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ARD

Deformation statt Reform

12.07.2021

Die ARD kommt nicht zur Ruhe. Natürlich ist es wichtig, sich zukunftsfähig auszurichten. Und die Zukunft liegt nicht allein im linearen Programm. Aber eben auch. Es ist ja nicht so, dass plötzlich alle Menschen nur noch in Mediatheken herumstöbern und ihr Programm selbst zusammenstellen wollen. Noch immer ist die "Tagesschau" um 20 Uhr eine Art Lagerfeuer, ein Orientierungspunkt des Tages. Ähnlich ist es für viele mit den politischen Magazinen wie "Monitor", "Report" oder "Kontraste". Aktuelle politische Themen werden gut recherchiert aufgegriffen, und es gab sogar einmal Zeiten, da hatten die Sende-Verantwortlichen in der ARD den Mut, diese Magazine direkt nach der quotenreichen "Tagesschau" um 20.15 Uhr zu programmieren.
Diese Zeiten sind längst vorbei. Man gewinnt den Eindruck, dass die Programmverantwortlichen auf diese Aushängeschilder des professionellen Magazin-Journalismus nicht länger stolz sind. Anders ist es kaum zu erklären, dass sie die Zahl der Sendungen reduzieren wollen. Damit leistet man denen Vorschub, die die Kernkompetenzen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks rundweg in Frage stellen.
Wir brauchen guten Journalismus, der nicht ständig mit Reformideen in Frage gestellt wird. Natürlich muss Neues umgesetzt werden, und das findet – nicht nur online – längst statt. Aber Bewährtes pauschal in Frage zu stellen oder zusammen zu kürzen ist keine Reform, sondern eine Deformation. Es ist mutig, dass sich freie Kolleginnen und Kollegen der Politik-Magazine mit einem "Offenen Brief" zu Wort melden und um ihre TV-Formate kämpfen. Der DJV steht dabei gerne an ihrer Seite!
Ein Kommentar von Frank Überall

Wir dokumentieren an dieser Stelle den "Offenen Brief":

Sehr geehrte Intendant:innen,

sehr geehrte Direktor:innen,

in den vergangenen Tagen wurden Pläne bekannt, wonach es erhebliche Einschnitte im Bereich investigativer, politischer Berichterstattung der ARD geben soll. Wir Programmmacher:innen, freie Journalist:innen und Autor:innen der Politikmagazine in der ARD und der “Story im Ersten”, sind davon überzeugt, dass die geplanten Einschnitte den Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und seine Bedeutung im Bereich Information erheblich beschädigen würden. Deswegen fordern wir Sie mit diesem Brief dazu auf, die geplante Programmreform nicht in dieser Form umzusetzen.

Nach Informationen verschiedener Medien ist im Gespräch, die Zahl der Sendeplätze der  Politikmagazine (Fakt, Kontraste, Monitor, Panorama, Report Mainz, Report München) zu reduzieren. Und zwar von jeweils 15 auf elf pro Jahr, insgesamt also von 90 auf 66, dies entspräche einer Kürzung um fast 30 Prozent. Darüber hinaus soll demnach die Dokureihe “Die Story im Ersten” abgeschafft werden. Diese Kürzungen und Streichungen würden nach unserer festen Auffassung zu einer Beschneidung der eigenen publizistischen Bedeutung führen, die das Programm entwerten und dem Programmauftrag zuwiderlaufen würde. Daran ändern auch die zwei geplanten zusätzlichen Sendeplätze für Reportagen nichts, welche die Einschnitte aus unserer Sicht keineswegs aufwiegen.

Die Rolle von Politikmagazinen und Formaten wie der “Story im Ersten” ist heute wichtiger denn je. Sie bilden mit ihren Recherchen in einer Zeit der Desinformation und Fake-News, in der die Feinde der Demokratie Rückenwind spüren, ein wichtiges Gegengewicht. Sie unterstützen den gesellschaftlichen Diskurs im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und sie sind nicht zuletzt ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie stoßen Debatten an und ihre Themen werden oft von anderen Journalist:innen aufgegriffen. Mittelbar profitieren so auch Menschen von der investigativen Arbeit, die die ursprünglichen Beiträge gar nicht gesehen, aber Anteil an der ausgelösten gesellschaftlichen und politischen Debatte haben oder die Wirkung von Öffentlichkeit auf politische Entscheidungen wahrnehmen und in den Genuss durch sie ausgelöster Veränderungen kommen.

