Deutscher Journalisten-Verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

Corona: Berichterstattung in kontaminierter Umgebung

vom International News Safety Institute, übersetzt vom DJV (Stand: 02.04.2020)

COVID-19-Patienten in Krankenhäusern, zu Hause oder bei Rettungsdiensten zu filmen ist zwar möglich, erfordert jedoch eine sorgfältige Bewertung des Risikos, spezielles Training und eine Reihe strenger Vorsichtsmaßnahmen, um Risiken zu minimieren und zu vermindern.

Stellen Sie sicher, dass das Team sowohl fähig als auch willig ist
Nachdem herausgestellt wurde, dass ausreichend redaktioneller Anlass für einen Einsatz besteht, bedarf es bei der Zusammenstellung des Teams ebenso großer Sorgfalt wie bei jeder anderen Umgebung mit erhöhtem Risiko.

Derartige Einsätze müssen vollständig freiwillig erfolgen. Personen, die aus irgendeinem Grund einer Risikogruppe angehören, sollten ausgeschlossen werden.

Aufgrund der Gefahr, Familienmitglieder anzustecken, ist die Entscheidungsfindung in diesem Fall von zusätzlicher Komplexität geprägt.

Die Teammitglieder sollten ebenfalls die Möglichkeit bedenken (und mit ihren Familien besprechen), dass sie sich nach dem Einsatz möglicherweise für zwei Wochen in Isolation an einem separaten Ort begeben müssen. Zugang zu COVID-19-Tests wird dieses Problem zumindest teilweise lösen.

Ein Team, das aus Personen mit ausreichend Erfahrung, Vernunft und einem angemessenen Maß an Risikobewusstsein besteht, ist in diesem besonderen Fall erfolgsentscheidend, da absolute und präzise Sorgfalt im Umgang mit einer Schutzausrüstung unabdingbar ist, um die Sicherheit aller involvierten Personen zu garantieren.

Team-Zusammenhalt und gegenseitiges Vertrauen sind ebenfalls wünschenswert, da die Filmcrew als eine Familieneinheit zusammenarbeiten wird und vermutlich keine Möglichkeit besteht, ausreichend Abstand voneinander zu halten.

Dies ist insbesondere der Fall, wenn der Einsatz mit einer Reise verbunden ist. Möglicherweise ist das Team gezwungen, für längere Zeit im Ausland zu verbleiben. Hotels sind nicht mehr in Betrieb und stellen ebenfalls nicht die sicherste Option dar. In stark betroffenen Gebieten muss das Team möglicherweise gemeinsam in einer Privatunterkunft untergebracht werden.

Schutzausrüstung und spezielles Training
Die persönliche Schutzausrüstung, die Nachrichtenteams verwenden, um in Umgebungen mit erhöhtem Risiko, wie Krankenhäusern oder den Häusern von Patientinnen oder Patienten, zu filmen, umfasst: 

  • Einweg-Schutzanzüge mit integrierter Kapuze und integrierten Überschuhen. Die Tyvek-Serie von Dupont gilt als Gold-Standard.
  • Dichtschließende Schutzbrillen ohne Lücken im Augenbereich. Es gibt auch Ausführungen mit Belüftung. Diese werden jedoch nicht empfohlen.
  • N95- oder FFP-Atemschutzmasken.
  • Nitrilhandschuhe, von denen je zwei Paar gleichzeitig zu verwenden sind. Nitril schützt im Vergleich zu Latex besser vor Viren.

Spezielles Training mit einem Spezialisten in CBRN-Ausrüstung (chemisch, biologisch, radiologisch und nuklear) wird vorausgesetzt, um den korrekten Umgang mit der Schutzausrüstung zu erlernen. Sollte ein solches Training nicht stattfinden, kann möglicherweise sogar ein größeres Ansteckungsrisiko entstehen.

Das Training sollte die genauen Methoden zum An- und Ablegen der Schutzausrüstung behandeln. Der Anzug mit Kapuze und die Schutzbrille sorgen dafür, dass den Personen sehr warm wird und sie schwitzen. Dies führt dazu, dass die Personen versehentlich Dinge tun, die es zu vermeiden gilt. Beispielsweise fassen sie sich möglicherweise ins Gesicht. Das Training ist demnach wichtig, um auf dieses Verhalten vorzubereiten und für eine entsprechend angepasste Wahrnehmung zu sorgen.

Der gefährlichste Teil eines Einsatzes besteht im Ablegen der Schutzausrüstung. Die Methode zur Entfernung der möglicherweise kontaminierten Anzüge muss extrem gewissenhaft eingehalten werden. Es dürfen dabei keinerlei Fehler unterlaufen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Teammitglieder physisch und emotional erschöpft sein werden, nachdem sie bestürzende Situationen beobachtet und gefilmt haben. Stress und Ungeduld können zur Erhöhung der Fehlerquote beitragen. Es wird dringend empfohlen, dass eine medizinische Fachkraft zugegen ist oder assistiert, wenn das Team die Schutzausrüstung ablegt und sicher entsorgt, um sicherzustellen, dass dies korrekt erfolgt.

Da der Zugang zu Krankenhäusern und Rettungsdiensten vorherige Planung und Koordination mit Gesundheitsbehörden erfordert, ist es sinnvoll, um derartige Unterstützung zu bitten.

Filmen
Fahren Sie bei der Arbeit mit Rettungsdiensten nicht in Krankenwagen mit. Folgen Sie Krankenwagen im eigenen Fahrzeug. Nehmen Sie niemals zusätzliche Personen mit.

Falls Sie im Ausland filmen und Fixer nutzen, sollten diese nur dann Krankenhäuser gemeinsam mit dem Team betreten, wenn sie zuvor vollständig in Infektionsschutz geschult wurden.

