Social Media bei Jugendlichen
Politische Bildung braucht freie Medien
Der Parlamentskreis Politische Bildung tagt im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages.
Wir Journalistinnen und Journalisten vergessen im hektischen Alltag manchmal allzu schnell, was von unserer Arbeit alles abhängt. Politische Bildung zum Beispiel wäre ohne unsere Arbeit niemals möglich.
Vergangene Woche hielt Philipp Blanke, Beisitzer im DJV-Bundesvorstand, einen Impuls-Vortrag bei der zweiten Sitzung des Parlamentskreises Politische Bildung im Deutschen Bundestag. Der Parlamentskreis wurde erst im Sommer 2026 initiiert, hat aber die Wichtigkeit freier Medien sofort erkannt. Einige seiner Gedanken, die er den Abgeordneten mit auf den Weg gab, teilt er hier im DJV-Blog:
Wir haben seit den 2000er Jahren neue Akteure in der Meinungsverbreitungslandschaft, die Bedingungen setzen, unter denen Journalist:innen die bisherige Aufgabe nicht mehr effektiv erfüllen können. Plattformen sorgen dafür, dass Menschen viel weniger in den ernsthaften Austausch kommen. Gleichzeitig graben sie den Traffic der Medienwebseiten ab, sodass Medien weniger Werbeeinnahmen haben, was den Journalismus in seiner Refinanzierbarkeit bedroht. Darüber hinaus werden diese Bedingungen des Meinungsdiskurses nicht von uns gesetzt, sondern ausschließlich von US-Amerikanischen und chinesischen Unternehmen, deren Regierungen Medienpolitik nicht in den langweiligen Kategorien von Staatsverträgen, Urheberrecht und Plattformregulierung denken, sondern in der Kategorie von Geopolitik, also als Eroberung von digitalen Räumen, wo Menschen sich aufhalten, Werbung sehen und Meinungen austauschen. Das verengt den Rahmen für politische Bildung in Europa und wir übernehmen amerikanische Bedingungen für unsere gesellschaftlichen Diskurse.
Und nun gibt es generative KI, die das Ganze noch verschärft, weil sie nicht nur Inhalte Dritter verbreitet, sondern selbst Inhalte aufgrund von journalistischen Inhalten erstellt. Das Informationsbedürfnis wird so gestillt, ohne, dass diejenigen, die die Information erarbeitet haben, daran finanziell beteiligt werden. Zudem tritt der Aspekt der Verlässlichkeit einer Information und ihres Wahrheitsgehalts in Algorithmen gesteuerten Debattenräumen immer weiter in den Hintergrund.
Social Media wichtigste Nachrichtenquelle für junge Leute
Mehrere Generationen sind inzwischen mit diesen Bedingungen aufgewachsen und haben ihr Mediennutzungsverhalten entsprechend angepasst. Laut der Untersuchung des Reuters Institute aus dem letzten Jahr betrachten Menschen zwischen 18 und 24 Jahren Soziale Medien als ihre wichtigste Nachrichtenquelle. Wir sehen hier also eine Veränderung des Konsumverhaltens, vom unbequemen, anstrengenden Konfrontiert-sein mit Berichten (mitunter trocken erscheinenden Formaten) hin zu bequemer Unterhaltung aber auch zu mehr Resonanz für Angst und Wut. Inhalte, die mich unterhalten oder in meiner Unzufriedenheit, meinem Ärger bestätigen, werden öfter geklickt und verbreitet, müssen aber nicht von der Plattform sorgfältig geprüft sein, weil soziale Medien erst für rechtswidrige Inhalte Dritter haften, wenn Betroffene die Plattform darauf hinweisen.
Dazu kommt, dass diejenigen, die versuchen, im digitalen Raum sorgfältig zu recherchieren und als Journalist:innen versuchen zu arbeiten, immer mehr von anonymem Hass und digitaler Gewalt betroffen sind. Auch hier haben wir das Problem, dass Plattformen Bedingungen stellen, die dieses Verhalten fördern. Ich kann mich ja anonym in digitalen Räumen bewegen. Kriegt ja keiner mit. Außerhalb der digitalen Räume kommt es außerdem vermehrt zu körperlicher Gewalt.
Junge Leute informieren sich heute zum großen Teil über Social Media und nicht über „klassische“ Medien. Die Inhalte von Facebook, Instagram & Co. unterliegen jedoch keinerlei rechtlichen und medienethischen Grundsätzen. Redaktionelle Richtlinien, oder etwas wie den Codex des Deutschen Presserates oder Transparenzrichtlinien gibt es hier nicht. Aber sie werden wie Medieninhalte konsumiert. Die BigTech-Unternehmen sind damit Medienunternehmer und müssen wie solche behandelt werden. Außerdem muss auf die Durchsetzung journalistischer Standards gedrängt und das Plattform-Privileg abgeschafft werden.
Ganz neue Herausforderungen bringt die fortschreitende Durchdringung von KI-Inhalten. KI ist im Kinderalltag längst angekommen. Mehr als zwei Drittel der 6- bis 13-jährigen Schulkinder kennen ChatGPT, bei den 10- bis 13-Jährigen sind es sogar 91 Prozent. Diese Zahlen stammen aus dem Kinder Medien Monitor, der im September 2026 veröffentlicht wurde.
