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Glosse mit Maske (II)

Die Sache mit der Corona-Journalismus-App

08.05.2020

Kürzlich suchte ich mal wieder ein Verlagsgebäude auf, um mit meinem Auftraggeber den persönlichen Kontakt zu suchen. Sie wissen ja: als freier Journalist ist es immer wichtig, direkte Gespräche mit Menschen zu führen, wozu allgemein gesehen ja auch Redakteure zählen. Ansonsten wird man schnell vergessen, zu einem seelenlosen E-Mail- oder Videokontakt, der weggeklickt wird und den Alltag nur stört.

Natürlich war das nach den Wochen der Quarantäne gar nicht so einfach, sowohl einen Termin zu erhalten als auch anschließend überhaupt ins Verlagsgebäude zu kommen. Das Betreten des Gebäudes erinnerte an das Prozedere an der Grenze zur ehemaligen DDR oder bei der Einreise in die USA, wobei ich mich nicht einmal daran erinnern konnte, dass ich bei den damaligen Grenzüberschreitungen so viele Formulare mit Angaben zu meinen letzten Aufenthaltsorten und Kontakten auszufüllen hatte. Und definitiv durfte man in die DDR oder die USA ohne Maske einreisen.

So stieg ich die Treppen zum Redakteursbüro hinaus, vorschriftsgemäß mit Maske vermummt und von einer Sicherheitskraft in sicherem Abstand begleitet (wohl, damit ich mich mit meinen potenziellen Viren nicht irgendwo in Bereiche verirren könnte, die damit als unnötig verseucht gelten würden). Die Aufzüge durfte man zu dieser Zeit aus virologisch korrekten Gründen nicht mehr nutzen, was für eine Person in meinem Alter eigentlich die Frage aufwirft, ob jemand mal ausgerechnet hat, wie viele Personen jetzt wegen Erschöpfung durch das Treppensteigen sterben und wie viele eigentlich durch einen Aufzug-Virus verstorben wären (natürlich schweigt das Robert-Koch-Institut zu solchen Fragen!).

Mein Besuch galt Stefan, dem immer so bemühten und verständnisvollen Redakteur dieser liberalen Tageszeitung, der als einer der wenigen immer mal wieder von mir einen Text abzunehmen pflegte. Natürlich nicht jeden, denn wie eine Emigrationskollegin erst kürzlich in einer renommierten Zeitung schrieb, ab und zu müssen wir Zugewanderten in unserem publizistischen Elan im Interesse des Qualitätsjournalismus etwas gebremst werden. Sie hatte zum Thema politische Wende in unserem gemeinsamen Heimatland und der Öffnung zum Westen geschrieben: „Wir erwarteten Befreier, es kamen Freier“, und dieser schöne und allzu wahre Satz wurde ihr von der fürsorglichen Redaktion gestrichen, da solche Sätze für den Leser in Deutschland doch ein wenig zu harsch klingen.

Auch Stefan hat mir so manches Mal gesagt, dass er die Intention mancher meiner Texte ehrenhaft fände, und für den Journalismus auch noch einmal besonders ehrenhaft, aber dass zur Freiheit auch Verantwortung gehöre und daher nicht einfach alles gesagt werden könne, auch wenn es einfach mal die Wahrheit sei. Manchmal hat er mir auch erklärt, dass ich über solche kritischen Themen immer schreiben könne, wenn dazu auch etwas Kritikwürdiges in Russland passiert wäre, und der verständige Leser würde dann schon seinen Reim darauf machen können und sich denken, dass das gleiche Problem möglicherweise auch in Deutschland vorhanden sei. „Das Ausland kritisiert sich einfacher, und da rufen dann auch keine besorgten Politiker oder Verlagsoberen bei uns an“, pflegte Stefan mir immer wieder nahezulegen. Woraus ich für mich gelernt habe: wer emigriert, muss ein Stück weit auch zur inneren Emigration bereit sein, weil man immer auch irgendwo einwandert, wo es neue Gesetzmäßigkeiten gibt.

