Mitglied werden
Login Logout Mitglied werden
Warenkorb

Randbemerkung

Recht auf Vergessen im Alltag

20.05.2014

Es gibt eigentlich nichts Unterhaltsameres, als alte Bekannte nach Jahrzehnten wieder aufzusuchen.

Im Falle meines alten Schulkameraden Pawel war der Spaß am Anfang aber sichtlich nur auf meiner Seite. Wie ordentlich, wohlgebügelt wie in einem Werbefilm saß Pawel hinter dem großen Schreibtisch in Buchenfurnier, hinter ihm das mittlerweile obligatorische Stehpult sich sportlich gerierender Bürokraten.

„Pawel, altes Haus!“ rief ich und setzte mich schwungvoll, ohne um ein Einverständnis zu bitten, in den einladenden Chefsessel ihm gegenüber, „erinnerst Du Dich noch an mich?“  - Ich selbst erinnerte mich sehr gut an ihn, den großen Vorsitzenden unseres Komsomol, Marx und Engels stets in der Hand, dann plötzlich – nach der  Jelzin-Wende - oberster Privatisierer und anschließend, kaum irgendwelche deutschen Vorfahren entdeckt, ab in den Westen und alsbald Vorstandsmitglied einer deutschen Privatbank. Ja, Pawel, dachte ich mir, so trifft man sich immer wieder!

Pawel runzelte die Stirn und grunzte in einem Ton, als säßen wir immer noch am Lagerfeuer und nicht einmal auf Deutsch: „Alexander, ich kenne Dich genau und warne Dich schon jetzt: Wenn Du nicht sofort aus meinem Büro verschwindest, wird mir noch einiges mehr einfallen. Beispielsweise. dass Du es nicht einmal geschafft hast, den 50-Meter-Lauf durchzuhalten und vor Klassenarbeiten vor Angst immer kotzen musstest! Wie hat es einer wie Du überhaupt geschafft, nach Deutschland zu kommen?“

Mir wurde sofort klar, dass ich absolut Recht hatte, hierher zu kommen. Ich schlug mit der Handkante auf den Tisch und rief: „Das ist es doch genau, was ich fordere, Pawel, - Du musst das alles vergessen!“

Pawel schaute mich mit großem Gesicht an: „Du kommst zu mir, um mir zu sagen, ich sollte vergessen, was für ein Loser Du gewesen bist – vermutlich sogar noch bist?“ Er drehte sich auf seinem Bürostuhl um und deutete mit triumphierender Geste auf Fotos von Gattin, Kindern (fünf), Villa und diversen Limousinen.

Ich ließ mich nicht einschüchtern. „Ja, Pawel, es gibt jetzt sogar ein Urteil. Gegen Google zwar, aber das gilt auch für Leute wie Dich. Es heißt, dass wir einfachen Menschen, wir Privatleute, die nicht prominent sind, ein Recht auf Vergessen haben!“

„Und was soll das heißen?“ Pawel runzelte jetzt die Stirn und wirkte schon nachdenklicher. Was bei deutschen Menschen nicht alles ein sanfter Hinweis auf Recht und Gesetzgebung erreichen kann!

„Vergessen halt. Vergiss meinen Namen, meine kleinen Geschichten so während der Schulzeit – und natürlich auch, dass ich jetzt hier gewesen bin!“

„Und was, wenn ich das nicht tue? Oder  einfach nicht schaffe?“ Pawel wirkte verwirrt.

„Das wäre total rechtswidrig! Wir normalen Leute brauchen doch Privatheit! Was haben wir denn noch an Privatheit, wenn jeder über alte Schulfreunde so alles herausfinden kann, was man so alles vergurkt hat! Ich meine gerade heutzutage, wo das Verhältnis zu unserer alten Heimat so prekär geworden ist…“

„Heimat?“ schnappte Pawel scharf, ganz im Stile eines Oberkommandierenden.

„Nein, ich meine eben unser Herkunftsgebiet, wie auch immer, also auch das solltest Du sofort vergessen, das kann doch alles gegen mich verwendet werden…!“

„Du kannst Dich darauf verlassen“, brummte Pawel plötzlich, als sei ihm eine Eingebung gekommen.

„Woher der Stimmungswechsel?“ fragte ich.