Es ist die kontinuierliche Berichterstattung über ein konkretes Thema, die den Wert der Politikmagazine ausmacht. So können sie immer wieder ein Schlaglicht auf bestimmte politische Zusammenhänge und gesellschaftliche Missstände werfen, die sonst in Vergessenheit gerieten. Die Autor:innen der Magazine ermöglichen es mit ihrer Fachkompetenz und ihren Recherchen, die Berichterstattung über einen Themenkomplex über eine lange Zeit fortzuschreiben. Das zeigt sich etwa bei der regelmäßigen Berichterstattung zu CumEx-Geschäften, zu Rechtsextremismus, zum Attentat auf dem Breitscheidplatz, die wesentlich zur Aufklärung beiträgt. 

Die betroffenen Redaktionen brauchen die Rückendeckung der Verantwortlichen in den Sendern,um weiterhin tiefgründig und angstfrei recherchieren zu können, um Zusammenhänge offenzulegen und Missstände aufzudecken. Solche Formate weiter zu schwächen oder gar ganz zu streichen, sendet aus unserer Sicht ein fatales Signal nach innen - an die Redakteur:innen und Autor:innen. Es sendet darüber hinaus ein fatales Signal nach außen - an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft im Allgemeinen - und die Gegner:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Besonderen. 

Es ist wichtig, dass die ARD ihrer Wächterfunktion in politischen und gesellschaftlichen Prozessen wahrnehmbar nachkommt. Nur so werden Zuschauer:innen in ihrer Haltung bestätigt, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk in diesen Zeiten den Rücken zu stärken. Programmentscheidungen, die dem zuwiderlaufen, liefern nur Argumente an die Gegner:innen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. 

Mit Dokumentationen und längeren filmischen Inhalten will die Programmdirektion die Mediathek stärken. Das ist sinnvoll. Doch: Warum wird eine investigative und etablierte Dokumentationsreihe im Ersten dann linear gestrichen?

Das Argument, wonach die Politikmagazine in der Mediathek kaum abgefragt würden, kann nicht überzeugen. Bis heute müssen Zuschauer:innen aufwändig suchen, um die Magazine in der Mediathek zu finden - insofern wäre eine Stärkung der Präsenz und Auffindbarkeit hier zielführender. Wir stellen uns nicht gegen ein kluges Digitalkonzept, welches nicht-lineare Abrufzahlen mitdenkt und die Online-Präsenz stärkt. Ein hochwertiger Onlineauftritt auf verschiedenen Kanälen, der einen Mehrwert in Zeiten von Desinformation im Netz liefert, ist längst Alltag in den politischen Redaktionen. 

Wir rufen Sie - die Intendant:innen und Fernsehdirektor:innen - dringend auf, die Kritik an den Reformplänen im eigenen Haus zu berücksichtigen, der eigenen journalistischen Verantwortung nachzukommen und den Plänen in der vorliegenden Form nicht zuzustimmen. Die ARD hat einen Programmauftrag. Die geplanten Reformen würden die investigative, politische Berichterstattung deutlich beschneiden. Wir wünschen uns eine breite Debatte über diese weitreichende Reform und möchten die Pläne mit diesem Brief öffentlich zur Diskussion stellen. 

Mit freundlichen Grüßen,

Freie Journalist:innen der Politikmagazine der ARD und der “Story im Ersten” sowie weitere Unterstützer:innen