Im Prinzip vertraut Stefan eigentlich keiner Nachricht, die nicht von dpa gemeldet wurde. Was eben auch heißt, dass meine schönsten Texte so lange ignoriert werden, bis endlich über dpa die erlösende Bestätigung meiner Thesen kommt. Manchmal habe ich schon darüber nachgedacht, ob ich einen kleinen Teil meiner Erkenntnisse einfach vorab einem dpa-Kollegen geben sollte, damit Stefan mir beim Angebot meiner Information stolz erklären könnte (wie er es auch gerne tat, wenn dpa tatsächlich bereits etwas zum gleichen Thema gemeldet hatte): „Daran hatte ich auch schon gedacht!“

Natürlich muss man Stefan auch verstehen, heutzutage ist der Journalismus ein Schleudersitz, weil jedes Wort weltweit 24 Stunden lang von jedermann gelesen werden kann und dank ausufernder Online-Archivierungen anders als früher nicht bereits am nächsten Morgen wieder vergessen ist. Bloß keine Missverständnisse verursachen, bloß keinen Unmut produzieren, heute eine der wichtigsten Aufgaben von Redaktionen. Auch bei Satiren oder Karikaturen ein riesengroßes Problem. Kein Wunder, dass auch die renommierte amerikanische New York Times die politische Karikatur aus ihrem Zeitungsprogramm komplett gestrichen hat, und eigentlich ist es auch immer das Beste, auf einen irgendwie missverständlichen satirischen Text zu verzichten, denn irgendeiner kommt am Ende dann doch nicht so ganz mit, wenn es lustig sein soll.

Wie dem auch sei, Stefan empfing mich mit großer Distanz. Sein Büro, von dem man einen weiten Blick über die Dächer von Berlin hat, war mit über 20 Quadratmetern vergleichsweise groß für den Journalismus, den man ja heute ohnehin gern gar nicht mehr in Einzelbüros unterzubringen zu pflegt, sondern wie in einer Legehennen-Batterie an aneinandergereihten Tischen, auf denen einige das ständige Gegackere ja ohnehin für die Quintessenz ihrer Arbeit zu halten scheinen. In diesem Raum hatte er nun seinen Schreibtisch ganz weit in die Ecke manöviert, davor eine Art Plexiglas-Konstruktion aufgestellt, dann den Besucherstuhl in die andere Ecke des Raumes, so dass etwa 3 Meter Abstand zwischen uns hergestellt waren.

Natürlich trug Stefan auch eine Maske, und wie ich als Krisen-Experte sofort erkennen konnte, nicht nur eine Stoffmaske mit dem Logo seines Verlages, sondern darunter vergeblich getarnt auch eine FFP-3-Maske, die ja eigentlich nur dem medizinischen Personal zur Verfügung gestellt werden sollte. Die seltsame Ausbuchtung auf Höhe des Mundes und die insgesamt vier Schnürlein an den Ohren sowie das an einigen Stellen dennoch unter dem Stoff hervorlugende Weiß der Profi-Maske sprachen für sich.

Ich behielt meine Erkenntnis als höflicher Mensch natürlich für mich und rief: „Stefan! Wie sieht´s denn aus im Verlagsgewerbe? Ist das hier Deine Kurzarbeit oder vielleicht sogar Dein Home Office, denn Dein Sozialleben findet ja ohnehin nur hier statt, oder?“

Das Problem mit der Maske von Gesprächspartnern ist: man kann nicht erkennen, ob sie einen Witz lustig finden oder umgekehrt gequält lächeln. Insofern ergeht es mir als grundsätzlich lustigen Menschen genauso wie den Personen mit Hörbehinderungen, die für ihr Hörverständnis zumindest Lippenbewegungen sehen müssen. Im Prinzip sind diese Masken für mich genauso wie sie ganz fürchterlich! Stefan also neigte den Kopf, und ich musste alles aus seiner sehr leisen Stimme herausinterpretieren: „Alexander, sprich bitte nicht so laut. Es ist bewiesen, dass bei lauter Stimme mehr Viren in den Raum sprühen, selbst wenn Du eine Maske trägst!“

Meine Einschätzung lautete auf Grund der Modulation der Sätze: das war kein Witz, das war ernst gemeint.

