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Alltagsgeschichten

Der Sensenmann vor der Haustür – nein, Google war´s

10.05.2017

Es war eines Morgens, Frühling war´s, ein schöner Morgen eigentlich, die Sonne ging über dem Siebengebirge auf und warf durch den Nebel des Rheins sanfte Strahlen, da kam der Tod zu mir. Also dachte ich, der Tod. In Wirklichkeit war es Google. Aber besser alles in der richtigen Reihenfolge.


Ich war also bereit, diesen schönen Morgen mit einem sportlichen Morgenlauf zu beginnen, eine gute Methode, um die Gesundheit zu erhalten und gleichzeitig ermattet-erschöpft im Büro anzukommen, also in jenem Zustand, in dem sich ein guter Arbeitstag am besten beginnen lässt. Ich öffnete die Haustür, um zu meinem Auto zu schreiten, mit dem ich zum am Wald gelegenen Parkplatz fahren wollte, von dem ich meinen Lauf anzutreten pflegte.

Da stand jemand direkt vor der Türschwelle, nur vielleicht zwei Handbreit von mir entfernt. Mich traf der Schlag, wortwörtlich, denn da stand der Tod, beziehungsweise jemand, der genauso aussah, wie man es aus Romanen, Comic-Strips und der Werbung (welcher eigentlich?) kennt: eine hagere Figur in dunklem Umhang, mit einem Totenschädel und einer Sense in den knöchernen Händen. „Der Tod!“ rief ich und dachte: Er kommt wirklich unerwartet, wie man so sagt.

„Nein, nein!“, rief der vermeintliche Tod, „ich bin nicht der Tod!“ Aber wie um sich gleich wieder zu korrigieren, fügte er hastig hinzu: „Aber ich bin auch gekommen, um Sie mitzunehmen. Ich bin von Google!“ – „Google?“ stotterte ich, „Sie meinen, von der Suchmaschine?“ – „Genau!“, rief der Totenschädel und klopfte mehrmals mit der Sense auf den Boden, „wir haben Sie sozusagen gefunden!“

Ich war mir nicht sicher, ob der Tod nur mit mir scherzte oder ob der Typ wirklich von Google und einfach nur komplett verpeilt war: wer läuft denn mit einem Totenschädel durch die Gegend, außer es ist Karneval? „Selbstverständlich ist mir klar, dass ich ungewöhnlich wirke, so in meinem Outfit“, entschuldigte sich das Skelett, „aber in einem anderen Outfit lassen sich die Leute nicht mehr aufhalten. Komme ich im Anzug und mit ordentlich frisiertem Haar, stößt man mich beiseite, ‚keine Zeit, Termine drängen, kommen Sie morgen wieder‘. Verkleide ich mich als Schornsteinfeger, fast dieselben Ausreden, nicht einmal für einen sauberen Schornstein haben die Leute heute noch Zeit. Kürzlich kam ich in Polizeiuniform, nicht einmal davor haben die Menschen Respekt, drohen mir vielmehr gleich mit einer Disziplinarstrafe, weil ich mich ohne Durchsuchungsbefehl auf ihr Grundstück begeben hätte!“

„Was treibt Sie denn so herum, dass Sie sich so verkleiden müssen?“, fragte ich nach, während ich zugleich in mir die Wut steigen spürte, denn dieser Google-Typ hielt mich über Maßen von meinem Gesundheitslauf ab. „Wie der Name schon sagt, wir sind eine Suchmaschine. Um den Bürgern eine optimale Suche bieten zu können, benötigen wir Ihre Daten!“ – „Ja, und was hat das mit mir zu tun?“ – „Sie sind“, sagte der Totenschädel mit einem pedantischen Ton in der Stimme, „Sie sind uns auf Grund ihrer Suchanfragen als besonders neugieriger Journalist bekannt. Als jemand, der viel herumgekommen ist, viele Leute kennt und viel gelesen hat!“ – „Da möchten Sie mich jetzt interviewen? Für Google?“ – Mir wurde das Ganze immer blöder.

