Deutscher Journalisten-verbandGewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten
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Umfragen unter Freien

Umfrage zur Arbeitslosenversicherung 2017

Der Deutsche Journalisten-Verband führte vom 9. Juni - 2. August 2017 eine bundesweite Umfrage zur Arbeitslosenversicherung von freien Journalisten durch. Ziel war es, Probleme und Erwartungen der Betroffenen zu dokumentieren, um eine Reform des bestehenden Versicherungssystems zu erreichen. Die Fragen richteten sich sowohl an freie Journalisten, die über den Auftraggeber versichert werden, als auch an Freie, die freiwillig in der Arbeitslosenversicherung sind.

„Soziale Sicherheit ist für freie Journalisten ein nicht zu unterschätzender Wert", betonte DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall zum Start der Umfrage. "Der DJV braucht aber statistisch belegbare Daten, um den Verbesserungsbedarf klar benennen zu können. Daher bitten wir freie Journalisten, daran teilzunehmen."

Die Ergebnisse der Umfrage sind nachstehend zusammengefasst.

Freie: Freiwillige Unsicherheit?

Freie Journalisten sind im Vergleich zu angestellten Redakteuren nur lückenhaft abgesichert. Eine leichte Mehrheit der Freien ist nicht in der Arbeitslosenversicherung und lehnt sie – zumindest in der heute angebotenen Form – bewusst ab. Die Arbeitslosenversicherung von Freien durch ihre Arbeitgeber ist mittlerweile kein reines Phänomen an Rundfunkanstalten mehr, sondern erfolgt auch in anderen Medienbereichen. Sonderregelungen für Freie wie die „kurze Anwartschaftszeit“ sind den Freien praktisch nicht bekannt und werden daher nicht genutzt. Bei denjenigen Freien, die als Selbständige in der freiwilligen Arbeitslosenversicherung abgesichert sind, gibt es Kritik an der Höhe der Beiträge und Forderungen für eine Verbesserung der Leistungsmodalitäten. Arbeitslosengeld II spielt in der Praxis keine Rolle. Das sind die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage unter freien Journalisten.

Status der Absicherung: Mut zur Lücke

75 Prozent der Freien sind in der Künstlersozialkasse (KSK) und darüber gesetzlich krankenversichert, nur sechs Prozent sind in der privaten Krankenversicherung mit KSK-Zuschuss. Sieben Prozent sind direkt über den Arbeitgeber gesetzlich krankenversichert und nur ein Prozent ist bei einem Arbeitgeber mit einem Zuschuss zur privaten Krankenversicherung tätig. Drei Prozent der Freien erhalten sogar sowohl von der KSK und vom Arbeitgeber Zuschüsse zur gesetzlichen Krankenversicherung, für den Bereich der privaten Krankenversicherung ist diese Doppelbezuschussung sehr selten, dort sind es nur 0,2 Prozent.

Zwölf Prozent sind weder in der KSK noch über den Arbeitgeber versichert, sondern versichern sich auf eigene Kosten. Die Hälfe von diesen zwölf Prozent ist dabei freiwillig gesetzlich krankenversichert, die andere Hälfte privat.

89 Prozent sind über KSK oder den Arbeitgeber Pflichtmitglieder der gesetzlichen Rentenversicherung. 3,5 Prozent sind freiwillig in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Eine private Krankenzusatzversicherung zur privaten Krankenversicherung haben 22 Prozent. Zehn Prozent haben eine Krankengeldversicherung bei der privaten Krankenversicherung. Da insgesamt 14 Prozent angegeben hatten, sie seien privat krankenversichert, haben damit immerhin vier Prozent der Freien keine Krankengeldversicherung, bzw. rund ein Viertel aller privatversicherten Freien.

Freiwillig in der Unfallversicherung der Verwaltungsberufsgenossenschaft sind lediglich 8 Prozent der Freien, in der Berufsgenossenschaft ETEM (für Foto-/Videojournalisten) sind nur 3 Prozent. Eine private Unfallversicherung haben aber auch nur 33 Prozent, d.h. 55 Prozent der Freien haben überhaupt keine Unfallversicherung.

