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DJV Blog

12. September 2016
Offener Brief

Frau Kudla, entschuldigen Sie sich!

Als "Cansel Dünnschiss" beleidigte die Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla den verfolgten türkischen Journalisten Can Dündar. - Ein offener Brief des DJV-Bundesvorsitzenden Frank Überall und der Vorsitzenden des DJV Sachsen Ine Dippmann:

 

Sehr geehrte Frau Kudla,


mit großem Befremden haben wir Ihren Twitter-Eintrag zu Can Dündar zur Kenntnis genommen. Die Art und Weise, wie Sie seinen Namen verunstalten und damit suggerieren, er würde nur Schlechtes von sich geben, ist unserer Meinung nach einer Bundestagsabgeordneten nicht würdig. Hasskommentare im Netz befördern die Spaltung unserer Gesellschaft; sind immer wieder auch die Vorstufe zu physischer Gewalt. Während die Bundesregierung versucht, diese Entwicklung zu bremsen, befeuern Sie sie mit Ihrem Tweet.

 

Die öffentliche Verunglimpfung von Can Dündar offenbart in eklatanter Weise mangelnden Respekt vor der Person und der Arbeit des Kollegen. Can Dündar ist ein bekannter Journalist aus der Türkei, seine Lebens- und
Arbeitssituation ist symptomatisch für die Situation der Pressefreiheit in seinem Heimatland. Der mehrfach preisgekrönte Medienmann wurde in einem aus rechtsstaatlicher Sicht mindestens umstrittenen Verfahren von einem türkischen Gericht dafür verurteilt, dass er kritisch berichtet hatte. Er hat nach unseren Maßstäben keine Straftat begangen, sondern bloß Tatsachen in der Zeitung Cumhurriyet korrekt wiedergegeben.

 

Zahlreiche Organisationen, vom Pen-Zentrum über amnesty international bis zu Reporter ohne Grenzen, haben sich mit Dündar solidarisiert. Bei und nach einem Delegationsbesuch in Istanbul hat auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) betont: "Journalismus ist kein Verbrechen!"

 

Nun mögen Sie diese Verdienste des Journalisten Can Dündar gering schätzen, das ist Ihr gutes Recht. Sein Recht ist es, nicht von Ihnen beleidigt zu werden. Wir begrüßen es, dass sich die CDU/CSU-Bundestagfraktion bereits von Ihrem Tweet distanziert hat. Wir können aber nicht nachvollziehen, dass Sie es bisher nicht geschafft haben, Dündar via Twitter um Verzeihung zu bitten. Auf entsprechende Forderungen haben Sie bislang nicht reagiert. Deshalb schreiben wir Ihnen diesen offenen Brief. Wir hoffen, Sie durch unsere
Ausführungen zum Nachdenken angeregt zu haben. Erinnern Sie sich an das, was gute Kinderstube ausmacht, kehren Sie zurück zu sachlicher Auseinandersetzung und vor allem entschuldigen Sie sich bei Can Dündar!

 

Ein offener Brief von Ine Dippmann und Frank Überall


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