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DJV Blog

21. Juli 2015
Ausbildung

An der Berufswirklichkeit vorbei

Wer glaubt, alle Absolventen einer journalistischen Ausbildung haben gelernt, wie man richtig recherchiert, irrt. Wer darüber hinaus glaubt, Absolventen einer journalistischen Ausbildung werden auf eine mögliche Zukunft als freier Journalist vorbereitet, irrt gewaltig.

Journalisten in Ausbildung (Bild: Thilo Schmuelgen, DJV-Tagung 24 Stunden Zukunft)

Dieses ernüchternde Ergebnis hat eine Studie ergeben, die der DJV gemeinsam mit der TU Ilmenau durchgeführt hat. Eine erste Auswertung von 227 komplett ausgefüllten Online-Fragebögen hat ergeben, dass gerade einmal in knapp 71 Prozent aller Ausbildungsformen – sei es Studium, Volontariat, Journalistenschule oder eine andere – die Arbeitstechnik "Recherchieren" vermittelt wird. Unternehmerische Kompetenzen, wie zum Beispiel Grundlagen des (Selbst-)Marketings oder Grundlagen zur Existenzgründung, stehen am ehesten noch bei den Journalistenschülern auf dem Lehrplan: Gut 40 Prozent werden hier wenigstens ansatzweise auf eine berufliche Selbstständigkeit vorbereitet. Und besonders eklatant: Im Volontariat scheint ein anderer Weg als der der Festanstellung außerhalb des Denkhorizonts zu liegen – gerade einmal jeder Zehnte bekommt hier unternehmerische Kompetenzen vermittelt.

 

Doch werden diese Inhalte tatsächlich vermisst? Ja. Rund zwei Drittel der Teilnehmer haben im Bereich der unternehmerischen Kompetenzen unisono angegeben, dass ihnen das zu wenig ist. Sie fühlen sich offenbar für die berufliche Praxis, für die berufliche Wirklichkeit nicht ausreichend vorbereitet. Eine deutliche Sprache sprechen auch die Kommentare, die die Studienteilnehmer bei einer offenen Frage abgeben konnten: "Die Journalistik hinkt Jahre hinter der Realität des Mediensystems hinterher." Oder: "Journalisten werden für eine Zukunft in der Vergangenheit ausgebildet."

 

Zu kurz kommen den (angehenden) Journalisten neben den unternehmerischen Kompetenzen vor allem Kenntnisse, die die Entwicklungen der vergangenen Jahre betreffen. Sie lernen zu wenig über den Umgang mit Sozialen Medien und mit dem Publikum. Auch der Bereich der technischen Kompetenzen wird als defizitär bewertet; beispielsweise fehlt den meisten der Überblick über digitale Tools für journalistisches Arbeiten. Dass Journalistinnen und Journalisten immer häufiger auch mit Managementaufgaben betraut werden, findet in der Ausbildung kaum einen Niederschlag.

 

Während die Vermittlung von klassischen journalistischen Fähigkeiten einigermaßen zufriedenstellend ist, hat die Ausbildung offenbar den Anschluss an die veränderten Anforderungen im Journalismus verpasst. Jedenfalls gibt es noch jede Menge aufzuholen.

 

Eine ausführlichere Darstellung der Ergebnisse stellt die Projektleiterin von der Technischen Universität Ilmenau, Britta Gossel, hier zur Verfügung:

Teil 1: Forschungsinstrument, Datenerhebung und Datensatz

Teil 2: Bewertung und Verbesserung der journalistischen Ausbildung

 

 

Kathrin Konyen


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