Deutscher Journalisten-Verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

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Medienunfall von Solingen

Vertrauen zurückgewinnen

07.09.2020

Die Berichterstattung in Boulevardmedien über die Tragödie von Solingen hat bundesweit Empörung ausgelöst.

BILD-Bericht über Solingen: nach Protesten zurückgezogen. Screenshot: Tagesspiegel

Unter anderem BILD berichtete über die Bluttat, bei der eine Mutter fünf Kinder tötete. Die Zeitung veröffentlichte dabei auch private Chat-Nachrichten des überlebenden Kindes sowie Zitate aus einem Telefonat mit seinem Schulkameraden. Mittlerweile sind deswegen mehr als 50 Beschwerden beim Deutschen Presserat eingegangen. In sogenannten Sozialen Netzwerken hat es einen Sturm der Entrüstung gegeben. Das Medien-Watchblog "BildBlog" hat als eines der ersten auf den Medienzwischenfall aufmerksam gemacht. BILD hat nun den betroffenen Artikel zurückgezogen.

Diese Entscheidung ist richtig – und kommt vielleicht gerade noch rechtzeitig. Die Veröffentlichung privater Nachrichten eines traumatisierten Kindes war ein grober Fehler. Dieser schwerwiegende Eingriff in die Persönlichkeitsrechte war nicht durch öffentliches Interesse zu rechtfertigen, auch ergeben sich aus der Berichterstattung keine Erkenntnisse, die die Tat einordnen oder aufklären. Im Gegenteil: Die Veröffentlichung hat womöglich der Reputation von Journalistinnen und Journalisten in Deutschland geschadet.

Sicher: Boulevard-Journalismus hat seine Berechtigung – und wird sogar gebraucht. Emotionale Reaktionen auf Ereignisse in der Gesellschaft aufgreifen und spiegeln, erklären und einordnen – ­­das hat Relevanz und zu Recht Tradition in jenen Medien, die diese Spielart des Journalismus erfolgreich betreiben. Doch auch und gerade wer ganz nah dran ist an dem, was „auf der Straße“ gesagt, gemeint und gedacht wird, muss sich an Regeln halten. Die journalistischen Standards des Pressekodex sind keine bloßen Empfehlungen. Sie legen vielmehr fest, in welchem Rahmen sich professioneller Journalismus abspielt. Boulevard-Journalismus hat nur eine Zukunft, wenn er sich von der Selbstbespiegelung mit vorgefestigten Meinungen in den Echokammern der virtuellen und realen Welt abgrenzt und einen aufklärerischen Mehrwehrt durch journalistisches Handwerk bietet. Das Zurückziehen des Artikels war nicht nur medienethisch geboten, sondern auch im Interesse der Zeitung selbst.

Zu Recht sehen wohl viele Leserinnen und Leser mehrere Ziffern des Pressekodex verletzt. Unter anderem Ziffer acht, die den Schutz der Persönlichkeit regelt; auch ein Verstoß gegen Ziffer elf, die sich der Sensationsberichterstattung widmet, könnte vorliegen. Der Presserat wird nun sorgfältig und unabhängig prüfen. Etliche Nutzerinnen und Nutzer hatten am Wochenende in Zweifel gezogen, ob eine Beschwerde beim Presserat überhaupt sinnvoll sei. Schließlich hagele es gegen manche Medien eine Rüge nach der anderen, ohne dass sich grundlegend etwas ändere. Doch der Presserat ist weder zahnloser Tiger noch Zensor. Er leistet wertvolle Arbeit als Gremium der Selbstkontrolle. Indem er deutlich macht, was journalistisch sauber ist und was nicht. Eine Selbstkontrolle, die Qualitätsmerkmale aufzeigt und deren Einhaltung kontrolliert und ermahnt, ohne die Freiheiten von Artikel fünf des Grundgesetzes einzuengen, der die Presse- und Meinungsfreiheit garantiert.

Skeptiker müssen nun zugeben: Die Reaktion der BILD-Redaktion zeigt, dass der Protest durchaus Wirkung hat, dass Medien und Journalistinnen und Journalisten durchaus Fehler machen, diese aber auch beheben können. Und sie müssen sich in ihrer – wohl gerechtfertigten – Wut an das halten, was sie von Boulevard-Medien ebenfalls zu Recht erwarten: das unabhängige Urteil des Presserats abzuwarten. Er wird nüchtern eine Einordnung bieten, wie dieser Medienunfall von Solingen rückblickend zu bewerten ist. Und er wird einen Ausblick geben, wie Journalistinnen und Journalisten in ihrer täglichen Arbeit dafür sorgen können, dass er sich nicht wiederholt. Nur durch eine saubere Aufarbeitung kann es diesem Berufstand gelingen, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Ein Kommentar von Mika Beuster

 

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