Deutscher Journalisten-verbandGewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten
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24 Stunden Zukunft

Die DJV-Fachtagung für junge Journalistinnen und Journalisten 

Foto: Thilo Schmuelgen
24 Stunden Zukunft

#24hZukunft - eine Tagung mit Tradition

Am 19. und 20. Oktober 2013  fand #24hZukunft in Köln bei der RTL Journalistenschule statt.  Motto: Journalisten sind "Heute hier, morgen dort", um Neuland zu entdecken. Sie pendeln räumlich zwischen München und Moskau oder durchlaufen von Verlag zu Verlag verschiedene Karrierestationen. Was sie immer dabei haben, ist ihr Handwerkszeug: Strategien für die Recherche, Verhandlungsgeschick, ein guter Stil zu erzählen und viel technisches Wissen über die Produktion von Beiträgen. Wodurch dieses Potential noch wachsen kann, das ist ein Fein-Tuning. Die Tagung half dabei, dieses zu erwerben.

Zwei Jahre zuvor, am 8. und 9. Oktober 2011 war das Hamburger NDR-Konferenzzentrum Austragungsort für #24hZukunft. Motto war „Gekommen, um zu bleiben“. Ein Rückblick auf diese Tagung bietet unter anderem ein Kurzfilm von Gregor Mayer.

Das erste Mal gab es #24hZukunft 1998 in Berlin. Darauf folgt eine Tagung in Leipzig 2000, eine in Magdeburg 2005 und eine in Würzburg 2009. Seit Winter 2011 ist die Tagung eine feste DJV-Marke und findet alle zwei Jahre statt.

Unten findet ihr die Dokumentation von #24hZukunft 2013 in Köln.

RTL Journalistenschule // Fotos: Thilo Schmuelgen (c) DJV

Eröffnung der Fachtagung // Rede von Ariane Funke, Fachaussschussvorsitzende

Foto: Thilo Schmuelgen

 

„Die letzte Bestimmung des Geldes ist die Kunst!“, sagt Ingrid Pitzner. 

 

Kunst, wer braucht denn schon Kunst? Und, was ist überhaupt Kunst? Ist das Kunst, oder kann das schon weg? Kauft das jemand? Oder bleibt die Kunst brotlos? Verkaufen zu können, ist eine Kunst.

 

Die Verleger beklagen aktuell, dass sie mit den Tageszeitungen nicht genug Geld verdienen, ihre Renditen sich gefährlich dem einstelligen Bereich nähern. Huch, fehlt hier die Kunst?

 

Nein, so einfach ist das ja alles nicht. Kein Mensch sei Schuld daran, dass den Tageszeitungen und Zeitschriften die Leser und den Sendungen die Zuschauer abhanden kommen. Nein, das Internet, „dieses Zeug, dass sich immer mehr ausbreitet“, muss Schuld sein. Leugnen ist keine Kunst, sondern ein Abwehrmechanismus. Nicht haben wahr zu wollen, dass Zeitungen keine Gelddruck-Maschinen mehr sind. Dazu gehört Mut. Einzusehen, dass die Gewinne immer noch vorzüglich sind. Dazu gehört Demut.
Zu erkennen, dass es ohne die Kunst nicht geht. Dazu gehört Weitsicht.
Was hat denn die Kunst mit Journalismus zu tun? Viel!


Die Kunst, das Gespür für die richtige Geschichte zu haben.
Die Kunst, Daten und Fakten zu recherchieren.
Die Kunst, zu filtern und zu selektieren.
Die Kunst, gute Texte zu schreiben.
Die Kunst, interessante Berichte zu drehen.
Die Kunst, im richtigen Moment auf den Auslöser zu drücken.
Die Kunst, eine packende Überschrift zu finden.
Die Kunst, den Leser zu erreichen, anzusprechen, zu fesseln, zu begeistern.
Die Kunst, Emotionen zu übertragen, ganz gleich auf welchem Trägermedium.


Das funktioniert nicht per Copy and Paste. So kann Content generiert werden, ja. Aber keine Kunst. Die Kunst braucht kluge Köpfe. Und die brauchen Freiheit. Wenn die Gedanken frei sind von Sorgen über das morgen, kann sich die Kunst entfalten. „Die letzte Bestimmung des Geldes ist die Kunst!“


In die Zukunft sehen zu können, ist eine Kunst, die niemand kann, behaupte ich. Wir wissen heute noch nicht, wo Ihr, wo wir morgen arbeiten werden. „Heute hier, morgen dort?“


Zwei Journalistinnen werden uns ihre „Heute hier, morgen dort“-Geschichte gleich vorstellen: Pauline Tillmann und Katrin Ohlendorf erzählen uns, wo sie herkommen und wohin sie ihr Weg führen soll. Eigentlich wollte Eva Mommsen heute hier sein, um von ihrem Berufsweg zu erzählen. Sie hat aber die Chance bekommen, in Washington die Studiovertretung zu übernehmen. Wir freuen uns, dass Katrin Ohlendorf spontan zugesagt hat, sie zu vertreten.


Wir können eben heute nicht wissen, wo und worüber wir morgen berichten werden. Und wir wissen heute nicht, wie wir in Zukunft arbeiten werden. Aber wir sollten wissen, unter und zu welchen Bedingungen wir das wollen.
Wir wissen heute auch noch nicht, was wir zukünftig leisten müssen, um vom
Journalismus leben zu können. Aber was wir wissen, ist, dass – egal wie sich die Anforderungen an junge Journalisten verändern – eines immer gleich bleiben wird: das journalistische Handwerkszeug. Die Kunst, Journalismus zu können. Kann nicht jeder. Ihr könnt es bestimmt. Ihr wisst, wie man spannende, lustige, nachdenkliche und tiefgründige Geschichten erzählt. Wie das auch mit dem Smartphone oder mithilfe von Big Data geht, erfahrt Ihr in den
Workshops, die wir Euch mit den Referenten Mirko Lorenz, Gregor Mayer, Timo
Stoppacher und Ruhrbaron Stephan Laurin zusammen gestellt haben. Von der Kunst im richtigen Moment „Nein“ zu sagen, soll unser Ethik-Workshop mit
Udo Röbel handeln. Um die Kunst sich zu bewerben, geht es bei Regina Theunissen. Und jetzt geht es los!


Herzlich willkommen in dieser spannenden Zeit zu „24 Stunden Zukunft“ – heute hier, in Köln bei RTL. Vielen Dank an Leonhard Ottinger von der RTL-Journalistenschule für die Gastfreundschaft in Ihrem Haus. Vielen Dank an den DJV, der dieses „Kunststück“ hier ermöglicht hat. Danke an Euch, die ihr hier her gekommen seid. Ihr werdet es nicht bereuen. Ganz besonders herzlichen Dank an Eva Werner, die die Fachtagung hier organisiert hat. Ein ganz lieber Dank geht an Timo Stoppacher, der immer, sogar vorausschauend - das ist auch eine Kunst – , geholfen hat, wo er nur helfen konnte. Danke an den DJV NRW für die Party, die es heute Abend gibt und über die Timo Stoppacher gleich noch mehr erzählen wird.