Bauen Sie alles draußen auf, so dass Sie möglichst wenig in eine möglicherweise kontaminierte Umgebung mitnehmen müssen. Jeder einzelne Ausrüstungsgegenstand muss im Nachgang sorgfältig gereinigt werden.

Befolgen Sie innerhalb des Krankenhauses sämtliche Anweisungen des medizinischen Fachpersonals und berühren Sie nichts.

Ziehen Sie in Erwägung, auf Funkmikrofone zu verzichten, sofern die befragten Personen diese nicht selbst anbringen können. Ziehen Sie stattdessen den Einsatz eines Galgenmikrofons für Interviews vor. Dieses sollte idealerweise ohne Windschutz-Fellüberzug („Dead Cat“) verwendet werden, um das Entfernen von Speicheltröpfchen im Nachgang zu erleichtern.

Denken Sie daran, dass Sie Ihren Schutzanzug während des gesamten Aufenthalts im Krankenhaus nicht ausziehen können. Aus diesem Grund trinken viele Ärzte mehrere Stunden vor ihrer Schicht nichts mehr.

Filmen Sie mit Vorsicht und Feingefühl. Achten Sie darauf, die Gesichter von Patientinnen, Patienten und medizinischem Fachpersonal nur zu zeigen, wenn diese dem zugestimmt haben. Neben den offensichtlichen ethischen Gründen kann ein Mangel an Sensibilität in einer Umgebung mit erhöhtem Druck möglicherweise auf Ärger und sogar Aggressivität stoßen.

Behandeln Sie Freigabeformblätter, die von Patientinnen, Patienten oder medizinischen Fachkräften berührt wurden, mit äußerster Vorsicht. Papier und Stifte können möglicherweise mit dem Virus kontaminiert werden.

Beim Verlassen des Drehorts ist darauf zu achten, dass vor Betreten des eigenen Fahrzeugs sämtliche Schutzkleidung abgelegt wurde und Schuhe desinfiziert wurden. Sämtliche Ausrüstungsgegenstände sind vollständig zu sterilisieren. Dazu gehören auch Schutzbrillen, Kameras, Mikrofone, Handys sowie sämtliche Oberflächen im Inneren des Fahrzeugs, einschließlich des Lenkrads.

Schutzanzüge, Masken und Handschuhe sollten nur einmal an einem einzigen Ort getragen und daraufhin ordnungsgemäß entsorgt werden. Sollten Teams zu einem weiteren Krankenhaus oder dem Wohnort einer infizierten Person fahren, muss dafür neue Schutzausrüstung angelegt werden.

Diese Pandemie wird noch viele Monate andauern. Die Gefahr besteht dabei in einem unsichtbaren Virus. Es ist absolut entscheidend, dass die Dekontaminationsverfahren während der gesamten Dauer eingehalten werden und Filmcrews im Verlauf der Zeit nicht weniger aufmerksam bei der Einhaltung dieser strengen und zeitaufwendigen Sicherheitsmaßnahmen werden.

Teams in italienischen Krankenhäusern berichten, dass Gesundheitsfachkräfte gut auf sie reagieren und es schätzen, dass einige Journalistinnen und Journalisten Risiken in Kauf nehmen, um aus erster Hand von der Krise zu berichten. Die Teams merken an, es sei bei dieser schwierigen Berichterstattung am besten und sichersten, etwas mehr Zeit zu investieren, um die Gründe für die Filmarbeiten zu erläutern und die Patientenwürde an erste Stelle zu stellen.

Emotionale Auswirkungen
Die Berichterstattung im Zuge der aktuellen Pandemie ist eine extrem fordernde Arbeit, die sowohl physische Risiken als auch herausfordernde emotionale Auswirkungen mit sich bringt. Ganz gleich, ob es sich um die chronische Angst und überwältigende Arbeitslast der Journalistinnen und Journalisten vor Ort oder die Beeinträchtigung und Frustration der Personen, die Material und Fotos von zu Hause aus bearbeiten müssen, handelt – die Erhaltung der eigenen mentalen Gesundheit muss für alle einen hohen Stellenwert einnehmen.

Es ist schwer genug, bei kurzen Berichterstattungseinsätzen in einem Kriegsgebiet oder bei Naturkatastrophen die eigene Widerstandskraft aufrechtzuerhalten und mit dem Stress umzugehen. Die Berichterstattung bezüglich des Coronavirus kann unter Umständen ähnlich intensiv verlaufen und wird erwartungsgemäß ein mehrmonatiger Marathon werden.

Die große Mehrheit der Journalistinnen und Journalisten, die sich mit dieser Pandemie befassen, werden noch nie über eine Geschichte berichtet haben, die derart verheerende Auswirkungen auf ihre eigene Familie und Umgebung hat.

Selbst diejenigen, die mit Konfliktberichterstattung und feindlichen Umgebungen vertraut sind, werden vor der Herausforderung stehen, über Krankheit, Tod und Leid in ihrem eigenen Heimatland zu berichten.

Sicherheitsteams und Vorgesetzte müssen regelmäßig die physische und mentale Gesundheit ihrer Teams überprüfen und sollten ebenfalls informell und formlos telefonischen Kontakt suchen, um sich ein Bild davon zu machen, ob Personen zu sehr unter der psychischen Belastung leiden.

Gehen Sie nicht davon aus, dass Teammitglieder zu Hause ausreichend Unterstützung erfahren.

Tiefe Angst, Stress durch Überlastung, der Schmerz der Isolation, Ausnutzung und Burnout sind Herausforderungen, die viele bereits betreffen.

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