Deutscher Journalisten-verbandGewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten
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Arbeitsmarkt und Berufschancen

Foto: mauritius images, Cultura
Junger Mann hält einen Kompass vor sich

Der Arbeitsmarkt und die künftigen Berufschancen von Journalistinnen und Journalisten hängen unmittelbar von der wirtschaftlichen und medienpolitischen Entwicklung ab. In den letzten Jahrzehnten verzeichneten Medienwirtschaft und Journalismus einen Boom – nicht zuletzt durch Einführung des kommerziellen Rundfunks, durch Digitalisierung und Ausweitung des Werbemarktes.

Ernüchterung nach dem Boom

Das änderte sich 2001: Die weltweite Konjunkturkrise, der Zusammenbruch des Neuen Marktes, die drastischen Kursrückgänge und die rückläufigen Werbeinvestitionen schwächten die Medien deutlich. Rote Zahlen, drastische Einsparungen und erhebliche Personalreduzierung waren die Folgen.

Die Medien haben sich davon bis heute nicht erholt, obwohl große Konzerne wieder Rekordergebnisse vermelden. Allerdings leidet vor allem die Presse unter schwindenden Auflagen und dem Werberückgang. Das veränderte Nutzerverhalten insbesondere der jungen Generation, die ihre Informationen zunehmend aus Internet, Apps und sozialen Netzwerken gewinnt, macht es notwendig, über neue Finanzierungsmodelle für Medien und Journalismus nachzudenken.

Situation

Die Statistik über Journalistinnen und Journalisten ist – auf Grund unterschiedlicher Berechnungsgrundlagen und Berufsbezeichnungen je nach Datenquelle – generell ungenau. Seit Wegfall der amtlichen Pressestatistik basieren die Zahlen auf Erhebungen von Verbänden und Wissenschaftlern. Es handelt sich also um qualifizierte Schätzzahlen.

Dabei geht der jüngste wissenschaftliche Journalisten-Report (Siegfried Weischenberg u. a.: Die Souffleure der Mediengesellschaft, 2006) von einer niedrigeren Grundgesamtheit (48.000 Hauptberufliche) aus als der DJV, der für das Jahr 2012 auf 72.500 hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten kommt. Diese Differenz hängt unter anderem damit zusammen, dass die Wissenschaft mit Blick auf internationale Vergleichbarkeit bestimmte Berufsbereiche ausklammert (zum Beispiel Bildjournalisten, Journalisten in Pressestellen und jene Freiberufler, die einen erheblichen Teil ihres Lebensunterhaltes aus nichtjournalistischer Tätigkeit verdienen, beispielsweise in der PR). Breiter hingegen fasst die Arbeitsagentur die Begriffe „Publizisten“ und „Redakteure“; sie zählt dazu u. a. auch Schriftsteller und Öffentlichkeitsarbeiter. Entsprechend weichen ihre statistischen Zahlen nach oben ab: 160.000 Erwerbstätige ordnet die Arbeitsagentur 2011 dem publizistischen/journalistischen Berufsfeld zu, davon 68.300 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und 68.000 Freie.

Der DJV geht in seiner Statistik nur von hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten aus; seine Zahlen beruhen auf Angaben der Berufsverbände, der Wissenschaft und auf Statistiken von Institutionen wie dem Presseversorgungswerk und der Künstlersozialkasse.

Presse als größter Arbeitgeber

Die größte Gruppe der hauptberuflich tätigen Journalistinnen und Journalisten in Deutschland arbeitet demnach bei der Presse, davon wiederum die meisten bei Tageszeitungen (in Lokalredaktionen).

Fest angestelIte Journalistinnen
und Journalisten (qualifizierte Schätzzahlen)

Tageszeitungenca. 13.500
Rundfunk (ö.-r. und privat)

ca.    9.000

Zeitschriften/Anzeigenblätterca.    9.000
Pressestellenca.    7.000
Online/Multimediaca.    4.000
Agenturen/Pressebürosca.    1.000
Festangestellte gesamtca.  43.500

Hinzu kommen etwa 3.000 Volontäre und 26.000 freie, hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten, die sich der Künstlersozialkasse angeschlossen haben. Die tatsächliche Zahl der Freien lässt sich schwer schätzen. Berufsforscher gehen davon aus, dass es künftig weitaus mehr freiberufliche Journalisten geben wird. Allerdings werden viele nicht mehr vom Journalismus allein leben können, sondern ein zweites berufliches Standbein brauchen. Damit fallen sie aus statistischen Erhebungen über hauptberufliche Journalisten heraus. Denn für die Bewertung „hauptberuflich“ ist maßgeblich, dass sie den größten Teil des Lebensunterhaltes aus journalistischer Tätigkeit bestreiten und die meiste Arbeitszeit dafür verwenden.  

Der Arbeitsmarkt im Journalismus wurde von der Bundesanstalt für Arbeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sehr positiv eingeschätzt. Die Zahl der arbeitslosen Journalistinnen und Journalisten bewegte sich lange Jahre im dreistelligen Bereich, war also ausgesprochen gering. Das veränderte sich während der Medienkrise dramatisch: Zwischen September 2000 und 2003 stieg die Zahl der arbeitslos gemeldeten Journalisten, Redakteure und Fotografen von rund 700 auf im Jahresdurchschnitt mehr als 9.000 an. In Wirklichkeit waren vermutlich wesentlich mehr Journalisten betroffen; viele zogen aber den Start in eine freiberufliche Tätigkeit der gemeldeten Arbeitslosigkeit vor („verdeckte Arbeitslosigkeit“) oder wechselten in andere Branchen.

