Deutscher Journalisten-Verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Digitaler Journalismus

Besser Online 2013

Zehn Gründe, mit Facebook Schluss zu machen.

18.09.2013

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Foto: owenwbrown, Flickr Creative Commons

Vorbemerkung: Martin Giesler, der kurzfristig aus persönlichen Gründen verhindert war, konnte seine »10 Gründe« nicht erläutern. Oder verteidigen. Dennoch kam es zu einem lebhaften Austausch über die Frage, welche Gründe für Facebook oder sogar eine Rückkehr dorthin sprechen. Aus Sicht von Journalisten. Da der E-Book-Beitrag erst auf der Rückreise geschrieben wurde, kann er einige Aspekte vertiefen.

Am 12.09.2012 hat die Aktie von Facebook Inc. ein neues Altzeithoch erreicht. Deutlich über dem Ausgabekurs von 38 Dollar. Geht man davon aus, dass der »Markt« die Zukunft vorwegnimmt, sieht diese für Facebook offenkundig rosig aus. »Der Markt gewinnt an Vertrauen, dass Facebook künftig eine brauchbare Gewinnmaschine wird. Die Menschen checken ihre Facebook-Seite zunehmend den ganzen Tag über«, meinen Aktienanalysten.

Facebook – der ständige Begleiter

Dabei steigt die mobile Nutzung stetig, wie frische Daten des Marktforschungsunternehmens Comscore zeigen. Im Juli 2013 verbrachte der mobile Nutzer im Schnitt 914 Minuten auf Facebook-Seiten. Im Vorjahr waren es lediglich 508 Minuten. Der Mobilbereich gleicht das schwindende Interesse von Desktop-Nutzern aus. Von PCs aus griffen Anwender im Juli durchschnittlich 351 Minuten auf Facebook zu, 88 Minuten weniger als im Vorjahreszeitraum. Kurzum: Facebook - der ständige Begleiter.

Weltweit gibt es inzwischen rund 1,1 Mrd. Nutzer (Accounts, Profile, Avatare ...?); in Deutschland stagniert die Zahl auf hohem Niveau bei geschätzten 25 Mio. Usern. Interessanter noch ist die Marktdurchdringungsrate (Verhältnis der Facebook-Mitglieder zur jeweiligen Gesamtbevölkerung); sie liegt weltweit bei geschätzt 11 %, in den USA um 50 % - in Deutschland knapp unter 30 %.
Daraus lässt sich die Frage ableiten: Kann mensch es sich überhaupt leisten, nicht "auf" Facebook zu sein? Und, interessanter für die Diskussion bei BesserOnline: Können es sich Journalisten (noch) leisten, dort nicht präsent und aktiv zu sein, wo sich Menschen, Freunde, Bürger, Politiker, Vereine ... Kollegen und Informanten treffen. Wo gesellschaftlicher Diskurs stattfindet. Themen generiert, gespielt und verbreitet werden? Schnell Termine gemacht oder veröffentlicht werden können? Kontakte geknüpft werden. Für Recherche und Vernetzung neue Möglichkeiten entstehen?

Martin Giesler, Nachrichten-Redakteur beim ZDF in der Redaktion von heute.de, der privat auf www.120sekunden.com schneidig über Medien etc. bloggt, hat diese Frage für sich und im Blog beantwortet: Zehn Gründe, warum ich mit Facebook Schluss mache. Enttäuschte Liebesbeziehung?
Der Blog-Beitrag ist vom 10. Juni 2013, wurde also qwasi zeitgleich mit den ersten Enthüllungen zu NSA/ Prism und den Massenausspähungen veröffentlicht. Klingt aber im Kern wie eine enttäuschte Liebesbeziehung. Bedauerlicherweise war Giesler kurzfristig aus persönlichen Gründen verhindert. Bei den rund 30 anwesenden Kolleginnen und Kollegen waren lediglich 3 nicht auf Facebook, einer nicht mehr, der Rest schon. Damit ist die Marktdurchdringung unter Journalisten weit über dem deutschen Durchschnitt. Kaum mehr erstaunlich, wenn man dem Tenor der Veranstaltungsdiskussion folgte: Journalisten, die sich ein Bild machen bzw. selbst klares Profil zeigen wollen, kommen an einer eigenen Facebook-Präsenz zwangsläufig nicht mehr vorbei. Trotz aller Datenschutzskandale, die in der Runde kaum thematisiert wurden, weil alle sie für erwartbar, ja nahezu inhärent hielten.

 

Ein neuer Zugang zu Facebook!

Einen besonderen und besonders interessanten Fall schilderte Ko-Moderator Frank Stach. Seinen eigenen. Frank Stach ist freier Rundfunkjournalist mit regionalem Schwerpunkt im Raum Dortmund; zu weiteren Facetten seiner Person (oder Persönlichkeit) wollte er sich gar nicht äußern, da er sehr fokussiert und markant auf Facebook unterwegs ist. Inzwischen. Er hat Facebook verlassen, und dann - im wahrsten Sinne des Wortes - einen neuen Zugang gefunden. Er nutzt Facebook nun professioneller, bewusster, gezielter. Meint er. Schränkt sich bei der Wahl seine Kontakte bzw. Freundschaftsanfragen kaum ein, wohl aber bei seiner Präsentation; beim Selbstmarketing.

