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der freienblog

06. Oktober 2016
Berufsalltag

Filmfestival in Cannes: „Wie sind Sie denn hier reingekommen“?

In lockerer Folge bloggt Alexander Sandvoss aus dem Alltag der Pressefotografen

Luxe Pack Monaco, eine interessante Fachmesse, aber nicht für Pressefotograf Alexander Sandvoss

Am Vorabend des größten Filmfestivals der Welt organisiert ein deutscher Schmuckhersteller und Sponsor des Festivals einen Presseempfang auf der Dachterrasse eines Hotels. Da ich glaube, aufgrund meiner Tätigkeit als Pressefotograf zu der Zielgruppe zu gehören, verschaffe ich mir mit meiner Festival-Akkreditierung Zugang.

Nach kurzer Zeit nimmt mich eine Dame beiseite. Es ist die PR Chefin des Unternehmens: „Wie sind Sie denn hier reingekommen“, fragt Sie mich freundlich aber bestimmt, nachdem Sie wohl mitbekommen hat, dass ich die Firmenchefin des Unternehmens fotografiert habe. Ich rechtfertige mich erst einmal, wie ich es überhaupt auf die Dachterrasse geschafft habe. Schließlich werde ich geduldet und darf bleiben.

Mittlerweile kommen noch ein paar Blogger aus der Schweiz zu dem Empfang. Die werden sofort herzlich-kumpelig von der PR Chefin begrüßt: „Hallo, schön das Sie da sind“. Bei mir heißt es hingegen nur einsilbig: „Sie wünschen?“

Dabei nutzen die Konsumgüter Konzerne das Festival nur dazu, um ihr Stieleis, ihren gekapselten Kaffee, ihre Schminke und ihre Hamburger in Cannes zu vermarkten und in die internationalen Medien zu pressen.  Aus diesem Grund reisen auch deutsche Schauspieler an, deren einziger Zweck während des 12-tägigen Spektakels darin besteht, vor  einer Sponsorenwand an Eis zu lutschen, einen Kaffee demonstrativ genussvoll zu schlürfen oder gekünstelt herzhaft in einen Burger zu beißen. Diese Termine sind immer der Inbegriff kreativer Pressefotografie: 25 Fotografen wollen die gleiche Pose, das gleiche Lächeln und denselben Luftkuss mit Schulterblick. Da halte ich mich im Gegensatz zu jeder Menge Mitbewerber aus einer süddeutschen Großstadt raus.

In der zweiten Festivalwoche veranstaltet ein deutsches „Medienboard“ einen Empfang, auch diesmal mit Persönlichkeiten aus der Filmindustrie. Auf Nachfrage erhalte ich eine Zusage, um dort arbeiten zu dürfen. Doch weit gefehlt: kurzfristig wird mir per E-Mail wieder abgesagt, da der Empfang angeblich zu „klein“ sei. Im Gegenzug sprechen mich laufend fremde Personen an, ob ich sie nicht für die sozialen Netzwerke fotografieren könne. So macht die Pressearbeit noch Spaß, ich komme mir vor wie Kowalski auf Urlaubsfahrt, Fotoapparat.

Ein Veranstalter lockt mich während des Festivals in eine fernab gelegene Villa, er ködert mich mit allerlei Prominenz und Persönlichkeiten. Ich beiße an und begebe mich auf eine hügelige Fahrt fernab vom Trubel der Festivalmeile Croisette: das Ganze hätte ich mir sparen können. Schon am Eingang zur Villa gab es Probleme, da man gar keine (Bild-)Journalisten erwartet hatte, sondern nur zahlende Kundschaft. Und da ich zuerst der einzige Pressefotograf war, wollte mich jeder als Hausfotograf nutzen. Bis es mir zu viel wurde, und ich darauf hinwies, nur für Nachrichtenagenturen zu arbeiten.

Danach noch schnell zu einer Fachmesse für luxuriöse Verpackungen in Monaco: Mein Antrag auf Akkreditierung wurde schon im Vorfeld abgelehnt, weil der Veranstalter mich überhaupt nicht für einen Pressevertreter hielt. Bei einer deutschsprachigen Dame versuche ich mich vor Ort zu rechtfertigen, da Agenturfotografen grundsätzlich das aktuelle Geschehen ablichten. Somit auch eine Fachmesse in Monte Carlo, zumal auch Fürst Albert II von Monaco erwartet wurde. Ich bitte also freundlich unter Vorlage meines DJV-Presseausweises um Einlass. Pustekuchen: Man würde sehr genau darauf achten, wer als Pressevertreter auf die Messe darf und wer nicht. Und ein Presseausweis ist schon mal überhaupt kein Kriterium, darf ich mich belehren lassen. Anstelle dass man sich solidarisch mit mir gibt und mich mein redaktionelles Bildmaterial für die Nachrichtenagenturen anfertigen lässt, bin ich scheinbar unerwünscht wie ein Furunkel.  

Auf der Fachpack in Nürnberg erübrigt sich mit DJV-Presseausweis diese für mich sehr unangenehme Diskussion: dort erkennt man, das wir Bildjournalisten mit dem Presseausweis des Deutschen Journalisten-Verbandes das Ganze nicht aus reinem Jux machen.

Alexander Sandvoss

sandvoss@mandoga.com


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