 

Doch bevor er Euch zur Party heute Abend einlädt, möchte ich Euch noch einladen, uns eure Vision von der Zukunft zu präsentieren. Morgen, 10 Uhr. Hier. In Euren Workshops sollt ihr gemeinsam mit euren Referenten einen kleinen Beitrag erarbeiten, der hier morgen den anderen, die nicht in Eurem Seminar waren, zeigt, was ihr gemacht habt. Ich freue mich auf Eure Arbeiten.

 

Tja, und weil Arbeit Geld kostet, sind wir gleich wieder beim Thema: „Finanzierung des Journalismus“. Und der Frage, was muss guter Journalismus kosten und wie können wir ihn uns leisten? Diskutiert morgen mit dem freien Journalisten und Autor Daniel Bröckerhoff, mit Prof. Dr. Frank Lobigs vom Institut für Journalistik der TU Dortmund, mit Leonhard Ottinger von der RTL Journalistenschule und mit der DJV-Community-Managerin Anna-Maria Wagner. Setzt Euch in unsere Fishbowl und sagt Eure Meinung. Denn „die letzte Bestimmung des Geldes ist die Kunst!“

Heute hier, morgen dort // Impulsreferat von Pauline Tillmann

Foto: Thilo Schmuelgen

 

Liebe Nachwuchsjournalisten,

 

ich darf heute zum Thema „Heute hier, morgen dort“ sprechen. Dieses Thema ist zu meinem Lebensmotto geworden. Das ist wohl der Grund, warum man gefragt hat, ob ich das Impulsreferat zu dieser Tagung halten möchte. Und ich habe sofort ja gesagt. Ich habe ja gesagt, weil ich die Gelegenheit nutzen möchte, die Chancen aufzuzeigen, die dieses Lebensmotto beinhaltet.

 

Ich bitte um ein kurzes Handzeichen: Wer von euch hat ein Auslandssemester gemacht – oder hat es noch vor? Das sind gar nicht so Wenige – und viele von euch stehen ja noch am Anfang ihrer journalistischen Karriere. Ich habe meinen kleinen Trolley mitgebracht: Er soll Sinnbild sein für unsere vielen Stationen, für das viele Reisen. Ich selber lebe inzwischen in St. Petersburg, also im europäischen Teil von Russland. Ich will euch nicht langweilen damit, welche Stationen von Abitur bis St. Petersburg gelegen haben... deshalb nenne ich nur ein paar wichtige Städte: Augsburg, München, Berlin, Bukarest, Shanghai, Kiew, Moskau und schließlich St. Petersburg.

 

Reden wir über Flexibilität.

 

Der Trolley ist heute unser Symbol von Flexibilität und Mobilität. Wir jungen Journalisten sollen immer einsatzbereit sein, flexibel, mobil. Deshalb ist die größte Schwierigkeit: sich zu emanzipieren. Am Anfang macht man alles mit: Man arbeitet bis die Putzfrau kommt, man arbeitet am Wochenende. Man arbeitet dann, wenn keiner mehr arbeiten möchte. Aber: Das ist kein neues Phänomen. Ich vermute, das war schon immer so. Derjenige, der in der Hierarchiekette weit unten steht, also ein Praktikant oder ein Volontär, muss sich hocharbeiten. Doch: Irgendwann muss dieses Buckeln aufhören. Irgendwann hat man sein Studium absolviert, hat man Volontariat oder Journalistenschule erfolgreich hinter sich gebracht und dann ist es Zeit, sich zu emanzipieren. Man muss begreifen: höher, schneller, weiter, das funktioniert nicht auf Dauer.

Irgendwann ist man ausgebrannt und ideenlos. Wenn man immer einsatzbereit ist, nicht mehr in der Lage, Kraft zu tanken und abzuschalten, dann wird das nicht lange gut gehen. Denn worum geht es eigentlich? Geht es darum, den nächsten Scoop zu landen? Mit seiner Geschichte durch die Talkshows des Landes zu tingeln? Sämtliche Journalistenpreise abzusahnen? Auf honorigen Podien geehrt zu werden? Ich sage: nein. Darum geht es nicht. Es geht um etwas anderes, nämlich um Haltung.

 

Reden wir also über Haltung.

 

Dieser Begriff ist in den letzten Jahren so oft gebraucht worden, dass er mir etwas blutleer erscheint. Aber wofür steht dieser Begriff? Der Begriff steht dafür, dass die Medienerzeugnisse – egal ob Print, Online, Radio oder Fernsehen – nicht austauschbar sind. Dass hinter jedem Artikel ein Mensch steckt, dem das Thema nicht egal ist. Dieser Mensch hat viel Kraft dafür aufgewendet hat, die Recherche-Ergebnisse so zu präsentieren, wie sie auf dieser Zeitungsseite zu lesen sind, oder in diesem Radio-Beitrag zu hören sind. Und daran merkt man, das Thema ist ihm nicht egal. Ich glaube, wir werden die Menschen nur dazu bekommen, für den Journalismus von morgen zu bezahlen, wenn wir ihnen etwas Einzigartiges bieten. Etwas Überraschendes. Nicht zuletzt auch etwas, an dem sie sich reiben können. Und damit es Reibungsfläche gibt, muss vorher eine Haltung da sein. Manchmal fühle ich mich damit auch überfordert. Spähangriffe aus den USA. „Was ist deine Meinung dazu, Pauline?“, frage ich mich dann. Nicht zu allem hat man eine Meinung. Aber wenn man dem User ein Produkt anbietet, das er nicht umsonst bekommt, sollte derjenige, der sich etwas dazu schreibt, das dann publiziert wird, meiner Meinung nach eine Haltung zu dem Thema haben.

 

Mein Trolley hat keine Haltung, er steht nur da und freut sich, wenn er durch ein fremdes Land gerollt wird. Ein Land, das er vorher nicht kannte. Da geht es dem Trolley so wie mir. Ich liebe es zu reisen. Und seitdem ich meinen Schwerpunkt auf Osteuropa gelegt habe, bin ich sehr viel auf Reisen. Denn Osteuropa ist groß. Letztes Jahr war ich viel in der Ukraine unterwegs, wegen der Fußball-Europameisterschaft, aber auch in: Belarus, Kasachstan, Bosnien und Herzegovina, Serbien, Estland und Aserbaidschan.

In jedem dieser Länder habe ich ein bis zwei Wochen verbracht und sehr viele Gespräche und Interviews geführt. Das klingt erst einmal traumhaft. Nach Kasachstan fliegen und recherchieren. Und es ist auch traumhaft, aber eben nicht nur.

 

Deshalb: Reden wir über Leidenschaft.

