maul schauen können. Qualität im Online-Journalismus bedeutet aber auch, so haben wir es jedenfalls heraus gearbeitet, dass man ein multimediales Format braucht, etwas, was es bei ganz vielen Online-Angeboten derzeit noch nicht gibt. Radio zum Hören kennen wir, Fernsehen zum Sehen und was ist online heute Praxis? In der Praxis ist es meistens einfach die Abbildung irgendeines Textes. Im schlimmsten Fall wird ein Radiobeitrag von jemandem vertextet und eingestellt. Und dann kommt noch ein Online-Redakteur und sagt: "Meine Güte, die Radioleute können gar nicht schreiben." Dabei haben die für was ganz anderes gearbeitet als für ein Medium, das man liest. Also sind auch neue Formate wichtig, die die Möglichkeiten des Internets nutzen, um qualitativ hochwertigen Online-Journalismus zu machen. Dazu gehört auch das, was wir im Radio den Earcatcher, in der Zeitung oder im Fernsehen den Eyecatcher nennen – allerdings hat uns der passende Begriff gefehlt. Wir wussten nicht, wie man es im Online-Bereich nennen soll, als Vorschlag kam zum Beispiel "alle-Sinne-catcher".

 

Es gibt noch was zu tun in diesem Bereich, das wissen wir. Was die Umsetzung angeht, ich habe es schon kurz angesprochen, sieht es derzeit ziemlich miserabel aus. Tagesschau.de und Spiegel.de sind uns eingefallen als Angebote, die schon versuchen, einen solchen Qualitätsjournalismus zu machen. Aber wenn man dann noch ein bisschen weiter schaut, dann sieht es eher etwas mau aus. Es gibt nicht allzu viel, was solche Kriterien tatsächlich erfüllen kann. Der Online-Journalismus wird eben immer noch nicht ernst genommen.

 

Schauen wir uns an, wie es um die Arbeitsbedingungen bestellt ist. Auch dazu passt, dass Online noch nicht richtig ernst genommen wird. Wenig Personal, oft gibt es keine richtig ausgebildeten Journalisten. In vielen Online-Redaktionen sitzen nur Studenten oder zu einem großen Teil Studenten, die sicherlich qualifiziert sind, aber die eben keine journalistische Arbeit machen können. Und oft ist die Online-Redaktion gar keine richtige Redaktion, sondern Redakteure aus anderen Bereichen, aus dem Hörfunk, aus dem Fernsehen oder eben Zeitungsjournalisten müssen für die Online-Redaktion zuliefern. Was natürlich auch die Frage nach deren Arbeitsbedingungen aufwirft. Wer ein Hörfunkmanuskript kennt, weiß, dass in Hörfunkmanuskripten oft nicht das drin steht, was man im Radio gehört hat, dass viele Dinge gar nicht vertextet waren - O-Töne zum Beispiel. Im Fernsehen ist es ähnlich. Also bedeutet es Zusatzaufwand, solche Dinge zu liefern, auch für Journalisten, die eigentlich gar keine Online-Journalisten sind. Mach noch ein Foto, nimm doch den Fotoapparat mit, mach dieses noch, mach jenes noch. Das erste Mal ist man vielleicht noch stolz darauf, dass der Radiojournalist plötzlich mal mit einem Bild irgendwo zu sehen ist. Beim dritten Mal fragt man sich: "Bin ich eigentlich beknackt?". Also: Weitere Probleme bei den Arbeitsbedingungen für Online-Journalisten und für Journalisten, die für den Bereich Online zuliefern müssen.

 

Was viele als Problem empfunden haben, die direkt in Online-Redaktionen arbeiten, ist die Frage des Arbeitsplatzverlustes. Denn zumindest das, was journalistische Arbeit ist, bringt jedenfalls bei den privaten Anbietern in der Regel nicht die Klicks, die man braucht, um damit Geld zu verdienen. Also befürchten viele, dass Arbeitsplätze abgebaut werden, dass Journalismus dort eine noch geringere Rolle spielt, als er es heute schon tut. Und schließlich existiert die Frage der Ausbildung: Wer soll eigentlich die hehren journalistischen Qualitätsziele umsetzen, wenn keine echten Journalisten da sitzen? Und wer soll sie umsetzen, wenn es keine Ausbilder gibt, die in der Lage sind, eine solche Online-Befähigung überhaupt zu vermitteln? Denn wir haben ja schon gehört, dass es eigentlich viel mehr ist als das, was einer macht, der im Radio arbeitet, der nur im Fernsehen tätig ist. Da wir das alles zusammenbacken, brauchen wir noch mehr zusätzliche Fähigkeiten. Der Online-Journalismus wird immer noch nicht richtig ernst genommen. Vielleicht sollten wir ihn ernster nehmen. Ich glaube in der niedrigen Zahl der Teilnehmer des Workshops drückt sich auch aus, dass vielen noch gar nicht klar ist, wohin der Weg geht. Möglicherweise sind die Medien, die wir im Augenblick haben, in denen wir arbeiten, in ein paar Jahren gar nicht mehr in dieser Form da, sondern zusammengewachsen in einem Online-Medium. Wenn wir vor zehn Jahren gesagt hätten, das Internet kommt ganz groß raus, hätten alle den Kopf geschüttelt - und viele haben vor fünf Jahren noch den Kopf geschüttelt. Inzwischen ist die Welt ein bisschen anders geworden, und wir glauben, zumindest in unserem Workshop, sie wird auch in der Zukunft anders werden.