Mitglied werden
Login Logout Mitglied werden
Warenkorb

Berichterstattung

Willst Du berichten Mafia, braucht Du Paten oder Versicherung.

03.04.2017

Empörung in den besseren Kreisen

Allein gegen die Mafia, muss nicht sein

"Wenn Du kritisch über die Mafia berichtest, bist Du schnell allein", erzählte die italienische Journalistin auf einer Tagung während der Mittagpause. "Mir ist auch aufgefallen, dass es in Deutschland ein großes Magazin gibt, in dem immer wieder romantisierende Berichte über die Mafia erscheinen. Ich frage mich, warum. Und ebenfalls frage ich mich, warum in Deutschland niemand wirklich über die Macht der Mafia in Deutschland berichtet."

Einer der Gründe, warum über die Mafia wenig berichtet wird, dürften Fälle wie der von Petra Reski sein. Die Berichterstattung über kriminelle Zusammenhänge ist für viele Unternehmen geschäftsschädigend, da ihnen der Auftragsentzug durch öffentliche oder private Kunden droht. Daher führt auch nur der Hauch einer Andeutung zu Verfahren, bei denen sich der Streitwert und damit Rechtsanwalts- und Gerichtskosten nach dem möglichen Rufschaden für das Unternehmen richten. Teuer ist die Folge.

Petra Reski ist nicht die erste Journalistin, die für Berichte zum Thema Mafia mit erheblichen Kosten konfrontiert wird, für die dann das veröffentlichende Medium nicht aufkommen will. Schon vor Jahren erlebte ein freier Journalist bei einer großen Rundfunkanstalt, dass nach einem Urteil wegen eines "Mafia-Berichts" im Fernsehen eine fünfstellige Kostenrechnung von ihm allein bezahlt werden sollte. Argument: Zwar habe die Rundfunkanstalt den Beitrag abgenommen und ausgestrahlt, aber die Abnahme bedeute juristisch nur, dass sich im Haftungsfall die Beweislast umkehre. Könne die Rundfunkanstalt beweisen, dass die Inhalte der Sendung allein vom Journalisten verfasst wurden, treffe ihn halt allein die Haftung.

Die Situation liegt nach dieser Argumentation wie beim Hausbau, wenn der Bauherr bei Übergabe des Hausschlüssels das Abnahmeprotokoll unterzeichnet. Abnahme heißt nur, dass der Bauherr in Zukunft jeden Mangel im Haus erst beweisen muss, bevor er einen Anspruch geltend machen kann. Der Bauherr kann aber in jedem Falle Schadensersatz für Fehler erhalten, wenn er Mängel im Haus feststellt - wenn er es eben nur nachweist.

Auf den Fall des Fernsehberichts übertragen bedeutet das: Zwar hat der Redakteur den Fernsehbeitrag abgenommen, aber das heißt nicht, dass die Rundfunkanstalt damit für Kosten aufkommt, wenn sie wegen der Ausstrahlung verklagt wird. Die Abnahme bedeutet nur, dass sie beweisen muss, dass der Produzent des TV-Beitrags den Bericht verfasst hatte und nicht der Redakteur. Das aber war sehr einfach: der Lieferant hatte den Beitrag ohne vorherige Instruktionen oder redaktionelle Festlegungen der Rundfunkanstalt produziert.

Nun gibt es Experten für das Arbeitsrecht, die darauf verweisen, dass freie Journalisten von ihrer Arbeitswirklichkeit her bei realistischer Betrachtung als Arbeitnehmer anzusehen oder zumindest entsprechend zu behandeln sind. Wenn freie Journalisten daher nach Arbeitnehmerregeln behandelt würden, müsste der Verlag sie unter Umständen von Kosten freistellen. Hier gilt: Volle Haftung nur bei grober Fahrlässigkeit oder Vorsatz. Halbe Haftung für fahrlässige Fehler in der Berichterstattung. Keine Haftung, wenn es leicht fahrlässige Fehler waren.

