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17. Oktober 2014
Berufsethik

Hilfe, ich habe ein zweites Standbein! (Es heißt Journalismus)

Noch ein Beitrag zu einer aktuellen Debatte


Kürzlich rief mich Valentin, mein Chef, mal ausnahmsweise wieder in sein Büro, und stellte mir einen aus der Zeit gefallen wirkenden Herrn vor (schwarzer Anzug, Aktentasche, Blackberry). "Alexander", meinte Valentin, "Du musst dringend auf Vitalij hören, weil er hat festgestellt, Du machst uns Probleme!"

"Probleme?!" Ich konnte es gar nicht fassen. Erst gerade hatte ich einige erfolgreiche Geschichten erledigt und rechnete eher mit einer Beförderung oder jedenfalls einem saftigen Bonus.

"Du bist ein Compliance-Problem", kreischte Valentin jetzt geradezu und fügte auf meinen fragenden Gesichtsausdruck noch hinzu, "Vitalij, erklären Sie ihm das doch!"

Vitalij räusperte sich und entnahm seiner Aktentasche einige Internet-Ausdrucke. "Also Alexander, Compliance ist so ein englischer Ausdruck und der meint im Grunde gutes Benehmen. Gutes Benehmen und Verhalten im Unternehmen. Dagegen haben Sie verstoßen, wir haben dafür Beweise!" Er drückte mir seine Papierstücke in die Hand, und ich erkannte, es waren einige journalistische Stücke und ziemlich viele Glossen, die ich in den letzten Monaten für so einige Netzmedien verfasst hatte.

"Aber das ist doch Journalismus!" rief ich, "das hat doch gar nichts mit unserer Firma zu tun!" (Ich muss dazu erläutern, dass meine Firma, bzw. die von Valentin, so im Wesentlichen mit Gas und Öl handelt, welches wir in der Regel von Ost nach West verkaufen. Namen tun jetzt keine Sache. Ich selbst leite die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Betriebs.)

"Genau ist das Problem!" insistierte Vitalij. "Sie sollten damit aufhören. Sie kompromittieren unser Geschäft. Wir verlieren die Glaubwürdigkeit bei unseren Kunden, wenn die mitbekommen, dass Sie im Journalismus aktiv sind!"

"Aber ein zweites Standbein macht doch Sinn! Erstens einmal kann ich damit ziemlich einfach einiges an Geld verdienen, außerdem macht es mir sogar einmal Freude zu sehen, dass meine Arbeit auch geschätzt wird. Hier, in so einer großen Firma, hört man doch eigentlich nie so etwas wie Lob!" protestierte ich. "Außerdem muss man sich heutzutage bemühen, eine eigene Marke zu werden, auch außerhalb der Firma, um sich Karriere-Chancen zu bewahren!"

"Alexander, ich weiß, dass Du auf eine Gehaltserhöhung aus bist und schätze Deine Verhandlungstaktik", knurrte Valentin, "aber wir haben einen Ruf zu verlieren!"

"Sie müssen doch sehen, dass uns doch keiner mehr ernst nimmt, wenn sich herausstellt, dass unsere Abteilungsleiter Journalismus betreiben", insistierte Vitalij.

"Ich achte aber auf Abgrenzung. Ich schreibe nie über Gas oder Öl, weder über unsere Share- noch Stakeholder, nicht über Außenpolitik und ganz bestimmt nicht über die Innenpolitik in unserem Heimatland", protestierte ich noch einmal, ahnend, dass es vergeblich sein würde.

"Alexander, das Compliance-Problem liegt gerade darin, dass Du Journalismus betreibst. Jeder weiß doch, dass das ein No-Go ist. Niemand, der etwas auf sich hält, macht noch Journalismus. Das ist doch nur noch unappetitlich. Man schreibt und schreibt, bekommt wenig Geld und bewirkt so gut wie gar nichts. Die Welt wird durch Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bewegt, durch Firmen und Verbände, Politik und Staat! Wenn Du bekannt werden willst, dann richte doch so einen Firmen-Newsroom ein, so wie beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft. Die haben verstanden, wie es läuft!" Valentin bebte geradezu.

"Und aus diesem Grund unterbreiten wir Ihnen den Vorschlag, dass Sie von jetzt an neben Ihren normalen Aufgaben in Ihrer bisherigen Freizeit für unser hauseigenes Corporate-Publishing-Produkt 'Gas-Öl-Wohlstand' arbeiten", surrte Vitalij und schob mir ein kleines Stück Papier herüber, auf dem eine kurze vertragliche Vereinbarung stand - und ein hübscher kleiner Zusatzbetrag zu meinem bisherigen Gehalt.

"Corporate Publishing, ja das ist im Grunde ja ohnehin der bessere Journalismus, jedenfalls einer mit ordentlicher Geschäftsgrundlage", schoss es mir zielgenau durch den Kopf und ich unterzeichnete.

PS: Übrigens, ganz unter uns: Sollten Sie selbst mal eine journalistische Geschichte für mein neues Magazin haben, melden Sie sich ruhig. Ich schmuggele das dann schon rein. Soll ja niemand sagen, ich wäre komplett aus der Szene raus.


Ihr

Alexander Alexandrowitsch Blog


PS Nr.2: Es gibt übrigens gerade beim NDR eine ganz umgekehrte Debatte, siehe dazu dort.


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