Benjamin Arnold (FAKT, MDR)
Michael Baiculescu (Verleger Wien)
Florian Barth (exakt und FAKT, MDR)
Dirk Bitzer (Wirtschaftsredaktion Fernsehen, WDR)
Susanne Böhm (Die Story im Ersten, Menschen Hautnah und
FrauTV, WDR)
Elke Brandstätter (MONITOR, WDR)
Simone Brannahl (KONTRASTE, RBB)
Michaela Bruch (Menschen hautnah und Lokalzeit Bergisches
Land, WDR)
Stefan Buchen (PANORAMA, NDR)
Lea Busch (PANORAMA, NDR)
Julia Cruschwitz (FAKT, MDR)
Thomas Datt (FAKT, MDR)
Manuel Daubenberger (PANORAMA, NDR)
Richard Derichs (Studio Aachen, WDR)
Dante Liam Dietrich (kugelzwei / WDR)
Edith Dietrich (ARD-PLUSMINUS und Markt, WDR)
Pune Djalilehvand (KONTRASTE, RBB)
Daniel Donath (KONTRASTE, RBB)
Dorothe Dörholt
Jürgen Döschner
Silvio Duwe (KONTRASTE, RBB)
Ulf Eberle (Menschen Hautnah, Unterwegs im Westen, Die Story,
WDR)
Andrea Everwien (KONTRASTE, RBB)
Florian Farken (FAKT, MDR und Die Story im Ersten)
Erika Fehse (Die Story im Ersten, Menschen hautnah, WDR)
Jürgen Fränznick (ARD-Studio New York)
Matthias Fuchs (ARD-PLUSMINUS und Markt, WDR)
Armin Ghassim (PANORAMA, NDR)
Arndt Ginzel (u.a. FAKT, MDR)
Thomas Goerger (AKTUELLE STUNDE, WDR)
Christoph Goldbeck (Menschen hautnah, Quarks und Planet
Schule, WDR)
Vassili Golod
Elke Groß (MONITOR, WDR)
Katharina Gugel (Menschen hautnah, WDR)
Carolin Haentjes (exakt und FAKT, MDR)
Anna Herbst (WDR Doku)
Nora Hespers (Sport Inside, WDR)
Michael Houben (Die Story im Ersten und ARD-PLUSMINUS)
Christian Humbs (KONTRASTE, RBB)
Melanie Jost (Markt, WDR und ARD-PLUSMINUS)
Annette Kammerer (PANORAMA, NDR)
Robert Kempe (WDR)
Aiko Kempen (MONITOR, WDR)
Antje Kießler (Nachrichten WDR/NDR)
Susett Kleine (KONTRASTE, RBB)
Secilia Kloppmann (exakt und FAKT, MDR)
Sonja Kolonko (Markt, Quarks und Menschen hautnah, WDR)
Anja Köhler (ARD-MoMa)
Frank Konopatzki (MONITOR, WDR)
Herbert Kordes (MONITOR, WDR)
Bernhard Küchler (MONITOR, WDR)
Jörg Laaks (Die Story im Ersten, Unterwegs im Westen, Westart,
WDR)
Barbara Lamber (MONITOR, WDR)
Eva-Maria Lemke (KONTRASTE, RBB)
Ilka aus der Mark (Die Story im Ersten)
Andreas Maus (MONITOR, WDR)
Luisa Meyer (MONITOR, WDR)
Stefanie Mnich (KONTRASTE, RBB)
Esat Mogul (MONITOR, WDR)
Eva Müller (Autorin und Regisseurin)
Noelle O'Brien-Coker (Hörfunk, WDR)
Andrea Oster (Moderation WDR 5 Morgenecho / Politikum)
Nina Ostersehlte (ARD Cosmo, ARD-MoMa, Die Story im Ersten)
Nadia Ouled-Ali (MONITOR, WDR)
Peter Podjavorsek (Menschen Hautnah, MDR, Frontal 21, ZDF)
Markus Pohl (KONTRASTE, RBB)
Thomas Purschke (Sport Inside, WDR)
Lutz Polanz (MONITOR, WDR)
Jonas Reese (WDR 5 Morgenecho)
Timo Reinders (MONITOR, WDR)
Julia Regis (MONITOR, WDR)
Torsten Reschke (MONITOR, WDR)
Lena Rumler
Eberhard Rühle (u.a. Die Story im Ersten)
Katharina Schiele (PANORAMA, NDR)
Julius Schmidt (Newsroom, WDR)
Markus Schmidt (WDR)
Sandra Schmidt (MONITOR, WDR)
Jan Schmitt (MONITOR und Die Story im Ersten, WDR)
Verena von Schoenfeldt (ARD-Studio Rio de Janeiro)
Eva Schötteldreier (u.a. Die Story, “Gott und die Welt”)
Jonas Schreijäg (PANORAMA, NDR)
Oliver Schröm (PANORAMA, NDR)
Mathea Schülke (MONITOR, WDR)
H.-C. Schultze (u.a. KONTRASTE, RBB; Markt, MONITOR, WDR,
ARD-Plusminus, Frontal 21, ZDF)
Lisa Seemann (MONITOR, WDR)
Felix Seibert-Daiker (FAKT, MDR)
Ahmet Șenyurt
Ursel Sieber (KONTRASTE, RBB und MONITOR, WDR)
Marcel Siepmann (exakt und FAKT, MDR)
Tina Soliman (PANORAMA, NDR)
Andreas Spinrath (MONITOR, WDR)
Fritz Sprengart (Die Story im Ersten, Unterwegs im Westen, WDR)
Lara Straatmann (MONITOR, WDR)
Tom Theunissen
Karl Waldhecker (Service und Verbraucher TV, WDR)
Hanna Wangler (MONITOR, WDR)
Marcus Weller (KONTRASTE, RBB)
Christian Werner (exakt und FAKT, MDR)
Mareike Wilms
Gregor Witt
Christina Zühlke (MONITOR und Die Story im Ersten, WDR)

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