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17. April 2015
Überwachung

Ein Gespräch mit dem Robocop von Heiko Maas

Unser Stammautor Alexander A. Blog berichtet über eine unheimliche Begegnung am helllichten Vormittag in Berlin

Kürzlich saß ich am frühen Vormittag im Schwarzen Café an der Kantstraße, so wie ich das öfters pflege, denn so nach dem dritten Hefeweizen kommen die publizistischen Ideen etwas einfacher und die Welt lässt sich so auch pointierter durchdenken. Gerade für einen Autoren für mich, der über Kultur in Russland zu schreiben pflegt und deswegen heutzutage besondere Tiefenerlebnisse verarbeiten muss.

Da setzte sich einfach, ohne auch nur zu fragen, ein Herr an meinen Tisch, nickte mir freundlich zu und begann mich nunmehr geradezu anzustarren.

Ich versuchte ihn zunächst zu ignorieren und weiter in meinem Snob-Magazin* zu studieren, doch bald empfand ich das als reichlich schwierig, denn irgendwie ist es doch recht irritierend, wenn man den Blick eines anderen ständig auf sich spürt. Ich fragte mich ohnehin, warum diese Person sich ausgerechnet zu mir setzen musste, wo doch zahlreiche andere Tische komplett frei waren.

Ich sah mir den Herrn aus den Augenwinkeln etwas genauer an. Ich traute meinen Augen kaum: Der Mann sah genauso aus wie unser Justizminister. Sie wissen schon, diesen etwas schmächtig und berufsjugendlich wirkenden Herrn, der immer so nett rüberkommt. Ich wandte mich ihm nunmehr direkt zu und sprach ihn an: „Sagen Sie, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

Der Mann zeigte ein feines Lächeln und winkte ab. „Nein, ich sitze hier gut, weil ich Sie gut im Blick habe!“

„Mich? Im Blick? Was ist denn das für eine Geschichte?“ Ich beugte mich vor und flüsterte: „Und kenne ich Sie nicht irgendwoher? Sie sehen genauso aus wie der Justizminister Heiko Maas!“

Der Mann lächelte erneut und schüttelte den Kopf. „Nein, der bin ich nicht! Gut, ich sehe so aus, aber das ist unsere Transparenz-Offensive. Ich bin ein ganz normaler Roboter!“ Er öffnete, als sei es die normalste Angelegenheit der Welt, einen Deckel an seinem Bauch und zeigte auf sein Inneres, das von Platinen und Kabel gefüllt war.

„Ein Roboter, der aussieht wie unserer Justizminister?“ Ich verstand die Welt nicht mehr.

„Keine Angst. Ich tue Ihnen nichts. Ich zeichne nur auf, was Sie so machen.“

„Sie zeichnen auf, was ich mache? Das ist ja Überwachung!“ Ich konnte es nicht fassen.

„Seien Sie vollkommen unbesorgt. Die Aufzeichnung erfolgt nur als Vorrat, und in zehn Wochen ist alles gelöscht!“ Der Mann beziehungsweise Roboter machte eine beschwichtigende Geste.

„Sie zeichnen alles auf, was ich mache? So ein Wahnsinn!“ Ich sprang auf und hastete zur Kasse. Schnell gezahlt und raus auf die Straße, in Richtung Lietzenburger. Das ist bekanntlich eine Gegend, wo man keine Gefahr läuft, durchgeknallten Hipstern zu begegnen, wie sie zur Zeit in der Stadt an jeder Ecke auftauchen!

Ich setzte mich in ein Café mit einer Reihe von kräftigen vaterländischen Bekannten, doch kaum saß ich, tauchte der Roboter schon wieder auf und setzte sich zu mir, als wäre nichts geschehen.

„Sie verfolgen mich!“ Ich war ehrlich empört.

„Klar. Aber es hat seine Notwendigkeit. Wir müssen die Daten unserer Bürger erfassen, damit die Sicherheit gewährleistet wird!“

„Sicherheit, durch Überwachung meiner Person? Betrachten Sie mich als Verbrecher?“

„Nein, wir zeichnen ja auch rein präventiv auf. Wenn Sie keine schweren Verbrechen planen oder begehen, dann darf niemand an Ihre Daten und alles wird nach zehn Wochen gelöscht!“

„Also für mich ist das Überwachung! Sie folgen mir überall hin, zeichnen alles auf, das ist doch skandalös!“

„Aber warum? Erstens zeichne ich nicht alles auf. Ich erfasse nur Ihre Standortdaten, diese übrigens nur vier Wochen lang, und mit wem Sie so Kontakt aufnehmen. Was Sie so erzählen oder denken, das wird von mir nicht gespeichert. Seien Sie froh, dass Sie die SPD mit an der Regierung haben. Die CDU würde sicherlich gerne auch die Gespräche selbst speichern!“

„Das ist mir herzlich egal, welche Partei dahinter steckt! Fakt ist, dass ich mich nicht mehr unbefangen bewegen kann, wenn ständig jemand hinter mir her marschiert und alles speichert!“

„Immerhin machen wir es doch sehr transparent! Sehen Sie, ich habe extra das Erscheinungsbild des Justizministers, damit jeder weiß, dass er aufgezeichnet wird, und wer dahinter steckt. Es gibt doch viele andere Dienste, die da viel zweifelhafter arbeiten. Etwa der Verfassungsschutz, der Bundesnachrichtendienst, ausländische Geheimdienste, Firmenspione – die folgen Ihnen vielleicht auch, zeichnen auch alles auf, aber Sie bekommen davon gar nichts mit! Unsere Methode, die direkte und offen gezeigte Aufzeichnung, die ist doch viel ehrlicher!“

„Also bekommt jetzt jeder Bürger seinen Aufzeichnungsroboter Marke Maas?“

„Klasse, nicht? Besser doch als ein Roboter der Marke de Maizière, so ein richtiges Schnüffelmonster!“ Er meinte unseren Innenminister, der zur CDU gehörte.

