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21. Mai 2019
Kanzler im FPÖ-Skandal

Kurz muss sich der Presse stellen

Tag fünf seit Bekanntwerden des Ibiza-Videos bricht an und noch immer durften Pressevertreter in Österreich nicht den Bundeskanzler befragen. Auch das ist skandalös.

Sebastian Kurz gibt sein zweites Statement zum Ibiza-Video ab. Foto: Picture Alliance / AP Photo

Es ist eine Unsitte, die auch in Deutschland immer öfter Anwendung findet: Einladungen zu kurzen Statements ohne Fragemöglichkeiten im Anschluss. Der Einladende, zumeist Politiker, lässt die Journalisten antanzen wie einen Hofstab, verliest einen sorgsam vorbereiteten Text und tritt ab. In der vergeblichen Hoffnung, doch eine Frage an den Mann oder die Frau zu bringen, reisen Journalisten dennoch pflichtschuldig an. Dabei hätte es fast immer gereicht, den Auftritt irgendwo per Livestream zu verfolgen.

 

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz, fraglos ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, hat sich bislang nur per Statement geäußert, sieht man einmal von einem Interview in der ihm wohlgesonnenen "Bild" ab. Damit ist Kurz genau das nicht, was er zu sein vorgibt: ein Kämpfer für die Pressefreiheit. Es drängen sich viele Fragen auf, zum Beispiel: Wann genau hat Kurz von dem Video erfahren? Was hat er getan in den 24 Stunden zwischen Konfrontation der österreichischen Regierung mit dem Material und dessen Veröffentlichung? Was weiß er über die Herkunft des Videos und wie bewertet er das Zustandekommen?

 

Die häppchenweise Informationspolitik weckt den Eindruck, dass Kurz oberste Priorität die Steuerung dieser politischen Krise zu seinen Gunsten ist. Genau das wirft ihm die bis auf die Knochen blamierte FPÖ vor. Indem Kurz diese Vorwürfe durch sein Verhalten bestätigt, ist er der erste, der den öffentlich Geschmähten wieder zu ein wenig Ansehen verhilft.

 

Ein Kommentar von Sebastian Huld.

 

 


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