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Kampf der Titanen

29.11.2022

Apple gegen Twitter - ist das gut für uns? Zeigt ein IT-Riese Elon Musk, wo die Glocken hängen? Abwarten. Für Euphorie bsteht (noch) kein Anlass.

Wie weit darf freie Rede gehen — ist sie radikal ausgelegt gar der Feind der Meinungsfreiheit? Dass wir uns dieser scheinbar paradoxen Frage widmen, verdanken wir Elon Musk. Der exzentrische Milliardär vertritt mit seiner libertären Haltung die Auffassung, dass jeder überall alles sagen können soll. Am besten natürlich aber auf seiner Plattform, Twitter - damit er von der Empörung auch profitiert. Hass, Hetze - kein Problem. Im Gegenteil: Wenn sich die Leute zunächst verbal an die Gurgel gehen, um so besser für Musk und die Kassen seiner klammen Plattform.
Jeder Hass-Kommentar, jeder empörte Retweet ist Musik in Musks Ohren, lässt seine Kasse klingen. Also zündelt Musk, wo er kann, facht das Debatten-Feuer an, provoziert gerne mit Posts auf Penäler-Niveau, weiß, welche Knöpfe er zu drücken hat, um vor allem linke Meinungsmacher zu Kommentaren zu bewegen. Etwa, in dem er Waffen auf seinem Nachttisch postet. Oder geschmacklose Witze. Und nun, wenn der eine oder andere Beobachter mahnt, dass es längst nicht mehr um das Entfesseln engagierter Debatten geht, sondern eine Feuerwalze des Hasses durch seine Plattform rollt, spornt Musk so etwas nur noch weiter an. Brandgefährlich - so sieht es jetzt ausgerechnet ein anderer Tech-Gigant, Apple.
Was für Zeiten - der Kampf der Digital-Titanen hat begonnen - Apple gegen Musk. Thema: Meinungsfreiheit gegen Redefreiheit. In der einen Ecke: der Tech-Gigant Apple. Er will Twitter-Chef Musk keine Bühne mehr bieten. In der anderen der exzentrische Multimilliardär, der sich dem Kampf gegen "Zensur", für freie Rede und andere libertäre Werte verschrieben hat. Wer erobert den Olymp der öffentlichen Meinung? Das Ergebnis dürfte auf jeden Fall nicht ganz unwichtig sein.
Für Journalist:innen sind die Tech-Größen aus dem Silicon Valley ja seit jeher "Frenemies", eine Mischung aus Freunden und Feinden (das Kofferwort wird aus "friends + enemies" gebildet). Einerseits sind sie auf die Reichweite der Plattformen angewiesen, andererseits haben sie kein Interesse daran, dass Desinformation und Hetzkampagnen Aufschub erfahren. Der Streit, wer von der Vermarktung von Inhalten profitieren sollte, also auch die Urheber, mal ganz abgesehen. Daher kann dieser Streit Journalist:innen nicht kalt lassen.
Klar ist: Radikale Redefreiheit nach Musks Vorstellungen ist eine Gefahr für die Demokratie. Hass ist keine Meinung. Wer Hass ungefiltert versprühen kann, trägt zur Vergiftung von Debatten bei. Am Ende kann Gewalt stehen, Taten gehen Worte voraus. Deshalb sollten verantwortungsvolle Plattformen auch verantwortungsvoll mit Inhalten umgehen. Libertäre Redefreiheit ist das Ende der Meinungsfreiheit: Weil am Ende nur noch der gehört wird, der am lautesten schreit, ätzt, am wildesten droht - Meinungsfreiheit aber kann nur verwirklicht werden, wenn es einen Wettstreit der Argumente, Ideen gibt. Journalismus jedenfalls ist ohne Meinungsfreiheit, ohne Pressefreiheit nicht zu denken. Kein Wunder, dass Musk umgekehrt die Presse als seine größten Feinde sieht.
Journalist:innen sollten den Kampf der Tech-Titanen dennoch mit Abstand beobachten und sich nicht vorschnell auf die Seite Apples schlagen. Der antike Kampf der Titanen jedenfalls ist für sie nicht wirklich positiv ausgegangen, sie landeten in der Unterwelt, den Tartaros. Apple hat viele Motive, der Schutz des Journalismus muss nicht zwangsläufig an erste Stelle gehören.
Ein Kommentar von Mika Beuster

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