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07. März 2014
Tendenzfreiheit

Moderatoren kündigen ihren Sendern - ein neuer Trend?

Moderatoren, die vor laufender Kamera kündigen oder zum Abspann einer Sendung einmal ihre ganz eigene Meinung sagen, gibt es wohl nur in russischen Sendern?
Moderator im Fernsehen sagt: Eine persönliche Bemerkung - Fernsehen macht blöd!

Es war einmal ein Sender in den USA, der mit kritischen Reportagen, ungewöhnlichen Themen und Perspektiven ziemlich nach Anti-Establishment aussah, zudem mit viel Geld ausgestattet und vor allem über das wichtige Kabelfernsehen zu empfangen war.

Kein Wunder, dass eine ganze Reihe gut und "sozial" vernetzter und engagierter Medienleute hier eine Heimat fanden. Was konnte denn groß im stromlinienförmigen CNN noch bewegt werden, und wer außer Teaparty-Anhängern und "Bushisten" würde für einen Hetzsender wie Fox News arbeiten wollen, ja können?

So suchten sich einige engagierte Journalisten den neuen Sender als Arbeit-/Auftraggeber. Die Rede ist nicht von Al-Jazeera, sondern von RT.com, dem Auslandssender der Russischen Föderation (RF), vulgo "Russland". Über den Umstand, dass der Sender vor allem dazu gedacht ist, die Perspektive der Regierung der RF zu verkaufen, schienen sich die Beschäftigten keine größeren Gedanken zu machen. Denn um in den Kabelkanälen unterzukommen und beim US-Publikum zu reüssieren, erschien eine relative Autonomie des Senders als heimliche Garantie.

Doch bei ihren Medienkanälen hat die russische Staatsführung in den letzten Monaten durch Umbesetzung in Führungspositionen deutlich die Zügel angezogen. Freilich bezog RT.com auch schon vorher stets klar Position pro "Russland", etwa im Georgien-Krieg, wo es ganz andere Bilder zeigte, etwa die von niedergebrannten Synagogen, Bilder, die praktisch nicht im regulären westlichen Abendprogramm zu sehen waren.

In der aktuellen Auseinandersetzung über den Umsturz (oder je nach Lesart auch "Putsch") in der Ukraine konnten einige US-Moderatoren offenbar nicht mehr mit dem Widerspruch zwischen den Bildern und Worten ihres Senders und denen der Medien ihres Heimatlandes auskommen. Zuletzt kündigte die Moderator Liz Wahl live während der Sendung, während die Moderatorin Abby Martin am Ende einer Sendung ein persönliches Bekenntnis gegen den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine abgab.

Der Zuschauer würde sich wohl mehr solcher Moderatoren wünschen, die von der offiziellen Linie abweichen. Allerdings nicht nur bei RT.com, sondern generell in den Medien. Statt weichgespülten und regierungsfreundlichen Moderationsstandpunkten einfach einmal eine komplette Gegenposition, und sei es nur als "advocatus diaboli".

Wie wäre es denn, wenn ein deutscher Moderator etwa die "Tagesthemen" plötzlich einmal unterbrechen würde: "Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, gestatten Sie mir ein persönliches Wort. Meiner Meinung nach haben gerade wir Deutschen besondere historische Verantwortung. Nazis und Rechtsradikale an der Macht, wie in Kiew, da müssen wir Stopp sagen. Die dilettantische Diplomatie des Bundesaußenministers und der USA haben die Welt an den Rand des Dritten Weltkriegs geführt. Was die Russen für ihre Landsleute in der Ukraine tun, ist nur zu verständlich. Niemand möchte unter der Herrschaft von Rechtsradikalen leben!"

Was würde geschehen? Der Moderator würde vermutlich fristlos gefeuert, und die Arbeitsgerichte würden dem Sender wohl auch noch Recht geben. Denn das deutsche Arbeitsrecht kennt bei Journalisten den "Tendenzschutz" des Arbeitgebers. Mitarbeiter, die gegen die politische Tendenz des "Hauses" verstoßen, können bei Verstößen gegen die Hauspolitik entlassen werden. Ein eigenständiger Kündigungsgrund. Der DJV fordert die Abschaffung des Tendenzschutzes übrigens seit Jahrzehnten, vergeblich.

Bei freien Moderatoren wäre die Sanktion sogar noch leichter: Weil für diese das Kündigungsschutzgesetz gar nicht gilt, wäre die Absage weiterer Arbeitseinsätze sogar ohne jeden Grund - und fristlos - möglich.

Abgesehen davon würde vermutlich auch ein großer Teil der "Medienkollegen" ebenfalls gegen den unbotmäßigen Moderator politisieren, ganz nach dem Muster der medialen Hetzjagd auf den Ex-Bundespräsidenten Wulff. Ist der Stein erst mal am Rollen, rollen viele gerne mit.

Die traurige Wahrheit  lautet: Ein Großteil der Medienkollegen äußert Bewunderung für die RT.com-Moderatoren derzeit wohl eher deswegen, weil der Sender als "Feindprogramm" angesehen wird. Würde es sich dagegen um jemanden handeln, der aus den eigenen Reihen ausschert, würde im besten Fall betretenes Schweigen herrschen.

Übrigens wurde der Sender Al-Jazeera nach jahrelanger Verzögerungstaktik der Aufsichtsbehörden in diesen Tagen in den Kabelkanälen in den USA zugelassen. Ein Sender, der wie RT.com versucht, mit alternativen Reportagen auf sich aufmerksam zu machen und zugleich "unauffällig" Weltpolitik im Sinne eines kleinen, aber reichen Ölscheichtums zu betreiben. Mit dem Unterschied allerdings, dass  er anders als RT.com im Zweifelsfall voll auf der Linie der US-Regierung liegt.

Auch Al-Jazeera zahlt gut, so dass seine Ankunft einigen RT.com-Moderatoren ihren Ausstieg vielleicht sogar noch schmackhafter machen dürfte. Allerdings gilt auch für Al-Jazeera, dass dort die Politik die Musik macht, was schon zahlreiche (freie und feste) Medienmacher leidvoll erfahren durften. Für freimütige Bekenntnisse zur Demokratie in Katar (und bei Freunden Katars) wäre der Sender daher sicherlich auch der falsche Ort.


Michael Hirschler, hirspamfilter@djvspamfilter.de


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