 

Dass ich davon leben kann, als freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg zu arbeiten, habe ich meiner Ausbildung zu verdanken. Ich habe Politikwissenschaften studiert, ziemlich viele Praktika absolviert und ein Volontariat bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, dem Bayerischen Rundfunk in München. Dadurch bin ich in der Lage, Radio-Beiträge zu erstellen, genauso wie Live-Aufsager fürs Fernsehen zu machen und lange Reportagen umzusetzen. Ich weiß, was ich kann und das ist wichtig. Erst danach kann man sich mit jeder Pore auf andere Menschen und fremde Länder einlassen. Und wenn man spürt, dass das genau das ist, was man immer machen wollte, dann spürt man: Leidenschaft. Man brennt für eine Sache, man brennt für eine Region, man brennt für bestimmte Themen. Wenn man das gefunden hat, wofür man Leidenschaft verspürt, kann man über die Frage „Kannst du davon leben?“ nur müde lächeln. Ich bin überzeugt: Egal ob in Deutschland oder im Ausland, wenn du das was du tust mit Begeisterung und Hingabe tust, ist es automatisch besser als das Mittelmaß, das oft durch die Medien plätschert – und das bedeutet, du wirst auch davon leben können. Deshalb mein Tipp an euch: Sucht nach einer Nische, die euch packt und die euch nicht mehr loslässt. Dann habt ihr gute Chancen, euren Weg in diesem Bereich zu machen.

 

Abschließend möchte ich über Mut reden.

 

Viele sagen, dass sie es mutig finden, dass ich als freie Auslandskorrespondentin nach St. Petersburg gegangen bin. Ja, ich finde Mut gehört heutzutage dazu. Man muss auch mal etwas riskieren, um weiter zu kommen. In Deutschland haben wir ein seltsames Sicherheitsbedürfnis. Junge Kollegen sprechen mich immer wieder an und fragen: Wie stelle ich es an, eine feste Stelle zu bekommen? Aber: Darum geht es nicht. Ich sage: Frei ist das neue Fest. Es wird in Zukunft noch mehr freie Journalistin geben und: Davor muss man keine Angst haben.

Deshalb sage ich auch: Habt weniger Angst und mehr Mut! Ich bin freie Journalistin und finde es großartig. Ich kann für unterschiedliche Medien arbeiten. Ich kann Projekte, auf die ich Lust habe, umsetzen, ohne vorher jemanden fragen zu müssen. Klar, es ist manchmal auch anstrengend – vor allem wenn man in Russland lebt, weil Russland per se anstrengend ist. Aber ich liebe das was ich tue. Und wenn ich ins Ausland gegangen wäre und es nicht funktioniert hätte, wäre es auch okay gewesen. Dann hätte ich es wenigstens probiert. Viele trauen sich nicht, Dinge auszuprobieren, weil sie Angst haben – wovor auch immer. Wann bitte gibt es eine bessere Zeitpunkt, zu experimentieren als wenn man jung ist und noch keine Kinder hat? Ich möchte euch zurufen: Habt mehr Mut! Habt Mut, Fehler zu machen! Vielleicht sogar zu scheitern. Aus Erfahrung kann ich sagen: Aus Niederlagen lernt man viel mehr als aus Erfolgen. Erfolge sind auch wichtig, aber das ist nicht, worauf es ankommt.

 

Worauf es ankommt ist, die Einstellung: Der Weg ist das Ziel. Deshalb mein Rat: Macht unterschiedliche Stationen, in unterschiedlichen Städten, vielleicht sogar in unterschiedlichen Ländern und: Findet etwas, wofür ihr brennt. Probiert Neues aus, habt Mut zu experimentieren und vor allem habt Mut auf die Nase zu fallen. Ich bin mir sicher, wirklich tief werdet ihr nicht fallen… und wenn doch, lautet das Motto: Mund abwischen, weitermachen, Welt erobern. Diese Zeit ist eine Pionierzeit – es liegt an euch, was ihr draus macht!

http://www.pauline-tillmann.de/

Heute hier, morgen dort // Impulsreferat von Katrin Ohlendorf

Foto: Thilo Schmuelgen

 

Auch ich möchte mich herzlich für die Einladung bedanken!

 

Ich freue mich, dass ich heute hier sein kann – wenn das auch etwas überraschend kam. Denn andersals im Programm angekündigt steht jetzt nicht Eva Mommsen vor euch, sondern ich eben, Katrin Ohlendorf. Ich bin heute die Zweitbesetzung. Und damit sind wir schon mitten im Thema „Heute hier, morgen dort“.

 

Eva sitzt gerade im Flieger, um kommende Woche für die ARD aus Washington zu berichten, und hat mich kurzfristig gebeten, sie heute hier zu vertreten, was ich sehr gerne tue. „Heute hier, morgen dort“, das trifft auch auf mich zu. Ich habe in Leipzig Politikwissenschaft und Journalistik studiert, habe in Köln beim WDR volontiert, habe dann hier und da mal einen Zeitvertrag gehabt und arbeite seit 2007 frei. Ich arbeite als Autorin vor allem für Radio aber auch Fernsehen, arbeite in beiden Medien auch als Redakteurin, moderiere ab und zu im Radio oder auch bei Diskussionsveranstaltungen, gebe auch Seminare, schreibe Online-Artikel, ganz selten auch noch mal für Printmedien... was man als freie Journalistin eben so macht. Thematisch bin ich nicht festgelegt, meistens aber bin ich mit Politik oder Wissenschaft oder gesellschaftlich-sozialen Themen befasst. Jetzt fragt sich vielleicht die eine oder der andere: Warum das alles? Kannst Du Dich nicht entscheiden? Oder (auch eine typische Frage älterer Herrschaften bei Familienfeiern): Hast Du keine Festanstellung bekommen können? Diese Fragen sind schnell beantwortet: Ich habe mich entschieden. Und zwar dafür, mein eigener Chef zu bleiben. Mir macht meine Arbeit genau so nämlich enorm viel Spaß! Und mir macht meine Unabhängigkeit Spaß. Ich liebe die Abwechslung, ich liebe das Neue. Und ich kenne – bisher zumindest – keinen festen Job, der mir das bieten würde.


