Mitglied werden
Login Logout Mitglied werden
Warenkorb

Verwertungsgesellschaften

Rückforderungen sorgen für Schock bei Bildagenturen

08.12.2015

Konsequenzen aus Europa-Urteil


Fotografen einer kleinen Fotoagentur konnten es letzte Woche nicht fassen: Ein Schreiben der Verwertungsgesellschaft Bild-Kunst mit brisantem Inhalt. Um rund 5.000 Euro geht es. Nicht wie sonst ging es um eine Ausschüttung, mit der demnächst gerechnet werden darf, sondern Anlass war eine mögliche Rückforderung der Verwertungsgesellschaft.

Bei der Rückforderung geht es nicht um Ausschüttungen, die den Fotografen als Urheber gezahlt wurden. Sie hatten ihre  Bildagentur auch seit Jahren als Agentur bei der Verwertungsgesellschaft gemeldet und wurden damit genau wie  Verlage mit Ausschüttungen für Bilder von anderen Fotografen bedacht, an denen sie die Rechte hatten.

Ganz überraschend kommt das Schreiben freilich nicht. Die Verwertungsgesellschaften hatten die Ausschüttungsempfänger bei jeder Ausschüttung seit dem Jahr 2012 auf die Möglichkeit einer Rückforderung hingewiesen. Doch einige der Empfänger haben dieses Szenario bislang nicht wirklich ernst genommen, um so stärker jetzt die Schockwirkung.

Hintergrund des Schreibens ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EUGH) und ein noch laufendes Verfahren vor dem Bundesgerichtshof. Der EUGH hatte hinsichtlich der Erhebung von Abgaben durch eine Verwertungsgesellschaft in Belgien entschieden: Abgaben dürfen nur für Ansprüche von Urhebern erhoben werden, nicht aber für Ansprüche von Verlagen. Gleichzeitig klagt ein deutscher Urheber seit Jahren, mittlerweile vor dem Bundesgerichtshof angekommen, gegen die Beteiligung von Verlagen an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaft (im konkreten Fall: die VG WORT). Was die Verwertungsgesellschaften befürchten: Auch ihre Praxis könnte vom obersten deutschen Zivilgericht in Frage gestellt werden, mit Hinweis auf das Urteil des EUGH.

Zwar vertreten die Verwertungsgesellschaften derzeit noch die Auffassung, dass die Entscheidung des EUGH nicht direkt auf sie übertragen werden kann. In Belgien sei die Beteiligung der Verleger an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften gesetzlich geregelt, während sie in Deutschland auf den Verteilungsplänen der Verwertungsgesellschaften beruhten. Da die Verteilungspläne mit Beteiligung der Vertreter der Urheber zustande kommen, könnte argumentiert werden, dass es den Urhebern bzw. ihren Vertretern frei stehen müsse, Erträge an andere zu verteilen.

Doch ob der BGH dieser Argumentation folgt, kann derzeit nicht eingeschätzt werden. Er könnte beispielsweise die Auffassung vertreten, dass die Verteilungspläne unter der falschen Prämisse zustande gekommen seien, dass es überhaupt einen Anspruch von Verlagen gäbe. Auch der Umstand, dass über diese Verteilung auch die Vertreter der Verleger  selbst mit entschieden haben, könnte die Wirksamkeit dieser Verteilungsentscheidung selbst in Frage stellen. Kurz: Es ist gar nicht auszuschließen, dass der BGH nun auch gegen das deutsche Abgaben- und Verteilungssystem entscheidet.

Wird das System für (teilweise) unwirksam erklärt, müssten Verwertungsgesellschaften die Ausschüttungen zurückfordern. Das freilich geht nur im Rahmen der Verjährungsfristen für Forderungen, also innerhalb von drei Jahren nach der Ausschüttung. Die Verjährung kann nur durch Klage oder durch Vereinbarung mit den Schuldnern verhindert werden. Damit die Verwertungsgesellschaften die Ansprüche für das Jahr 2012 nicht verlieren, müssen sie also mindestens eine Erklärung des Schuldners haben, dass auf die Wirkung der Verjährung verzichtet wird. Diese Verzichtserklärung liegt jetzt Bildagenturen und Verlagen vor. Wer die Verzichtserklärung nicht unterzeichnet, muss mit einer Klage der Verwertungsgesellschaft rechnen, weil sie sonst die Ansprüche auf Rückzahlung verlieren würde. Würde die Verwertungsgesellschaft solche Ansprüche nicht geltend machen, müsste sie bzw. ihre Verantwortlichen mit Haftungsklagen und/oder Maßnahmen der Aufsichtsbehörden rechnen.

