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16. Januar 2019
Berufsberatung

Intendanz bei RTDeutsch?

Unser Dauer-Autor Alexander Alexandrowitsch Blog berichtet wieder einmal aus dem wahren journalistischen Alltag [Achtung: Satire!*]
Ein Karikatur einer Person, die mit erhobenen Zeigefinger sagt: Warum nicht für den Sender RT arbeiten? Schummeln tut doch jeder mal. Darunter der Hinweis: "Neu: Journalistische Relativitätstheorie

Kürzlich bekam ich einen kuriosen Anruf. Es war Thorsten (Name geändert). Er war früher Politiker in Deutschland und arbeitet jetzt erfolgreich in Russland, im Ölgeschäft. „Mensch, Alexander“, meldete er sich mit seinem typisch hannöverschen Akzent, „Du bist doch immer so ein Medienmensch gewesen. Kannst Du Dir vorstellen, Intendant eines Senders zu werden?“

Intendant? Mir verschlug es die Sprache. Man hat ja allerhand in seinem Leben gemacht: billige Aushilfsjobs als Student, miese Assistentenstellen an der Uni, unterbezahlte Redakteursstellen und die dauerhaft schäbig bezahlte freie Mitarbeit in den Medien. Aber jetzt plötzlich eine Intendanz?

Thorsten wartete gar nicht auf meine Reaktion. „Meine Kontakte hier wünschen sich eine Person mit der notwendigen Erfahrung. Dem vor allem vertraut werden kann. Und da habe ich gesagt: ich traue nur einem einzigen Journalisten in Deutschland, und das ist der Alexander!“

Welchen Sender meinte er denn? Das ZDF, oder die ARD? Nein, die ARD hatte ja wohl gar keinen Intendanten, sondern bestand aus mehreren Sendern..., hach, war das alles kompliziert. Ich grübelte, aber musste gar nicht fragen, denn Thorsten ist ja im Prinzip eine One-Man-Show und braucht keinen Input von anderen.

„Die Stelle wäre beim neuen TV-Sender RTDeutsch. Der geht in Kürze auf Sendung. Zur Zeit machen einige andere Leute gerade so das Technische klar, also Rechtsfragen und so, aber dann geht es blitzschnell.“

„RTDeutsch, Thorsten? Meinst Du, so etwas von Russland finanziertes wie RussiaToday beziehungsweise RT oder RTFrance, RT en Espanol?“ Mir kam das Angebot jetzt plötzlich nicht mehr ganz so prickelnd vor.

„Alexander, ich weiß, ich weiß, hör erst mal zu. Das ist die Chance. Du bekommst den Sender und kannst ihn selbst auf- und ausbauen. Machen, was Du willst: Dokumentationen, Interviews, Kommentare. Und so richtig heftig, so dass es den Mächtigen so richtig an den Ohren rüttelt. Die Brüder brauchen das doch, dass einer wie Du denen mal die Leviten liest! Und dass die Leuten dann auf die Straßen gehen, so wie die Gelben Westen in Frankreich!“

„Ich kann machen, was ich will?“

„Lass es knallen! Es soll die Leute zum Kochen bringen, Krawall und so. Du bekommst einen Millionen-Etat und kannst einstellen, wen Du willst! Die besten Rechercheure, Teams, Leute, die so wallraff-mäßig unterwegs sind! Moderatorinnen und Moderatoren, die richtig hart an die Leute rangehen! Und vor allem“, Thorsten machte eine Pause, „Du bekommst natürlich ein ordentliches Gehalt. 500.000 Euro, die Hälfte gleich als Vorschuss!“

„500.000?“ Mir blieb fast die Luft weg.

„600.000 geht auch!“ rief Thorsten, er hatte meine gepresste Rückfrage wohl als Protest empfunden.

Mir wurde schon schwindelig. So viel Kohle, aber es war halt auch RT! Putins Sender!

