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12. Dezember 2014
Lobbying

Roter Teppich ausgerollt

Der Tagesspiegel hat Lobbyisten eine Bühne in Berlin geboten. Was soll das?

Dass er eine gute Zeitung ist, steht außer Frage. Dass er kritisch und unabhängig über die Berliner Politik berichtet, auch. Der Tagesspiegel, linksliberal angehaucht, hat seinen festen Platz in der Politikberichterstattung aus der Hauptstadt. Lobbyinteressen kommen nicht ungeprüft und unkritisch ins Blatt. Dafür aber auf die Bühne. Am Donnerstag hat der Tagesspiegel über 30 Vertretern aus Politik und Verbänden ein Podium geboten. Vor Publikum konnten sie in der Veranstaltung "Agenda 2015" Statements abgeben zu Themen, die ihnen besonders wichtig waren. Auf der Homepage des Tagesspiegel gab es einen Liveticker zur Konferenz. Kanzleramtsminister Peter Altmaier durfte sich etwa darüber verbreiten, wie erfolgreich die große Koalition ist. Ein Vertreter des WWF prangerte die Verschwendung von Lebensmitteln an, der VdA hoffte auf das TTIP-Abkommen.

 

Schön, jetzt haben wir das alles mal gehört, könnte man am Tag danach sagen. Wäre da nicht das kürzlich erschienene Buch "Politzirkus Washington" des amerikanischen Journalisten Mark Leibovich. Darin schildert er das Wechselspiel von Politik, Lobbyorganisationen und Journalisten in der US-Hauptstadt. Am Beispiel des Magazins Politico macht er deutlich, dass manche Medien ihre Rolle als kritische Beobachter an den Nagel gehängt haben. Was die Leser davon halten ist egal, denn bezahlt werden sie über Abos von Entscheidern in Washington. Damit wird man reich.

 

Berlin ist davon weit entfernt - und sollte es auch bleiben. Dass der Tagesspiegel in die Rolle von Politico in Berlin schlüpfen will, sollte niemand unterstellen. Das Blatt wäre seine angestammte Leserschaft in kurzer Zeit los. Aber Veranstaltungen wie die "Agenda 2015" weisen in die Richtung. Deutsche Journalisten sollten der Versuchung widerstehen, in die Rolle von Zirkusartisten zu schlüpfen. Auf dem Drahtseil halten sich nur wenige.

 

Hendrik Zörner


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