USA
Es ist fünf vor zwölf
Was seit der Ermordung von Charlie Kirk medial und politisch geschieht, ist heftig. Sehr heftig.
Es wird verharmlost, falsch eingeordnet, empört, spekuliert, dann wieder zurückgenommen. Noch vergangenes Wochenende hat Ingrid Brodnig bei „Besser Online“ dafür plädiert, dass journalistische Allrounder, wenn sie über Aufregerthemen schreiben, dringend die Expertise von Menschen einholen sollten, die diese Themenkomplexe betreuen und sie bis ins Detail kennen. Sie forderte einordnenden Erklärjournalismus.
Was jetzt passiert, ist das krasse Gegenteil. Ich bin weit entfernt davon, Expertin auf diesem Gebiet zu sein und maße mir deshalb auch nicht an, einen tiefer gehenden, im Detail analysierenden Fachartikel darüber zu schreiben. Doch jeder, der sich irgendwie für die Demokratie interessiert, sollte sich schon mal damit beschäftigt haben, was gerade in Amerika passiert, welche Narrative bewusst gestreut werden, welche Bewegungen welche Denkweise haben, wie manipuliert wird. Und erst recht dann, wenn er oder sie sich öffentlich darüber äußert. Das geschieht gerade leider viel zu wenig.
Annika Brockschmidt recherchiert und schreibt zum Beispiel seit Jahren und warnt vor der dramatischen rechten Entwicklung in Amerika. Sie ordnet permanent ein und erklärt und widerlegt falsche Behauptungen im Netz und wird dafür oft selbst genug brutal online angefeindet. „Charlie Kirk war nicht ‚rechtskonservativ‘. Er war in den letzten Jahren dem Spektrum des White Nationalism zuzuordnen, ein Faschist und offen rechtsextrem, hat gegen BPoC und LGBTQ Menschen gehetzt, ein radikaler Sexist obendrein. Man kann seine Ermordung verurteilen, ohne ihn zu verharmlosen“, schreibt sie und hat meine volle Zustimmung.
Auch der geschätzte Kollege Elmar Theveßen steht plötzlich im Kreuzfeuer und sieht sich mit einer Drohung des früheren US-Botschafters Richard Grenell konfrontiert. Der fordert nicht weniger, als dass der ZDF-Studioleiter sein Visum für die USA verliert, bezeichnet ihn als „Aufwiegler“ und beschuldigt ihn völlig zu Unrecht, zu Gewalt gegen Menschen aufzurufen, die politisch nicht seiner Meinung sind. Was für ein Irrsinn. Volle Solidarität für Elmar Theveßen sollte selbstverständlich sein. Gegen solche US-Drohgebärden muss entschieden vorgegangen werden – und zwar auch seitens der Politik. Wenn jetzt kein Handeln erfolgt, wird das fatale Folgen haben.
Wen interessiert, wie Charlie Kirk einzuordnen ist, sollte die Texte hinter folgenden Links lesen:
https://beritmiriam.substack.com/p/brainrot-morde-oder-wie-man-einen
https://www.garbageday.email/p/charlie-kirk-was-killed-by-a-meme
https://steady.page/de/brodnig/posts/1d3a3ad9-b853-43e9-8541-c1ed2c175c9a
oder folgenden Threat auf Bluesky:
https://bsky.app/profile/roterbaer.bsky.social/post/3lyqeizezd22a
Dass der mutmaßliche Täter, der Kirk erschoss, nicht politisch links einzuordnen ist, passt auch vielen nicht, deshalb werden krudeste Geschichten erfunden, um ihn nicht vielleicht doch noch dorthin zu rücken. Währenddessen repostet Elon Musk auf X eine Namensliste von Menschen, die angeblich abscheuliche Dinge über die Ermordung Kirks gesagt haben, inklusive ihrer Arbeitgeber. Eine Live-Hetzjagd im Netz.
Wenn wir jetzt nicht aufstehen, wird es schon bald zu spät sein. Für den Journalismus und die Demokratie.
Ein Kommentar von Ute Korinth