„Thorsten, ich habe damit aber Probleme. Bei so einem Sender kann ich doch nicht journalistisch neutral arbeiten. Ich meine, über Korruption in Russland kann ich dann wohl gar nicht berichten, also solche Geschichten wie von diesem Korruptionskritiker Navalny, der immer solche kritischen Filme ins Netz stellt? Ich meine, so über die prächtigen Villen von Leuten aus der Umgebung von Putin und solche Storys. Oder so etwas über die Demonstrationen der Menschen in Russland gegen die Rentenreform kürzlich?“

Thorsten schien ganz unbeeindruckt von meinem Einwand: „Du kannst journalistisch ganz neutral berichten über alles, das nichts mit Russlands Regierung zu tun hast. Russland ist ja im Prinzip nur ein ganz kleiner Fleck auf der Erde, weniger als 3 Prozent der Weltbevölkerung. Über die restlichen 97 Prozent der Welt kannst Du herfallen, wie es Dir gefällt. Wobei China, die lässt Du eher auch ein wenig in Ruhe!“

„Aber ich hätte da schon Probleme mit meiner journalistischen Ethik...“

Thorsten kam jetzt erst richtig in Fahrt: „Wo gibt es denn einen einzigen Sender in Deutschland, der nicht irgendwelche Reservate für seine Berichterstattung hat? Die im Ausland nimmt man immer richtig dran, aber bei der eigenen Landes- oder Bundesregierung haben die Redaktionen Seidentatzen! Ausländische Politiker werden in Interviews vor sich hergetrieben, bei den inländischen Politfritzen dürfen es allenfalls einige neckische Fragen sein. Und wer sich nicht dran hält, bekommt gleich nach der Sendung einen Anruf aus der Intendanz oder gleich aus dem Büro des Ministerpräsidenten oder auch mal von einer befreundeten ausländischen Botschaft. Das weißt Du doch!“

„Da hast Du natürlich Recht, da nimmt man schon auch ein wenig Rücksicht“, grübelte ich. „Aber nehmen wir mal an, ich würde das ja nicht gerade unattraktive Angebot annehmen, damit wäre ich doch bei den Berufskollegen verbrannt! Einmal bei RT gearbeitet, da ist man für immer diskreditiert!“

„Ganz im Gegenteil“, prustete Thorsten, „ist ganz umgekehrt! Nimm meinen eigenen Fall: erst haben alle meine Bekannten sich ausgekotzt, was macht der denn für Russland, aber dann, nach kurzer Zeit, so auf Partys oder Bahnhöfen, kommen sie mit großen Augen an und fragen, wie ist das denn so mit den Russen, mit dem Putin, mit dem Geld und einigen anderen Dingen. Und wenn sie dann weitergehen, drehen sie sich noch einmal um und flüstern: mir imponiert das, dass Sie sich so etwas zutrauen! Das Spiel mit dem Feuer, was Neues, Spannendes!“

Er setzte noch einen drauf: „Und wenn es dann doch mal nicht mehr passen sollte, dann hörst Du mit einem Schlag auf, hast Dein Geld natürlich im Westen, und dann schreibst Du ein Buch, wie schlimm es eigentlich bei RT war, und das wird ein Kassenschlager, noch mal kassierst Du Geld, tingelst Du durch die Talkshows und Volkshochschulen, und – zack! – vergibt Dir die Mediengesellschaft, und Du bist als reuiger Sünder wieder integriert, und bist zudem steinreich!“

Ich weiß nicht wie, aber plötzlich war ich überzeugt. Es war im Prinzip risikolos, ein einziges Abenteuer: einerseits Geldverdienen ohne Ende, andererseits im Prinzip eine Art Undercover-Reportage, sozusagen Wallraff auf etwas höherem Niveau. Einverstanden!

Ich wollte schon einschlagen, nur war das ganze ja ein Telefonat, einfach einschlagen ging ja nicht, und gerade als ich nun mein Einverstanden murmeln wollte, kamen mir schon wieder Zweifel.

„Thorsten, es gibt da vielleicht doch noch so ein Problem.“

„Das wäre? Das Geld? Es können auch 700.000 sein!“

Natürlich war es nicht das Geld, aber so dumm, das direkt zu sagen, war ich nun auch nicht.