Die Empörung über Arbeitgeber, die sich verantwortungslos geben, erscheint in jedem Fall gerechtfertigt. Große Verlage haben das Geld, gegen Haftungsansprüche vorzusorgen. Außerdem können Medienhäuser, wenn sie sich in Verfahren einschalten, oft genug bereits durch ihr Erscheinen vor Gericht dafür sorgen, dass sich die Gegenseite genau überlegt, ob sie den Streitfall nicht sein lässt oder zumindest auf niedriger Flamme fährt. Ein Medienhaus, dessen Herausgeber wie der "Freitag" lapidar mitteilt, dass es sich nicht für die Rechtsschutzversicherung für schlechte Recherche ansehe, lässt die eigenen Autoren nicht nur allein, sondern wirft sie damit Prozessgegnern zum Fraß vor.

Ob dabei im konkreten Fall eine gewisse Romantik über die Mafia, wie sie in den besseren Milieus und eventuell gerade bei (Verlags-)Kaufleuten in Hafenstädten verbreitet sein mag, mit eine Rolle spielt, mag dahinstehen. Vielleicht wäre eher von Sorglosigkeit zu sprechen; böse Zungen könnten andererseits behaupten, dass die Maßstäbe manches Medienunternehmers kaum anders seien als die von italienischen Großclans; andere würden vielleicht auch meinen, dass solche Clans von manchen Wirtschaftsführern und Medienverantwortlichen längst schon als Partner in einer zunehmend unsicheren Welt gesehen werden. Der eine oder andere erinnert sich schließlich an die immer wiederkehrenden Medienberichte darüber, dass es die Mafia eigentlich gar nicht mehr so gebe und deren Erben schon längst nur noch in legalen Investments unterwegs seien. Wirtschaft wie jede andere, weswegen, wenn ein Bericht zu diesem Thema nicht beweisbare Behauptungen aufweist, er zurückgezogen wird wie jeder andere Bericht zu einem beliebigen Thema, und der Autor allein gelassen wird wie bei jedem anderen fehlerhaften Report.

Vielleicht aber gibt es aber einen noch viel simpleren Grund für die Gleichgültigkeit eines Medienerbens: freie Journalisten stehen in der Freßhierarchie der Medienwelt halt ganz unten, und sie werden alleingelassen, "weil man es kann".

Freien Journalisten bleibt angesichts der Verantwortungslosigkeit ihrer Auftraggeber nur die Möglichkeit, eine Versicherung für Vermögenschäden abschließen. Das sind Schäden, die durch Persönlichkeitsrechtsverletzungen eintreten, wie etwa Rufschäden. Nach einer Umfrage unter den freien Journalisten im DJV machen das allerdings nur rund 11 Prozent aller "Freien". Wer eine solche Versicherung gegen Haftung aus Vermögenschäden abschließt, sollte dabei klar angeben, dass er sie  für berufliche Aktivitäten braucht, weil die private Haftpflicht für berufliche Berichterstattung meist nicht zahlt oder Vermögenschäden eventuell ohnehin ausklammert.

DJV-Mitglieder sollten sich aus diesen Gründen um eine Vermögenschäden-Versicherung bemühen, wenn sie über mehr als nur Blümchen oder Pandabären schreiben sollten. Auch der Versicherungsmakler der DJV-Verlags- und Service-GmbH hat eine solche Versicherung im Angebot, deren Kosten sich nach dem versicherten Schaden richten und im Regelfall um die 200 Euro im Jahr kostet. Mitglieder können über das DJV-Intranet auch ein Webinar zum Thema Haftung abrufen, das vor wenigen Wochen veranstaltet wurde.

Klar ist allerdings auch, dass Versicherungen Grenzen haben. Ein fairer Verlag müsste daher nicht nur eine Rechtschutzversicherung für Freie sein,  sondern mehr noch. Er müsste auch das übernehmen, was eine Versicherung nie machen kann: sich moralisch hinter den Journalisten stellen, ihn auch da rausholen, wo es echte Fehler gab. Denn auch für Journalisten gilt: Wer nichts macht, macht keine Fehler. Wer viel arbeitet, macht viele Fehler. Aufgabe eines Arbeitgebers ist es immer, die eigenen Mitarbeiter finanziell zu schützen und nicht, sie allein zu lassen.