Eine private Berufsunfähigkeitsversicherung haben 41 Prozent.

41 Prozent haben eine private Kapitallebensversicherung, 37 Prozent eine private Rentenversicherung. 17 Prozent geben an, eine private Todesfallabsicherung zu haben. Dieser Wert kann allerdings irreführend sein, weil in den meisten Kapitallebensversicherungen meist auch eine Bestimmung über besondere Leistungen im Todesfalle zu finden ist. Gleichwohl spricht alles dafür, dass dann immer noch rund die Hälfte der Freien keine besonderen Leistungen für den Todesfall versichert hat.

31 Prozent haben eine Berufshaftpflichtversicherung, 20 Prozent eine Vermögenschadenhaftpflicht, die sie beispielsweise für Fehler bei der Berichterstattung versichert.

Als weitere Versicherungen geben 9 Prozent Absicherungen bei der Pensionskasse Rundfunk und bei der Presseversorgungswerk GmbH an.

Freiwillig in der Arbeitslosenversicherung

Etwas weniger als ein Drittel der Freien (29 Prozent) ist freiwillig in der Arbeitslosenversicherung versichert. Von den 71 Prozent, die nicht dabei sind, hat sich etwas mehr als die Hälfte bewusst gegen die Versicherung entschieden (53 Prozent).

Warum entscheidet sich die Hälfte der Freien bewusst gegen die freiwillige Arbeitslosenversicherung? Als Hauptgrund wird genannt: die Beiträge sind zu hoch (43 Prozent). Weitere Gründe: die Leistungen erscheinen zu gering (30 Prozent). Fast ein Viertel (23 Prozent) ist der Auffassung, dass eine Arbeitslosenversicherung zum Status der Selbständigkeit nicht passt. Rund ein Viertel (22 Prozent) sorgt selbst für den Fall der Arbeitslosigkeit vor, jeder 8. (13 Prozent) hat eine/n Partner/in, der/die ihn im Fall der Arbeitslosigkeit versorgen würde. 18 Prozent erwarten Probleme bei der Beantragung und Leistung, 3 Prozent würde auch die Zahlung von Arbeitslosengeld II genügen.

Von dem Drittel der Freien, das unabsichtlich außerhalb der freiwilligen Arbeitslosenversicherung steht, nennen 55 Prozente wie fehlende Kenntnis von der Versicherung und zu hohe Kosten. 44 Prozent sagen, dass der Grund darin liegt, dass es aus formellen Gründen (Vorversicherungszeit in der Arbeitslosenversicherung, Fristen zur Antragstellung etc.) nicht möglich war, nur bei 1 Prozent lag es daran, dass bereits zweimal Leistungen der Freiwilligen Arbeitslosenversicherung wahrgenommen wurden und ein drittes Mal nicht zulässig war.

Zehn Prozent der Freien berichten, dass ihr Antrag auf freiwillige Arbeitslosenversicherung abgelehnt wurde. Zu den Gründen, warum die Ablehnung erfolgte, wird vor allem die Nichteinhaltung von Fristen genannt.

Freie, die über den Arbeitgeber in der Arbeitslosenversicherung sind

Die verstärkten Kontrollen der Sozialversicherungspflicht in den letzten Jahren scheinen dazu geführt zu haben, dass die Abführung von Sozialversicherungsbeiträgen im Fall der Beschäftigung von Freien nicht mehr nur auf die Rundfunkanstalten begrenzt ist. Vielmehr scheint es so zu sein, dass überall dort, wo Freie intensiver (z.B. als „Pauschalisten“, „feste Freie“) mitwirken, die Sozialversicherungspflicht vom Arbeitgeber/Auftraggeber umgesetzt wird. Insgesamt zahlen 14 Prozent der Freien Arbeitslosenversicherungsbeiträge aufgrund einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung. Insgesamt 17 Prozent aller Freien haben das zumindest schon einmal bei einer Beschäftigung erlebt.