„Nein, ich meine ja, auch. Also danke für die 700.000. Aber da ist noch ein weiteres Ding: ich habe gehört, dass die Chefredakteurin von RT immer so eine Redaktionskonferenz macht mit den Verantwortlichen ihrer Sender...“

„Aber Alexander! Eine Redaktionskonferenz mit gewissen Vorgaben, wie die Nachrichtenlage am Tage so aussieht, was so im Fokus stehen soll, das ist doch in Medien ganz normal! Gibt es doch auch in den normalen Sendeanstalten, da wird doch genauso festgelegt, was Thema sein soll und was nicht...“

„Das meine ich gar nicht, Thorsten. Eine Festlegung der Themen des Tages, kein Problem. Nur glaube ich, dass die Uhrzeit in Moskau immer zwei Stunden vor der deutschen Zeit liegt.“

„Alexander, ich verstehe noch nicht ganz, worauf Du hinauswillst.“

„Wenn die Themenkonferenz um 11 Uhr haben, heißt das ja, dass ich dann schon um 9 Uhr da sein muss. Das heißt, um 7 Uhr oder spätestens 7.30 Uhr aufstehen!“

„Und, Alexander?“

„Aber Thorsten, Du kennst mich doch! Ich bin ein echter Medienmensch, ich kann vor 10 Uhr morgens gar nicht klar denken, geschweige denn halbwegs in Bewegung kommen! Könnten die nicht ihre Konferenz ein wenig nach hinten verschieben? Vielleicht so 14 Uhr Moskau, macht 12 Uhr Deutschland, da wäre ich wach.“

„Alexander, das ist doch viel zu spät“, protestierte Thorsten jetzt mit plötzlich harter Stimme. Wenn die es überhaupt erst um 11 Uhr machen, ist das schon spät, aber 14 Uhr, ausgeschlossen!“

In mir versteifte sich etwas. Ich merkte, wie ein richtiger Groll in mir aufstieg. Sollte ich mich verändern, sollte ich meine Prinzipien über Bord werfen? Nur damit eine autoritäre Zeitregelung zur Geltung käme? Was für eine unverschämte Diktatur!

„Thorsten, ich lehne dieses scheinbare Angebot ab. Hier wird verlangt, dass ich alle meine Prinzipien verrate! Ich soll mich einem autoritären Zeitregime beugen, und das alles nur des Geldes wegen! Das ist unethisch, eine Selbstverleugnung, ein Irrweg! Mit einem solchen Regime will ich nichts zu tun haben! Ich werde es nicht tun!“

Ich wartete die Antwort von Thorsten gar nicht erst ab, sondern knallte den Hörer in die Gabel (gut, an dieser Stelle ist die literarische Darstellung etwas überzogen, in Wirklichkeit drückte ich erbost auf die rote Telefon-Taste meines Handys, so dass das Display leicht knackte).

Ich trat an das Zimmerfenster und starrte wütend, aber auch erleichtert auf den Hinterhof meines Mietshauses.

Ich war nicht korrupt, dachte ich stolz. Ich stand für meine Prinzipien. Man macht nicht alles für Geld. Auch nicht als Journalist.



Eine wohl wieder einmal von Experten als Fake News einzustufende Live-Reportage bzw. ein aus forensischer Sicht mutmaßlich nur zusammenfabulierter Selbsterfahrungsbericht von Alexander Alexandrowitsch Blog**

 

*Der Hinweis auf das Vorliegen einer Satire ist leider erforderlich, da einige unserer treuesten Leser sehr ernste Menschen sind und das ansonsten nicht so richtig einordnen können, wie wir bereits auf Grund einer Rückmeldung in den so genannten "Sozialen Medien" erfahren durften.

**Disclaimer: Unser Autor hat (kürzeste) Teile seiner Jugend in Leningrad verbracht und ist gelegentlich, vor allem Freitags spät Nachmittags im Lesebereich der Buchhandlung "Сон Гоголя" in Minsk anzutreffen, er sitzt dort im rechten Sessel, zur Linken eine große Tasse Kakao (durch den er einfach jeden zu ziehen pflegt). Er schaut als eine Person, die unterschiedliche Sichtweisen zu schätzen pflegt, täglich RTR Planeta, RT, RTFrance, RT en Espanol sowie den besonders Kreml-kritischen Sender TNT (ТНТ). Der Name wurde zum Schutz seiner literarischen Integrität selbstverständlich geändert.

 

 


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