„Erstens habe ich schon vergessen, worüber wir gesprochen haben. Außerdem bin ich Banker. Ich habe es gelernt, alles Mögliche zu vergessen. Das ist besser für unsere Kunden!“

„Du hast also alles vergessen, was mich angeht, Pawel?“

„Wie kommen Sie überhaupt auf diesen Namen? Ich heiße mit Vornamen Paul und sonst nichts! Was machen Sie überhaupt in meinem Büro? Hilfe! Sicherheitsdienst!“ schrie Pawel, und kaum dass ich mich versehen hatte, wurde ich bereits von einem Schrank von einem Mann aus dem Gebäude herausgekickt, nicht ohne noch einen kräftigen Fußtritt kassiert zu haben. Was mich gleich wieder daran erinnerte, dass sie damals beim Komsomol eigentlich auch immer so mit mir umgegangen waren. „Pawel“, dachte ich, „es ist immer noch wie früher bei Dir!“

Dann fiel mir aber ein, dass ich diesen ganzen Vorfall vergessen musste. Denn  Pawel ist ja auch nur eine unbedeutende Figur unserer Zeitgeschichte, und Recht und Gesetz sind in diesem unserem deutschen Vaterlande eben das Gebot Nr.1.

Pawel? Welcher Pawel?

Habe ich nie gekannt. Alexander Alexandrowitsch Blog

freienblog
Freiberuflicher Journalismus

Weitere Artikel im DJV-Blog

Aktivrente
Aktivrente

16.10.2025

Schlag ins Gesicht der Freien

„Die Aktivrente kommt - weil Leistung zählt“, verspricht die CDU vollmundig auf ihrer Homepage. Das Kabinett hat den Gesetzentwurf beschlossen.

Mehr
Wenn Signal verstummt
Wenn Signal verstummt

06.10.2025

Chatkontrolle bedroht Pressefreiheit

Der wichtigste sichere Messenger könnte bald aus Europa verschwinden – mit gravierenden Folgen für die Pressefreiheit.

Mehr
Gelungene Zusammenarbeit
Gelungene Zusammenarbeit

18.09.2025

Respektvoll über Sexarbeit berichten

Kaum eine Berufsgruppe polarisiert die Menschen so sehr wie die Sexarbeit.

Mehr
Es reicht
Es reicht

16.09.2025

Stopp mit Hass, Einschüchterungen und Gewalt

“Meinungsfreiheit hat Grenzen”. Mit diesen Worten kündigte Dunja Hayali vor zwei Tagen an, sich für einen Moment aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Weil sie permanent auf allen Kanälen attackiert  …

Mehr
USA
USA

15.09.2025

Es ist fünf vor zwölf

Was seit der Ermordung von Charlie Kirk medial und politisch geschieht, ist heftig. Sehr heftig.

Mehr
20 Jahre Besser Online
20 Jahre Besser Online

08.09.2025

Dystopie, Dark Tech und ein bisschen Hoffnung

AI is a wonderful servant, but a terrible master. Wenn wir KI gezielt einsetzen, um einzelne Aufgaben zu lösen, kann sie ein wertvolles Werkzeug sein. Wenn wir die Tools unreflektiert und unreguliert  …

Mehr
Rechtsextremes Magazin bei Edeka
Rechtsextremes Magazin bei Edeka

31.07.2025

Vielleicht gehe ich doch besser woanders einkaufen

Edeka ist mittlerweile so teuer wie eine Apotheke, hat neulich ein Freund zu mir gesagt, und ich habe mich gefragt, warum ich trotzdem immer noch dort einkaufen gehe.

Mehr
Die DJV-Kommission Europa und Internationales in Straßburg
Die DJV-Kommission Europa und Internationales in Straßburg

29.07.2025

Journalismus muss lauter werden

“Wenn wir uns für die Medienfreiheit einsetzen, kämpfen wir für die Demokratie als solche”, sagt Sabine Verheyen, Vizepräsidentin des EU-Parlaments. Anlass dieser Aussage ist ein Zusammentreffen mit d …

Mehr
DJV bei CSD-Parade in Köln
DJV bei CSD-Parade in Köln

08.07.2025

Zwischen Regen und Regenbogen für die Vielfalt

Köln, CSD-Sonntag, Nieselregen. Graue Wolken über der Domstadt, doch unten auf den Straßen: ein Farbenmeer. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) war in diesem Jahr mit einem eigenen Wagen und viel  …