Die Studie untersucht die Mediennutzung und Freizeitgestaltung von Kindern zwischen 4 und 13 Jahren und zeigt, wie selbstverständlich digitale Angebote inzwischen zum Alltag gehören. Dabei betrachten Kinder künstliche Intelligenz nicht grundsätzlich kritisch. 69 Prozent der 6- bis 13-Jährigen, die ChatGPT kennen, finden es beispielsweise völlig in Ordnung, die KI nach Ideen für eine Geschichte zu fragen. 66 Prozent halten es ebenfalls für legitim, ChatGPT zu nutzen, wenn sie eine Aufgabe allein nicht verstehen.
Die KI-Nutzung nimmt insbesondere bei älteren Kindern zu: 2025 verzichtete noch fast die Hälfte der 10- bis 13-Jährigen, die ChatGPT kannten, komplett auf die Anwendung, 2026 ist es nur noch rund ein Viertel.
Mehr Vertrauen in Plattformen als klassische Medien
Die veränderte Mediennutzung betrifft die Erwachsenen ebenso. Vier von zehn Menschen in Deutschland haben laut „Social-Media-Atlas“ (vom August 2026) mehr Vertrauen in Social-Media-Posts als in klassische Nachrichten. Der Wert von 43 Prozent bedeutet 6 Prozentpunkte Zuwachs zum Vorjahr.
Das Ergebnis, dass im Schnitt vier von zehn Menschen Social-Media-Posts glaubwürdiger finden als redaktionelle Nachrichten, ist aus demokratiepolitischer Sicht alarmierend. Klassische Medien durchlaufen Sorgfaltspflichten und Redaktionsprozesse, die Nachrichten auf Social Media nicht bieten, insbesondere, wenn privat gepostet wird. Das schwindende Vertrauen in Redaktionen führt zu einer Verschiebung, wer die öffentliche Meinungsbildung prägt. Die Reichweite der Social-Media-Plattformen vergrößert den Effekt.
Soziale Medien sind heute die zentralen Umschlagplätze für Nachrichten, gesellschaftliche Debatten und politische Bildung, bergen jedoch neben einigen Chancen vor allem erhebliche Risiken für die Meinungsbildung.
Eben weil Algorithmen oft emotionale oder polarisierende Inhalte bevorzugen, verbreiten sich Falschinformationen (Fake News) rasant. Klassische Medien müssen hier als Korrektiv und verlässliche Instanz gegensteuern, laufen aber Gefahr, in der Masse unterzugehen.
Diesen nicht nur wirtschaftlich ungleichen Wettbewerb verstärkt das KI-Aufkommen noch. Ein Fake wird immer schneller sein, als ein Original und die Lüge sich immer schneller verbreiten als die Wahrheit, geschweige denn eine Richtigstellung.
Und KI verändert die sozialen Netzwerke gerade ebenfalls in ungeahnter Weise und Schnelligkeit: Bots übernehmen das Internet. 57 Prozent des Traffics stammen aktuell schon nicht mehr von Menschen. Das fast kafkaesk-dystopische Szenario, dass in Bot ist ein automatisiertes Computerprogramm, das wiederkehrende Aufgaben selbstständig und ohne menschliche Hilfe erledigt mit einem anderen solchen kommuniziert und in Interaktion ist, ist bereits eingetreten.
Fach Medienkunde dringend geboten
Die politische Bildung der Gesamtbevölkerung im allgemeinen und von Schülerinnen und Schülern im Besonderen den Algorithmus-Maschinen amerikanischer oder asiatischer Tech-Giganten zu überlassen, wäre fahrlässig. Wer die sozialen Netzwerke beherrscht, beherrscht zum Großteil den öffentlichen Diskurs. Das Wahlverhalten gerade der jungen Generationen bei den Wahlen hat dies gezeigt. Keine Partei beherrscht Social Media so gut und professionell gekonnt wie die AfD. Die Inhalte und Positionen, die Schülerinnen und Schüler dort sehen, tragen sie in die Schulklassen, auf die Pausenhöfe und schließlich in die Wahlkabine. Damit müssen wir umgehen. Themen wie Pressefreiheit oder die Erkennung von Fake News sind mittlerweile Standardthemen im Politik- oder Sozialkunde-Unterricht. Doch dabei darf es nicht bleiben.
Die Einführung eines Fachs Medienkunde bundesweit, spätestens ab der 4. Klasse wäre dringend. Bevor Kinder ein Smartphone in Händen halten, müssen sie lernen, was sie erwartet, sobald sie es einschalten. Initiativen wie „Journalismus macht Schule“ können zwar helfen, Kindern einen kleinen Einblick in Medienkunde zu ermöglichen. Doch das reicht bei weitem nicht aus. Die Eltern müssen ebenso geschult werden, wie die Lehrkräfte. Denn allzu oft stellen wir fest, dass Kinder technisch um ein Vielfaches versierter sind als Eltern und Lehrkräfte.
Ein Beitrag von Philipp Blanke
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