Deutscher Journalisten-Verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

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Claas Relotius

Strukturen statt Psyche

02.06.2021

Claas Relotius hat sein Schweigen gebrochen und im Interview ausführlich über seine Fälschungen gesprochen. Offensichtlich war er seit Langem psychisch krank, als er keine Grenzen mehr kannte zwischen Fakten und Erfindung. Unbegreiflich, dass ihn beim Spiegel niemand stoppte.

Der Spiegel: Affäre aufgearbeitet. Foto: Anna-Maria Wagner

Zweieinhalb Jahre brauchte der frühere Spiegel-Reporter Claas Relotius, um öffentlich über sein Handeln, über seine erfundenen Reportagen Auskunft zu geben. Das hat er nun nachgeholt - ausführlich, schonungslos, reuevoll. Das Schweizer Magazin Reportagen hat mit ihm gesprochen. Das Resultat ist lesenswert, denn Relotius schont sich nicht, versucht nicht um Mitleid zu betteln. Dass seine Fälschungen Wasser auf die Mühlen all derer waren, die damals den "Lügenpresse"-Slogan brüllten, ist ihm klar geworden, tut ihm leid.

Aber auch wenn die Fälschungen den Begriff "Affäre Relotius" bekommen haben und ausschließlich in seinem Kopf entstanden sind, bleibt die Frage nach den Strukturen durch das Interview unbeantwortet, die ihm erst die Möglichkeiten verschafft haben, Dichtung und Wahrheit beliebig auszutauschen und einem Millionenpublikum zu präsentieren. Der Spiegel hat externe Profis mit der Aufarbeitung der Affäre beauftragt und deren Ergebnisse öffentlich gemacht. Das war gut und notwendig. Aber hat das Magazin nachhaltig dafür gesorgt, dass es keinen zweiten Relotius mehr geben kann? Und was ist mit allen anderen Medien? Haben sie die nötigen Vorkehrungen getroffen?

Diese Fragen sollte sich in diesen Tagen jeder Redaktionsverantwortliche nach Lektüre des Relotius-Interviews stellen. Denn die Vorurteile gegen Medien und den Journalismus sind durch die Querdenken-Bewegung eher größer als geringer geworden.

Ein Kommentar von Hendrik Zörner

 

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