Mehr
Fotojournalisten von Guns n' Roses Konzert ausgeschlossen
Fotojournalisten von Guns n' Roses Konzert ausgeschlossen

19.06.2025

Keine Fotografen – oder das tyrannische Management

Hausrecht gewinnt vor Presserecht. Fotojournalisten werden vom Guns N’Roses Konzert am 20. Juni in München ausgeschlossen. Sie bekommen keine Akkreditierung. Beobachter mit ihren professionellen Kamer …

Mehr
Journalisten, vereinigt euch!
Journalisten, vereinigt euch!

16.05.2025

Der wahre Gegner sitzt im Silicon Valley

Einigungen sind meist erfreulich, besonders zwischen erbitterten Rivalen wie dem öffentlichen Rundfunk und den privaten Medienhäusern. Doch die Einigung zwischen der Schweizerischen Radio- und Fernseh …

Mehr
Rückblick: DJV-Media-Hour
Rückblick: DJV-Media-Hour

06.05.2025

Tan Caglar über Inklusion, Humor und den richtigen Umgang mit Behinderung

„Geht offensiv mit euren Einschränkungen um.“ Diesen Rat gibt Schauspieler, Comedian und Rollstuhlfahrer Tan Caglar in der dritten Ausgabe der Media Hour des Bundesfachausschusses Chancengleichheit un …

Mehr
Diskussion um IFG
Diskussion um IFG

02.04.2025

Journalismus braucht Auskunftsrecht

Die „repräsentative Demokratie“ stärken – das klingt zunächst gut. Unter dieser Überschrift aber will der Unions-Chefverhandler in der Koalitions-Arbeitsgruppe "Bürokratieabbau, Staatsmodernisierung,  …

Mehr
Berichterstattung unter Trump
Berichterstattung unter Trump

28.03.2025

Alle sind ausgelaugt

Früher haben wir über Autokraten berichtet, die unsere Meinungsfreiheit einschränken. Jetzt können wir uns schon glücklich schätzen, ohne Probleme in die USA einreisen zu dürfen. Redaktionen brauchen  …

Mehr
KI
KI

21.03.2025

Der größte Raub geistigen Eigentums in der Geschichte

Meta hat seine KI Llama 3 mit Millionen Büchern und Fachaufsätzen trainiert – ohne Wissen der Autor:innen. Denn für das Training hat der Mutterkonzern von Facebook, Instagram, WhatsApp und Threads ein …

Mehr
Internationaler Frauentag
Internationaler Frauentag

07.03.2025

Weniger Journalistinnen in Führungspositionen

Der Weltfrauentag feiert die bisher erlangte Gleichberechtigung der Frauen und macht gleichzeitig auf die noch bestehenden Ungleichheiten aufmerksam.

Mehr
Equal Pay Day
Equal Pay Day

07.03.2025

Warum wir noch immer über Gehaltsgerechtigkeit sprechen müssen

Jedes Jahr markiert der Equal Pay Day symbolisch die geschlechtsspezifische Lohnlücke in Deutschland. 2025 fällt er auf den 7. März – genau einen Tag vor dem Internationalen Frauentag. Doch was bedeut …

Mehr
Meinungsfreiheit ins Netz gegangen
Meinungsfreiheit ins Netz gegangen

06.03.2025

Wie Big Tech unser Denken und unseren Diskurs bestimmt

„In Europa verlieren sie gerade ihr wunderbares Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagte Trump kürzlich.

Mehr
Anfrage
Anfrage

26.02.2025

551 Messerstiche ins Herz der Demokratie

Was Friedrich Merz von Menschen hält, die sich für unsere Demokratie und gegen rechte Kräfte einsetzen, hat er kurz vor der Wahl bewiesen. Als “Spinner”, die “nicht alle Tassen im Schrank” haben, besc …

Mehr
Gefährliche Heuchelei
Gefährliche Heuchelei

16.02.2025

JD Vance in München

Was stimmt nun von dem, was JD Vance bei der Sicherheitskonferenz in München sagt? Der US-Vizepräsident sagte: „Wenn Menschen ihre Meinung äußern und man dafür bestraft wird, dann wird die Trump-Regie …

Mehr