„Okay“, antwortete ich jetzt vorschriftsgemäß leise und schon wieder ernster, „Stefan, ich habe Dir ein echt gutes Thema vorzuschlagen! Diese Sache mit dieser Corona-App, die sich jeder jetzt installieren soll. Die ist echt furchtbar für uns Journalisten. Wenn die kommt, dann weiß doch jeder, mit wem wir uns getroffen haben, woher die Informationen für eine Geschichte stammen. Das ist der Tod des Journalismus! Ich habe da so eine Idee für ein Stück…“

„Was für ein Quatsch“, bellte jetzt Stefan, ganz seine Leisegängerei-Philosophie vergessend. „Seit wann gehen denn Leute wie Du noch aus dem Haus, wenn Ihr einen Beitrag schreibt? Ihr recherchiert doch alles im Internet zusammen und holt Euch allenfalls noch einen O-Ton über Telefon oder Skype, und das war's!“ Er schlug sich demonstrativ auf die Schenkel. „Und was für Kontakte habt Ihr Freien denn schon? Wer will Euch überhaupt treffen, das ist doch alles Fiktion! Wir in der Redaktion kommen doch selbst vor lauter Arbeitsverdichtung und Verwaltungsaufgaben auch gar nicht mehr raus auf Termine, und unser Sozialleben begrenzt sich bei unseren übersichtlichen Gehältern doch auch nur auf Netflix und Spotify!“

Stefan kam jetzt richtig in Fahrt: „Die einzigen im Journalismus, die wirklich ausreichend Zeit und Geld haben, um sich ein vernünftiges Sozialleben leisten zu können und damit Kontakte haben, sind doch die Verleger, oder besser: die Verlagserben! Aber die interessieren sich doch gar nicht für den Journalismus, sondern nur für die Dividende. Wenn irgendjemand deren Kontakte überwacht, dann erfährt er allenfalls, in welchem Hilfinger-Shop die einkaufen, welches BMW-Modell sie fahren und wo der Golf-Club liegt! Total sinnlos!“

„Aber das liegt daran, dass Ihr keine vernünftigen Honorare mehr zahlt, nicht einmal Fahrtkosten erstattet, geschweige denn Geld für Übernachtungen oder Flüge!“ versuchte ich zu kontern.

„Und? Was habe ich damit zu tun? Ich bin nur Redakteur, ich habe mein Budget, das weißt Du auch Alexander. So sind die Zeiten nun einmal… - - - wobei…“, Stefan schien zu grübeln.

„Wobei, was? Vielleicht doch ein Auftrag mit Übernahme von Recherchekosten?“

Stefan schüttelte den Kopf: „Mir schwebt was anderes vor. Mir kommt da gerade eine Idee. Worüber Du eigentlich mal schreiben könntest, oder was fehlt, ist eine Corona-Journalismus-App. Also keine App, die alle Leute wegen Corona überwacht, sondern die mal ermittelt, was für einen Schrott die Leute da eigentlich immer im Internet lesen. Also mit Leuten meine ich natürlich die Journalisten, und auch diejenigen, die sich heutzutage dafür halten, also diese Youtube-Kanäle und so!“

„Was soll denn die Corona-Journalismus-App so ermitteln?“

„Es ist doch ganz einfach: normalerweise laufe ich als Redakteur doch das Risiko, dass mir so ein freier Kollege, oder sogar ein eigener angestellter Kollege so einen Text andealt, der allerdings irgendwo auf Aussagen von Schrott-Internet-News und Verschwörungstheoretikern beruhen, oder sich doch in einer nicht direkt erkennbaren Weise davon beeinflussen lässt. Es wäre doch viel einfacher, wenn man durch eine App gewarnt werden könnte, dass ein bestimmter Journalist zu viele solcher Seiten gelesen hat, also möglicherweise unter Einfluss steht! Man könnte auch so im Algorithmus einstellen, dass alle Leute gemeldet werden, die keinen ausgewogenen Nachrichtenkonsum haben. Also seriös wären zum Beispiel Leute, die ständig stern.de lesen - - -“

Er unterbrach sich selbst: „Nein, das waren die mit den Hitler-Tagebüchern. Sagen wir eben, seriös ist, wer mehr spiegel.de liest - - -“

Er unterbrach sich schon wieder: „Nein, das waren die mit diesem Rinozerius! Sagen wir eben, seriös ist, wer ordentlich tagesschau.de liest oder schaut, die haben ja auch diesen Faktenchecker!“

„Aber Stefan, wenn ich etwas recherchiere, schaue ich mir doch alle Quellen an, und natürlich vor allem die am Rande und die Ungewöhnlichen! Oft muss man auch in den obskuren Seiten stöbern, um neue Trends und Gerüchte zu erkennen. Und was soll ohnehin die App: ich mache mein Handy aus oder surfe in der Stadtbibliothek, und zack, bekommt es keiner mit!“