Strategie

Ich möchte aber auch nichts beschönigen: Am Anfang gab es harte Zeiten – und
ich weiß, es wird wieder welche geben. Wenn man jung ist oder auch wenn man
sich neu orientiert, dann hat man naturgemäß eben noch nicht so viele
Referenzen, Kontakte und Erfahrungen. Dann erlebt man auch mal magere Zeiten. Und dann kommen auch Selbstzweifel. Das ist ganz normal.
Eva war damals, als ich anfing, noch keine enge Freundin sondern erst eine gute Kollegin. Sie war schon länger im Job als ich und sprach mir Mut zu: Mach Dir keine Sorgen, sagte sie, die Guten setzen sich durch. Ich lächelte verständig, nickte brav und dachte mir dabei heimlich: Was heißt schon gut? Das ist ein Riesenmarkt, hier tummeln sich Tausende gut ausgebildete Journalisten! Wie setze ch mich da durch?
Einen Weg sich durchzusetzen hat Pauline eben ausgeführt: Ihr sucht euch eine
Nische, ihr spezialisiert euch, ihr konzentriert euch auf ein Feld, dass euch Spaß
macht: Medizin, Wirtschaft, Kinderfernsehen oder Wissenschaft zum Beispiel. Das funktioniert. Je mehr Wissen ihr über ein Thema ansammelt, desto mehr hebt ihr euch damit von der Konkurrenz ab, desto mehr werdet ihr von den Redaktionen als Experten in dieser Sache wahrgenommen und dann dafür auch immer wieder eingekauft.

Ich habe es allerdings anders gemacht – und da sind wir beim zweiten Weg: Ihr
könnt euch auch sehr breit aufstellen. Ihr könnt zum „Allround-Talent“ werden.
Redaktionen brauchen ja zunächst schlicht gute Journalisten, die ihr Handwerk
beherrschen. Wenn ihr euch in mehreren Bereichen auskennt, könnt ihr in vielen
Feldern und für viele Auftraggeber arbeiten. Das kam bei mir ganz natürlich so,
weil ich mich schon immer für viele Bereiche interessiert habe; bei anderen kommt eine Spezialisierung vielleicht ganz natürlich. Ich hab wahnsinnig Spaß daran, mir neue Themen zu erarbeiten. Mir laufen auch ständig spannende Sachen über den Weg. Ich will mich gar nicht einschränken. Ich bin neugierig.


Neugier
Diese Neugier ist auch der Grund, aus dem ich mich überhaupt für diesen Beruf
entschieden habe (trotz Warnungen aus der schon erwähnten skeptischen
Verwandtschaft). Und diese Neugier ist der Grund aus dem ich diesen Beruf nach wie vor wirklich liebe. – An dieser Stelle möchte ich gerne kurz erwähnen, dass ich niemanden kenne in meinem Umfeld, der so zufrieden ist mit dem Job, den er hat, wie ich es bin. Für diese Zufriedenheit bin ich wirklich dankbar, das ist Luxus! Meine Arbeitgeber wissen, dass ich diese Neugier habe. Und außerdem, dass ich zuverlässig bin, sauber arbeite und Ideen einbringe – das ist natürlich auch wichtig. Und so werden mir immer wieder auch neue Themen oder Projekte angeboten. Ich bin herausgefordert, ich kann gestalten, und das macht einfach Spaß. An der Stelle will ich auch noch mal kurz an die Erstbesetzung heute erinnern, Eva: Die ist auch eine absolute Allrounderin – mehr noch als ich und als die meisten Leute, die ich kenne. Sie ist eine Weltenwandlerin zwischen Privatfunk und den Öffentlich-rechtlichen. Sie beackert Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, macht mit dem gleichen Verve aber auch Promisendungen. Und jetzt berichtet sie eben aktuell aus den USA. Warum? Weil ihre Auftraggeber einfach wissen, dass sie absolut vielseitig ist und dass sie ihren Job immer bestens macht. Das kann ich übrigens auch deshalb sagen, weil ich selbst mit ihr zusammenarbeite. Egal aber ob spezialisiert oder breit aufgestellt: was ich abliefere, dahinter muss
ich auch stehen können. Es muss gut sein, und zwar so gut, dass ich auch den
nächsten Auftrag bekomme, dann den nächsten und den nächsten und so weiter. Und wenn mir das gelingt, dann habe ich eine Chance, mich durchzusetzen.

 

Flexibilität
Niemand sagt allerdings, dass das einfach ist. Man muss für eine solche
Arbeitsweise ziemlich flexibel sein. Politik recherchiert und erzählt sich anders als Wissenschaft, im Radio erkläre ich anders als im Fernsehen, der Ton einer
Nachrichtensendung ist ein völlig anderer als der in einer Call-in-Sendung für
Jugendliche. Auf dieser Klaviatur muss man spielen lernen. Unabhängig aber
davon, ob ich in einer Nische oder breit aufgestellt arbeite, ist die Basis meines
Erachtens immer dieselbe: Neugier und Begeisterung, Handwerk und Sorgfalt.
Im Übrigen sorgt eure Flexibilität auch für Stabilität. Denn der Medienmarkt
verändert sich rasend schnell. Es bleiben meiner Erfahrung nach einfach nicht alle Nischen immer gleich muckelich.

Handwerk

Unter dem Strich zählt, dass ich genau weiß, was mein Auftraggeber will. Und
damit sind wir beim nächsten Punkt: Wir haben uns nun durchgesetzt, aber wie
bestehen wir auf dem Markt? Und auch hier gebe ich eine einfache Antwort: Wir
liefern. Und zwar ein qualitativ hochwertiges Produkt, das gut funktioniert,
pünktlich beim Kunden ist und einen vernünftigen Preis hat. Das klingt jetzt erst
mal sehr nüchtern - schließlich retten wir ja auch alle die Welt, schon klar - aber
genau so ist es. Wir unterscheiden uns da im Grunde in nichts von einem
Handwerker oder Fabrikant. Wenn mein Produkt gut ankommt, wenn der Kunde – d.h. die Redaktion, der Leser, die Hörerin ... – damit zufrieden ist, dann kann ich mehr davon absetzen. Und an dieser Stelle möchte ich mich noch mal meiner Vorrednerin anschließen: Pauline sprach von Haltung und Mut. Das gehört meines Erachtens auch zu einem guten Produkt. Ich muss mich ja nicht verbiegen, ich will meine eigenen Ideen umsetzen, ich kann und sollte meinen eigenen Stil entwickeln. Ich muss aber dem Kunden klarmachen, dass er genau dieses Produkt so haben will. Sonst habe ich weder ein Einkommen noch ein Publikum. Beides ist fraglos essentiell.

Lohn
Damit wären wir beim schnöden Mammon. Ich habe eben gesagt: Mein Produkt
muss einen vernünftigen Preis haben. Aber was heißt überhaupt vernünftig? Hört euch um, lest Empfehlungen, guckt in Honorarrahmen. Ihr müsst die gängigen Preise auf dem Markt kennen. Denn: Wenn ihr euch beim Honorar total vertut, werdet ihr nicht ernst genommen – ganz egal übrigens, ob ihr viel zu viel oder viel zu wenig fordert. Überschlagt, wie viel Zeit ihr wofür braucht (Die wichtigste Faustformel dabei ist übrigens: Dinge brauchen immer länger als man denkt) bzw. findet raus, was für das angebotene Honorar erwartet wird. Überlegt euch gründlich und ehrlich vor euch selbst, wie viel ihr verdienen müsst, um leben zu können. Eure Arbeit muss sich für euch rechnen. Für die Auftraggeber allerdings auch – und das ist immer wieder ein Spagat.


