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Lebenslügen

Das Internet ist wieder mal kaputt

13.01.2014

Der klügste Kopf der deutschen Netzgemeinde, Sascha Lobo, ist vom Internet enttäuscht.

Jeder Boom kennt seinen Crash, jede Revolte ihre Selbstzerfleischung. Der oberste deutsche Netz-Erklärer Sascha Lobo rechnet in der Sonntags-FAZ, einem wirtschaftlich erfolgreichen Printmedium, mit seinem Glauben an das Internet ab (nachträglich auch online erschienen). Ganz im Duktus von Alt-68ern, die mit der Abrechnung ihrer gescheiterten Träume ein jahrzehntelang funktionierendes Geschäfts- und Politikmodell entwickeln konnten. Sascha Lobo als Wiedergänger von Daniel Cohn-Bendit - von der Haarfarbe könnte es einigermaßen passen. Offen scheint dabei nur noch, ob die Wende zur Kritik der Utopie wie bei einigen 68ern (bzw. ihren Kindern) auch noch zu einem radikalen Rechtsdrall führt und Sascha Lobo demnächst zum Innenminister mutieren und den Otto Schily spielen wird.

Im Gegensatz zu den mitunter psychoanalytisch gewirkten Selbstanalysen der 68er wirkt der Beitrag von Lobo freilich nicht wirklich analytisch, sondern fast ein wenig weinerlich. Die Netzgemeinde, ungefähr 30.000 verdiente Aktivisten, hätten vieles unternommen, aber vom großen Kuchen in Wirtschaft und Politik wenig oder gar nichts abbekommen. Ob damit (auch) die Niederlage der Piratenpartei bei der Bundestagswahl gemeint ist, bleibt offen. Zumindest ein kleines Ämtlein für einen der vielen Mitstreiter hätte sich Lobo offensichtlich gewünscht. Dabei nennt er Initiativen wie die "D64" oder Lobbykreise wie "Digitale Gesellschaft" nicht einmal mit Namen, aus deren Kaderreserve die Politik nach seiner Meinung vermutlich hätte schöpfen sollen.

Schlimm findet Lobo die Überwachung durch die NSA und sonstige Firmen, die er offenbar zum ersten Mal im Zusammenhang mit den Enthüllung des Whistleblowers Edward Snowden wirklich zur Kenntnis genommen hat. Das vermeintliche Medium der Demokratie, der Emanzipation und der Selbstbefreiung (gemeint ist das Internet) entpuppe sich als Kontrollorgan von Politik und Wirtschaft. Die Netzgemeinde - und Lobo - selbst sei gekränkt worden, was seinen Ausführungen zufolge im Sinne von Siegmund Freud verstanden werden sollte. In Zukunft müsse anders mit dem Internet umgegangen werden.

Aufatmen. Also nicht etwa gar nicht mehr Internet machen, sondern nur anders. Das Geschäfts- und Politikmodell der Netzgemeinde - und auch von Lobo - ist damit gerettet. Es soll nur noch anders über das Internet geredet werden, mit weniger Netzbegeisterung. Und die Parallele zu 68 wieder da. Egal was wir früher geredet haben, jetzt erklären wir allen lang und breit, wie schlimm es ist, dass wir uns geirrt haben und wie es besser geht. Die Netzgemeinde als Fall für die Psychoanalyse, klar. Auch viele Alt-68er haben entweder selbst auf Pychologie umgeschult (nachdem man sich ja schon mit der Massenpsychologie versucht hatte) oder wurden zu jahrelangen Kunden der Branche.

Mit voller Kraft voraus, mit dem Lehrstock in der Hand und ein klein wenig Asche auf dem Haupt - die Netzgemeinde bleibt so, wie wir sie lieben.


Michael Hirschler, hir@djv.de (@freie)

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