PS: Es soll keine Schleichwerbung für die darbende Versicherungswirtschaft sein, hört sich aber dennoch so an: Wir vergaßen noch die Geschichte mit dem Fernsehbericht über die Mafia ganz zu Ende zu erzählen. Der freie TV-Journalist saß nun also da mit seiner Rechnung im höheren fünfstelligen Bereich, die ihn die Rundfunkanstalt geschickt hatte. In diesem Fall hatte ja der vermeintliche Mafiosi die Anstalt verklagt und gar nicht den Freien (gibt es auch). Die Rundfunkanstalt, die sparsam mit den Gebühren zu wirtschaften hat und die Regeln der Beweislast im Bürgerlichen Recht zur Anwendung brachte, hatte die Rechnung an den freien TV-Journalisten weitergereicht; er sollte halt zahlen.

Das "happy end" dieser wirklich wahren Geschichte: Der freie TV-Journalist hatte tatsächlich eine Vermögenschadenhaftpflichtversicherung, und die zahlte am Ende auch alles. Alles das ist alles andere als selbstverständlich, darf aber gerade deswegen immer wieder erzählt werden. Im statistisch gesehen wahren Leben haben eine solche Versicherung allerdings die wenigsten, weswegen es leider ein sehr ernstes Thema bleibt.

Michael Hirschler, hir@djv.de

DJV-Freie
Freiberuflicher Journalismus

Weitere Artikel im DJV-Blog

Aktivrente
Aktivrente

16.10.2025

Schlag ins Gesicht der Freien

„Die Aktivrente kommt - weil Leistung zählt“, verspricht die CDU vollmundig auf ihrer Homepage. Das Kabinett hat den Gesetzentwurf beschlossen.

Mehr
Wenn Signal verstummt
Wenn Signal verstummt

06.10.2025

Chatkontrolle bedroht Pressefreiheit

Der wichtigste sichere Messenger könnte bald aus Europa verschwinden – mit gravierenden Folgen für die Pressefreiheit.

Mehr
Gelungene Zusammenarbeit
Gelungene Zusammenarbeit

18.09.2025

Respektvoll über Sexarbeit berichten

Kaum eine Berufsgruppe polarisiert die Menschen so sehr wie die Sexarbeit.

Mehr
Es reicht
Es reicht

16.09.2025

Stopp mit Hass, Einschüchterungen und Gewalt

“Meinungsfreiheit hat Grenzen”. Mit diesen Worten kündigte Dunja Hayali vor zwei Tagen an, sich für einen Moment aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Weil sie permanent auf allen Kanälen attackiert  …

Mehr
USA
USA

15.09.2025

Es ist fünf vor zwölf

Was seit der Ermordung von Charlie Kirk medial und politisch geschieht, ist heftig. Sehr heftig.

Mehr
20 Jahre Besser Online
20 Jahre Besser Online

08.09.2025

Dystopie, Dark Tech und ein bisschen Hoffnung

AI is a wonderful servant, but a terrible master. Wenn wir KI gezielt einsetzen, um einzelne Aufgaben zu lösen, kann sie ein wertvolles Werkzeug sein. Wenn wir die Tools unreflektiert und unreguliert  …

Mehr
Rechtsextremes Magazin bei Edeka
Rechtsextremes Magazin bei Edeka

31.07.2025

Vielleicht gehe ich doch besser woanders einkaufen

Edeka ist mittlerweile so teuer wie eine Apotheke, hat neulich ein Freund zu mir gesagt, und ich habe mich gefragt, warum ich trotzdem immer noch dort einkaufen gehe.

Mehr
Die DJV-Kommission Europa und Internationales in Straßburg
Die DJV-Kommission Europa und Internationales in Straßburg

29.07.2025

Journalismus muss lauter werden

“Wenn wir uns für die Medienfreiheit einsetzen, kämpfen wir für die Demokratie als solche”, sagt Sabine Verheyen, Vizepräsidentin des EU-Parlaments. Anlass dieser Aussage ist ein Zusammentreffen mit d …

Mehr
DJV bei CSD-Parade in Köln
DJV bei CSD-Parade in Köln

08.07.2025

Zwischen Regen und Regenbogen für die Vielfalt

Köln, CSD-Sonntag, Nieselregen. Graue Wolken über der Domstadt, doch unten auf den Straßen: ein Farbenmeer. Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) war in diesem Jahr mit einem eigenen Wagen und viel  …

Mehr
Fotojournalisten von Guns n' Roses Konzert ausgeschlossen
Fotojournalisten von Guns n' Roses Konzert ausgeschlossen

19.06.2025

Keine Fotografen – oder das tyrannische Management

Hausrecht gewinnt vor Presserecht. Fotojournalisten werden vom Guns N’Roses Konzert am 20. Juni in München ausgeschlossen. Sie bekommen keine Akkreditierung. Beobachter mit ihren professionellen Kamer …

Mehr
Journalisten, vereinigt euch!
Journalisten, vereinigt euch!

