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06. November 2018
WDR

"System flächendeckender scheinselbständiger freier Mitarbeiterschaft" und weitere heftige Kritik

Ehemaliger freier Mitarbeiter erhebt heftige Vorwürfe


In einem Beitrag für die renommierte "Medienkorrespondenz" rechnet der Hochschulprofessor Horst Haarkötter jetzt mit der Beschäftigungspraxis der Sendeanstalt ab.

Anlass ist die Veröffentlichung des Abschlussberichtes mit den Ergebnissen ihrer Untersuchungen zu den Fällen sexueller Belästigung im WDR, der am 12. September 2018 von der SPD-Politikerin, Ex-Europakommissarin und langjährigen Gewerkschaftsführerin Monika Wulf-Mathies vorgelegt wurde. Diesem Bericht gegenüber erhebt Haarkötter nun den Vorwurf, dass dieser nur von einzelnen Problemfällen ausgehe und die wahre Lage an der Anstalt verkannt werde.

Haarkötter war selbst lange Jahre im WDR als freier Mitarbeiter und beansprucht damit besondere Authenzitität für seine Aussagen. Der WDR betreibe seinen Aussagen zufolge ein "System flächendeckender scheinselbständiger freier Mitarbeiterschaft". Redakteure seien journalistisch kaum tätig und zeigten sich bei Drehs vor Ort nur dann, wenn es um attraktive Auslandseinsätze gehe. Festangestellte Redaktionsleiter würden ihre Machtpositionen dazu nutzen, um Bekannte einzusetzen.

Eine Stellungnahme des Senders oder des Personalrates zu diesen Vorwürfen liegt derzeit noch nicht vor, die Veröffentlichung ist schließlich noch ganz frisch. Eine spontane Nachfrage bei einigen - allerdings wenigen - WDR-Freien hat bisher gezeigt, dass diese signalisieren, dass sie "glauben, dass an den Vorwürfen von Haarkötter einiges dran sein könne". Konkreteres können wir an dieser Stelle allerdings derzeit nicht berichten.

DJV-Mitglieder haben natürlich die Möglichkeit, den Rechtsschutz ihres Landesverbandes anzusprechen, wenn sie in dieser Frage rechtlich vorgehen wollen. Wer über Vorfälle berichten will, ohne schon an rechtliche Schritte zu denken, sollte sich an geeignete Ansprechpartner im Betrieb wenden. Zur Erinnerung: der DJV hat selbst freie Mitarbeiter im WDR-Personalrat, Stephanie Funk-Hajdamowicz und Frank Stach. Mehr zur Betriebsgruppe (auch die Sprechzeiten) findet sich hier auf den Seiten des DJV-NRW. Betroffene sollten natürlich auch prüfen, ob sie Beratungsstellen außerhalb des Senders ansprechen wollen wie etwa das "Hilfetelefon". Der DJV-Verbandstag 2018 hat sich zudem für die Einrichtung von speziell auf die Problematik sexueller Belästigung ausgerichteten Stellen in Medienhäusern ausgesprochen.

Was den generellen Umgang mit freier Mitarbeit im WDR angeht, ist mit einem schnellen Wechsel der Mitarbeiterpolitik derzeit wohl nicht zu rechnen. Kritik an der massenweisen Arbeit mit Freien ist nicht neu, doch der Sender steht selbst unter der Kuratel von Politikern, die ständig Stellenabbau fordern. Insofern braucht es einen Politikwechsel außerhalb des Senders, mit einem Bekenntnis zur Einrichtung von erheblich mehr Stellen, bevor in der Anstalt selbst etwas passieren kann.

In Österreich ist das vor Jahren einmal gelungen. Hier wurden beim ORF über 1.000 freie Mitarbeiter/innen zu Angestellten gemacht. Vielleicht demnächst ein Szenario für den WDR? Das ist nicht so sicher: entgegen allen Annahmen gibt es recht viele Freie am WDR,  die diesen "Status" durchaus praktisch finden und niemals angestellt sein wollen. Damit ist das "Österreich-Szenario" eher unwahrscheinlich.


Michael Hirschler, hir@djv.de


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