Selbstausbeutung
In diesem Kontext eine Bitte noch: Zieht euch nicht selbst über den Tisch! Das ist ein beliebter Sport beim Nachwuchs, auch unter Festangestellten. Macht das um euretwillen nicht, aber auch um der Kollegen willen. Wir machen uns so nämlich den eigenen Markt kaputt. Ich weiß sehr gut, wovon ich rede. Ich neige selbst extrem dazu, unbezahlte Arbeit zu machen. Ich sehe das dann natürlich nicht so. Ich sitze noch ein bisschen, recherchiere hier noch mal was gegen, beantworte da schnell noch die letzten Mails, damit das nicht am nächsten Kollegen hängen bleibt. Plötzlich ist es acht Uhr. Das macht mir auch Freude! Nur mir haben Kollegen – völlig zu Recht – deshalb den Kopf gewaschen: Hey, wir müssen aufpassen, dass wir die Standards nicht immer weiter dehnen in Richtung überhöhte Erwartungen und schlechte Bezahlung! Und das stimmt. Bei einem Job wie unserem, der per se verknüpft ist mit Engagement und Leidenschaft, da passiert es einfach unglaublich schnell, dass man sich selbst ausbeutet. (Falls jetzt übrigens irgendwo neben euch jemand lacht, dann ist das jemand, der mich kennt und weiß, dass ich selbst noch immer nicht sonderlich gut darin bin, Grenzen zu ziehen.)


Zeit

Trotzdem - oder auch deshalb - will ich euch zum Schluss noch etwas zum Thema Zeitmanagement sagen, auch wenn ich wie gesagt in dieser Sache selbst noch Luft nach oben habe. Ihr müsst, wir müssen Zeitmanagement lernen! Ich meine damit jetzt nicht, möglichst schnell und effizient zu arbeiten - das ist natürlich auch gut. Ich will gerade aber auf etwas anderes heraus: auf die Balance zwischen Freizeit und Arbeit. Ich nenne hier bewusst die Freizeit an erster Stelle. Als Selbständiger, vor allem wenn man zu Hause arbeitet, verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem unfassbar schnell. Festen geht das aber auch so. Passt bitte auf euch auf!
Das ist nicht allein wichtig, weil es nicht sonderlich gesund ist, nur zu ackern. Das ist auch wichtig, weil ihr ohne Pausen, ohne Entspannung, ohne Ablenkung, ohne faule Phasen irgendwann weniger Spaß an Eurer Arbeit haben werdet und sie dann irgendwann auch nicht mehr so gut macht. Schütz euer Kapital! Das heißt: euer Herz und euer Hirn.


Veränderung

Ich hätte noch viele Tipps für euch, ganz konkrete – wie man gute Angebote
macht oder wie man sie auf keinen Fall machen sollte – aber das ist nicht mein Job und ihr habt noch eine ganze Tagung mit wertvollen Tipps vor euch. Deshalb lasst mich nur noch eine Sache betonen, die mir noch generell wichtig erscheint: Ihr müsst immer vorausdenken. Ich hab ja eben schon mal angesprochen, dass sich die Medienlandschaft wahnsinnig schnell verändert. „Heute hier, morgen dort“, das gilt auch für die Medien an sich. Es scheint mir nicht sinnvoll zu fragen: Wo endet das noch? Die Frage lautet vielmehr: Wie und in welchem Tempo und in welche Richtungen geht das weiter?
Als ich mein erstes Zeitungspraktikum gemacht habe gab es in der Redaktion dort noch kein Internet. In der Uni habe ich auch noch auf Band schneiden gelernt. Ich bin gerade mal 35 Jahre alt! Unser Job fordert heute viel mehr von uns als lediglich klassisches journalistisches
Handwerk. Wir drehen mittlerweile selbst, schneiden selbst, bedienen Internet und Social Media. Das haben viele Leute so nicht vorausgesehen. Ob all diese
Entwicklungen gut zu heißen sind, das steht auf einem anderen Blatt. Wir müssen damit umgehen. Und es hat auch positive Seiten: Es ist nämlich auch verdammt spannend. Probiert Neues aus, bleibt neugierig, traut euch was! Beobachtet wie sich unser Berufsbild verändert, auch wenn ihr gerade gut im Sattel sitzt. Im schlimmsten Fall verliert ihr sonst den Anschluss. Im noch schlimmeren Fall verpasst ihr was: Dinge, von denen ihr nicht geahnt habt, dass ihr sie gut könnt und gerne tut. „Heute hier, morgen dort“. Im Guten wie im Schlechten.


Spaß

Ich habe jetzt viel über Selbständigkeit gesprochen, weil ich fast immer so
gearbeitet habe. Ich gebe zu: Manchmal ist mir das alles auch viel zu stressig.
Wenn mal wieder ein Brief von der KSK reinflattert oder ich über meiner Steuer
sitze, wenn ich am Feiertag arbeite während andere Leute im Park Kölsch kippen, wenn ich im Urlaub mal eben noch ein Interview mache. Manchmal denke ich mir auch: Ach, eine Festanstellung wäre schon schön. Vielleicht wäre sie nicht immer aufregend, aber ich hätte geregeltere Arbeitszeiten, ein geregelteres Einkommen (wenn auch ein bisschen niedrigeres als als Freie), keine Probleme mit dem Finanzamt, richtigen Urlaub, Weihnachtsgeld und so weiter. Noch bin ich aber nicht so weit. Ich denke aber: Beide Wege sind gut. ihr müsst einfach in euch reinhorchen, welcher euch eher liegt – und zwar immer wieder, weil sich das ändern kann. Was weiß ich schon, was ich mit 50 machen will? Wichtig ist einzig, dass ihr Spaß an eurem Job habt. Wichtig ist, dass ihr Spaß daran habt, euren Job gut zu machen und auch der Verantwortung zu begegnen, die er mit sich bringt und über die wir noch gar nicht gesprochen haben heute. Wichtig ist, dass ihr eben Spaß daran habt, „Heute hier, morgen dort“ zu sein, ob nun körperlich oder geistig. Wir verbringen so viel Lebenszeit mit dieser Arbeit, egal ob wir fest oder frei sind. Wenn wir keine Freude daran haben, dann sind die Opfer, die wir für diesen Job bringen, einfach zu groß. Und dann machen wir ihn – da bin ich mir sicher – nicht gut. Wenn ihr aber jeden Tag gerne und mit Leidenschaft an die Arbeit geht, dann müsst ihr keine Angst vor Konkurrenz haben und dann merkt ihr, dass wir einen der spannendsten, anspruchsvollsten und wirklich schönsten Berufe der Welt erwischt haben.

