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DJV Blog

31. Januar 2020
Persönliche DJV-Bilanz

Eine unterschätzte Macht

Kritik am eigenen Berufsverband ist berechtigt und notwendig. Dass die meisten Journalisten ihre Gestaltungsmacht ungenutzt lassen, ist dennoch unverständlich.

Seit zehn Jahren bin ich DJV-Mitglied, seit fünf Jahren bringe ich mich aktiv in meinem Landesverband ein. 14 Monate habe ich im Rahmen meines Freien-Daseins als Urlaubsvertretung des DJV-Sprechers Hendrik Zörner gearbeitet. Ab kommenden Monat bin ich wieder fest angestellter Journalist. Ich kenne den Deutschen Journalisten-Verband aus der Außenperspektive genauso wie die Innenansicht. Ich bin stolz auf meinen Verband, aber auch einigermaßen verzweifelt ob der ungenutzten Möglichkeiten.

 

Kaum eine Berufsgruppe hat eine so starke Stimme im Land, wie die der Journalisten, Medienschaffenden und Pressesprecher, deren mit Abstand größter Interessenverband der DJV ist. Der DJV ist eine vielbeachtete Stimme, wenn es um die Verteidigung von Pressefreiheit geht. Der DJV wirkt aktiv – und oft erfolgreich – auf Gesetzgebungsverfahren ein, die unsere Arbeit als Journalistinnen und Journalisten betreffen. Da, wo Lücken bleiben, unterstützt der DJV Klagen und Verfassungsbeschwerden.

 

Die Transformation der Medienlandschaft bewirkt einen seit Jahrzehnten andauernden Arbeitskampf, der sich nicht selten wie ein unentwegtes Rückzugsgefecht anfühlt. Doch gerade in solchen Zeiten braucht es starke und kampferfahrene Verbände, die die Truppen organisieren und den Gegner schon durch ihre schiere Größe beeindrucken. Wir machen es Verlagen schwer, zur kurzfristigen Renditeoptimierung ganze Redaktionen einzustampfen – verhindern können wir es freilich nicht immer.

 

Nicht zuletzt – dank des DJV – konnten in jüngerer Zeit auch wieder erfreuliche Tarifverträge erzielt werden. Hinzukommen die zahllosen Veranstaltungen, Weiterbildungs- und Beratungsangebote der Landesverbände. Die vergangenen zwei Jahrzehnte haben ihre Spuren hinterlassen, aber der DJV steht als unverrückbarer Fels in der Brandung immer neuer Kündigungs- und Erregungswellen.

 

In der Haltung vieler Kolleginnen und Kollegen zum DJV spiegelt sich das nicht wider. Einige haben sich ganz abgewandt vom Gewerkschaftsgedanken, sind also auch keinem anderen Verband beigetreten. Viele sind passive Mitglieder und lassen ihre vielen Möglichkeiten im Verband ungenutzt.

 

Natürlich ist Kritik am DJV berechtigt. In einem derart pluralistischen Verband trifft nicht jede Entscheidung und nicht jede Äußerung auf die uneingeschränkte Zustimmung aller 32.000 Mitglieder. Allerdings sind die Hürden zur demokratischen Beteiligung und aktiven Mitgestaltung gerade wegen der überwiegend passiven Mitglieder erstaunlich niedrig. Wer sich in einigen Positionen des DJV nicht wiederfindet, sich aber weder bei uns noch anderswo einbringt, darf sich nicht wundern, dass er im gesellschaftlichen und medienpolitischen Diskurs ungehört bleibt.

 

Auch wenn Gewerkschaften mitunter der Ruf des Altbackenen anhaftet und Verbandssitzungen tatsächlich mehr Arbeit als Vergnügen sind, sollten wir als Mitglieder stolz in unseren Redaktionen von unserem Verband berichten und aktiv für ihn werben. Es gibt keinen Grund sich klein zu machen, im Gegenteil: In Zeiten, in denen die freie Presse bei uns und anderswo in Frage gestellt wird wie lange nicht, gilt es, die Reihen zu schließen und sich füreinander gerade zu machen. Das ist mit Blick auf die Work-Life-Balance mitunter mühselig. Wenn aber wir nicht unsere eigenen Interessen nach außen vertreten, wird es auch niemand anderes für uns tun.

 

Ein Kommentar von Sebastian Huld.


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