Bei fast der Hälfte dieser Gruppe (45 Prozent) handelt es sich um eine Beschäftigung an einer Rundfunkanstalt, aber bei rund einem Drittel der Freien (28 Prozent) um eine Zeitung. Aber auch Freie an Fachzeitschriften (16 Prozent) sowie sonstigen Zeitschriften (10 Prozent) zahlen Sozialversicherungsbeiträge. Online-Medien (13 Prozent), Pressestellen (11 Prozent), PR-Agenturen (10 Prozent) haben ebenfalls eine signifikante Zahl von Freien mit Versicherung, während das bei Produktionsgesellschaften für Rundfunkanstalten mit 5 Prozent und im privaten Rundfunk mit nur 3,5 Prozent recht wenige Freie zutrifft.

Leistung von Arbeitslosengeld I

Ein Viertel der Freien hat bereits Leistungen auf Grund der freiwilligen Arbeitslosenversicherung beantragt, und 81 Prozent der Antragsteller wurden die Leistungen auch bewilligt. Insgesamt (also unter Berücksichtigung auch derjenigen mit Ansprüchen aus der Pflichtarbeitslosenversicherung) haben Leistungen auf Arbeitslosengeld I beantragt 26 Prozent aller Freien. Die große Mehrheit der Befragten berichtet dabei, dass alle Einzahlungen / Tage / Höhe berücksichtigt wurden.

Anerkennung der Beschäftigungsdauer („Durchmeldung“)

Bei der Arbeitslosenversicherung gibt es immer wieder Probleme, wie eine Dauerbeschäftigung abrechnungstechnisch zu berücksichtigen ist. Nach Entscheidungen des Bundessozialgerichts gilt als Dauerbeschäftigung auch die Tätigkeit an einem einzigen Tag im Monat, wenn sie regelmäßig erfolgt. Demnach ist der Monat dann bei der Arbeitslosenversicherung mit 30/31 Tagen zu bewerten und vom Arbeitgeber entsprechend bei der Sozialversicherung zu melden („Durchmeldung“). Gleichzeitig kann sich ein Mitarbeiter, der regelmäßig einen oder mehrere Tage im Monat tätig ist, nicht für den Rest des Monats arbeitslos melden.

Fast allen (94 Prozent) der Freien ist von dieser Problematik nichts bekannt. 81 Prozent befürworten allerdings die Praxis der „Durchmeldung“.

Ein Befragter gibt an, dass die zunächst bewilligten und ausgezahlten Leistungen anschließend zurückgezahlt werden mussten, weil der Sender den freien Mitarbeiter durchgemeldet hatte, rechtlich gesehen trotz fehlender Arbeit keine Arbeitslosigkeit bestand.

Kurze Anwartschaftszeit von 180 Tagen

Nur wenige Freie (9 Prozent) haben bislang von der Möglichkeit gehört, unter bestimmten Umständen Arbeitslosengeld schon bei Vorliegen von 180 Beschäftigungstagen innerhalb von zwei Jahren ("kurze Anwartschaftszeit") zu bekommen, wenn man vor allem kurzfristige Beschäftigungen ausübt. Praktisch niemand (99,8 Prozent) hat jemals Leistungen auf Grund kurzfristiger Beschäftigungen erhalten. In einem Fall wurde die Leistung abgelehnt, weil genau drei Tage fehlten.

Arbeitslosengeld II (Hartz IV)

Nur 3 Prozent der Freien haben jemals während ihrer freien journalistischen Tätigkeit Arbeitslosengeld II bezogen oder beziehen es aktuell. Etwas weniger als 4 Prozent geben an, während der freien Tätigkeit „Aufstockungsleistungen“ wegen zu geringer selbständiger Einkünfte erhalten zu haben.

