Deutscher Journalisten-Verband Gewerkschaft der Journalistinnen und Journalisten

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Pro und Contra Boulevard

Immer voll auf die zwölf

03.07.2020

Was darf Boulevardjournalismus? Brauchen wir ihn überhaupt? Diese Diskussion zieht sich seit Langem durch Journalismus und Medien. Einen vorläufigen Höhepunkt bekam sie im Zusammenhang mit dem Virologen Christian Drosten und der Bild-Zeitung. An dieser Stelle wollen wir die Diskussion fortführen: mit einem Pro & Contra Boulevard. Heute meldet sich Medienjournalist Steffen Grimberg zu Wort. Hier sein Debattenbeitrag contra Boulevard:

Steffen Grimberg. Foto: MDR Medien360G

Willkommen auf dem Boulevard, hereinspaziert, hereinspaziert! Sehen Sie sich um - hier ist mächtig was los. Prominente aller Kategorien von A bis "nie gehört". Verbrechen, Gewalt, spektakuläre Szenen. Politik, mal von innen, mal von ganz oben. Sex. Und nicht zu vergessen: Sport. Keine Frage, Boulevard hat was, auch und gerade im Journalismus. Doch kein Licht ohne Schatten, schon gar nicht, wenn es so grell daherkommt wie hier.

Dass vor allem der politische Boulevardjournalismus ein so gnadenloser wie begnadeter Vereinfacher ist - geschenkt. Karrieren können hier enormen Schub erfahren, aber auch ganz schnell wieder zu Ende sein. Das schöne Bild von Springer-Chef Mathias Döpfner, nachdem das gleichnamige Blatt ein Paternoster ist, mit dem man sowohl hinauf in den Himmel wie wieder hinab zur Hölle fährt, hat immer noch Gültigkeit.

Das Geheimnis des Boulevard heißt Emotion, selten subtil, viel lieber immer voll auf die zwölf. Wer hier arbeitet, versteht sein Handwerk. Leider auch, um die eigentlich geltenden Spielregeln gern mal zum eigenen Nutzen und wenig Frommen auszulegen. Das klassische "Witwenschütteln" hat dabei fast ausgedient, Persönlichkeitsrechte werden aber immer noch zu häufig mit Reporterfüßen getreten: Bilder von Unfallopfern, schwerer Gewalt - und immer wieder die Generalentschuldigung, die Leser*innen hätten einen Anspruch drauf und wollten das so.

Der eigenen Kampagnenfähigkeit traut man heute anscheinend nicht mehr so ganz. Versucht es aber trotzdem. Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist der Umgang mit der Studie des Virologen Christian Drosten zu Kindern und Corona. Studien, zumal wissenschaftliche, sind schwere Kost und nur bedingt boulevardtauglich. Also muss ein Aufreger her. Die Bild-Zeitung klaubte also ein paar Aussagen anderer Wissenschaftler*innen zusammen, die den Ergebnissen der Studie tatsächlich oder vermeintlich widersprechen. Allerdings nicht zum medizinischen Inhalt. Sondern zu Spitzfindigkeiten in der statistischen Methode. Wer hier die Goldwaage fein genug einstellt, findet immer ein Haar in der Suppe. Dass man dabei Äpfel mit Birnen vergleicht, wird ganz hinten im Kleingedruckten für kundige Leser*innen meist sogar zugegeben. Doch wer liest schon so weit? Dass die zitierten Experten sich von ihren oft verkürzten Zitaten und erst recht ihrer Instrumentalisierung durch das Blatt empört distanzierten, lässt man zur Sicherheit ganz weg bzw. reicht es später nach, damit die inszenierte Aufregung erstmal funktioniert.

Für jemanden wie Drosten ist das ärgerlich und nervig. Wirklich an seiner Reputation kratzen kann es aber nicht. Viel schlimmer sieht es dagegen aus, wenn "normale" Menschen in die Fänge des Boulevards geraten und abgestempelt werden - als Sozialschmarotzer, dümmster Lehrer der ganzen Stadt, dämonischer Kinderschänder. Und dann nichts oder wenig dran ist. Die Betroffenen können sich selten wehren. Und selbst wenn: Der vom Boulevard verhängte Makel bleibt. Da hilft auch kein gewonnener Prozess oder die Rüge vom Presserat.

 

Ein Kommentar von Steffen Grimberg


Lesen Sie auch den Debattenbeitrag pro Boulevard von Damian Imöhl.

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