16.05.2025

Der wahre Gegner sitzt im Silicon Valley

Einigungen sind meist erfreulich, besonders zwischen erbitterten Rivalen wie dem öffentlichen Rundfunk und den privaten Medienhäusern. Doch die Einigung zwischen der Schweizerischen Radio- und Fernseh …

Mehr
Rückblick: DJV-Media-Hour
Rückblick: DJV-Media-Hour

06.05.2025

Tan Caglar über Inklusion, Humor und den richtigen Umgang mit Behinderung

„Geht offensiv mit euren Einschränkungen um.“ Diesen Rat gibt Schauspieler, Comedian und Rollstuhlfahrer Tan Caglar in der dritten Ausgabe der Media Hour des Bundesfachausschusses Chancengleichheit un …

Mehr
Diskussion um IFG
Diskussion um IFG

02.04.2025

Journalismus braucht Auskunftsrecht

Die „repräsentative Demokratie“ stärken – das klingt zunächst gut. Unter dieser Überschrift aber will der Unions-Chefverhandler in der Koalitions-Arbeitsgruppe "Bürokratieabbau, Staatsmodernisierung,  …

Mehr
Berichterstattung unter Trump
Berichterstattung unter Trump

28.03.2025

Alle sind ausgelaugt

Früher haben wir über Autokraten berichtet, die unsere Meinungsfreiheit einschränken. Jetzt können wir uns schon glücklich schätzen, ohne Probleme in die USA einreisen zu dürfen. Redaktionen brauchen  …

Mehr
KI
KI

21.03.2025

Der größte Raub geistigen Eigentums in der Geschichte

Meta hat seine KI Llama 3 mit Millionen Büchern und Fachaufsätzen trainiert – ohne Wissen der Autor:innen. Denn für das Training hat der Mutterkonzern von Facebook, Instagram, WhatsApp und Threads ein …

Mehr
Internationaler Frauentag
Internationaler Frauentag

07.03.2025

Weniger Journalistinnen in Führungspositionen

Der Weltfrauentag feiert die bisher erlangte Gleichberechtigung der Frauen und macht gleichzeitig auf die noch bestehenden Ungleichheiten aufmerksam.

Mehr
Equal Pay Day
Equal Pay Day

07.03.2025

Warum wir noch immer über Gehaltsgerechtigkeit sprechen müssen

Jedes Jahr markiert der Equal Pay Day symbolisch die geschlechtsspezifische Lohnlücke in Deutschland. 2025 fällt er auf den 7. März – genau einen Tag vor dem Internationalen Frauentag. Doch was bedeut …

Mehr
Meinungsfreiheit ins Netz gegangen
Meinungsfreiheit ins Netz gegangen

06.03.2025

Wie Big Tech unser Denken und unseren Diskurs bestimmt

„In Europa verlieren sie gerade ihr wunderbares Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagte Trump kürzlich.

Mehr
Anfrage
Anfrage

26.02.2025

551 Messerstiche ins Herz der Demokratie

Was Friedrich Merz von Menschen hält, die sich für unsere Demokratie und gegen rechte Kräfte einsetzen, hat er kurz vor der Wahl bewiesen. Als “Spinner”, die “nicht alle Tassen im Schrank” haben, besc …

Mehr
Gefährliche Heuchelei
Gefährliche Heuchelei

16.02.2025

JD Vance in München

Was stimmt nun von dem, was JD Vance bei der Sicherheitskonferenz in München sagt? Der US-Vizepräsident sagte: „Wenn Menschen ihre Meinung äußern und man dafür bestraft wird, dann wird die Trump-Regie …

Mehr