 

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

 

Katrin Ohlendorf
Freie Journalistin
Köln / Berlin
info@katrinohlendorf.de
www.katrinohlendorf.de

Workshop "Selbstvermarktung im Onlinejournalismus" mit S. Laurin // Kurzbericht Manuela Heberer

Foto: Thilo Schmuelgen

 

Stefan Laurin schreibt als Freier u.a. für Welt am Sonntag, Cicero und Stadtrevue Köln. Seit fünfeinhalb Jahren betreibt er den Blog „Ruhrbarone“, der momentan auf Platz 14 der deutschen Blogcharts rangiert. Während die Workshop-Teilnehmer viele Profi-Tipps zur Vermarktung journalistischer Onlineangebote erwarteten, sprach Stefan Laurin davon, wie „heillos überschätzt“ die Selbstvermarktung im bzw. durch Onlinejournalismus eigentlich sei. Seiner Einschätzung nach schaffen es nur wenige, sich wirklich erfolgreich durch eigene Onlineangebote am Markt zu behaupten und davon auch leben zu können. Beispiele wie Stefan Niggemeier und Richard Gutjahr seien die große Ausnahme. Zwar ist auch sein eigener Bekanntheitsgrad durch die Ruhrbarone gestiegen, dessen Bedeutung werde allerdings überschätzt. Letztendlich, so Laurin, werde niemand dafür bezahlt, dass er Selbstdarsteller wird. „Ziel eines freien Journalisten ist in erster Linie, mit der eigenen Arbeit Geld zu verdienen.“ Deshalb sollte die journalistische Arbeit darauf ausgerichtet sein, möglichst viele Menschen zu erreichen. Nur wer gute Geschichten macht, wird auch bekannt werden, so Laurin. Er selbst schaut genau, welche seiner Beiträge zu den jeweiligen Auftraggebern passen und bietet sie dann gezielt an. Manchmal entstehen so auch Ideen für Inhalte der „Ruhrbarone“ - oder umgekehrt.  

 

Leben kann Laurin von Veröffentlichungen in seinem Blog nicht. Trotz der mittlerweile bundesweiten Bekanntheit fahren die Ruhrbarone keine nennenswerten Gewinne ein. Wie kann das sein, fragten die Workshopteilnehmer. Ganz einfach, antwortet Stefan Laurin. „Weil das nicht das ursprüngliche Ziel war.“ Als die Ruhrbarone gegründet wurden, ging es vor allem darum, Geschichten zu veröffentlichen, die woanders nicht zu lesen sind. Die Wirtschaftlichkeit spielte dabei von Anfang an keine Rolle. Das jetzt im Nachhinein zu ändern, sei nicht ganz einfach, so Laurin. „Das muss in der DNA des Projekts von vornherein drin stecken.“ Dass es funktionieren kann, zeigen Angebote wie Prenzlauer Berg Nachrichten, Altona.info oder Tegernseer Stimme. Auch Carsten Stoffel vom Solinger Boten berichtet, dass die Finanzierung durch gezielte Akquise von Anzeigenkunden klappt. Wichtig sei, von Anfang an die Wirtschaftlichkeit im Blick zu haben. Mindestens genauso wichtig sei aber auch der Spaß an der Arbeit, die Leidenschaft, mit der Beiträge recherchiert und geschrieben werden, so Laurin. Dabei sollte man stets offen sein für Neues, für neue Formate, neue Technik.

 

Fazit:

Ein onlinejournalistisches Produkt sollte nicht aus dem Antrieb heraus entstehen, sich selbst vermarkten zu wollen. Es besteht die Gefahr, nichts Interessantes zu sagen zu haben. Selbstdarsteller sind nicht gefragt.
Will man allerdings eine Plattform schaffen, um gute Geschichten zu präsentieren, bietet Online viele Möglichkeiten. Die Chance steigt, bekannt zu werden. Und dann kann Onlinejournalismus auch zu neuen Aufträgen verhelfen - zusätzlich zur ohnehin alltäglichen Selbstvermarktung freier Journalisten.

 

Manuela Heberer

Workshop „Skandale im Journalismus“ mit Udo Röbel // Kurzbericht Doreen Huth

Foto: Thilo Schmuelgen

Motto: Erlaubt ist vieles, solange die Fakten stimmen

 

Udo Röbel war einst Bild-Chefredakteur. Zuvor, als stellvertretender Chefredakteur des Kölner Express, nahm er 1988 maßgeblich Einfluss auf die Berichterstattung über das Geiseldrama in Gladbeck, indem er sich mit den Geiselnehmern in Kontakt setzte und zu ihnen ins Auto stieg, um sie aus der Stadt zu lotsen. Er wurde für dieses Vorgehen scharf kritisiert. Der Pressekodex wurde daraufhin erweitert um den Zusatz, dass sich die Presse nie zum Werkzeug eines Verbrechen machen lassen darf.

In den folgenden Jahren stand er stellvertretend als Sündenbock für die Verfehlungen der Presse an diesem Tag ein. So jedenfalls empfand er die Interview-Anfragen, die Berichte über seine Person und die auf Quote ausgelegte Nutzung des damals entstandenen Materials. Er sieht sich heute auch als ein Opfer der Medien, hat aber als Bild-Chefredakteur oft Opfer wie Täter hemmungslos in Szene gesetzt für die Auflage. An seiner eigenen Geschichte vermittelte Röbel den Seminarteilnehmern, worauf es ankommt, wenn es um Skandale im Journalismus und Skandaljournalismus ankommt. Seine Thesen waren einfach und doch voller Sprengstoff.

  1. Skandale im Journalismus gibt es kaum noch, denn Presserecht und Presserat sind gute Leitplanken für die tägliche Arbeit.
  2. Wer sich an sie hält, fährt den sicheren Kurs.Wer einen Skandal journalistisch inszeniert, muss stets mit seiner Entscheidung leben und die Konsequenzen tragen. Denn die Skandalberichterstattung gibt immer Rückschlüsse auf den Autoren und seinen Charakter. Sie ist stets durch persönliche Gefühle geprägt. Es ist eine moralische Entscheidung, die einem niemand abnehmen kann.
  3. Für die Skandal-Berichterstattung gibt es kein Handbuch. Sie folgt keinen Regeln.
  4. Ein Skandal lebt und fällt mit seiner Inszenierung. Gute Skandale müssen gut inszeniert sein. Fakten sollten gut recherchiert und häppchenweise geliefert werden. Nie alles auf einmal verraten. Der Journalist ist in diesem Fall ein Stratege mit Schlachtplan. Er liefert Informationen, wartet auf Reaktionen, provoziert mit Spekulationen.
  5. Das A und O eines gut inszenierten Skandals ist die Faktenlage. Wer keine hundertprozentige Quellensicherheit hat, sollte es gleich sein lassen. Es ist auch nur dann ein Skandal, wenn der Sieg zu hundert Prozent beim Autor liegt.
  6. Bei Skandal-Journalismus ist die Kunst die saubere Aufbereitung und das Gespür für das eigene Verhalten innerhalb der genannten Leitplanken. Es muss jeder für sich abwägen, wie viel Distanz, Gefühl oder Skrupel er für seine Geschichte aufbringt.