Bildjournalisten, die Agenturen nur zugearbeitet haben, sind von solchen Rückforderungen allerdings nicht betroffen, da die Ausschüttung von Tantiemen an Urheber bislang nicht in Frage gestellt wurde.

Der DJV kann seinen Mitgliedern, wenn sie Bildagenturen oder (Klein-)Verlage betreiben, nur empfehlen, die Verzichtserklärung zu unterzeichnen. Vielleicht stellt der BGH das ganze System am Ende doch nicht in Frage, dann wäre der Vorgang abzuhaken. Betroffene sollten freilich dennoch nicht ganz unvorbereitet sein und die Rückforderung in ihren Bilanzen oder in der Finanzplanung als Rückstellungen einplanen.


Michael Hirschler, hir@djv.de

DJV-Bild Die letzten vier Meldungen der DJV-Startseite

Weitere Artikel im DJV-Blog

Aktivrente
Aktivrente

16.10.2025

Schlag ins Gesicht der Freien

„Die Aktivrente kommt - weil Leistung zählt“, verspricht die CDU vollmundig auf ihrer Homepage. Das Kabinett hat den Gesetzentwurf beschlossen.

Mehr
Wenn Signal verstummt
Wenn Signal verstummt

06.10.2025

Chatkontrolle bedroht Pressefreiheit

Der wichtigste sichere Messenger könnte bald aus Europa verschwinden – mit gravierenden Folgen für die Pressefreiheit.

Mehr
Gelungene Zusammenarbeit
Gelungene Zusammenarbeit

18.09.2025

Respektvoll über Sexarbeit berichten

Kaum eine Berufsgruppe polarisiert die Menschen so sehr wie die Sexarbeit.

Mehr
Es reicht
Es reicht

16.09.2025

Stopp mit Hass, Einschüchterungen und Gewalt

“Meinungsfreiheit hat Grenzen”. Mit diesen Worten kündigte Dunja Hayali vor zwei Tagen an, sich für einen Moment aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Weil sie permanent auf allen Kanälen attackiert  …

Mehr
USA
USA

15.09.2025

Es ist fünf vor zwölf

Was seit der Ermordung von Charlie Kirk medial und politisch geschieht, ist heftig. Sehr heftig.

Mehr
20 Jahre Besser Online
20 Jahre Besser Online

08.09.2025

Dystopie, Dark Tech und ein bisschen Hoffnung

AI is a wonderful servant, but a terrible master. Wenn wir KI gezielt einsetzen, um einzelne Aufgaben zu lösen, kann sie ein wertvolles Werkzeug sein. Wenn wir die Tools unreflektiert und unreguliert  …

Mehr
Rechtsextremes Magazin bei Edeka
Rechtsextremes Magazin bei Edeka

31.07.2025

Vielleicht gehe ich doch besser woanders einkaufen

Edeka ist mittlerweile so teuer wie eine Apotheke, hat neulich ein Freund zu mir gesagt, und ich habe mich gefragt, warum ich trotzdem immer noch dort einkaufen gehe.

Mehr
Die DJV-Kommission Europa und Internationales in Straßburg
Die DJV-Kommission Europa und Internationales in Straßburg

29.07.2025

Journalismus muss lauter werden

“Wenn wir uns für die Medienfreiheit einsetzen, kämpfen wir für die Demokratie als solche”, sagt Sabine Verheyen, Vizepräsidentin des EU-Parlaments. Anlass dieser Aussage ist ein Zusammentreffen mit d …

Mehr
DJV bei CSD-Parade in Köln
DJV bei CSD-Parade in Köln

08.07.2025

Zwischen Regen und Regenbogen für die Vielfalt

Köln, CSD-Sonntag, Nieselregen. Graue Wolken über der Domstadt, doch unten auf den Straßen: ein Farbenmeer. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) war in diesem Jahr mit einem eigenen Wagen und viel  …

Mehr
Fotojournalisten von Guns n' Roses Konzert ausgeschlossen
Fotojournalisten von Guns n' Roses Konzert ausgeschlossen

19.06.2025

Keine Fotografen – oder das tyrannische Management

Hausrecht gewinnt vor Presserecht. Fotojournalisten werden vom Guns N’Roses Konzert am 20. Juni in München ausgeschlossen. Sie bekommen keine Akkreditierung. Beobachter mit ihren professionellen Kamer …

Mehr
Journalisten, vereinigt euch!
Journalisten, vereinigt euch!

