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Elon Musk

Übergriffiger Autokrat

01.11.2022

Elon Musk macht sich auf Twitter breit und hinterlässt schon wenige Tage nach dem Kauf des Kurznachrichtendienstes Spuren, die nichts Gutes verheißen.

"The bird is freed" - der Vogel ist befreit, hatte Elon Musk geschrieben, als er sich als neuer Chef von Twitter selbst krönte. Erste Amtshandlung als absoluter Twitter-Monarch: Eine Säuberungswelle unter den Beschäftigten anstoßen, mitten im US-Wahlkampf rechtsextreme Verschwörungserzählungen verbreiten und so nebenbei fröhlich zwitschernd die Demokratie gefährden. Ist Twitter noch eine Plattform, auf der sich Journalist:innen bedenkenlos tummeln können, wenn deren Chef nicht nur ein schräger Vogel ist, sondern mutmaßlich auch einen hat?
Dass Elon Musk unberechenbar ist — geschenkt. Der Tech-Milliardär hat viele Eigenschaften: Er ist ein erratisches Großmaul, das ebenso viele unerhört erfolgreiche Eingebungen hat, wie er ein begnadeter Menschenfänger und Visionär ist, der zwischen Genie und Wahnsinn oszilliert und mit seinem grotesk übertriebenen Selbstbewusstsein bei einem schon fast fanatischen absoluten Technikglauben bei absoluter Technikbegabtheit ein schier unendliches Zerstörungspotenzial entwickeln kann — und sich anstellt, dieses nun zu entfalten.
Musks Launenhaftigkeit lässt er indes nicht mehr nur lediglich in seinen bisherigen Lieblingsprojekten aus. Dass der Milliardär ein Elektroauto in den Weltraum schoss, konnte einen noch kaltlassen. Doch allmählich werden die Machtambitionen des Sillicon-Valley-Autokraten komplett übergriffig. Dass es offenbar von seiner persönlichen Tageslaune abhängt, ob die Ukraine über Sateliten-Internetzugang mitten im Krieg gegen den Angreifer Russland verfügt, ist schon gruselig genug. Doch nun hat Musk Twitter erworben. Und rasch überschreitet er Grenzen — mit dem Teilen rechter Verschwörungserzählungen, mitten im US-Wahlkampf.
Da zwitschert Musk nach dem Hammer-Angriff auf den 82-jährigen Ehemann der Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi doch tatsächlich, dass es sich bei dem Angreifer um einen Callboy gehandelt haben könne. Diese Verschwörungserzählung, aus rechtsextremen Kreisen stammend, ist mittlerweile widerlegt und auch von Behörden widersprochen. Der Angreifer wird vielmehr verdächtigt, aus rechten Kreisen zu stammen und es auf demokratische Politiker abgesehen zu haben. Zwar löscht Musk seinen infamen Tweet, nur um direkt danach ausgerechnet der "New York Times" in vorgeblich ironischer Tonlage Fake-News-Vorwürfe  zu machen. Vor Kameras inszeniert sich Musk stets als Freund der Redefreiheit, gleichzeitig war er in der Vergangenheit latent pressefeindlich und toleriert Meinungen oft genug nur so lange, wie sie gleich seinen eigenen sind.
Musk betreibt reines Dog-Whisteling, wie es Donald Trump so perfektioniert hat: mit sibyllinischen Andeutungen versteckte Botschaften an eine bestimmte Zielgruppe senden, die genau weiß, was gemeint ist. Und Musks Botschaft wird verstanden — von jenen Republikanern, die in den USA als "Election denier" mittlerweile ganz offen die Demokratie ablehnen, der US-Version der Reichsbürger, den dortigen "Sovereign Citizens", aber auch gewaltbereiten "Proud Boys", die im Untersuchungsausschuss des Kongresses unter Verdacht stehen, auf Trumps Befehl die Institutionen der Demokratie gestürmt zu haben.
Was bedeutet das alles nun für Journalist:innen? Neben der moralischen und berufsethischen Frage, ob man eine solche Plattform weiter nutzen will und darf, stellen sich auch rein praktische. Etwa die, dass mit mutmaßlich künftig kostenpflichtigen Verifizierungshaken geprüfte Accounts seltener werden und so eine Recherche in diesem Netzwerk fast aussichtslos werden dürfte. Derweil wird ein weiteres sogenanntes Soziales Netzwerk nicht willens sein, bei der Bekämpfung von Hassrede, Fake News und Angriffen auf demokratische Werte nachhaltig mitzuwirken. Im Gegenteil ist das Schlimmste nicht nur denk-, sondern erwartbar: Dass Musk Nero-gleich als Brandbeschleuniger auf die Feuerwalze des Hasses und der Propaganda wirkt, die durch die verstärkende Macht der Algorithmen genährt auf die krisengeschwächten demokratischen Gesellschaften zurollt.
Heißt es nun für Journalisten, mit ihren kleinen oder großen Accounts dagegenzuhalten, vielleicht mit dem Hintergedanken, das Schlimmste zu verhindern — oder doch aufgeben, um sich nicht selbst zum willfährigen Reichweiten-Unterstützer eines potenziell demokratieschwächenden Projektes zu machen, aber sich auch nicht weiter den dort tobenden Hassstürmen auszusetzen? Derzeit kann es weder pauschale noch gute Antworten auf diese Frage geben. Guter Rat ist teuer, die Antworten werden wohl individuell unterschiedlich ausfallen.
Ich finde: Noch sind die Würfel nicht gefallen, noch ist bei allen dunklen Schatten, die Musks derzeitiges Verhalten auf die Zukunft der Plattform wirft, nicht alles verloren. Musk ist bislang ein Draufgänger, ein risikobereiter Desperado, der verzweifelt gerne im Mittelpunkt steht und mal dieses, mal jenes erzählt. Dass er die Ambition hat, ein demokratiezerstörendes Werkzeug zu erschaffen und zu perfektionieren, steht noch nicht fest. In dubio pro reo, im Zweifel für den Angeklagten, lege ich Musk zunächst wohlwollend und an Naivität grenzend aus und unterstelle ihm zunächst, dass er lediglich mit dem Kauf der Plattform wirklich der Meinungsfreiheit dienen wollte und die bisherigen Ausfälle lediglich einer gewissen Ungeschicklichkeit, seinem Temperament und unstillbaren Geltungsbedürfnis geschuldet sind. Und ich vertraue darauf, dass Journalist:innen, Netzaktivisten, die gesamte Zivilgesellschaft weltweit, die Twitter-Zukunft mit Argusaugen stets durchleuchten und so enormen Druck auf eine demokratie-konforme und -kompatible Entwicklung ausüben. Wir Journalist:innen werden sehen — und berichten, auf Twitter oder anderen Plattformen.
Ein Kommentar von Mika Beuster

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