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Filmkritik

"Spotlight" - Feel-Good-Film für Journalisten

24.02.2016

Recherche lohnt sich, jetzt auf der Leinwand

Die eigentliche  - wahre - Geschichte des Films ist schnell erzählt. Ein Reporterteam recherchiert, wie die Kirchenleitung im Bistum von Boston (USA) über Jahrzehnte den massenhaften Missbrauch von Kindern durch katholische Priester vertuscht hat. Die Veröffentlichung in der Zeitung soll sich auf unangreifbare Belege stützen und wird daher besonders aufwändig.

Der Film „Spotlight“, der jetzt in Deutschland in die Kinos kommt, arbeitet ein Problem auf, das in ähnlicher Weise auch aus Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland bekannt ist. So etwa aus dem von Jesuiten betriebenen Alosius-Kolleg in Bonn, wie die Publizistin Ebba Hagenberg-Miliu in dem von ihr herausgegebenen Buch „Unheiliger Berg“ gezeigt hat.

Die Unkultur des Verschweigens begrenzt sich natürlich nicht auf die katholische Kirche, wie das Beispiel der Odenwaldschule gezeigt hat: Vertuschung von Missbrauchsfällen findet auch in alternativ-säkularen Kreisen statt. Der Film kann daher nicht allein als Anklage der katholischen Kirche verstanden werden, sondern weit darüber hinaus als Beispiel dafür, wie wenig Beachtung Missbrauchsopfer in Institutionen, in Justiz und Medien finden - und wie schwierig es diejenigen haben, die sich dennoch um Aufklärung bemühen.

Der Film beeindruckt, weil hier die vielen praktischen Hindernisse, die großen und kleinen Anfeindungen auf allen Ebenen und die mühsame Recherche gezeigt werden, die für eine gewissenhafte Dokumentation der von der Zeitung am Ende veröffentlichten Aussagen notwendig waren. Gleichzeitig feiert er die Arbeit einer großen Regionalzeitung, die sich ein von der Tagesaktualität abgekoppeltes Rechercheteam leistet. Am Ende des Films läuft die große Druckmaschine an, die Zeitungslastwagen fahren nachts zu den Verteilstellen, die Menschen finden die Zeitung vor der Tür und lesen die Nachrichten am Frühstückstisch.

Der Film stimmt melancholisch, weil die Wirklichkeit in vielen Redaktionen längst eine andere ist. Die Regionalzeitung darf oft schon gar keine Themen mehr machen, die über das Lokale hinausgehen, die großen Geschichten werden von einer Zentralredaktion in der Ferne erstellt oder von Nachrichtenagenturen zugeliefert. Stellen werden weiter abgebaut, wie gerade auch aus Thüringen bekannt wurde.

Für Rechercheteams, die ohne Zeitdruck arbeiten können, wird von den Geschäftsführungen kein Geld bereitgestellt. Reporter, die draußen unterwegs sind, werden nur noch frei beschäftigt und zu Niedrighonoraren, sie leben von veröffentlichten Zeilen und können sich Langzeitrecherchen gar nicht leisten. Die Zeitung wird immer weniger gedruckt und auch online nicht so sehr gelesen, wie es bei Print-Exemplaren der Fall ist.

Auch nicht vergessen werden darf: Geschäftsführungen nehmen heute mehr Rücksicht auf Unternehmen, städtische Einrichtungen und auch die Kirchen in ihrer Region, weil sie wichtige Anzeigenkunden sind oder Druckaufträge für die Druckereien der Verlage vergeben. Von den Abonnenten alleine können Zeitungen nicht leben, und die Zahl der Werbekunden ist so stark zurückgegangen, dass – anders als vielleicht früher – die Zeitung potentiellen Beschwerden nicht mehr so gelassen gegenüber steht wie es zu den Zeiten war, als die Zeitung das wesentliche Mittel der lokal-regionalen Kommunikation war.

Dennoch wird der Film vielen Besuchern, die selbst in den Medien arbeiten, eine Bestätigung für den Anspruch geben, mit dem sie arbeiten oder jedenfalls einmal in den Beruf gestartet sind. Es ist ein Film, in den Journalisten mit der ganzen Familie gehen können, um die Probleme ihrer Arbeit zu zeigen - oder jedenfalls den Traum,  den sie einmal geträumt haben.

Am Ende allerdings, das an dieser Stelle nicht ganz verraten werden soll, erleben wir im Film noch einmal einen überraschenden und geradezu flüchtig wirkenden Dialog, als sich herausstellt, warum die Geschichte nicht viel früher groß herausgekommen ist. Vielleicht sind diese zwei Minuten am Ende des Films die wichtigsten, weil sie zeigen, dass es auch im Journalismus keine Helden gibt.


Michael Hirschler, hir@djv.de

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