Stefan ließ sich nicht beeindrucken: „Alexander, das ist gar nicht gut, dass Du solche Seiten anschaust. Es ist bewiesen, dass die ständige Beschäftigung mit solchen Themen Spuren im Gehirn hinterlässt und Schäden hinterlässt…“

„Stefan, aber Gegnerbeobachtung, das machen doch sogar Geheimdienste, das ist doch normal!“

„Alexander, und was passiert bei Geheimdiensten? Da gibt es ständig Überläufer, weil das oft nicht ohne Folgen bleibt!“

„Dann logge ich mich aus oder mache das Telefon aus, und dann weiß auch keiner, was ich gelesen habe!“

„Dafür gibt es eine Lösung!“ rief Stefan und reckte sich (es hörte sich an, als würde er unter seinen zwei Masken strahlen), „wir brauchen eine Journalisten-Fußfessel, so eine elektronische. Geht doch heute schon bei Strafgefangenen. Einfach jedem Journalisten und YouTuber so eine Fußfessel anlegen, zack, dann wissen wir immer, wo er war. In der Nähe dieses Handys, dieses Computers, dieses öffentlichen Terminals, von dem bestimmte Seiten gelesen wurden. Kriegt man immer raus, notfalls mit Hilfe befreundeter Dienste!“

„Ich soll ständig eine Fußfessel tragen, Stefan? Und Du setzt Dich dafür ein? Und ich soll darüber noch einen Text schreiben, mit dem ich mich dafür einsetze?“

„Alexander, mir gefällt Deine Einstellung überhaupt nicht! Vermutlich hast Du sogar auf Deinen abwegigen Seiten etwas gelesen, das bei Dir jetzt diese Skepsis produziert hat. Ohnehin machst Du immer diese Witzchen. Es gibt Untersuchungen, dass Humor etwas mit Schizophrenie zu tun hat, äußerst gefährlich!“

Er sprang auf und riss die Fenster des Büros weit auf. „Ich brauche Luft, frische Luft für die Luftzirkulation hier im Büro. Wir reden viel zu lange, die Viren von Dir verwirbeln sich, die Konzentration nimmt mit jeder neuen Wendung des Gesprächs zu, und Deine verschwurbelten Theorien fangen auch noch an, sich in mein Gehirn zu bohren, raus, Alexander, raus aus meinen Büro, 10 Minuten, da fängt das Infektionsgeschehen schon an!“

Wie ein Getriebener musste ich aus dem Büro rausstürzen, sofort von drei Sicherheitsleuten umringt, die mich mit einer Art Mikrofongabel auf Abstand hielten und zurück zum Treppenhaus lotsten.

Hinter mir hörte ich noch, wie Stefan bemüht leise unter seinen Masken krächzte: „Denk drüber nach Alexander, das ist mein letzter Auftrag für Dich, dieser Text, sonst war es das!“

Dann, als sich gerade die Tür zum Treppenhaus hinter mir schloss, hörte ich noch, wie er seiner Sekretärin zurief: „Und überhaupt, ich will hier nie wieder Freie in meinem Büro sehen. Ja, wir arbeiten jetzt nie wieder mit Leuten von draußen. Wir machen alles selbst. Da sind wir auf der sicheren Seite. Ausschließlich dpa, basta! Bis die Fußfessel kommt - - -“

Sehen Sie, lieber Leser, wo mein Problem liegt? Es gibt keine Aufträge mehr. Alles ist futsch. Die Redaktionen wollen einen nicht mehr im Verlagsgebäude sehen, Nachrichten bauen sie lieber selbst aus den Agenturmeldungen zusammen, und wir Freien dürfen erst wieder liefern, wenn die Fußfessel entwickelt ist.

Mir bleibt zwischenzeitlich, also bis zur Entwicklung dieser neuen Journalismus-Prothese, wohl nichts anderes übrig, vor den nächsten Redaktionskontakten alle meine vorherigen Kontaktpersonen und auch besuchte Internetseiten offenzulegen, zumindest für die letzten zwei Wochen. Damit klar ist, dass kein Virus bei mir eine Chance hatte.

Bleiben Sie gesund, lieber Leser, und geben Sie selbst dem Virus keine Chance!Ihr Alexander Alexandrowitsch Blog

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