Erst 2004 entspannte sich die Lage wieder: Im November 2004 verzeichneten die Arbeitsagenturen 7.362 Arbeitslose im Medienbereich. Bei diesem Rückgang spielte die zunehmende Zahl von Existenzgründungen durch die „Ich AG“ eine große Rolle, deren Förderung allein Mitte 2004 von knapp 1.500 Medienschaffenden in Anspruch genommen wurde. Auch damit verstärkte sich der Trend zur Freiberuflichkeit in der Medienbranche.

2007/2008 hatte sich die Zahl der arbeitslosen Journalistinnen und Journalisten weiter auf rund 4.000 verringert. Nach Angaben der Arbeitsagentur waren darunter überdurchschnittlich viele Frauen (46,6 Prozent bei einem Gesamtanteil an Medienberufen von rund 37 Prozent) und Journalisten in mittlerem Alter zwischen 30 und 49 Jahren (62 Prozent, in anderen Branchen lag diese Quote bei nur 52 Prozent).

Mit der neuerlichen Wirtschafts- und Finanzkrise stieg die Arbeitslosigkeit wieder an. Die jüngsten Zahlen der Arbeitsagentur weisen – nach einem Höhepunkt im Jahr 2010 von 5.200 – für 2011 noch 4.700 arbeitslose Journalistinnen/Journalisten aus.

Perspektiven

Prognosen für den Arbeitsmarkt von Journalisten zu wagen ist mit Blick auf Krisen und Digitalisierung der Medienlandschaft nicht leicht. In dem erwähnten aktuellen Journalisten-Report kommen Kommunikationswissenschaftler zu dem Schluss, dass die Branche tendenziell immer weniger Journalisten „ernähren“ kann – oder, aus anderer Perspektive: Zunehmend weniger (freie) Journalistinnen und Journalisten können allein vom Journalismus leben, sondern brauchen Zusatzeinkommen aus anderen Branchen. Manche steigen dann ganz aus. Die Mitgliederentwicklung der Journalistengewerkschaft deutet darauf hin, dass die Zahl der Berufswechsler zunimmt: Immer häufiger suchen sich Journalistinnen und Journalisten mangels Perspektiven einen anderen Beruf.

Journalisten können kaum mehr mit bruchlosen Karrieren in fester Anstellung bei einem Medium rechnen. Zumindest zeitweise wird es Phasen der Freiberuflichkeit bzw. der Neuorientierung auch in anderen Arbeitsgebieten oder Medien geben.

Kenntnisse in mehreren Medien

Berufsanfänger/-innen, die ihren Beruf noch in 30 bis 40 Jahren ausüben wollen bzw. müssen, sollten daher immer auch Fertigkeiten erwerben, die ihnen diese Flexibilität und ggf. eine freiberufliche Tätigkeit erleichtern.

  • Die Multimedia-Unternehmen der Gegenwart und Zukunft erwarten crossmediale Kenntnisse und Fähigkeiten. Dass gleichzeitig Spezialisierung gefordert wird, ist nur scheinbar ein Widerspruch. Die ideale Mischung scheint aus speziellen, profunden Sachkenntnissen in bestimmten Wissensgebieten zu bestehen – bei gleichzeitiger flexibler Umsetzungskompetenz, also breit gefächerter Fachkenntnis in den journalistischen Arbeitsbereichen und neuen Medientechniken.
  • Die Grenzen zwischen den Berufsfeldern werden fließend. Besonders deutlich wird das am Beispiel der Vermischung zwischen Journalismus und digitaler Technik (crossmediale Produktionen in Wort, Bild und Ton), an der Vermischung von Journalismus und Unterhaltung (Infotainment, Boulevardisierung) sowie an der Vermischung zwischen Journalismus und Werbung bzw. PR in allen Medien (Schleichwerbung, PR-geprägte Themensetzung, Übernahme von Pressemitteilungen).

Berufsfelder vermischen sich

Diese Entwicklungen lassen nicht nur positive Auswirkungen auf den Journalismus und auf die Information in der Gesellschaft erwarten. Der DJV als Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten will möglichen negativen Folgen rechtzeitig durch Tarifpolitik, durch Forderungen an die Medienpolitik sowie durch seine Qualitätsinitiative IQ begegnen.

Die Arbeitsbedingungen müssen nach DJV-Ansicht so gestaltet sein, dass die eigentlichen journalistischen Aufgaben – Beschaffung, Prüfung, Bewertung und Vermittlung von Informationen – nicht durch andere Tätigkeiten überfrachtet werden oder durch Multitasking in ihrer Qualität zu kurz kommen. Gleichzeitig in Wort, Bild und Ton für die Zeitung, die Homepage, das App und das Lokalradio zu berichten, dabei noch soziale Netzwerke zu bedienen und zu twittern – das überfordert und geht zu Lasten der Berichterstattungsqualität.

Neue Welle der Konzentration

Darüber hinaus liegt in der jetzigen medienpolitischen Entwicklung die Gefahr weiterer Machtballung: Die Entwicklung von Verlagen hin zu internationalen Multimedia-Unternehmen hat eine weitere Konzentrationswelle in Gang gesetzt.

Für Journalisten bedeutet das konkret eine Verminderung von Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wem beispielsweise die publizistische Tendenz eines Medienunternehmens nicht gefällt, wer sich gar mit einem Verleger überworfen hat, der muss schon lange und in weitem Umkreis suchen, bis er einen neuen Arbeit- oder Auftraggeber findet, der nicht mit dem alten identisch oder zumindest verflochten ist. Daraus ergeben sich Abhängigkeiten vom jeweiligen Unternehmen, die nicht im Sinne eines unabhängigen Journalismus liegen.

Autorin: Ulrike Kaiser

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