In der ersten Phase sei er zu verspielt, zu spontan, zu unreflektiert gewesen. Witzchen und Sozialgeschnatter hätten ihn zu sehr gestört, weshalb er Facebook wieder verlassen hat. In der zweiten Phase tritt er nur als Journalist, als journalistischer Mensch auf. Bei Kontaktanfragen selektiert er wenig, auch bei (Lokal)Politikern hat er keine »Befreundungsängste«. Hauptkriterium ist für ihn der regionale Bezug. Wichtig für ihn - als freien Journalisten - ist vor allem an Kontakte, Telefonnummern und Geschichten zu kommen. Über Facebook fand er Zugang zu der schwer zu erreichenden Community der Binnenschiffer, die ihn in ihren geschlossenen Bereich aufgenommen hat. Mehrere Geschichten und konkrete Honorarumsätze sind für ihn dabei rumgekommen. Auf seine Berichterstattung für den Bundeswahlkampf kann er sich gezielt, bequem und sehr effizient vorbereiten. Die meisten Kandidaten hätten Profile und bespielen diese emsig.

Profilagenten für Facebook?
In der Diskussion, die sehr durch die Beiträge und Erfahrungen von Profilagentin Kixka Nebraska bereichert wurde, kristallisiert sich, trotz einiger kontroverser und skeptischer Beiträge folgende raus:
-    Journalisten sollten, nein müssen Facebook nutzen. Es ist angesichts der erwähnten Marktdurchdringung (wichtiger) Teil der Gesellschaft und kann als Plattform nicht mehr ignoriert werden. Bestimmte Lebenswelten, denen Journalisten sich nicht verschließen sollten, finden nur dort statt.
-    Journalisten sollten Facebook als reines Arbeitsinstrument sehen  (Stach: »Ich nehme das verdammt ernst«); selbstverständlich gehört dazu eine glaubwürdiges, klares Profil; aber Spielereien, Späßchen und launige Beiträge haben hier nichts zu suchen.
-    Beiträge, die das eigene Profil - die vielzitierte Marke - schärfen sind dosiert wünschenswert.
-    Facebook ist eine exzellente Kontaktbörse für Recherche und Geschichten; Selbstdarstellung und Kommunikationsstil müssen aber authentisch und glaubwürdig sein. Aalglatte Profile langweilen schnell.

Frank Stach kümmert sich mit seiner fokussierten Herangehensweise relativ wenig um eigene Profileinstellungen bei Facebook. Sein Profil pflegt er nicht besonders intensiv. Andere Diskussionsteilnehmer finden diesen Aspekt allerdings wichtig, bis extrem wichtig.

Es werden Beispiele von bekannten Moderatorinnen (Marken!) zitiert, die nun aufgefordert würden, einen profilstärkenden Auftritt bei Facebook einzurichten. Ähnliche Forderungen gebe es bei Tageszeitungen, die das Thema, wie auch der öffentliche Rundfunk, nun langsam entdecken. Ein Kollege sieht hier ein künftig weites Feld für Betriebsratsarbeit, wenn festangestellte Journalisten hier (mal eben?!) einsteigen sollen. Er fordert fachliche Unterstützung bei den technischen Aspekten und vor allem bei den Privatsphären-Einstellungen.

Laut Kixka Nebraska ist Kontaktmanagement unverzichtbar; schon allein um sich vor so genannten »Kontaktschleudern« zu schützen. Der Freundeskreis auf Facebook sage viel über einen selbst aus. Halt wie im richtigen Leben. Die Relevanzeinstellungen von Facebook, die angeblich nur wichtige Inhalte anzeigen, seien unzuverlässig. Journalisten, die nicht beliebige Kontakte und Kommentare auf ihrem Profil haben wollten, können sich »abonnierbar« machen. Dann müsse man den Abonnenten regelmäßig Inhalte, Beiträge bieten.

Peter Jebsen vom FA Online: Daten- und Persönlichkeitsschutz im Vorfeld. Er rechne, neben Ausspähung, immer damit, dass sich eine Panne, ein Leak etc. ereignen könne. Er veröffentlicht deshalb niemals etwas, was ihm sensibel erscheine. Zudem sollte einem  bei kostenlosen (Social Media) Diensten immer klar sein, dass man nicht der Kunde, sondern das Produkt sei!


Digitales Vermächtnis?

Nachsatz: Der Moderator Andreas K. Bittner auf verlorenem Posten? Er war von Januar 2008 bis Februar 2012 auf Facebook; es hat ihn viele Stunden gekostet, sein über 400 Freunde - und unzählige digitale Schnipsel - wieder zu de-publizieren. Zwei Freunde sind nur auf Facebook ihm noch verblieben. Beide sind vor rund zwei Jahren verstorben. Ihre Profile und zahlreiche Beileidsbekundungen sind weiterhin auf Facebook. Egal ob man für sich privat oder beruflich über 10 Gründe für oder gegen Facebook finden kann. Auch über sein »digitales Vermächtnis« in den sozialen Medien sollte der User bei (Leb)Zeiten Gedanken machen. Kixka Nebraska merkte noch an, dass es inzwischen Profile gebe, die in Trauer- und Gedenkseiten umgewandelt würden. Auch über die eigene Lebenswelt hinaus kann Facebook also noch eine gesellschaftliche Funktion haben!

Von Andreas K. Bittner
bittner@qwasi.de

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