Media Hour zu Backlash-Gefahren
"Jetzt erst recht dagegenhalten!"
30 interessierte Online-Gäste, ein nachhakender Moderator, zwei namhafte Diversity-Manager*innen und ein drängendes Thema: Hält die Brandmauer gegen den Backlash?
Am 28. April 2026 lud der Deutsche Journalisten‑Verband (DJV) zu einer weiteren „inspirierenden Mittagspause“ ein, organisiert vom Bundesfachausschuss Chancengleichheit und Diversity, moderiert von SWR-Journalist Markus Pfalzgraf, Landesvorsitzender im DJV-Landesverband Baden‑Württemberg.
In seiner Begrüßung ging Fachausschussvorsitzender Christian Schäfer-Koch auf die bedrohlichen Entwicklungen aus den USA ein, die in „Siebenmeilenstiefeln“ auf dem Weg nach Deutschland schreiten: restriktive Strömungen, die Emanzipation, Inklusion und Diversität infrage stellen oder sogar durch Mittelkürzungen den Garaus machen. Für ZDF-Diversity-Manager Frank Rusko, einer der beiden Referent*innen, ist der Backlash längst hierzulande angekommen. Aber wie seine Kollegin von der Funke-Mediengruppe, Yvonne Weiß, sieht er neben Rückschritten durchaus auch Erfolge und verweist auf eine der wichtigsten Netzwerke: „Das letzte Jahr war eines der produktivsten bei der Charta der Vielfalt.“
Beide warnen davor, nur zu lamentieren. „Dann geben wir denjenigen, die Vielfalt schwächen wollen, mehr Raum, als sie es verdienen“, erklärt die Leiterin Cultural Affairs. „Jetzt erst recht dagegenhalten! Noch mehr über all die Aktionen, die wir machen, reden.“ Einem immer weiter verbreiteten Narrativ sollten wir Medienleute mit all unseren Möglichkeiten entgegentreten: „Wenn Politiker*innen suggerieren, dass Diversity nur ein Trend sei. Das ist keine Modeerscheinung. Sonst fühlen sich Menschen, die Diskriminierung erfahren, weniger berechtigt, darüber zu sprechen. Dann werden wieder strukturelle Ungleichheiten unsichtbar gemacht und erstarken.“
Diversity Management verlaufe von oben nach unten. „Die Gesellschafter unseres Verlags haben sich klar für Vielfalt und Chancengleichheit ausgesprochen, unser Board ebenfalls, das hilft enorm für eine strategische Umsetzung im Arbeitsalltag.“ Wichtig seien Role Models. Zum Beispiel eine Mutter in einer Führungsposition. „Sichtbarkeit, dass das möglich ist, ist Macht. Ohne das verändert sich gar nichts. Da nützen auch zig Quoten nix“, weiß Yvonne Weiß aus eigener Erfahrung. Sie selbst hat ihre Art zu führen verändert, nachdem sie ein Staunen geerntet hatte bei ihrer Offenbarung, zwei kleine Kinder zu haben: „Ich bin doch kein Wesen ohne Privatleben, das 14 Stunden am Tag Gas gibt.“ Es brauche ein paar Leute, die den Mund aufmachen, dumme Sprüche wegstecken und sich in Schlagfertigkeit trainieren. Die Medienbranche hält sie für „eine Art Bubble mit wenig unterschiedlichen Lebensläufen. Früher musstest du dir finanziell leisten können, in Richtung Journalismus zu gehen. Es beginnt meist mit einem honorarfreien Praktikum. Das schließt schon einmal den Kreis der Berufseinsteiger aus.“
Deutliches Nicken bei Frank Rusko. Er bestätigt, dass im ZDF der Begriff Vielfalt sehr breit gedacht wird. Es gehe nicht nur um migrantische Perspektiven oder Geschlechtergerechtigkeit, sondern ebenso um ost- und westdeutsche Biografien – und um soziale Herkunft. Er berichtet von neuen Wegen beim Rekrutieren von Mitarbeitenden. Der ZDF-Manager, der auch schon in einem Pharma-Konzern Diversität vorangetrieben hat, kommt gerade vom „ADAN Career Day“ in Frankfurt/Main, Europas größter Karrieremesse für Schwarze und People of Color: „Das innere Gefühl, bei diesem Arbeitgeber habe ich keine Chance, komme ich eh nicht rein – diese Hemmschwelle ist uns am ZDF-Stand oft begegnet.“ Dabei mache sich sein Sender viel durchlässiger. „Unser jetziger Volontärsjahrgang ist der vielfältigste in der ZDF-Geschichte. Das sind Schritte, die fortgesetzt werden müssen. Die Zeiten haben sich geändert. Der Wettbewerb um die besten Köpfe ist härter denn je.“ Der jüngst erstellte 108 Seiten lange Brief im Kanzleramt, wie wir uns effizienter machen sollen auch mittels Streichung wichtiger Inklusionsmaßnahmen, gehe da in die falsche Richtung. „Gleichzeitig bekommen wir von der UN ein schlechtes Zeugnis. Und gehen dann sogar noch einen negativen Schritt weiter.“
Auch Yvonne Weiß widerspricht vehement der Haltung, Diversität und Inklusion seien wirtschaftlich belastend: „Anstrengend ist vielmehr, an überholten Strukturen festzuhalten. Nur mit Vielfalt kann man erfolgreich sein und Geld verdienen. Wie wollen wir mit unseren Medien denn sonst ganz Deutschland mit all seinen Facetten erreichen?“ Vielfalt sei kein Luxus, sondern journalistische wie ökonomische Notwendigkeit.
Ein Kommentar von Christian Schäfer-Koch
Vorsitzender des Bundesfachausschusses Chancengleichheit und Diversity