Private Arbeitslosenversicherung

Was würde gelten, wenn ein Anbieter eine private Arbeitslosenversicherung bieten würde, die Kosten von 150 Euro und darüber im Monat verursachen würde? Zwei Drittel der Freien (68 Prozent) wären daran nicht interessiert, 14 Prozent würden mitmachen. 20 Prozent geben dazu differenzierte Antworten: beispielsweise wird darauf hingewiesen, dass das von den Leistungen abhinge und den genauen Bedingungen, unter denen geleistet wird.

Spezialfragen

Von den Teilnehmer wurden auch sehr spezielle Fragen angesprochen. So machten mehrere darauf aufmerksam, dass Freie eigentlich entweder immer irgendwelche Aufträge hätten oder aber schon wieder an Projekten/Themenangeboten säßen. Damit seien sie rechtstechnisch nie wirklich arbeitslos. Verschiedene Teilnehmer vertraten die Ansicht, Freie sollten besser einen Betrag von etwa 25.000 Euro als Reserve bilden, damit sie im Fall der Arbeitslosenversicherung abgesichert seien. Auch wurde darauf hingewiesen, dass die geringen Zeilen- und Fotohonorare es gar nicht zulassen, Versicherungskosten zu zahlen. Daher weisen auch Freie, die eine freiwillige Arbeitslosenversicherung abgeschlossen haben, darauf hin, dass sie wegen der steigenden Beiträge eine Kündigung erwägen. Auch die Komplikationen bei der Beantragung halten einige für einen Grund, die bereits bestehende Versicherung demnächst beenden zu wollen.

Schlussfolgerungen

Die Umfrage zeigt zunächst, dass das Thema Arbeitslosenversicherung längst weit über den Kreis der Beschäftigten an Rundfunkanstalten hinaus von Bedeutung ist. Die Kritik konzentriert sich auf die Probleme der freiwilligen Arbeitslosenversicherung. Die Spezialprobleme von Freien, die über ihren Arbeitgeber/Auftraggeber versichert werden, sind den meisten weder als konkretes noch als abstraktes Thema bekannt, gleiches gilt für die Möglichkeit der kurzen Anwartschaftszeit.

Es spricht daher alles dafür, dass der DJV den Gesetzgeber um eine Revision der Regelungen zur freiwilligen Arbeitslosenversicherung auffordert. Gleichzeitig gilt es, die Thematik der Arbeitslosenversicherung beim Arbeitgeber/Auftraggeber weiter bekannt zu machen, um hier Problembewusstsein zu erzeugen und mögliche Kritikpunkte zu sammeln. Schließlich muss der DJV auch anerkennen, dass eine leichte Mehrheit der Freien die Arbeitslosenversicherung weder für sinnvoll noch für notwendig hält, weil nach ihrer Auffassung eine echte Arbeitslosigkeit bei freier Tätigkeit nicht eintreten kann. Daraus folgt, dass der DJV beim Engagement in Fragen Arbeitslosenversicherung nur für freiwillige Regelungen eintreten kann und verpflichtende Systeme ablehnen muss.


Michael Hirschler, hir@djv.de

DJV-Umfrage freie Journalisten 2014

Zwischenergebnis der Umfrage unter freien Journalistinnen und Journalisten zur Einkommensituation, Arbeitsbedingungen und der Zufriedenheit mit dem Beruf. Den Online-Fragebogen füllten von Januar bis März 2014 insgesamt 1.353 Freie aus dem ganzen Bundesgebiet aus. Bereits 2008 und 1998 führte der DJV Umfragen mit entsprechenden Fragestellungen durch.

Infografik. DJV-Freienumfrage 2014 zu Einkommen, Alter, Geschlecht, Zufriedenheit, Social Media Nutzung und Medienbereichen

Infografiken zum Download

Infografik DJV-Freienumfrage 2014
Infografik DJV-Freienumfrage 2014
Infografik DJV-Freienumfrage 2014
Infografik DJV-Freienumfrage 2014
Infografik DJV-Freienumfrage 2014
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