20 Jahre Besser Online
Dystopie, Dark Tech und ein bisschen Hoffnung
AI is a wonderful servant, but a terrible master. Wenn wir KI gezielt einsetzen, um einzelne Aufgaben zu lösen, kann sie ein wertvolles Werkzeug sein. Wenn wir die Tools unreflektiert und unreguliert nutzen, besteht die Gefahr, dass wir irgendwann die Kontrolle verlieren.
Das von mir abgewandelte Zitat von Alan Watts, der übrigens damals vom Denken und nicht von der KI sprach, beschreibt ganz gut die brisante Situation, in der wir uns gerade befinden.
Martin Andree warnt gar vor einer “Digitalokratie”, vorm Abbau des demokratischen Staates und der Herrschaft der digitalen Opinion Leader. Er nennt sie “Dark Tech”.
Dieses düstere Bild entwarf er bei “Besser Online”, der DJV-Digitalkonferenz für Journalist:innen. “Laut. Mutig. Unverzichtbar.” lautete das diesjährige Motto in der Villa Ida in Leipzig. Weil Journalismus in Zeiten brüllender Rechtspopulisten mit seriösen Geschichten dagegenhalten muss, weil das in Zeiten immer weiter steigender Anfeindungen Mut erfordert und weil guter Journalismus unverzichtbar ist, wenn Pressefreiheit und Demokratie bedroht sind.
20 Jahre gibt es diesen Kongress nun schon. Als 2005 die Idee zu “Besser Online” entstand, war Online-Journalismus oft noch eine Art Neben- oder Ergänzungsdisziplin. Die erste Ausgabe fand dann auch prompt im Schulzentrum Bonn-Tannenbusch statt, wo die Kolleg:innen damals buchstäblich die Schulbank drückten. Ziemliches Neuland, in dem diese “Online-Journalist:innen” in manchen Medienbetrieben als exotische Außenseiter:innen behandelt wurden. 2006 dann die Auferstehungskirche in Berlin - ein Ort mit Symbolkraft. Viele weitere tolle Stationen in verschiedenen Städten Deutschlands ̶ inklusive zwei Online-Ausgaben während der Corona-Zeit ̶ später, trafen sich in Leipzig Medienschaffende aus ganz Deutschland, um über KI, Pressefreiheit und die Zukunft des Journalismus zu diskutieren und zu netzwerken.
2025 steht nicht nur der Online-Journalismus auf der Kippe, sondern der gesamte Journalismus, und auch unsere Demokratie steht vor existenziellen Herausforderungen. Wo unabhängiger Journalismus zur Zielscheibe wird, wachsen Desinformation, Populismus und autoritäre Tendenzen. Und wo Journalist:innen nicht mehr gehört werden ̶ auch verhindert durch die Algorithmen der Big Tech ̶ verliert die Gesellschaft ihre Stimme.
Aber es gibt auch Hoffnung. Keynote-Speakerin Ingrid Brodnig, Expertin für die digitalen Auswirkungen von Digitalisierung und Debattenkultur, sieht einen Weg aus der Krise im Perspektivwechsel und in Erklärjournalismus. Worte mit Bedacht zu wählen, daran zu denken, dass nicht alle Menschen hinter die Paywall schauen können; und als Journalist:innen sorgfältig zu recherchieren und Expert:innen zu fragen, bevor Dinge missverständlich oder unfundiert veröffentlicht werden.
Tabea Rößner fordert eine rationale Debatte. Denn die sei wichtig für unsere Demokratie, damit wir frei unsere Meinung bilden können. “ Dafür ist es notwendig, aufklärend zu sein, einzuordnen. Da kommt dem Journalismus für die Zukunft noch eine viel größere Bedeutung zu”, sagt sie.
Jochen Wegner hingegen spricht von Ressourcen, von denen er nie zu träumen gewagt hätte. Sagt, er hätte nie gedacht, dass “das Digitale für Journalismus so relevant werden könnte”. “Die Zeit” hat so genannte “Digitaldirigent:innen”, die das gesamte digitale Angebot “denken”, und probiert zudem immer wieder neue Tools aus, setzt innovative Ideen um, verwirft aber auch wieder, wenn etwas nicht klappt. “Der Friedhof der abgeschafften Tools ist riesig”, sagt Wegner.
Das gesamte Programm von “Besser Online” ist noch hier einsehbar, ebenso alle Referent:innen, die dabei waren.
Der Kongress wurde organisiert vom Fachausschuss Online (Eva Werner, Frank Sonnenberg, Kilian Haller, Thomas Mrazek, Peter Jebsen, Alexandra Amanatidou, Marike Deitschung, Axel Wagner), Luciana Aguileira aus der Geschäftsstelle und Ute Korinth aus dem Bundesvorstand.
Auch im nächsten Jahr wird es „Besser Online“ wieder geben. Voraussichtlich am 5. September. Der Ort steht noch nicht fest.
Ein Kommentar von Ute Korinth