Im Workshop gingen die Teilnehmer das anhand verschiedener Beispielen durch. Zeige ich das Foto eines verurteilten Kinderschänders in der Zeitung oder nicht? Wie verhält es sich mit Beate Zschäpe und der Umgang mit ihr in den Medien? Darf ihr Foto gezeigt werden? Wie gingen die Medien mit der Versuchung um, Michel Friedmann als jemanden, der mutmaßlich Koks konsumiert hat, bloß zu stellen und wie gelang es ihnen? Wie stürzten die Medien den Bundespräsidenten Christian Wulff und welche Rolle übernahm die Bild-Zeitung dabei? Warum gewann Röbel für die Aufdeckung der Kießling-Affäre 1984 den Wächter-Preis?

Für Röbel selbst ist eines dabei zentral: Skandalberichterstattung für die Quote ist prinzipiell o.k: "Mein Job ist die Auflage".

 

Doreen Huth

Workshop "Storytelling mit Daten" mit Mirko Lorenz // Kurzbericht Nicolas Schweers

Foto: Thilo Schmuelgen

 

Wenn Journalisten Datenreihen sehen, winken sie meist ganz schnell ab. Zahlen und Statistiken sind was für andere, aber doch nicht für mich – so denken wohl immer noch zu viele Journalisten. Denn hinter den Daten stecken oft spannende Geschichten. Im Workshop "Storytelling" machte Mirko Lorenz daher schnell klar, dass es für Journalisten nur von Vorteil sein kann, den Datenwust entschlüsseln zu können. Und nahm vielen gleich ihre Angst, als er hinzufügte: "Datenjournalismus ist keine Statistik."

 

Für Journalisten gehöre es zum Handwerk, mit Zahlen richtig umgehen zu können. Einerseits könne man an Zahlen nicht mehr einfach vorbeigehen, andererseits sei es falsch, Zahlen unkritisch zu übernehmen. Vielen jungen Journalisten wird empfohlen sich eine Nische zu suchen. Es sieht so aus, als könne Datenjournalismus genau diese Nische sein, mit der sie sich behaupten können – sagt Lorenz. Seien These: Jeder Journalist kann sich die Daten zu Nutze machen. Und zwar ohne große Programmierkenntnisse. "Die Tools für Datenjournalisten sind wie eine neue Kamera. Eine neue Sicht auf die Dinge." Journalismus habe immer von der Weiterentwicklung von Technologie profitiert. Nach den Druckmaschinen, dem Satz am Computer nun eben der Datenjournalismus.

 

Lorenz warnt vor einem Trend hin zu "halbgaren Daten". Der Boulevard ziehe in alle Ressorts ein Dabei könne der Datenjournalismus helfen, sich "nicht ein X für ein U vormachen zu lassen." PR-Agenturen und Pressestellen würden gerade so mit Daten um sich werfen und oft würden die Ergebnisse ungeprüft übernommen. Wer sich hingegen auf die Spur der fehlenden Daten mache, habe meist die spannendere Geschichte und diese zudem auch noch exklusiv.

 

Doch dazu muss man sein Handwerk beherrschen. Denn auch wenn es dafür keine großen Programmierkenntnisse brauche, müsse man sich schon auf den Datenjournalismus einlassen und bereit sein, sich in die Materie einzuarbeiten, sagt Lorenz. Nur dann könne man die zahlreichen verfügbaren Gratis-Tools auch richtig nutzen. Um beispielsweise die gesammelten Daten ansprechend zu visualisieren empfiehlt Mirko Lorenz das Open-Source Tool 'Data Wrapper', das er selbst mitentwickelt hat.

 

Hier gibt es eine Einführung in den Datenjournalismus von Mirko Lorenz mit vielen Beispielen.

 

Buchtipp zu Visualisierungen: Donna M. Wong, Die perfekte Infografik: Wie man Zahlen, Daten, Fakten richtig präsentiert - und wie nicht (ISBN 3868812776)

Workshop "Mobile Reporting" mit G. Mayer und T. Stoppacher // Kurzbericht Anke Laumann

Foto: Thilo Schmuelgen

Im Workshop Mobile Reporting mit den Referenten Gregor Mayer (Online-Redakteur) und Timo Stoppacher (freier Journalist und Sachbuchautor) ging es um die Möglichkeiten, die Smartphones zur journalistischen Arbeit bieten. Dabei stand das Drehen kurzer Videos im Vordergrund.

 

Zunächst stellten die Referenten die Voraussetzungen und sinnvolles Zubehör und Apps für die beiden Smartphone-Systeme iPhone und Android vor. So gibt es zum Beispiel Stative für ruhige Bilder. Da Samrtphones kein Stativgewinde haben, muss man sich mit Adaptern behelfen, die aber mittlerweile für viele Geräte verfügbar sind. Für den guten Ton gibt es ein speziell für Smartphones entwickeltes Mikrofon, das iRigMic.

 

Es wurde auf die Notwendigkeit eines Storyboards hingewiesen, damit man auch die passenden Bilder dreht und nichts vergisst. Dies entspricht auch der Arbeitsweise „herkömmlichen“ TV-Journalismus.

 

Anschließend konnten die Teilnehmer selbst kurze Filme machen, die sie anschließend auf den Smartphones schnitten. Zwei Gruppen erstellen Beiträge mit einem iPhone, zwei mit einem Android-Smartphone. Aufgabe war es, Filmmaterial für einen ein-minütigen Videobeitrag zu liefern. Verwendet wurden zum Schneiden die Apps iMovie (für das iPhone) und AndroVid (für Android).Die produzierten Filme handelten zum Teil von Journalismus, zum anderen Teil waren sie fiktive Nachrichtenbeiträge. So wurde deutlich, dass auch mit dem Smartphone professionelles Arbeiten möglich ist.

 

Anke Laumann 

Workshop "Bewerbung als Journalist" mit Regina Theunissen // Kurzbericht Carina Kopp

Foto: Thilo Schmuelgen

 

Bewerbungen sind die Eintrittskarte in ein (Medien)-Unternehmen und oft die einzige Info, die einzige Quelle, die ein Personalentscheider oder Chef von euch hat. Sie müssen also überzeugen, Interesse wecken und euch im ursprünglichen Wortsinn beWERBEN. Nehmt euch Zeit dafür!!!

 

Grundsätzlich gelten erst einmal die gleichen inhaltlichen und formalen Regeln wie bei Bewerbungen in anderen Branchen. Vieles klingt banal, wird aber extrem oft nicht beherzigt, deswegen hier noch einmal:

· persönliche Ansprache (zB Chefredakteur xy)

· Individuell, nicht allgemein

· sucht euren USP (unique selling point = Alleinstellungsmerkmal) und stellt ihn authentisch heraus

· seriöse Emailadresse

· nicht Lebenslauf vorwegnehmen oder runterbeten

· gut eingescannte und aufgearbeitete/lesbare Belegexemplare (natürlich mit Quelle und Datum!)

