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20. Juli 2017
Journalismus-Studie

Gefährliche Wortwahl

In der kommenden Woche soll eine Studie erscheinen, die den Medien Versagen während der Flüchtlingskrise vorwirft. Die Wortwahl der Vorankündigung hat es in sich.

Zugegeben: Weder ist die Studie der Otto-Brenner-Stiftung zum Versagen der Zeitungen in der Flüchtlingskrise zum jetzigen Zeitpunkt bekannt, noch liegt die gedruckte Ausgabe der "Zeit" vor, in der exklusiv darüber berichtet werden soll. Bis das Abo-Exemplar der Hamburger Wochenzeitung bei uns eintrifft, dürften noch zwei Stunden vergehen.

 

Die Vorabmeldung der "Zeit" über die Studie hat es in sich. Von "Versagen" führender deutscher Tageszeitungen ist da die Rede, von unkritisch übernommenen "Losungen der politischen Elite", von der "Verklärung" des Begriffs Willkommenskultur zum Zauberwort. Wenn die "Zeit" richtig zitiert, stammen die Beschreibungen vom Leiter der Studie, dem Medienwissenschaftler Michael Haller. An dessen fachlicher Kompetenz kann kein Zweifel bestehen, auch nicht an seinem journalistischen Know-how. Immerhin hat Haller selbst lange Jahre als Journalist gearbeitet, bevor er in die Wissenschaft wechselte.

 

Es kann auch nicht darum gehen, die Inhalte und Ergebnisse der Studie zu kritisieren, bevor sie überhaupt erschienen ist. Aber mit Verlaub, Herr Haller, muss es diese Wortwahl sein? Klar: Mit Zuspitzung weckt man Interesse - alte Journalistenweisheit. Aber der wahrscheinlich nötigen Auseinandersetzung des Journalismus und der Journalisten mit ihren Leistungen und Misserfolgen während der Flüchtlingskrise 2015 sind Vorwürfe à la Versagen und Verkennung der eigenen Berufsrolle nicht gerade dienlich. Und der zu erwartende Beifall aus der ultrarechten politischen Ecke dieses Landes auch nicht. Lieber Herr Haller, das haben Sie doch nicht nötig.

 

Ein Kommentar von Hendrik Zörner


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