16.05.2025

Der wahre Gegner sitzt im Silicon Valley

Einigungen sind meist erfreulich, besonders zwischen erbitterten Rivalen wie dem öffentlichen Rundfunk und den privaten Medienhäusern. Doch die Einigung zwischen der Schweizerischen Radio- und Fernseh …

Mehr
Rückblick: DJV-Media-Hour
Rückblick: DJV-Media-Hour

06.05.2025

Tan Caglar über Inklusion, Humor und den richtigen Umgang mit Behinderung

„Geht offensiv mit euren Einschränkungen um.“ Diesen Rat gibt Schauspieler, Comedian und Rollstuhlfahrer Tan Caglar in der dritten Ausgabe der Media Hour des Bundesfachausschusses Chancengleichheit un …

Mehr
Diskussion um IFG
Diskussion um IFG

02.04.2025

Journalismus braucht Auskunftsrecht

Die „repräsentative Demokratie“ stärken – das klingt zunächst gut. Unter dieser Überschrift aber will der Unions-Chefverhandler in der Koalitions-Arbeitsgruppe "Bürokratieabbau, Staatsmodernisierung,  …

Mehr
Berichterstattung unter Trump
Berichterstattung unter Trump

28.03.2025

Alle sind ausgelaugt

Früher haben wir über Autokraten berichtet, die unsere Meinungsfreiheit einschränken. Jetzt können wir uns schon glücklich schätzen, ohne Probleme in die USA einreisen zu dürfen. Redaktionen brauchen  …

Mehr
KI
KI

21.03.2025

Der größte Raub geistigen Eigentums in der Geschichte

Meta hat seine KI Llama 3 mit Millionen Büchern und Fachaufsätzen trainiert – ohne Wissen der Autor:innen. Denn für das Training hat der Mutterkonzern von Facebook, Instagram, WhatsApp und Threads ein …

Mehr
Internationaler Frauentag
Internationaler Frauentag

07.03.2025

Weniger Journalistinnen in Führungspositionen

Der Weltfrauentag feiert die bisher erlangte Gleichberechtigung der Frauen und macht gleichzeitig auf die noch bestehenden Ungleichheiten aufmerksam.

Mehr
Equal Pay Day
Equal Pay Day

07.03.2025

Warum wir noch immer über Gehaltsgerechtigkeit sprechen müssen

Jedes Jahr markiert der Equal Pay Day symbolisch die geschlechtsspezifische Lohnlücke in Deutschland. 2025 fällt er auf den 7. März – genau einen Tag vor dem Internationalen Frauentag. Doch was bedeut …

Mehr
Meinungsfreiheit ins Netz gegangen
Meinungsfreiheit ins Netz gegangen

06.03.2025

Wie Big Tech unser Denken und unseren Diskurs bestimmt

„In Europa verlieren sie gerade ihr wunderbares Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagte Trump kürzlich.

Mehr
Anfrage
Anfrage

26.02.2025

551 Messerstiche ins Herz der Demokratie

Was Friedrich Merz von Menschen hält, die sich für unsere Demokratie und gegen rechte Kräfte einsetzen, hat er kurz vor der Wahl bewiesen. Als “Spinner”, die “nicht alle Tassen im Schrank” haben, besc …

Mehr
Gefährliche Heuchelei
Gefährliche Heuchelei

16.02.2025

JD Vance in München

Was stimmt nun von dem, was JD Vance bei der Sicherheitskonferenz in München sagt? Der US-Vizepräsident sagte: „Wenn Menschen ihre Meinung äußern und man dafür bestraft wird, dann wird die Trump-Regie …

Mehr