„Also ich finde das nicht richtig! Wenn Sie so ständig hinter mir her sind, fühle ich mich unwohl!"

„Ach was, daran gewöhnen Sie sich schnell. Abgesehen davon, ich frage mich ja, was Ihr Problem ist. Der Zugriff auf Ihre Daten ist nur möglich, wenn es um schwerste Verbrechen geht. Also beispielsweise Mord, Totschlag oder Landesverrat. Haben Sie vielleicht die Absicht, Landesverrat zu begehen? Halten Sie etwa Kontakte zu ausländischen Diensten, vielleicht gar nach Russland?!“ Er blickte mich äußerst kritisch an und begann schon an seinem Bauchdeckel zu hantieren.

„Nein, keinesfalls“, antwortete ich hastig. „Also als Kulturjournalist habe ich nur gelegentlich Kontakte zu Russland und bin ganz selten auf einem kulturpolitischen Empfang der Russischen Botschaft…“

„Russische Botschaft…!“ Mein Gegenüber keuchte und hantierte noch hektischer in seinem Bauchdeckel herum.

„Also verstehen Sie mich nicht falsch“ rief ich panisch, „das geschieht natürlich nicht aus Überzeugung, sondern wegen journalistischer Recherche!“

„Ach so, Sie sind Journalist?“ Jetzt wirkte mein Gegenüber geradezu enttäuscht.

„Ändert das was?“

„Bei Journalisten dürfen wir die Daten gar nicht herausgeben!“

„Aber warum erfassen Sie diese dann?“

„Tja – man weiß ja nie. Gibt ja auch Leute, die sind heute mal Journalist und morgen arbeiten sie als Taxifahrer oder für den Geheimdienst. Also muss erst mal alles aufgezeichnet werden, und erst wenn ein Ermittler die Daten will, wird halt geguckt, ist der Mensch im Datensatz ein Journalist. Und wer weiß, Sie schreiben vielleicht tatsächlich über Russland, aber das ganze Thema ist dann gar nicht Journalismus. Wer über Russland schreibt, macht letztlich doch eher PR für Putin, hat also keinen Schutz als Journalist verdient!“ Er wirkte wieder ganz aufgeregt.

„Ich garantiere Ihnen, ich bin ein unerschrockener Journalist und kritisiere die Mächtigen bei jeder Gelegenheit!“ rief ich aus, so laut, dass mich die Burschen an den anderen Tischen schon reichlich irritiert ansahen. „Meine Daten stehen unter dem Schutz des Gesetzes!“

"Wer sich benimmt, ist immer geschützt", nickte Robocop ernsthaft.

Ich blickte ihn scharf an: „Besteht nicht das Risiko, dass meine Daten nicht trotzdem von irgendeinem benutzt werden können? Ich meine so Geheimdienste, oder Wikileaks-Leute – oder sogar irgendwelche Boulevard-Reporter ohne jedes Gewissen!“

„Meine Daten sind alle verschlüsselt, da kommt niemand dran“, beruhigte mich der Robocop und klopfte zur Bestätigung auf seinen Bauch. Es klang allerdings ziemlich blechern und damit wenig überzeugend.

Ich klopfte auf seinen Bauchdeckel: „Aber wer überwacht Sie denn, ich meine, wenn jemand Sie und Ihre Daten entführt, das muss doch auch verhindert werden!“

Jetzt wirkte Robocop aber ungehalten: „Absolute Sicherheit gibt es nicht! Alles kann man nicht überwachen. Sie sind ja ein richtiger Sicherheitsfanatiker! Sie wollen uns Roboter überwachen, ein Unding! Sie haben wohl eine Paranoia, Sie sehen überall nur Kriminelle und Verbrecher!“ Er sprang auf, drehte einen Kreis um meinen Tisch und rief: „So einen Wahnsinn kann ich mir nicht länger anhören, Sie sind ja von Sicherheitsbedenken zerfressen!“ Er lief schnurstracks davon, drehte sich nur noch einmal um und rief mit schriller Stimme: „Wir werden Sie im Auge behalten, machen Sie sich keine Illusionen!“

Meine Tischnachbarn klatschten mir zu, als Robocop verschwunden war. Ziemlich begeistert, und ich fragte mich gleich, wo eigentlich ihre eigenen Robocops geblieben waren. Ich blickte umher und fand die Antwort: Unter ihren Tischen lagen jede Menge kaputter Platinen und herausgerissener Kabel.

Da wurde mir klar: Ich befand mich längst - in einem Abgrund von Landesverrat!



Alexander Alexandrowitsch Blog


*Snob - was sonst.






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