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Journalismus auf Rezept

12.09.2018

Dänemark macht´s vor

Dänische Wissenschaftler haben kürzlich nachgewiesen, dass der Konsum von Kultur zur Gesundheit beiträgt. Patienten mit psychischen Problemen konnten zwölf Wochen lang kulturelle Angebote kostenlos nutzen. Das hatte positive Auswirkungen auf ihren Gemütszustand, meldet heute die Zeitung mit dem klugen Kopf in ihrer Beilage „Natur und Wissenschaft“.

Woraufhin wir uns den Vorschlag erlauben, doch auch einmal den Journalismus auf Rezept einzuführen. Zwölf Wochen kostenloser Mediengenuss, und schon ginge es Leuten mit Dachschaden deutlich besser!

Zwölf Wochen nicht mehr gequältes Vorübergehen an den überladenen Zeitungskiosken voller bunter Bilder und praller Geschichten, sondern hinein, sich frei bedienen und rauf und runter lesen, von „Stern“ über „Spiegel“ zur „Bunte“ oder gleich zu „Beef“, und natürlich jeden Tag „Bild“, „NZZ“, „New York Times“, und weil man wissen will, wie es um die Weltrevolution steht, täglich auch das „neue deutschland“ oder besser noch die „junge Welt“, oder einfach beides, kost‘ ja nichts. Natürlich würden wir uns erlauben, auch das ganze eklige Zeug solcher Medien zu lesen, über deren Meinungen man nur mit den Augen rollen kann,  was aber bekanntlich aber auch Spaß machen kann, vor allem dann, wenn es nichts kostet.

Außerdem würden wir in die Welt der Spezial-Interessen-Magazine abgleiten und endlich einmal erfahren, wie heutzutage das Wohnzimmer, das TV-Zimmer oder auch das eigene Motorrad auszustatten sind. Von den Automobil-Magazinen und deren mobilen Glücksversprechen einmal abgesehen. Natürlich ahnen Sie aber, von welcher Art Presse wir täglich 20 Exemplare nach Hause tragen würden: die „Gelbe Post“ und andere Publikationen, die uns über den Gemütszustand des europäischen Hochadels aufklären! Unser Heim würde im Journalismus untergehen.

Echte Medien aus Glanzpapier, mit schmeichelnder Haptik an den Fingern und schwer in der Hand liegend: oldschool total. Nicht dieses ganze von jedermann anklickbare Online-Gedöns mit der Filterblase und dem Social-Media-Gruppen-Stress und Rückkanal, sondern privatisierter Einwegjournalismus mit Preisschild drauf. Was wäre das für ein Vergnügen.

Wir dürfen schon heute prognostizieren: das Ergebnis wäre wunderbar. Unmittelbare Gesundheitseffekte wären mit den Händen zu greifen. Zufriedenheitseffekte besser als bei jedem Like auf Facebook. Der Gesundheitsminister, der bereits bei den Organen so kreativ nach vorne denkt, sollte sich auch hierfür einsetzen: kostenloser Journalismus für Kassenpatienten.

Es ist anzunehmen, dass die privaten Krankenversicherer, um konkurrenzfähig zu bleiben, dann sogar ein kostenloses Sky- oder Netflix-Abonnement für Privatpatienten offerieren würden.

Ohne Zweifel würden auch der Journalismus und die Medienwirtschaft selbst profitieren!

Nun stellt sich die Frage, wer allerdings leistungsberechtigt wäre. Nur Personen mit psychiatrischer Diagnose? Müssen wir alle zum Psychiater, um kostenlosen Qualitätsjournalismus zu erhalten? Welche Vorstellung!

Hier lautet unser Vorschlag: Leistungsberechtigt ist jedermann, der nachweislich zu lange in einer digitalen Filterblase unterwegs war und authentischen Hass nachweisen kann. Was für Hass und auf wen, einerlei. Der eine hasst Fleischfresser, der andere jeden, der nicht aus Berlin stammt. Dieser verflucht die liberale Weltordnung, jener sieht sich von Revoluzzern verfolgt. Der eine erwartet den baldigen Klima-Untergang und hasst alle Autofahrer, der andere will schnell fahren und liest gerne Kurzmeldungen mit Hass gegen Radfahrer jeder Art.

Natürlich müssen wir verhindern, dass unsere Patienten dann nur solche Kaufmedien konsumieren, die ihren Hass noch verstärken. Am besten wäre dazu eine Art Payback-Karte, mit der die Art des Medienkonsums erfasst und damit auch dem ärztlichen Feedback unterliegen würde. So dass der Arzt beispielsweise bemerken könnte: „Sie lesen auffällig viel NZZ. Das ist doch recht schweizerisch. Sie wissen schon, dass man das Glück eher zuhause findet. Kennen Sie eigentlich die Zeitung mit dem klugen Kopf?“, oder ähnlich in der Art. Natürlich ist es Sache der Ärzte, darüber zu entscheiden, was sie zu sagen haben, dennoch sollten auch Ärzte schon ein gewisses Lobbying für den (Medien-)Standort Deutschland machen und zugleich auf den Mittelweg achten.

Das Hauptproblem ist natürlich, wenn die zwölf Wochen vorbei sind. Entzugserscheinungen sind programmiert, und bei manchem könnte sich zum Hass auf andere Personen jeder Art auch noch Hass auf den Journalismus entwickeln, weil er nach dem Ende der zwölf Wochen wieder richtig kostet! Nun werden Sie sagen: Hass auf den Journalismus, das ist doch anders als anderer Hass normal und insofern kein Problem. Wir sehen das anders: den Journalismus dürfen nur Journalisten selbst hassen (wohlgemerkt den Journalismus der Konkurrenz), alle anderen gehören in diesem Fall zum Psychiater bzw. zum Kassenarzt. Kurzum: wir brauchen den kostenlosen Journalismus als Dauerleistung für alle! Zumindest für die, welche hassen oder einmal gehasst haben! (Außer für Journalisten und Literaten, die hassen bekanntlich nur von Berufs wegen und meinen es eigentlich gar nicht so.)

Damit wäre dann auch die Präsenz von Journalisten auf den Demonstrationen der Wutbürger kein Problem mehr. Kaum würde jemand hasserfüllte Reden halten, könnte man gleich ein kostenloses Medien-Abo überreichen, was sicherlich deeskalierend wirken würde. Bei größeren Zusammenrottungen könnte die Polizei solche Rezepte auch einfach vom Hubschrauber auf die Menschen herabwerfen.

Herr Spahn, übernehmen Sie!



Ihr Alexander Alexandrowitsch Blog

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Freiberuflicher Journalismus

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