· Anlagenverzeichnis schafft Übersicht - vor allem bei vielen Arbeitsproben

· generell: nicht ZU viele Arbeitsproben, guter Mix aus Formen, Medien und Themen (6-12), bei Filmen od. Audios nachfragen, ob lieber auf DVD oder in Dropbox

· Namen auf mitgelieferte CDs usw. schreiben

· bei Onlinebewerbungen Dateien EINDEUTIG benamen: "Bewerbungsschreiben Max Muster"; Lebenslauf Max Muster" - nicht nur Anschreiben oder Lebenslauf und schickt sie nicht als doc-Datei/Worddokument, denn darin lassen sich Änderungen nachverfolgen!

· lasst eure Bewerbung auf alle Fälle mit Argusaugen gegenlesen. Es passiert so schnell, dass irgendwo ein Sätzchen, alter Name oder ähnliches von der Version vorher hängen bleibt.

· nennt EINE Referenz im Anschreiben, einen Journalisten, der viel von euch hält und ein gutes Wort für euch einlegen würde mit Telefonnummer. Klingt oldschool, weckt aber "Vertrauen" (Meistens ruft der potentielle neue Chef gar nicht mehr an, weil die Botschaft auch so ankommt).

· Lasst euch beraten - aber nicht gerade von Kollegen, die sich vor 20 Jahren zuletzt beworben haben oder konkurrierenden Kollegen

 

Bewerbungen in den Medien sind auch ein JOURNALISTISCHES Produkt

1. es muss gut recherchiert sein (über das Unternehmen, richtiger Ansprechpartner, was sie suchen - aber bitte nicht den Anzeigentext dragen and dropen, aber dort durchaus Anregungen holen...)

2. Rechtschreibung und Interpunktion sind das A und O

3. Form und Foto müssen ansprechend sein!

4. Leser, da abholen, wo er ist. Interesse wecken. Dh als Einstieg viell. etwas (Positives) über das Unternehmen. Eure Bewerbung liest ein MENSCH und der fühlt sich natürlich geschmeichelt, wenn ihr etwas über ihn/sein Unternehmen wisst und gut findet. Versetzt euch in euer Gegenüber!

5. Seid kreativ, aber nicht peinlich. Ironie zB funktioniert selten in den Medien. Aber Kreativität sticht aus der Masse heraus. Sucht den Mittelweg. Richtet sich oft auch nach dem Unternehmen. Sicher unterschiedliche "Latte" zB bei der SZ als etwa bei Radio Regenbogen

6. Social Media ist in den Medien eine Qualifikation, nehmt euren twitteraccount mit in den Lebenslauf auf. Bei privatem Facebookaccount eher vorsichtig. Überprüft die Sichtbarkeitseinstellungen.

7. Habt Belege für alles, was ihr behauptet. Nur, wenn ihr schon seit der Schülerzeitung immer geschrieben habt, könnt ihr behaupten, ihr wolltet schon immer Journalist werden. Das ist natürlich nicht glaubwürdig, wenn ihr mit 25 EIN Pflichtpraktikum bei einer Zeitung gemacht habt.

8. Nicht die Hauptmessage vergessen! Nicht nur: warum wollt ihr bei dieser Firma arbeiten und warum seid ihr dafür so gut geeignet. Sondern auch das Grundsätzliche: warum wollt ihr denn eigentlich als Journalist arbeiten? Warum brennt ihr für diesen Beruf?

 

Nächste Hürde: Bewerbungsgespräch

· seid vorbereitet!!

· Tragt Kleidung, die zu euch und zu dem Unternehmen passt. (besser over- als underdressed)

· Seid pünktlich.

· lasst euch nicht irritieren/provozieren

· habt vorher schon Zeitung gelesen und im besten Fall auch schon die Medie konsumiert, bei der ihr euch vorstellt.

· Überlegt euch Antworten auf die typischen Fragen:

o Warum wollen Sie zu uns?

o Warum sollen wir Sie nehmen?

o Sind Sie teamfähig?

o Welches Thema darf tagesaktuell heute in unserem Medium nicht fehlen?

o Wie sieht TV/Radio/Zeitung von morgen aus?

o Was mögen Sie an unserem Medium (nicht)?

o Welche Zeitung lesen Sie warum?

o Wo sehen Sie sich in fünf/zehn Jahren?

o Ihre Stärken

o Ihre Schwächen

o Frage nach Lücken im Lebenslauf

o Hobbys

o (Warum) Würden Sie (gern) hierher ziehen?

o Gehaltsvorstellung

o noch andere Bewerbungsgespräche?

o frühester Arbeitsbeginn

o Haben Sie noch Fragen an uns?

Initiativbewerbungen lohnen sich! Sich vorher schon mal zu "zeigen", lohnt sich auch. zB per twitter mit dem Medium zu interagieren.

Das Wichtigste: Seid authentisch und glaubwürdig. Ihr müsst eure Versprechen im "schlimmsten" Fall nämlich auch nach der Bewerbung halten, wenn ihr die Stelle bekommt. Und außerdem merkt man einfach, wenn jemand nicht authentisch ist.

 

Noch mal auf einen Blick:

10 Punkte für eine gute journalistische Bewerbung

1) Betonen: Warum ausgerechnet dieser Beruf und diese Firma?

2) Bewusst auf eine Stelle bewerben

3) Bewerbung als journalistisches Produkt: gegenlesen lassen, auch Textproben gut sortieren, kreativen Spielraum nutzen

4) Zeigen, dass man ausbildbar ist und dass man mit einem arbeiten kann

5) Authentizität ist wichtig (man muss ja halten, was man verspricht), dafür: Konkrete Punkte nennen, Floskeln weglassen

6) Kontaktperson als Referenz angeben

7) Es gibt Arbeitgeber, bei denen man besser nicht arbeitet: Auch mal Bewerbungsgespräch abbrechen, nicht unter Wert verkaufen, nicht tiefstapeln, aber auch nicht hochstapeln – auch bei Gehaltsforderungen, von Anfang an das realistisch Größte fordern, sonst bliebt man hängen

8) Foto: gute Qualität, wenn es passt: Video

9) Haltung bewahren

10) Engagement im Netz: Social Media ist Qualifikation

Referentin Regina Theunissen twittert z.B. regelmäßig über Bewerbungen und gibt gute Tipps: @RZ_Theunissen

Einige DJV Geschäftsstellen bieten Mitgliedern individuelle Beratungen und Mappenbesprechungen an. Am besten direkt in den Landesgeschäftsstellen nachfragen: http://www.djv.de/startseite/profil/ansprechpartner/landesverbaende.html

 

Viel Erfolg bei der Jobsuche!

Carina Kopp

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