„Interview wäre zu kurz gegriffen. Wenn wir den Nutzern optimale Informationen bieten wollen, müssen wir mehr aus Ihnen herausholen. Ein Interview allein genügt da nicht!“ – „Was stellen Sie sich vor?“ – „Sehen Sie, wir von Google wollen das gesamte Weltwissen katalogisieren, ordnen und für jeden verfügbar machen. Das bedeutet, dass wir uns die besonders interessanten Personen unserer Zeit nehmen und ihre Daten erfassen müssen.“ – „Daten. Also Sie können gerne meinen Personalausweis und meine Geburtsurkunde haben.“ – „Das genügt nicht. Wir müssten da schon mehr haben. Ihre Innenansichten sozusagen, die geistige Struktur.“ – „Ich habe zahlreiche Artikel geschrieben, die kann ich Ihnen zusammenstellen. Sogar ein Buch, wenn auch nur im Selbstverlag. Und dann eine Menge Fotos. Sie haben ja ohnehin schon jetzt praktisch alle meine Internet-Artikel und alle von mir online gestellten Fotos in Ihrer Suchmaschine, übrigens ohne dafür jemals auch nur einen Cent zu bezahlen.“ – „Das genügt nicht“, sagte der hagere Google-Typ leise. – „Was denn noch?“ – „Wir bräuchten Ihren Kopf!“, meinte das Skelett und wies auf die Sense. „Wir möchten gerne Ihr Gehirn auslesen. Wir müssten es aus Ihrem Kopf herausholen, bevor es da drin abstirbt.“

„Mein Gehirn? Sie wagen es, mir an der Haustür vorzuschlagen, meinen Kopf abschlagen zu lassen, damit Sie mein Gehirn auslesen können? Das nennt man Mordabsicht!“ – „Wir sind eine Suchmaschine, ich muss mich wirklich gegen Sie verwahren!“ rief der Totenschädel. „Werfen Sie uns nicht mit gewöhnlichen Kriminellen in eine Schublade!“ – „Wieso sollte Ihre Suchaktion nach Gehirnen nicht ganz schlicht als Mord gewertet werden“, beharrte ich hartnäckig. Der finstere Gast schüttelte den Kopf: „Weil wir keine niederen Absichten haben. Außerdem sind wir als Suchmaschine rechtlich privilegiert. Ihnen mag es ja als Tötung Ihrer eigenen Person vorkommen, aber objektiv wird dadurch das Weltwissen gesteigert. Die Allgemeinheit profitiert davon ungemein, wie könnte man das als Mord abkanzeln? Wie egoistisch von Ihnen, nur an sich zu denken und nicht an die tollen Möglichkeiten, die unsere Suchmaschine der Menschheit bietet. Welche großartigen Chancen, sich auf Grundlage von neuem Wissen untereinander zu vernetzen...“

„Sie wollen mich töten“, sagte ich jetzt langsam und warf einen nervösen Blick auf die Sense. „Sie dürfen es nicht so brachial vereinfachen“, protestierte der Sensenmann. „Auch Sie sind für uns ein Kunde, dem wir dienen wollen! Was kann es Schöneres geben als zu wissen, dass all Ihr Wissen, alle Ihre Erfahrungen, Erinnerungen, Gefühle von uns durchgerastert und abgespeichert werden. Und von anderen erlebt werden können. Wir verewigen Sie geradezu!“

„Sie verewigen mich?“ Bei mir erwachte plötzlich ein gewisses Interesse. Das klang tatsächlich nicht nach Mord, sondern nach Unsterblichkeit. „Richtig“, rief der Google-Typ, begeistert, dass ich jetzt angebissen hatte, „auf ewig! Und wir vernetzen Sie mit Millionen anderer auf der Erde und dazu noch kommenden Generationen.“ – „Und ich verbessere dadurch die Suchergebnisse von Google“, sinnierte ich.

„Sie erschaffen ein ganz neues Suchgefühl, gemeinsam mit uns sind Sie dabei, wenn die Google-Suche eine neue Qualität erreicht!“ jubilierte der Sensenmann mit sich überschlagender Stimme und hüpfte dabei hoch. In mir war inzwischen die Entscheidung gereift. „Sie haben mich überzeugt“, konstatierte ich, „schreiten Sie zur Tat!“

Und der Google-Typ holte mit seiner Sense aus.

(Text, geschrieben von einem Bot, der auf den von Google erfassten Gehirndaten beruht)


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