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Facebook Files

Soziales Netzwerk außer Kontrolle?

22.09.2021

Das Wall Street Journal deckt in seiner Artikelserie "Facebook Files" brisante Dokumente aus dem Konzern auf. Die zeigen: Bei vielen Regelverstößen wird Facebook erst aktiv, wenn ein Fall für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt.

Gelten Regeln auf Facebook nicht für alle? Bild: canva.com

Die Recherchen des Wall Street Journals zeigen, "dass es sich nicht um einzelne Fälle von Versagen handelt, von denen das Unternehmen überrascht wurde. Vielmehr liegt hier eine breite Akzeptanz vor", so Jeff Horwitz, Chefautor der Artikelserie "Facebook Files", laut tagesschau.de. "Facebook kümmert das wenig. Es wird erst aktiv, wenn ein Fall für öffentliche Aufmerksamkeit sorgt." Das gehe aus internen Memos, Powerpoint-Präsentationen und Diskussionen aus dem firmeninternen Chat-Kanal von Facebook hervor.

 

In einem internen Protokoll gib ein Facebook-Manager offenbar zu, man habe eine Maschine geschaffen, die man nicht mehr kontrollieren könne. Auf einer Ausnahmeliste namens "Cross Check" stehen 5,8 Millionen Profile von Menschen weltweit, für die die normalen Regeln außer Kraft gesetzt scheinen – darunter Diktatoren, Schauspieler, Politiker, Sportler und andere Prominente. "Verschiedenste Bereiche aus dem Unternehmen haben Promis dieser Liste hinzugefügt", erklärt Horwitz. Dutzende Teams hätten dazu die Möglichkeit gehabt, auf seine Art und ohne irgendeine weitere Kontrolle durch Facebook.

 

Ein besonders übles Beispiel: Nach Vergewaltigungsvorwürfen gegen ihn teilte der brasilianische Fußballstar Neymar 2019 auf Instagram ein Video. Dort zu sehen waren der Name und Nacktfotos der Frau, die ihn beschuldigt hatte. Ein klarer Fall von sogenannter „Rache-Pornografie“, der laut Facebook-Regeln eigentlich mit der Löschung des Kontos geahndet werden müsste. Bei Neymar, einem der "Top-20-Influencer des Dienstes", so Horwitz, dauerte es über einen Tag, bis auch nur das Video gelöscht wurde. Bis dahin hatten mehr als 56 Millionen Menschen das Video mit den Nacktfotos gesehen. Der Account des Fußballers selbst scheint unantastbar.

 

Die Dokumente, aus denen das „Wall Street Journal“ seit Tagen zitiert, liegen mittlerweile wohl auch dem US-Kongress vor. Am Wochenende reagierte Facebook auf die Artikelserie. Doch anstatt auf die beschriebenen Probleme einzugehen und die Kritik ernst zu nehmen, spricht das Unternehmen von „absichtlichen Fehlbeschreibungen“. Es braucht wohl noch viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Skandale, bis Facebook sein "soziales" Gewissen entdeckt. Man darf ja noch träumen…

 

Ein Kommentar von Paul Eschenhagen

 

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