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08. Mai 2019
Umgang mit Böhmermann

ORF zum Gruseln

Der ORF sendet ein Interview mit dem Satiriker Jan Böhmermann und distanziert sich im Anschluss. Der Vorgang ist bedenklich.

Jan Böhmermann / Credit: Marco Verch CC BY 2.0

Es lohnt kaum, den Inhalt des ORF-Interviews mit Jan Böhmermann wiederzugeben. Ein paar zugespitzte aber faktenbasierte Hinweise auf problematische Aussagen und Biografien in der ÖVP/FPÖ-Regierung, eine aufrichtig gemeinte Solidaritätsadresse an den Journalisten Armin Wolf ergänzt um einige persönlichen Herabwürdigungen der Kritisierten. Die Aussagen entsprachen der üblichen Bissigkeit von Satire gewürzt mit dem böhmermannschen Kniff, mit letztlich absurden Beleidigungen die Souveränität des Publikums im Umgang mit Kunst- und Pressefreiheit zu testen.

 

Dass sich der ORF unmittelbar im Anschluss an die Ausstrahlung von den Aussagen distanzierte, ist grotesk. ORF-TV-Kulturchef Martin Traxl begründet das Vorgehen mit früheren Urteilen zum Neutralitätsgebot des ORF. Nur ging es in der einzigen Niederlage, die der ORF in diesem Zusammenhang bislang vor Gericht erlitten hatte, um Äußerungen einer ORF-Moderatorin während einer Preisverleihung. Die Frau war dem Publikum als Gesicht des ORF bekannt. Niemand käme wohl in Österreich auf die Idee, Böhmermann für einen Vertreter des heimischen Öffentlich-Rechtlichen zu halten. Der ORF müsste sich demnach überlegen, was er überhaupt noch ausstrahlen kann, ohne sich umgehend von etwaigen Aussagen zu distanzieren.

 

Der Vorgang bedeutet natürlich nicht das Ende der Pressefreiheit. Aber dieser vorauseilende Gehorsam im journalistisch oft so vorbildlichenen ORF zeigt, wie sehr sich das Klima in Österreich schon gewandelt hat.

 

Ein Kommentar von Sebastian Huld.


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